Das Kriegsgefangenenlager beim Armenhaus oder wenn aus einem Namen eine Erinnerung wird

Den Anfang macht ein kleines schwarz-weiß Foto. Es zeigt eine kleine Menschengruppe vor einem Haus in Böblingen, ein Familienfoto könnte man meinen. Hans Maurer, ein ehemaliger Böblinger Unternehmer, bringt es im Dezember 2025 mit zu einer Gesprächsrunde des Stadtarchivs zu Zwangsarbeit in Böblingen.

Ein Erinnerungsstück aus der Familie Maurer (Quelle: Stadtarchiv Böblingen E 2/34 Nr. 1)

Mit dem Bild überliefert Hans Maurer seine Erinnerung an damals: rechts seine große Schwester Berta (*1926), daneben der große Bruder Richard (*1930), dahinter der Vater, Richard senior (*1903). Der kleine Bub im Vordergrund ist er selbst. Und rechts, hinter ihm, im Rollkragenpullover und freundlich in die Kamera lächelnd, Lucien. Ein Franzose - ein französischer Zwangsarbeiter.

Aufgenommen ist das Foto und ein weiteres, so berichtet Hans Maurer, vor dem Haus der Familie Kienle in der Herrschaftsgartenstraße, am damaligen Durchgang in Richtung Höfle.
 
Auch auf einem zweiten Foto, das zeitgleich entstand, sehen wir den kleinen Hans Maurer im Alter von etwa drei Jahren. Aufgenommen sind beide Fotos damit ungefähr um das Jahr 1940.

Ein Erinnerungsstück aus der Familie Maurer (Quelle: Stadtarchiv Böblingen E 2/34 Nr. 2)

An Lucien kann sich Hans Maurer noch erinnern, in der Familie galt er als „Galotte“. 
Was ist darunter zu verstehen? Einschlägige schwäbische Wörterbücher bringen keine hilfreichen Ergebnisse zu diesem mundartlichen Wort. Am plausibelsten scheint noch eine Verballhornung eines bretonischen Buchweizenpfannkuchens, Galette, zur Beschreibung für den französischen Mann in der deutschen Familie – doch das ist bislang eine bloße Vermutung. (Hinweise gerne an stadtarchiv@boeblingen.de).

Jenseits eines Untertons wurde mit dem schwäbischen Begriff, so blieb es in der Erinnerung von Hans Mauer, jemand beschrieben, „der sich kümmert“. Er hat ihn sehr wohlwollend in Erinnerung. Doch, bevor es um Luciens Tätigkeit geht, darum, worum er sich kümmerte, nehmen wir den weiteren Erwachsenen auf dem Foto in den Blick. Neben Lucien, hier auf dem Foto links, steht rechts ein weiterer Mann aus Frankreich. Sein Name verschwimmt in den Erinnerungen von Hans Maurer, mehr als verständlich, es sind seither gut 85 Jahre vergangen. Geblieben ist, dass der Mann ein „französischer Gefangener“ war, der bei den Nachbarn, den Waldbauers, arbeitete. Sichtbar wird hier im Kleinen und im schwarz-weiß Bild, was in ganz Böblingen und über Böblingen hinaus während des Dritten Reichs gang und gäbe war: Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter prägten als wichtige Arbeitskräfte das Geschehen vor Ort in einer Vielzahl an Familien und Betrieben, sie waren sichtbar in der Bevölkerung.
 
In der Erinnerung von Hans Maurer konnte Lucien "recht gut deutsch", die beiden Franzosen, so blickt er auf die Zeit damals zurück, mussten um 8 Uhr vom Vater, dem großen Bruder oder der großen Schwester „beim Lager“ abgeholt werden und abends ab 18 Uhr nach dem Ende des Tagewerks zurückbegleitet werden. Das Lager war eine Baracke aus Holz, es befand sich „im Kalkofen neben dem Armenhaus“, darin, so weiß er zu berichten, befand sich damals ein Kriegsgefangenenlager aus Frankreich, der Name des Lagerführers, Fauser, blieb ebenfalls im Gedächtnis. Ein weiteres Lager habe sich neben der Ziegelei befunden.
 
Erinnerungen verblassen, Erinnerungen können trügen, Erinnerungen verändern sich auch durch das Erzählen – wie wertvoll eine solche Erinnerung dennoch sein kann, zeigt sich, indem wir sie mit weiteren Quellen kritisch kontrastieren.

Oral History

Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, die mit persönlichen Erinnerungen von Personen arbeitet, welche anhand von Interviews aufgezeichnet, gesichert und ausgewertet werden. Anders als schriftlich verfasste Lebenserinnerungen, Memoiren oder andere Selbstzeugnisse entstehen Oral-History-Quellen in einer konkreten Gesprächssituation zwischen erzählender und befragender Person. Auf diese Weise lassen sich Erfahrungen und Wahrnehmungen erfassen, die in schriftlichen Quellen häufig kaum sichtbar werden. Besonders wichtig sind Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen daher für Alltagsgeschichte, Erfahrungsberichte und für die Frage, wie Menschen historische Ereignisse erlebt und später erinnert haben.
 
Diese Gespräche sind nicht als unmittelbare Abbildung der Vergangenheit zu verstehen. Aufgrund neuronaler Vorgänge sind Erinnerungen immer selektiv, weil das Gehirn Vergangenes nicht vollständig speichert, sondern Informationen bereits bei der Aufnahme filtert. Beim späteren Abruf werden Erinnerungen immer wieder neu zusammengesetzt, mit nachträglichem Wissen vermischt und durch persönliche Erfahrungen sowie gesellschaftliche Erinnerungskulturen geprägt. Auch häufiges und wiederholtes Erzählen kann ursprüngliche Erlebnisse verändern.
 
Solche Gespräche müssen deshalb quellenkritisch behandelt werden. Das bedeutet: Sie erfordern eine gute Vorbereitung, offene und möglichst nicht lenkende Fragen, eine sorgfältige Dokumentation sowie eine Einordnung in den historischen Kontext. Aussagen aus Interviews sollten nicht isoliert verwendet, sondern mit anderen Quellen verglichen werden. Ebenso wichtig sind Transparenz, Einverständnis und ein sensibler Umgang mit belastenden Themen.
 
Der besondere Wert der Oral History liegt daher gerade in der reflektierten Auswertung der Perspektivität von erinnernden Erzählungen. Für die Aufarbeitung von Biografien der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und insbesondere für ihre Nachgeschichte, sind Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wichtig. Interviews mit in die Heimat zurückgekehrten ehemaligen Zwangsarbeitenden oder deren recherchierenden Nachfahren überliefern individuelle Sichtweisen und machen diese Erfahrungen aus der Sicht der Betroffenen zugänglich – insofern sie aufgefunden werden können. Gespräche mit den Nachfahrern derer, die Zwangsarbeitende vor Ort beschäftigten, sei es im lokalen Betrieb oder der heimischen Landwirtschaft, bringen im Unterschied zu den Opfern von Zwangsarbeit weitere Erinnerungen hervor, aus Perspektive derer, die nicht unter Verfolgung und Verunglimpfung der Nationalsozialisten litten und die die NS-Weltanschauung unterschiedlich stark verinnerlicht hatten und vertraten. Verblassende Erinnerungen an das Handeln der eigenen Vorfahren können sich daher in unterschiedlicher Gestalt und Intensität verbinden mit nachträglichen Rechtfertigungen als auch Scham und dem Wunsch nach Aufarbeitung für vergangenes Handeln.
Das Konzept der Zweitzeuginnen und Zweitzeugen knüpft daran an, gehört aber nicht zur Oral History im engeren Sinn. Sie bringen keine eigenen Erstzeugnisse hervor, sondern hören die Berichte von Überlebenden und Nachfahren von Zwangsarbeitenden und derjenigen, die Zwangsarbeitende beschäftigten, setzen sich mit ihnen auseinander und tragen sie weiter. Dass es Zweitzeuginnen und Zweitzeugen braucht, hängt vor allem damit zusammen, dass immer weniger Überlebende selbst öffentlich sprechen können, ihre Perspektiven für historische Bildung und Erinnerungskultur aber unverzichtbar bleiben.

Die Böblinger Kalkofenstraße führt noch heute ausgehend von der Spielbergstraße zum Alten Friedhof und mündet dort in den Herdweg. Genau dort, am Herdweg 23, befand sich mindestens seit 1940 und mutmaßlich auch über die folgenden Kriegsjahre, ein von der Stadtverwaltung Böblingen betriebenes Kriegsgefangenenlager im ehemaligen Obdachlosenheim bzw. Armenhaus. Der Historiker Michael Walther arbeitete anhand der historischen Gemeinderatsbeschlüsse heraus, dass es eines der ersten von der Kommune betriebenen Lager gewesen sein dürfte. Die Stadt widmete hierbei das städtische Bestandsgebäude um und richtete in den Räumlichkeiten Bedarfsunterkünfte für zwangsweise beschäftigte Menschen ein.
 
An dieser Stelle zeigt sich nun, wie sich die Erinnerung Maurers mit den aufgearbeiteten Schriftquellen zu einem klareren Bild verdichten, wie sich beides ergänzt und sich wechselseitige Lücken weiter füllen – und uns weitere Fragen aufwerfen: Lucien und der weitere französische Zwangsarbeiter scheinen zu jenen 46 Kriegsgefangenen im Lager im Herdweg gehört zu haben, deren Nationalität bisher unbekannt war.
Wir wissen, dass Bürgermeister Friedrich Nissler am 30. Dezember 1940 die Einrichtung eines weiteren Lagers zusätzlich zu dem im Obdachlosenheim für das Kriegsgefangenen-Arbeitskommando bestimmte. Er begründete dies vor dem Gemeinderat wie folgt:

Der Stadt Böblingen werden in nächster Zeit weitere 10 Kriegsgefangene zugewiesen. Das im früheren Obdachlosenheim untergebrachte Lager ist sodann (mit 46 Kriegesgefangenen) so dicht belegt, dass weitere Kriegsgefangene hier nicht mehr untergebracht werden können. Für land- und forstwirtschaftliche Arbeiten und bei einer Anzahl von Gewerbebetrieben besteht jedoch noch ein weiterer Bedarf an Kriegsgefangenen.

Der Ausbau des kleinen Saals der Turnhalle zwischen Oberem und Unterem See wurde vom Gemeinderat zwar als geeignet für ein weiteres Kriegsgefangenenlager befunden, indem der Saal durch Trennwände geteilt und Aborte im Untergeschoss eingebaut werden sollten. Diese Arbeiten gingen jedoch wohl nicht schnell genug voran, denn im Frühjahr 1941 blickte der Rat der Stadt darauf zurück, dass für das Kriegsgefangenen-Arbeitskommando im Obdachlosenheim ein Lager mit einem Auslauf – wohl einer Außenfläche – eingerichtet worden sei.

Blick auf das Areal beim Oberen und Unteren See. Im Vordergrund die Dampfziegelei Köpff, mittig die Turnhalle (Quelle: Stadtarchiv E 2/6 Nr. 2635)

Bauakten sind nicht mehr überliefert. In der Nachkriegszeit gehörte der Gebäudekomplex um das ehemalige Armenhaus jedoch zu den Unterbringungen, der Teil einer Besichtigung der Baracken für den dringend benötigten Wohnraum war. Es ist wahrscheinlich, dass das Kriegsgefangenenlager zusätzlich zum Untergeschoss des zweistöckigen Hauptgebäudes des vormaligen Obdachlosenheims barackenartige (An-)Bauten aus Holz umfasste – oben im ersten Stock wohnte der Friedhofswärter, auf den wir noch zu sprechen kommen.
 
1941 setzte die Stadtverwaltung dann als Entschädigung für die Unterbringung der Kriegsgefangenen zwischen 0,50 und 0,70 Reichsmark pro Mann und Tag fest, die vom Arbeitgeber, etwa dem Landwirt Richard Maurer Senior, welcher Lucien als Arbeitskraft angefordert hatte, an die Stadt zu bezahlen waren. Darüber, was Lucien für sein tägliches Schaffen erhielt, wissen wir hingegen nichts.
 
Wie die Arbeit von Zwangsarbeitenden in Böblinger Landwirtschaftsbetrieben aussah, illustriert uns wiederum ein drittes Foto aus der privaten Sammlung von Hans Maurer:

Ein Erinnerungsstück aus der Familie Maurer (Quelle: Stadtarchiv Böblingen E 2/34 Nr. 3)

Das Bild zeigt eine typische Situation bei der Kartoffelernte auf dem Acker am Heusteig, auf den Flurstücken jenseits des Murkenbachs und der Schönaicher Straße. Auf dem Traktor fährt Landwirt Richard Maurer, am Pflug ist der französische Zwangsarbeiter Lucien als Gehilfe.
 
Wie sich der weitere Lebensweg von Lucien in der Nachkriegszeit gestaltete, ist bislang nicht bekannt – entscheidend für weitere Recherchen wird sein, ob sich sein Nachname in den schriftlichen Quellen oder der tradierten Erinnerung in Zukunft auftut. Gewiss ist jedoch, dass sein Schicksal in den frühen 1940er Jahren eng mit dem Landwirtschaftsbetrieb der Familie Maurer und dem Kriegsgefangenenlager im Herdweg, in das er wohl im ersten Kriegsjahr gelangte, verbunden war.
 
An dieser Stelle soll einem weiteren Gedanken nachgegangen werden, der sich aus Hans Maurers Erinnerung speist. 1955 wohnt im städt. Wohngebäude Herdweg 23 im ersten Stock der Friedhofsaufseher Fauss. Hans Maurer erinnert sich an einen Lagerführer im Kriegsgefangenenlager im Herdweg 23 mit Namen Fauser – eine zufällige Ähnlichkeit? Die Böblinger Adressbüchern von 1937 und 1948 belegen, dass Jakob Fauß als Baumwärter bzw. Friedhofswärter für die haus- und hofmeisterliche Pflege des städtischen Grünareals am Alten Friedhof verantwortlich war. Die Vermutung liegt nahe, dass er während des Zweiten Weltkriegs zusätzlich auch eine hausmeisterliche Zuständigkeit oder gar eine darüber hinausreichende Aufsicht über das Kriegsgefangenenlager ausübte.