Das Einsatzlager Böblingen – eine Spurensuche
Irgendwo in Böblingen – bisher gibt es noch keinerlei Hinweise auf eine Verortung – befand sich ein sogenanntes Einsatzlager Böblingen. Mindestens 61 Ostarbeiterinnen, also Zwangsarbeiterinnen aus dem damaligen besetzen sowjetrussischen Raum, waren hier zeitweilig untergebracht.
Entsandt waren die Arbeiterinnen, so fand Michael Walther in Quellen aus dem Kreisarchiv Böblingen heraus, von einer Stelle, die als Bauhof Württemberg/Hohenzollern angegeben ist. Dieser Bauhof befand sich in der Sankt-Pöltener-Straße 70 in Stuttgart-Feuerbach. Michael Walthers Vermutung, wonach die Frauen Ende 1943 zwecks Trümmerbeseitigung nach dem heftigen Bombeneinschlag in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober nach Böblingen geschickt wurden, soll hier weiter nachgespürt werden.
Der Bauhof Württemberg/Hohenzollern gehörte zur sogenannten Bauhilfe der Deutschen Arbeitsfront (DAF) für den sozialen Wohnungsbau.
Die DAF war, so beschreibt es der Historiker Rüdiger Hachtmann, „neben der SS die wichtigste und mit schließlich 25 Millionen Mitgliedern die mit Abstand größte Vorfeldorganisation der NSDAP“ und ersetzte die Arbeitnehmerverbände, allerdings ohne eine gewerkschaftliche Funktion wahrzunehmen. Ziel der DAF war es, die breiten Masse an Arbeitnehmenden zu einer regimetreuen nationalsozialistischen Volks- und Leistungsgemeinschaft umzuerziehen. Sie setzte sich aus verschiedenen Einrichtungen zusammen.
So wurden unter anderem die vormals mit freien Gewerkschaften verbundenen Bau- und Wohnungsgenossenschaften, die während der Weimarer Republik zu den wichtigsten Bauträgern gehörten, ab Mai 1933 Teil der DAF. Diese Wohnungsbaugenossenschaften hatten bis zur Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre verschiedene, oftmals städteplanerisch und architektonisch avantgardistische Siedlungen hervorgebracht, deren Mieter wiederum nach sozialen wie politischen Kriterien ausgewählt wurden. Die DAF wandelte diese genossenschaftlichen Baubetriebe in kapitalistische Unternehmen um, ab 1939 bekannt als regionale Neue Heimat-Gesellschaften, die noch bis in den Anfangsjahren des Zweiten Weltkriegs für eine enorme Bautätigkeit sorgten – vergeben nun nach der rassistisch definierten Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Als weitere große Bauunternehmung der DAF entstand Ende Mai 1941 die Bauhilfe der Deutschen Arbeitsfront für den sozialen Wohnungsbau GmbH. Rüdiger Hachtmann beschreibt sie als „Dachorganisation, die in insgesamt 40 der über das ganze Reich verteilten ‚Bauhöfen‘ Fahrzeuge, Maschinen sowie Baumaterialien der DAF, aber auch privaten Bauunternehmen zur Verfügung stellte, damit diese den von der Arbeitsfront in gigantomanischen Dimensionen geplanten ‚sozialen Wohnungsbau‘ verwirklichen konnten.“ Der Bauhof Württemberg/Hohenzollern war einer dieser Bauhöfe der DAF.
Hausbau in sechs Wochen
Ein zeitgenössischer Zeitungsartikel in der Spätausgabe des Hamburger Fremdenblatts vom 7. April 1943 berichtet detailreich über die Arbeit eines solchen DAF-Bauhofs – und über den Einsatz von Zwangsarbeitenden für dessen Bautätigkeit:
Bei den britischen Terrorangriffen auf deutsche Städte werden oftmals Familien obdachlos, die schnell wieder untergebracht werden müssen. In Zukunft wird man u.a. Wohnungen anweisen können in neuen zweigeschossigen ‚Fertighäusern‘, von denen schon einige in Hamburg stehen. […] Eigens für die Errichtung dieser Fertighäuser sind in allen luftgefährdeten Gauen durch die Bauhilfe der DAF Bauhöfe einrichtet worden, die unter Leitung eines erfahrenen Architekten stehen, der Bauhof Hamburg wird durch den Architekten Dühren geleitet. Dieser hat sich seinen Mitarbeiterstab an deutschen Vorarbeitern selbst herangezogen und bildet die Ostarbeiter für Maurer-, Zimmerer- und Tischlerarbeiten aus, um sich möglichst unabhängig zu machen von den Anforderungen des anderweitigen Arbeitseinsatzes. […] So wird man manchem durch Bombenwurf obdachlos Gewordenem schneller wieder ein eigenes Heim geben können.
Hamburger Fremdenblatt vom 7. April 1943, digital verfügbar unter: https://pdf.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN1699277745_19430407SP.pdf, letzter Aufruf am 16.06.2026).
Die 61 Zwangsarbeiterinnen, die im Einsatzlager Böblingen tätig werden mussten, sind damit höchst wahrscheinlich zu eben solchen Baumaßnamen im Stadtgebiet Böblingens eingesetzt worden, die den – erneut – nach rassistischen Kriterien ausgewählten und von Kriegszerstörung betroffenen Böblinger Bürgerinnen und Bürgern zugutekam. Die von Michael Walther gemutmaßte Trümmerbeseitigung von zerstörten Wohnungen und Gebäuden gehörte sicherlich dazu.
Zusammenarbeit in der Aufarbeitung zwischen Böblingen und Stuttgart
Darüber, an welchen (Bau- bzw. Trümmer-)Stellen die Frauen in Böblingen im Böblinger Stadtgebiet beschäftigt waren, ist jedoch bisher nichts bekannt. Der vom Stadtarchiv Böblingen nach weiteren Informationen angefragte „Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart“ konnte allerdings wiederum anhand der Angabe zur Sankt-Pöltener-Straße 70 und einer historischen Planskizze des Reichsluftschutzbund, Ortsgruppe Stuttgart Nord, herausfinden, „dass es neben der Sankt-Pöltener-Straße 70 genug Platz gab für einen Bauhof, anders als der (auch vom Stadtarchiv Stuttgart online gestellte) amtliche Stadtplan von 1941 bzw. 1944 suggeriert“. Auch konnte der Arbeitskreis ergänzen, dass im Stuttgarter Westen in der Herderstraße im Lager Vogelsang „Zwangsarbeiter*innen unter anderem der Bauhilfe der DAF Feuerbach untergebracht waren.“ Es handelt sich dabei um das einzige dem Arbeitskreis bisher bekannte Lager mit Zwangsarbeitenden der Bauhilfe DAF Feuerbach. Es bleibt jedoch bislang offen, ob die 61 Ostarbeiterinnen, die nach Böblingen verlegt wurden, womöglich zuvor in diesem Lager Vogelsang untergebracht waren oder anderweitig in Stuttgart – hier wäre nicht zuletzt auch der Bauhof in der Sankt-Pöltener-Straße eine Möglichkeit.
Literatur:
Hachtmann, Rüdiger, Die Deutsche Arbeitsfront, ihr Wirtschaftsimperium und die Ambivalenz der Modernisierung, in: Interessen, Strukturen, Entscheidungsprozesse. Für eine politische Kontextualisierung des Nationalsozialismus, hg. von Manfred Grieger/ Christian Jansen/ Irmtrud Wojak, Essen 2010, S. 113–143.



