Jüdische Biografien in Böblingen (1880 – 1945)
Ein Dokumentationsprojekt des Stadtarchivs
Friedrich Römer
Der evangelische Jurist und die Logik der nationalsozialistischen Rassengesetze
Konrad W. Sprai
Wie ein Berliner Schüler in Böblingen Aufnahme fand: Konrad W. Sprai und ein Leben zwischen den Welten
Hermann Thalmessinger
Zwischen Brauerei, Familie und Wohnhaus: Hermann Thalmessinger in Böblingen
Otto Wilhelm Edelmann
Otto Wilhelm Edelmann und die Hochzeit, die nicht stattfinden durfte
Der Themenschwerpunkt des Stadtarchivs zu den Jüdischen Biografien in Böblingen (1880 – 1945) präsentiert die Ergebnisse des angeschlossenen Dokumentationsprojektes. Die einzelnen Dossiers fassen Einzelschicksale zusammen und beleuchten themenspezifische Aspekte der jüdischen Geschichte mit Bezug zu Böblingen. Im Mittelpunkt stehen dabei Familien oder Personen mit einem erkennbaren Bezug zur jüdischen Religion, Kultur oder Gemeinschaft, wie beispielsweise die Brüder Adolf und Siegmund Kahn oder Konrad W. Sprai. Der größte Teil der aufgearbeiteten Biografien betrifft allerdings Menschen wie Friedrich Römer, Otto Wilhelm Edelmann oder Lucie Hain-Illfelder, die kein explizit jüdisches Selbstverständnis erkennen ließen. Das schützte sie jedoch nicht vor nationalsozialistischer Ausgrenzung, Verfolgung oder Deportation.
record/207079 (letzter Zugriff am 17.03.2026)
Die Vielfalt des deutschen Judentums im frühen 20. Jahrhundert
Gerade im deutschsprachigen Raum führten die Aufklärung und der lange Prozess der jüdischen Emanzipation seit dem späten 18. Jahrhundert dazu, dass sich viele Jüdinnen und Juden an die christliche Mehrheitsgesellschaft annäherten. Akkulturation, Assimilation und in vielen Fällen auch die Konversion zum Christentum standen dabei häufig im Zusammenhang mit dem Wunsch nach rechtlicher Gleichstellung, gesellschaftlicher Anerkennung und besseren Bildungs- wie Berufschancen. In diesem Zuge verloren viele Familien im Laufe der Zeit ihren Bezug zum Judentum – in religiöser wie kultureller Hinsicht. Sie verstanden sich explizit als Christinnen und Christen und in manchen Fällen wurde die ursprünglich jüdische Herkunft innerhalb einzelner Familien nicht einmal mehr erinnernd weitergegeben. Auch säkularisierte jüdische Familien waren keine Seltenheit: Nur wenige hielten weiterhin strikt an den jüdischen Religionsgesetzen fest oder praktizierten die jüdischen Traditionen und Bräuche aktiv. Das schloss eine gemeinsame Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde dennoch nicht aus, zumal die vorherrschende Ausrichtung im deutschen Judentum vor 1933 das liberale Judentum mit seinem modernen Ansatz war.
Staatliche Fremddefinition und die Gewalt nationalsozialistischer Kategorisierung
Der NS-Staat wiederum zerstörte diese Vielfalt von Identitäten. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 definierte das nationalsozialistische Regime, wer rechtlich als Jüdin oder Jude zu gelten hatte – anhand der Zahl der als jüdisch klassifizierten Großeltern. Auf diese Weise konnten auch getaufte, konfessionslose oder weitgehend assimilierte Menschen ausgegrenzt, entrechtet und ermordet werden. Gerade darin zeigt sich die Gewalt des nationalsozialistischen Systems: Es entzog den Betroffenen das Recht auf Selbstdefinition und ersetzte es durch eine staatlich verordnete, rassistisch-antisemitische Abstammungslogik.
Ein Projekt im Spannungsfeld zwischen jüdischer Geschichte und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus
Methodisch betrachtet bieten einige der an dieser Stelle veröffentlichten Biografien daher nur eingeschränkt einen Beitrag zur explizit jüdischen Geschichte. Denn diese erforscht Juden und Jüdinnen aus historischer Perspektive als Akteure und Akteurinnen in ihren sozialen, religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Sie ist meist interdisziplinär angelegt und kann in allen Teilbereichen der Geschichtswissenschaft betrieben werden. Vor allem aber geht der Zugriff der jüdischen Geschichte über eine reine Opfergeschichte hinaus – selbst für die Zeit des nationalsozialistischen Deutschlands.Die Rechercheergebnisse bewegen sich somit in einem Spannungsfeld zwischen jüdischer Geschichte und der Verfolgungsgeschichte der Shoah; zugleich weisen sie deutliche Bezüge zur NS-Geschichte auf. Eine umfassende Aufarbeitung der NS-Geschichte der Stadt Böblingen müsste sich hingegen auch explizit mit der Frage nach den Täterinnen und Tätern sowie mit begünstigenden Strukturen vor Ort befassen. Außerdem hat sich im Rechercheprozess erneut gezeigt, dass die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland nicht nach 1945 endet. Wer Brüche, vor allem aber auch Kontinuitäten verstehen will, sollte daher auch Fragen an die Nachkriegsgesellschaft richten und sich deren Entwicklungen zuwenden. Dies konnte nicht Aufgabe des Dokumentationsprojekts sein, kann aber Impulse für zukünftige Forschungsprojekte geben.
Die Grundlagen der Recherche: Quellen, Archive und Gespräche
Für die Untersuchung wurden zahlreiche Unterlagen, Dokumente und Akten gesichtet und ausgewertet. Sie sind im Detail in den jeweiligen Dossiers angegeben. Auf einzelne Bestände konnte im Stadtarchiv Böblingen zurückgegriffen werden. Der wohl größte einschlägige Quellenbestand befindet sich jedoch im Staatsarchiv Ludwigsburg, darunter zahlreiche Akten aus den Wiedergutmachungs- und Spruchkammerverfahren nach 1945. Auch Forschungs- und Gedenkplattformen zur Geschichte des Holocaust, wie die Arolsen Archives, das United States Holocaust Memorial Museum und die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, bieten wichtige Unterlagen, insbesondere zu den biografischen Dossiers mit Bezug zur Stadt Böblingen. Einzelne Quellen aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart und dem Stadtarchiv Stuttgart ergänzen diese Bestände. Eine wichtige Grundlage für die Recherchen bildeten zudem Gespräche mit Zeitzeug:innen sowie mit Personen aus der Stadtgesellschaft, die das Stadtarchiv unter anderem mit Fotografien und Dokumenten unterstützten.
Offene Fragen und erinnerungskulturelle Perspektiven
Dennoch bleiben ungeklärte Rätsel: Etwa um das Ehepaar Gutenberg, das nach 1945 nach Böblingen zog und zu dem sich keine weiteren Hinweise finden ließen, außer einer kurzen Notiz, die sie als jüdische Einwohner:innen auswies. Offen bleibt auch die Frage, warum Berta Theresia Oberfell während der Volkszählung von 1938 von den Nationalsozialisten als Jüdin in Böblingen registriert wurde, obwohl ihre Familie aus Wolfach nach allen zugänglichen Unterlagen seit mindestens zwei Generationen katholisch war. Die hier zusammengefassten Ergebnisse des Dokumentationsprojekts bilden den aktuellen Stand im März 2026 ab. Sie bleiben offen für Ergänzungen, Korrekturen und neue Quellenfunde. Denn so, wie Geschichte nie abgeschlossen ist, können es auch diese Recherchen nicht sein. Gleichwohl möchte der Themenschwerpunkt einen Beitrag zur Erinnerungskultur der Stadt Böblingen leisten und einladen, sich kritisch mit der Stadtgeschichte und den mit ihr verbundenen jüdischen Biografien auseinanderzusetzen.



