Mittelalter

Die Böblinger Bürgerschaft 1272

Sagenhaftes Dagersheim: Legenden und Geschichten um Böblingens Stadtteil

Mit diesem „EinBlicks in die Stadtgeschichte“ beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit Sagen und Legenden zu Dagersheim, das um das 6. Jahrhundert gegründet wurde und dessen Name sich auf einen Personennamen - vielleicht Thageri - zurückführen lässt.

Illustration zur Sage aus dem Jahr 1875
(Quelle: Stadtarchiv Böblingen)

Mit Sagen und Legenden versuchten in alten Zeiten die Menschen oft sich Dinge zu erklären, deren Sinn oder Ursprung nicht mehr bekannt war. In diesen Erzählungen finden sich neben realen Elementen auch Bestandteile alter magischer Vorstellungen. Sie wurden manchmal von Gelehrten konstruiert, manchmal entstanden sie rein mündlich. Die Geschichten wurden weitererzählt, abgeschrieben, veränderten sich und das Alter ist oft nicht mehr feststellbar.

Im Magazin des Böblinger Stadtarchivs liegt bei den Beständen aus Dagersheim ein alter Band. In altertümlicher Schrift finden sich dort zwei Abschriften eines merkwürdigen lateinischen Textes aus dem 18. Jahrhundert über die sagenhafte Gründung Dagersheims mit deutscher Übersetzung. Die nachfolgende Zusammenfassung folgt der Wiedergabe des Textes bei Dr. Roman Janssen, dem früheren Herrenberger Stadtarchivar, der diese Legende erforscht hat.

Ausschnitt einer Abschrift der Sage aus dem
18. Jahrhundert (Quelle: Stadtarchiv Böblingen)

Im Jahr 921 sollte demnach Herzog Richardus von Schwaben seinem Schwager Offo als König von England nachfolgen. Bevor er aber den Thron bestieg, musste er seinen Sitz Beutelsbach im Remstal verlassen und nach Herrenberg reisen, um seinen Onkel Graf Anselm vom Nagoldgau mit dem Herzogtamt zu betrauen. Weil auf der Böblinger Burg ein schlimmer Räuber wohnte – im Text wird der Platz als „Bublingen“, also Ort der (bösen) Buben bezeichnet – umgingen Richardus und seine Leute heimlich in der Nacht diese Stelle. Das Gebiet, das sie dabei durchritten, bekam in der Folge den Namen Sindelfingen, der sich von „der Sind (Weg) ist fonden“ – sprich der richtige Weg wurde gefunden – ableiten soll.

Am folgenden Morgen erreichte die Gruppe ein schönes Tal

Erfreut über die überstandene Gefahr und den neu anbrechenden Tag nannten sie die Stelle, wo sie ein Wasser namens „Schwipffer“ (Schwippe) überschritten, „Tag her schain“ (Tag erschein). Im Fluss jedoch lebten „Schlangen, Krotten (Kröten), Eydechsen und andere kriechende ohnraine Thier“, wie es in der deutschen Übersetzung heißt. Der Herzog und seine Gefolgsleute betrachteten dies als ein schlechtes Vorzeichen und gelobten, dem Heiligen Fridolin („heyligen Fridlin“) eine Kapelle zu bauen, wenn er dieses Gewürm fortschaffte. So geschah es und das Getier wurde nicht mehr gesehen. Richardus blieb dann so lange am dem schönen Ort, bis ihn Graf Anselmus abholte und nach Herrenberg geleitete. Zuvor verlieh der Herzog dem Dorf noch ein Wappen, worauf eine Schlange und ein Morgenstern abgebildet waren. Soweit die Legende über die Entstehung des Dagersheimer Ortsnamens und Wappens.

Die nachstehenden Ausführungen folgen ebenfalls Roman Jannssen, der bei der Erforschung der seltsamen Geschichte Erstaunliches herausgefunden hat. Die Geschichte ist in einer Handschrift aus der Zeit um 1500 (Landesbibliothek Stuttgart) und weiteren Abschriften, darunter den zwei im Stadtarchiv, überliefert. Diese Abschriften lassen sich auf eine ältere Vorlage zurückführen, wobei die Exemplare im Böblinger Stadtarchiv dieser Vorlage am nächsten sind.

Bei dieser Geschichte handelt es sich nicht um eine Sage aus grauer Vorzeit

Vielmehr hat Johannes Stadler, ein Geistlicher der Diözese Eichstätten (Bayern), sie im 15. Jahrhundert erfunden. Die Geschichte sollte nach Janssen die Entstehung des in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschaffenen Dagersheimer Ortswappens und Siegels erklären, das eines der ältesten Gemeindewappen im Land ist. Sie deutet die Wappenelemente Schlange (Schlangenwunder), Morgenstern (Tag erschein) und die drei gestürzten Spitzen (Dagersheim zwischen Böblingen und Sindelfingen). Vielleicht gab es bei der Schlangengeschichte einen Bezug zu älteren Darstellungen des Heiligen Fridolin und Magnus in der Dagersheimer Kirche, die mit Schlangen abgebildet waren. Bei der Entstehung der Bezeichnung von Böblingen, Sindelfingen und Dagersheim wird der Verfasser auf schon vorhandene Deutungen der Ortsnamen bzw. schon bestehende Necknamen zurückgegriffen haben.

Als Rahmenerzählung verwendete Stadler die Motive einer zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Eichstätt aufgezeichnete Legende des Heiligen Richard. Um das Ortswappen erklären zu können, ließ er Richard dann über Sindelfingen und Dagersheim nach Herrenberg reiten.

Ausschnitt des Bandes von 1875, der eine Abschrift
der Sage enthält (Quelle: Stadtarchiv Böblingen)

Der Autor ging mit Humor und Sorgfalt an die Sache. Er fabrizierte einen Text und versah ihn mit Fehlern, um ihn altertümlich erscheinen zu lassen und ihn zugleich als „Gelehrtenscherz“ zu kennzeichnen. Manches ist dabei offensichtlich: Die Zahl 2091 z.B. kann als Kombination der vollkommenen Zahlen 3 und 10 sowie der heiligen Zahl 7 interpretiert werden. Und statt dem richtigen "Suevia", dem lateinischen Begriff für Schwaben, schrieb er „Scheuvia“.

Sagensammlung "Häseltrog"

Es gibt aber auch noch andere Sagen um Dagersheim, die sich in der von Eberhard Benz zusammengestellten Sammlung „Der Häseltrog“ finden. Eine weitere Gründungssage von Dagersheim („Die beiden Schwippen“), die auf übergeordnete,tatsächliche historische Vorgänge Bezug nimmt und sie mit erfundenen ortsgeschichtlichen Ereignissen ergänzt, spielt in der Zeit König Sigiberts I. (561 bis 575). Sigibert war Herrscher eines Teils des Fränkischen Reichs (Austrasien).

Der Erzählung nach siedelte der König, der auch Herr von Schwaben war, in seiner nach einem Krieg verwüsteten Provinz Champagne (Nordostfrankreich) Bewohner an, die aus Dörfern im Schwippetal - darunter Ensingen und Welblingen - stammten. Ein kleiner Fluss in der Champagne heißt seitdem in Erinnerung an die heimatliche Schwippe „la Suippe“. Das Schwippetal selbst wurde dadurch menschenleer. Erst nach dem Ende des Ostgotenkrieges (562) in Italien kamen Krieger, die im Dienst des Ostgotenkönigs gestanden hatten, zurück. Sie siedelten sich an der Stelle des ehemaligen Ortes Welblingen an. Die neu entstandenen Dörfer bekamen die gotischen Namen Dagersheim und Darmsheim, deren Bedeutung jedoch nicht bekannt sei.

Eberhard Benz liefert keine Interpretation der Sage, doch soll die Erzählung neben der Gründung von Dagersheim die Geschichte einiger Siedlungen im Schwippetal wie Welblingen (ehemals bei Döffingen) erklären, welche aus anderen Gründen viel später im Mittelalter aufgegeben wurden und seitdem nur noch in der Erinnerung der Talbewohner existierten.

Die letzte Sage mit dem Titel „Der Müllerstein bei Dagersheim“ versucht die Existenz eines großen, einem Mehlsack ähnlichen Steins zu erklären, der einstmals dort stand, wo die Rheinstraße den Ochsenweg kreuzte. Ein Müllerknecht soll damals von der Altdorfer Mühle in Richtung Heimsheim gefahren sein. Als er sich nahe der Hulb befand, entstand an diesem windstillen Tag auf einmal ein Wirbelwind, die beiden Pferde scheuten und rissen den Wagen in den moorigen Grund. Schuld war natürlich der tückische Riedgeist, er hatte die Pferde verzaubert. Schnell griff sich der lästige Geist den obersten Mehlsack, ließ ihn auf den Boden fallen und verzauberte ihn zu einem großen Stein, der seitdem Müllerstein genannt wird.

"Der Müllerstein bei Dagersheim"

Urfehden im Amt Böblingen - Justiz vor 500 Jahren

Das Lagerbuch von 1587 verzeichnet auch Strafen

Die Struktur des frühneuzeitlichen Straf- und Prozesswesen in Böblingen ist allgemein bekannt. Das aus zwölf Richtern bestehende Stadtgericht urteilte über die Delinquenten aus Böblingen oder den anderen Orten des Amts. Der Vogt als Oberhaupt der Verwaltung ließ dann das Urteil ausführen. Erich Kläger hat in seiner 2003 erschienen verdienstvollen Veröffentlichung „Tatort Böblingen – anno dazumal“ einen guten Überblick über das alte Böblinger Straf- und Prozesswesen gegeben und anschauliche Beispiele dazu geschildert.

Im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart gibt es nun einen Bestand an alten Dokumenten, die über Strafsachen aus dieser Zeit berichten. Diese Unterlagen werden als Urfehden bezeichnet. Urfehde ist ein alter Begriff und bezeichnete im Mittelalter einen mit einem Schwur bekräftigten Verzicht auf eine Fehde. Im vorliegenden Zusammenhang war damit gemeint, dass Derjenige, der die Urfehde leistete, versprach sich nicht an den für seine Verhaftung Verantwortlichen zu rächen.

Zeit des Umbruchs

Interessant an den Dokumenten ist vor allem der Umstand, dass dort die Straftäter, ihre Taten und die Strafen genannt werden. Im vorliegenden Artikel sollen die Urfehden aus dem Zeitraum von 1500 bis 1530 genauer betrachtet werden. Dies war in Württemberg eine Zeit des Umbruchs. Im Jahr 1514 war es zum Aufstand des Armen Konrads gekommen, 1519 war Herzog Ulrich aus dem Land vertrieben worden und seit 1520 gab es in Stuttgart eine österreichische Regierung, die das noch katholische Herzogtum verwaltete.

Ähnlich wie bei heutigen Strafprozessakten, so lässt sich auch in den Urfehden viel privates Elend erkennen. Wie zu allen Zeiten gaben z. B. manche Ehemänner ihr Geld lieber im Wirtshaus aus, als es ihrer Familie zu Gute kommen zu lassen. So musste 1531 der Böblinger Bürger Max Preining, genannt Becken Marx, u. a. deshalb Urfehde schwören, weil er bis Mitternacht in den Böblinger Wirtshäusern sich aufgehalten hatte, obwohl dass ihm als Scharfrichter verboten war. Besonders negativ wurde ihm dabei angekreidet, dass er sich auch dann noch im Gasthaus verlustierte, als seine Frau in den Wehen lag („in große noth der Kindspand“). Um das Sündenregister voll zu machen hatte er zudem noch einen Aufruhr angezettelt sowie die Öffnung des Stadttores erzwingen wollen. Nachdem Preining aus dem Gefängnis entlassen worden war und Freunde die Zahlung einer Strafe übernahmen, versprach er künftig Wirtshaus, Zeche und Spiel zu meiden und schwor Urfehde.

Ebenfalls zu viel im Wirtshaus verbracht hatten Hanns Bider und Hanns Ber. Die beiden Böblinger Bürger hatten am Samstag vor Palmsonntag lieber dort gezecht, als an der Vesper (Abendgebet) und der Prozession teilzunehmen. Als sie der Vogt deswegen in das Gefängnis bringen ließ, hatten sie zudem noch Widerstand geleistet. Nachdem jeder von ihnen dreizehn Pfund Heller, das waren rund 3000 Heller, Strafe gezahlt und auch Kost und Logis für das Gefängnis beglichen hatten, wurden sie entlassen und schwuren am 10. April 1529 Urfehde. Diese Episode erinnert daran, dass Böblingen noch bis 1534 katholisch war und solche Prozessionen alltäglich waren.

Auch an die vorreformatorisch-katholische Zeit erinnert eine Episode, die sich 1526 zugetragen hatte. Damals gab es in Böblingen in der heutigen Pfarrgasse eine Schwestersammlung (Klause, Kloster). Es handelte sich um eine recht eigenständige klosterähnliche Gemeinschaft unverheirateter Frauen, die zusammen lebten, beteten und ihren karitativen Werken nachgingen. Zu einer dieser Schwestern hatte Hanns Byder einen engeren Kontakt geknüpft, war in der Folge Nachts in die Klause eingebrochen und durch „sollchen unordenlichen Eingang“ zu diese Schwester – in der Urkunde wird sie als Nonne („Nunnen“) bezeichnet - gestiegen. Hanns wurde jedoch erwischt und kam zunächst mal in das Gefängnis („gefengknus“). Auf Bitten des Gerichts (!) wurde er jedoch frei gelassen.

Ein „Trowbrieff“

Man konnte aber auch wegen Briefe im Gefängnis landen. So ging es 1513 dem Holzgerlinger Hainrich Bittel, der wegen eines „trow brieff“ – also eines Drohbriefes - an die Holzgerlingerin Anna Schütze verhaftet worden war. Der danach geleistete Eid wird in der Urkunde genannt und beginnt folgendermaßen: „[…] das ich freywillig anbezwungen ainen gelerten aide mit uffgehepten vingern […] zu gott unnd den hailigen gesworn hab […]“ Bittel gelobte in der Folge sich nicht an die Verursacher seiner Strafe zu rächen.

Die ganze barbarische Grausamkeit der damaligen Justiz wird in der Urfehde von Caspar Gertner aus Böblingen deutlich. Gertner hatte in Döffingen, Dagersheim und Magstadt Geld und Wollhemden u. a. gestohlen. Er kam in das Gefängnis. Das Urteil lautete, dass ihn der Scharfrichter mit zum Oberen Rathaus am Markt führen und ihn von dort aus (bei entblößtem Rücken) mit Ruten bis zum oberen Tor (am Plattenbühl) schlagen sollte. Danach sollten ihm noch die Ohren abgeschnitten werden. Am Tag der Urteilsverkündung am 13. Januar 1539 unmittelbar vor der Urteilsvollstreckung versprach Gertner Württemberg zu verlassen.

Viel glimpflicher kamen 1535/36 Hanns Schwab und Hanns Rümelin davon. Sie waren Gefängniswärter gewesen als ein gewisser Hanns Zar aus der Haft entkam. Beide wurden jeweils zu einer hohen Geldstrafe von 20 Gulden verurteilt. Für Hanns Rümelin ist auch die interessante Abrechnung der Haftkosten erhalten. Bei 63 Tagen Haft mussten täglich für Lebensmittel („Atzung“) 36 Heller aufgebracht werden, dass machten insgesamt – auf Heller und Pfennig genau - 2268 Heller oder in damaligen Worten ausgedrückt neun Pfund und neun Schilling Heller aus. Für die 47 Maß Wein (1 Maß = ca. 2 Liter) musste Rümelin insgesamt 658 Heller bezahlen. Da es ja keine Gefängniskantine gab, hatten Wirte für Lebensmittel und Wein gesorgt und damit die Aufgabe eines frühneuzeitlichen Cateringservices übernommen.

Als Böblingen verkauft wurde

In der Ausgabe dieses Einblicks geht Stadtarchivar Dr. Florian der Frage nach wie Böblingen württembergisch wurde.

Nach Stadtsiegel von 1353

Betrachtet man den Böblinger Christopherusbrunnen, so sind verschiedene am Brunnentrog angebrachte Wappen erkennbar. Darunter befindet sich welche mit waagrechter Fahne in unterschiedlichen Variationen und eines mit vier Wappenfeldern worauf u.a. Hirschstangen und Fische (Barben) abgebildet sind. Die erste Gruppe von Wappen stellen unterschiedliche Variationen des Böblinger Stadtwappen dar. Es lässt sich auf das Wappen der Pfalzgrafen von Tübingen zurückführen, die vermutlich um die Mitte des 13. Jahrhunderts die dörfliche Siedlung Böblingen zu einer Stadt ausgebaut haben. Als solche wird sie dann in einer am 23. Juli 1272 ausgestellten Urkunde des Grafen Ulrich von Tübingen indirekt erwähnt. Das zweite Wappen ist das der Herzöge von Württemberg und erinnert uns an den Verkauf der Stadt an die Grafen von Württemberg, die damals noch keine Herzöge waren.

Württembergisches Wappen

Der Verkauf geschah am 18. September 1344. Damals veräußerte Graf Gottfried III. („Götze“) von Böblingen (urk. 1328-1369) aus der Familie der Pfalzgrafen von Tübingen für 2.000 Pfund Heller - das sind 240.000 Heller - Burg und Stadt Böblingen mit allem Grundbesitz, Untertanen und dem Patronatsrecht der Stadtkirche. Die Käufer waren die Grafen Eberhard II., genannt der Greiner, (reg. 1344-1392) und Ulrich IV. (reg. 1344-1362) von Württemberg. Zu den verkauften Besitztümern gehörten dann auch der Obere und der Untere See ("Sewe bi der stat"), die damals erstmalig erwähnt wurden. Des weiteren gehörten Dagersheim, Darmsheim und Wildbannrechte (Herrschafts- und Jagdrechte) im Glemswald und Schönbuch dazu. Das erwähnte Patronatsrecht war übrigens das Recht für das Pfarramt einen Kandidaten vorzuschlagen.

(Hoch-)Adel kostet Geld

Wie konnte es dazu kommen? Warum hat ein Abkömmling des mächtigen und reichen Geschlechts der Pfalzgrafen von Tübingen eine ganze Stadt verkauft? Die Antwort ist zunächst ganz einfach. Graf Gottfried war bankrott und lebte von der Vermögenssubstanz. Doch was waren die Ursachen für die finanzielle Misere? Zwar hatten die Grafen von Württemberg die gleichen Pflichtausgaben wie die Tübinger Pfalzgrafen und die Grafen von Böblingen. Alle Hochadelsfamilien mussten damals große Summen für die Repräsentation oder für die Mitgift bei Eheschließungen ihrer Töchter aufwenden. Doch während die württembergische Herrschaft bis in das 15. Jahrhundert - abgesehen von zeitlich befristeten Ausnahmen - letztendlich in einer Hand blieb, zersplitterten sich die Tübinger in mehrere Familienzweige, die das Erbe unter einander aufteilten. Die Kosten welche jeder Familienzweig aus genannten Gründen hatte, sanken jedoch nicht proportional dazu. Am Ende gaben sie mehr aus als sie einnahmen.

Auffällig ist die niedrige Kaufsumme von 2.000 Pfund Heller (Silbergeld) für Böblingen, wenn man weiß, dass die Stadt Tübingen zwei Jahre zuvor für 20.000 Pfund Heller verkauft wurde. Der Grund liegt darin, dass die württembergischen Grafen zwei Monate später den verkauften Böblinger Besitz wieder an Graf Gottfried übergaben, der ihn jetzt zusammen mit seiner Frau als (württembergische) „Vögt, Amptlut und Pfleger“ innehaben sollte. Damit waren die Böblinger Grafen - Angehörige des stolzen Geschlechts der Tübinger Pfalzgrafen - zu württembergischen Dienstleuten geworden. Dies war ein sozialer Abstieg. Privat war es allerdings für Gottfried kein schlechtes Geschäft, denn er durfte die künftigen Einnahmen aus der Herrschaft Böblingen behalten und musste keine Rechenschaftsberichte an die neuen Stadtherrn schicken.

Neue Schulden

Wie so oft kam auch hier der Schuldner nicht von seinen Schulden los, sondern musste sogar neue machen. Am 4. Juni 1354 verpfändete Gottfried nämlich für vier Jahre die Steuereinnahmen (Abgabe an die Herrschaft) aus Böblingen, Dagersheim und Darmsheim an die Weil der Städter Bürger Johannes dem Bohteler und Johannes Spenlin. In der Urkunde bekamen die württembergischen Grafen das Recht eingeräumt, innerhalb der vier Jahre die Verfügungsgewalt über die Steuern zurückfordern zu dürfen. Der Böblinger Graf hatte sich offenbar bei den Herren Botheler und Spenlin massiv verschuldet.

Am 29. November 1357 - also noch vor Ablauf der Verpfändung - musste Gottfried „von sölicher notes wegen so uns anlag von unsere grosser schulden wegen“ den Böblinger Besitztum endgültig an Württemberg verkaufen. Vielleicht hatte Württemberg die Verfügungsgewalt über die Steuereinnahmen für sich gefordert, dadurch wäre dann die Verpfändung vorzeitig beendet gewesen und Gottfrieds Gläubiger hätten in der Folge wiederum ihr Geld zurückgefordert.

Diesmal ging der Verkauf zum tatsächlichen Marktpreis von statten, nämlich für 14.500 Pfund Heller. Da die württembergischen Grafen zu diesem Augenblick nicht so viel Bargeld in der Schatulle hatten, zahlten sie an Gottfried nur 9.500 Pfund Heller aus. Die Restschuld von 5.000 Pfund Heller sollte durch einen jährlichen Betrag von 500 Pfund Heller getilgt werden. Gottfried scheint in der Folge vollständig von den Württembergern abhängig gewesen zu sein, denn am 29. Januar 1360 reduzierte er ohne Angabe von Gründen die Restschuld auf 3.000 Pfund Heller. Vermutlich hatten ihn die geschäftstüchtigen württembergischen Grafen dazu gezwungen.

Neuanfang im Breisgau

Heutiges Stadtwappen

So wurde Böblingen endgültig württembergisch. Der letzte Böblinger Stadtherr aus dem Geschlecht der Tübinger jedoch fiel weich, denn er hatte mit Klara, der Tochter des Grafen Friedrich von Freiburg, eine reiche Erbin geheiratet. Vielleicht hat dieser Erbfall, Klaras Vater war 1356 gestorben, Gottfrieds Entschluss zum endgültigen Verkauf Böblingens erleichtert. Mit ihrem Erbe konnte später im Breisgau die Herrschaft Lichteneck erworben werden. Im sonnigen Südbaden sollte das Geschlecht der Tübinger noch einmal - bescheiden - erblühen bis es 1666 mit Elisabeth Bernhardina, dem "letzte[n] ächte[n] Zweiglein", endgültig ausstarb.

Wenn die Leserin oder der Leser des Artikels einmal am Christopherusbrunnen vorbeigehen, sollen sie doch ein wenig Zeit nehmen und einen kurzen Blick auf die Wappen werfen, die so viel erzählen.

Der Arme Konrad in Böblingen

In diesem Beitrag zum Einblick beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Florian mit dem Aufstand des Armen Konrad vor 500 Jahren.

Der Dreschflegel als bäuerliche Waffe

„Wer wissen wöll wie die Sach stand
Itz in dem würtenberger land
Der kauff und leß den spruch zuo hand
Er ist der arm Conrad genandt“

So lautete ein Werbespruch aus dem 16. Jahrhundert für eine Druckschrift. Doch was war der Arme Konrad und was hatte er überhaupt mit Böblingen zu tun? Zunächst bezeichnete der Begriff die Verkörperung des einfachen Mannes bzw. des Untertanen (Gemeinen). Mit diesem Namen bezeichnete sich dann eine – teilweise geheime - Bewegung in der württembergischen Bevölkerung im Jahr 1514, die Verbesserungen für die breite Masse der Untertanen forderte.

Das Leben in Württemberg im Jahre 1514 – also in einer vormodernen Agrargesellschaft - war nicht einfach. Der Ernteertrag war verglichen mit heute sehr gering und schnell kam es zu Missernten, was seit 1508 jährlich vorkam. Hungersnöte waren die Folge. Zudem mussten die Untertanen zahlreiche Abgaben und Dienste leisten, da gab es z. B. Hellerzinse, Gartenzinse, Häuserzinse und Frondienste. Dazu kam noch eine immer drückender werdende herzogliche Verwaltung, die die alten Rechte und Privilegien der Gemeinden einschränkte. Zu guter Letzt wurde den herzoglichen Amtsleuten und Beamten Willkür und Korruption vorgeworfen.

Weitere Lasten aufgebürdet

Deswegen führte Ulrich eine dreijährige indirekte Steuer auf Fleisch ein. Die Gewichte wurden im Zusammenhang damit verringert, so dass z. B. für 30 Prozent weniger Fleisch der gleiche Preis gezahlt werden musste. Den dadurch erzielten Gewinn sollten die Verkäufer an die herrschaftliche Regierung abführen. Das bedeutete eine enorme Preiserhöhung, welche die Armen stärker belastete als die Reichen.

Und in dieser Situation bürdete Herzog Ulrich (1498-1550) dem Volk noch weitere Lasten auf. Die Staatsschulden betrugen nämlich ca. 900.000 Gulden. Dazu beigetragen hatte die große Hochzeitsfeier mit der bayerischen Herzogstochter Sabina am 2. März 1511, als rund 6.000 bis 7.000 Gäste zwei Wochen lang bewirtet werden mussten.

Signal zum Aufstand

Da kam aus dem Remstal das Signal zum offenen Aufstand als Peter Gais, genannt Gaispeter, die neuen Gewichte zuerst in Beutelsbach in die Rems und dann nochmals auf die nach Großheppach führende Straße warf. Jetzt brach der Aufstand aus. In rasender Eile begannen sich in den einzelnen Ämtern die Untertanen dezentral im Armen Konrad zu organisieren.

Auch die Amtsstadt Böblingen, die später 1525 etwa 600 bis 700 Einwohner zählte, wurde vom Aufstand erfasst. Wie in den anderen württembergischen Amtsstädten standen sich hier zwei Gruppierungen gegenüber. Auf der einen Seite die hohen herrschaftlichen Beamten und Mitglieder des Stadtgerichts, dem obersten Gerichts- und Verwaltungsorgan, mit ihren Familien (Ehrbarkeit) und auf der anderen Seite die erwachsenen, hausbesitzenden und männlichen Bewohner Böblingens (gemeine Männer). In den Amtsorten war die gleiche Situation, nur das der dortige herrschaftliche Vertreter Schultheiß und das Gericht Dorfgericht hieß. In Böblingen kam sogar aus der Ehrbarkeit Kritik, denn die Witwe des vormaligen Böblinger Vogts Jerg Gerlach sagte zu anderen Frauen im Waschhaus: "es sig mir kain besser Ding uff gestanden dann den Arm Conrat, denn unser g[nädiger] Her sig ain Narr und handel mit Narren.“

Beschwerden formuliert

Als Herzog Ulrich zur Lösung des Konflikts die Untertanen zur Zusendung von Beschwerden und Forderungen aufrief, kam es dann auch in Böblingen zum Konflikt. Denn die Beschwerden sollten amtsweise gesammelt, aufgeschrieben und dem Herzog vorgelegt werden. In Böblingen ordneten Vogt Erhart Jäger und der vom Herzog eingesetzte Statthalter Wolf von Tachenhausen daraufhin für den 6. Juni eine Amtsversammlung in Böblingen an, wo die Beschwerden formuliert werden sollten. Die Bürger der Stadt Böblingen stimmten dann auch (fast) alle zu. Lediglich zwei waren nicht zur allgemeinen Bürgerversammlung gekommen. Als einer davon, Konrad Schlerrfer, darauf angesprochen wurde, antwortete er verärgert: "Ir vom Rat […] hand gethan als Flaisch Böswicht." Dafür kam er dann in das Gefängnis.

Die Untertanen in den Amtsorten jedoch waren im Armen Konrad organisiert, misstrauten ihrer dörflichen Oberschicht sowie der Böblinger Ehrbarkeit und wollten die Beschwerden nach eigenem Ermessen formulieren. Deshalb riefen sie zu einer Alternativversammlung in Dagersheim („gen Tagerschen“) auf. Dort beschlossen sie nach Sindelfingen zu ziehen, um dort am 5. Juni mit dieser Stadt sich zu beraten. Die Untertanen aus Schönaich und Holgerlingen machten daraufhin einen demonstrativen Zug durch Böblingen nach Sindelfingen und führten als Feldzeichen eine weiße Fahne mit zwei gekreuzten schwarzen Schwertern mit. Als sie gerade in Böblingen waren, dachte der Statthalter Tachenhausen, sie wollten sich hier beraten und ging zu den rebellischen Amtsbewohnern, die wohl auf der Marktstraße vor dem Oberen Tor (Elbenplatz) standen und versuchte sie von einer eigenständigen Versammlung abzubringen. Er fing mit folgenden Worten an zu sprechen: „Lieben gesellen, ich hab verwent [gemeint] ir wöllent zu Böblingen blyben unnd gesellschafft halten […]." Die lieben Gesellen aber gehorchten nicht und zogen einfach nach Sindelfingen weiter.

Eskalation folgte

Als die Holzgerlinger und Schönaicher wieder durch Böblingen zurückzogen eskalierte dort die Situation und es zeigte sich, dass es hier mehr als zwei Sympathisanten des Armen Konrad gab, denn "in derselbigen nacht tettent ettlich von Böblingen sich uffrürig halten“.  Die Anhänger des Armen Konrad versuchten sogar das Schloss zu besetzen und die Stadtschlüssel in die Hände zu bekommen, um auf diese Weise die Befehlsgewalt in der Stadt übernehmen. Es misslang jedoch. Währenddessen trat der Vogt nicht in Erscheinung und blieb vom Statthalter beschützt in seinem Haus, weil er wohl Racheakte befürchtete. Letztlich erreichten Statthalter, Vogt und die Amtsorte eine Einigung. Danach bekamen die Gemeinden (Versammlungen) der Amtsorte mehr Einfluss bei der Formulierung der Beschwerden. Damit war die heiße Phase des Aufstands in Böblingen vorbei.

Der Aufstand flackerte nur noch einmal auf, als der Herzog und die Ehrbarkeit auf einer Versammlung in Tübingen sich auf einen Kompromiss einigten, der die Untertanen benachteiligte (Tübinger Vertrag vom 8. Juli). Daraufhin machten sich einige Holzgerlinger nach Böblingen auf und versuchten Konrad Schlerffer zu befreien. Jedoch vergeblich. Er war schon zuvor frei gelassen worden. Aus Wut feuerten die abziehenden Holzgerlinger noch einige Schüsse ab. Das war es dann mit dem Aufstand des Armen Konrad in Böblingen.

Mit Waffengewalt niedergeschlagen

Der Aufstand wurde im Juli 1514 in Württemberg dann mit Waffengewalt niedergeschlagen. Es gab Todesurteile und andere Strafen. Die Böblinger kamen allerdings recht glimpflich davon. Noch im selben Jahr entschied der Herzog über die Untertanenforderungen des Amtes Böblingen. So erlaubte er, dass sie künftig das Wild von ihren Feldern vertreiben durften. Auch durften sie jetzt ungehindert die Schweine in den Wald zur Eichel- und Bucheckermast treiben, die sie für den Eigenverbrauch benötigten (Trogschweine). So hatte der Aufstand den Bewohnern des Amts doch noch einige Vorteile gebracht.

Noch bis zum 10. Januar 2016 wird im Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Zehntscheuer die Ausstellung "Der 'Konrad Konrad' vor Gericht" zu den üblichen Öffnungszeiten präsentiert. Dort ist u. a. auch ein historischer Abdruck des Tübinger Vertrags ausgestellt.

Fridolin, Maria oder Agatha?: Das Rätsel um die Kirchenheiligen von Dagersheim

Im aktuellen Beitrag zum „EinBlick in die Stadtgeschichte“ befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit den Schutzheiligen oder Kirchenheiligen der evangelischen Kirche in Dagersheim.

Im traditionellen (katholischen) Kirchenverständnis - Dagersheim gehörte bis 1534 dieser Konfession an - sind Heilige Menschen, die aufgrund ihres vorbildlichen Lebenswandels und Glaubens schon zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod Wunder wirken können. Man hat sie deshalb gerne als Beschützer für Einrichtungen (Kirchen, Universitäten u. a.) genommen. Das lateinische Wort dafür heißt Patrozinium (Schutzherrschaft) und weist daraufhin, dass die Einrichtung dem Heiligen damit gewissermaßen unterstellt war.

Reformation und Heiligenverehrung

In der protestantischen Lehre gibt es keine Heiligenverehrung, doch mussten die Reformatoren angesichts der großen Popularität der Heiligen Kompromisse eingehen. Die Verehrung Verstorbener bzw. deren Glorifizierung ist vielen Menschen einfach ein Bedürfnis. So erkannten die evangelischen Reformatoren schon im 16. Jahrhundert Heilige als Personen mit vorbildlichem christlichen Glauben und Lebenswandel an. Die Verbindung einer Kirche mit einem Heiligen war auch im evangelischen Württemberg im Bewusstsein der Gläubigen und der Lokalverwaltung fest verankert. Viele Kirchen wurden weiterhin mit ihrem alten Namen benannt. So wird die Böblinger Stadtkirche 482 Jahre nach Einführung der Reformation in Württemberg (1534) offiziell immer noch nach ihrem mittelalterlichen Schutzheiligen St. Dionysius bezeichnet.

Zu den einzelnen Patrozinien der Dagersheimer Kirche und deren Bedeutung gibt es in der Ortsgeschichtsforschung unterschiedliche Meinungen. Nach Friedrich Essig, dem Verfasser der ersten Ortsgeschichte, war Sankt Nikolaus möglicherweise der erste Hauptheilige (oder Titelheilige). Als einen weiteren Hauptheiligen vermutet er den für 1323 durch ein Kirchensiegel nachweisbaren Johannes den Täufer. Solche Heiligen waren gewissermaßen für die ganze Kirche zuständig. Seit 1491 war es dann der heilige Fridolin (gestorben 538), der spätantike Gründer des Klosters Säckingen, dem davor nur ein Nebenaltar geweiht gewesen war. Zusätzliche Nebenheilige waren dann Margaretha, Antonius, Katharina, Benedikt, Maria sowie Agatha.

Die Universität und ihre Heiligen

Nach dem ehemaligen Herrenberger Stadtarchivar Roman Janssen hingegen war seit 1491 nicht Fridolin sondern Maria das Patrozinium der Kirche. Der Grund für die neue Hauptheilige lag danach in politischen Veränderungen. Bis in das 15. Jahrhundert hatte das Martinsstift (geistliche Einrichtung) in Sindelfingen das Patronatsrecht (Schirmherrschaft) der Dagersheimer Kirche besessen. 1477 wurde die damals noch katholische Universität Tübingen Rechtsnachfolger des Stifts und nahm den Plan zum Umbau der maroden Kirche wieder auf und trieb ihn tatkräftig voran. 1491 war das Projekt beendet. Die Kirche wurde neu geweiht und Maria zur neuen Schutzpatronin erhoben. Zusätzlich wurde Katharina als weitere Schutzheilige aufgenommen. Nach Janssen standen Interessen der Universität Tübingen dahinter, denn Maria war die Schutzheilige der theologischen und Katharina diejenige der philosophischen Fakultät.

Wie schon oben erwähnt gab es Nebenheilige. Sie hatten innerhalb der Kirche einen festen Ort, so war Fridolin ein Nebenaltar gewidmet und ebenso Nikolaus. Janssen geht davon aus, dass 1491 auch die heilige Katharina und möglicherweise ebenso Magnus und Margaretha mit Nebenaltären versehen wurden. Drei Heilige wurden dadurch hervorgehoben, dass ihre Altäre mit Pfründen versehen worden waren, nämlich Fridolin und Katharina (vor 1429 bzw. vor 1518/19) sowie Nikolaus. Pfründen waren Sondervermögen, die zur Finanzierung von seelsorgerischen Leistungen (z. B. Messen) dienten.

Fridolin und die Schlangen

Bei der Neuweihe 1491 wurden nun die beiden älteren Nebenheiligen Nikolaus und Fridolin beibehalten. Letzterer, schon 1422 als Nebenheiliger nachweisbar, erlangte bei den Gläubigen größte Popularität. Seine "örtliche Legende" vermischte sich nach Janssen mit der des heiligen Pirmin, dem Gründer des Klosters Reichenau. Und so wie Pirmin 724 nach der Legende die Schlangen (Symbol des Bösen) von der Insel Reichenau vertrieb, so soll Fridolin die Schlangen und das unreine Getier aus der Schwippe vertrieben haben. Trotz der großen Beliebtheit Fridolins bei den Dagersheimern blieb jedoch Maria die Titelheilige. Weitere untergeordnete Heilige seit der Neuweihe 1491 waren nach Janssen die schon erwähnte Katharina, sowie Magnus (statt Benedikt) und Margaretha, nicht jedoch Antonius und Agatha.

Die Ausführungen Janssens beruhen nicht zuletzt auf die Interpretation der heute noch zu sehenden sechs Schlusssteine im Chorgewölbe der Kirche. Die dort abgebildeten Heiligen können oft nur an ihren Attributen erkannt werden. So ist z. B. Fridolin durch die Schlange an seiner Hand erkennbar, während z. B. ein beigefügtes Rad eindeutig auf die heilige Katharina verweist.

Verkompliziert wird die Situation durch die spätantike heilige Agatha von Catania (gestorben 225). Der Nachweis auf ihr Patrozinium stammt aus einer Zeit, als es längst keinen (offiziellen) Heiligenkult mehr gab (1760). Auf den Schlusssteinen des Dagersheimer Kirchenchors ist sie auch nicht dargestellt. Gab es dieses Patrozinium schon vor 1491 oder ist es erst zwischen 1491 und 1534 neu dazugekommen und wurde Agatha überhaupt zur Hauptheiligen? Für die Dagersheimer Geschichtsforschung gibt es noch einige Rätsel zu lösen.

Am Ende bleibt noch die Frage, gegen oder für was die Heiligen konkret helfen sollten. So galt z. B. Katharina als Beschützerin der Mädchen, Jungfrauen, Heiratswilligen und Ehefrauen, Helferin bei Krankheiten der Zunge, bei Kopfschmerzen und Migräne und Schutzherrin der Gelehrten und Handwerksberufe. Margaretha war ebenfalls die Helferin der Mädchen und Jungfrauen sowie der Gebärenden, der Bauern und Hirten und der an Wunden Leidenden. Der Heilige Fridolin hingegen war zuständig für die Schneider und das Vieh, er galt auch als Beschützer gegen Feuer- und Wassergefahr, Viehseuchen, Kinderkrankheiten, Bein-, Knie- und Armleiden. Die große Anzahl der manchmal sich überschneidenden Schutzeigenschaften lässt die Vielzahl der Nöte erkennen, mit denen die Dagersheimer in ihrer bäuerlichen Lebenswelt konfrontiert waren. Ebenso zeigen die Unterschiedlichkeit der Schutzeigenschaften, dass es bei dem Heiligenkult nicht um die Erhaltung des Kirchengebäudes ging, sondern – abgesehen von politischen Interessen – um die Hilfe für die Menschen, die dort zusammenkamen.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei der evangelischen Kirchengemeinde Dagersheim, für die Möglichkeit in ihrer Kirche fotografieren zu können.

Pfalzgraf Rudolf: Ein mutmaßlicher Stadtgründer im Zwielicht

Wohl im dritten Quartal des 13. Jahrhunderts wurde Böblingen von einer Siedlung zu einer Stadt ausgebaut. Erstmals nachweisbar ist der Status als Stadt dann im Jahr 1272 durch die urkundliche Erwähnung von „civibus in Bebilingen“ also von Bürgern in Böblingen. Damals gehörte Böblingen den Pfalzgrafen von Tübingen, einem Hochadelsgeschlecht, das sich nach seinem wichtigsten Sitz benannte. Wie Böblingen in deren Hände gekommen war, kann heute nicht mehr sicher nachvollzogen werden. Auf jeden Fall gehört das ursprünglich zum Machtbereich der Grafen von Calw zählende Böblingen seit dem frühen 13. Jahrhundert zum Herrschaftsbereich der Pfalzgrafen.

Wie so oft im Mittelalter kann man wenig über die Person des mutmaßlichen Stadtgründers Pfalzgraf Rudolf sagen.

Wir wissen weder wie er aussah, wann er geboren wurde, noch wann er gestorben ist. Selbst seine Ehefrau ist nicht bekannt, es wird eine Erbtochter der Grafen von Calw vermutet. Zwei Söhne mit Namen Gottfried und Heinrich sind nachweisbar. Durch Erwähnungen in Urkunden wissen wir, dass er von etwa 1251 bis 1271 regierte.
Rudolf gehörte einer Linie der Tübinger Pfalzgrafen an, welche von späteren Historikern Asperg-Gießen-Böblingen genannt wurde. Nach dem Tod seines Vaters Wilhelm zwischen 1252 und 1256 hatte Rudolf einen Besitzkomplex im Raum Tübingen sowie einen zweiten Besitzkomplex am Nordrand des Schönbuchs mit Böblingen als Zentrum geerbt. Allerdings hat er schon zu Lebzeiten seines Vaters Regierungsgeschäfte ausgeübt und nannte sich schon 1251 Graf.

Schon für Graf Wilhelm hatte Böblingen größere Bedeutung.

Skandal im "Nonnenhaus"

Die Geschichte des Spitalgebäudes in Böblingen

In diesem Artikel beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit dem einstmals im Bereich des heutigen Gebäudes "Pfarrgasse 28" gelegenen Böblinger Spital und dessen Vergangenheit. Es handelt sich um einen überarbeiteten Vortrag aus dem Jahr 2010.

Das erste Zeugnis zur Vorgeschichte des Spitals stammt aus dem Jahr 1481. Damals bedachte die Stadtherrin Mechthild in ihrem Testament auch die „swöstern zu Böblingen“. Die großzügige Erzherzogin vermachte ihnen einen halben „Fuder wins“ also rund 1.800 Liter Wein.

Wer waren diese Schwestern?

Spitalgebäude im Jahr 1941

Es handelte sich um eine klosterähnliche Frauengemeinschaft. Im Spätmittelalter schlossen sich immer wieder ledige Frauen zu solchen spirituell inspirierten Gemeinschaften zusammen, blieben dabei jedoch Laien. Möglicherweise haben auch die Böblinger Schwestern wie die Mitglieder zahlreicher ähnlicher Gemeinschaften weiblicher Laien in der Armenfürsorge oder Krankenpflege gearbeitet. Solche Schwestern werden heute oft pauschal als Beginen bezeichnet. Doch im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit gab es für die Angehörigen dieser Laienbewegung durchaus verschiedene Bezeichnungen. Die Amtskirche sah solche für sie schwer kontrollierbaren Zusammenschlüsse nicht gerne.

Durch einen Eintrag in einem Lagerbuch – also einen Besitzverzeichnis – aus dem Jahr 1523 erfährt man weiteres über die Schwestern. Dort ist nämlich von „Swöstern, augustiner ordens“ die Rede. Die Böblinger Schwestern lebten also nach der Regel des Augustinerinnenordens und wurden anscheinend vom Augustinerkloster in Weil der Stadt geistlich betreut bzw. die Einhaltung der Augustinerinnenregeln kontrolliert.

Doch anscheinend war die Kontrolle durch das Kloster in Weil der Stadt nicht sehr effektiv. Denn im Jahr 1526 ereignete sich am Vorabend der Reformation in Württemberg ein Skandal, der in Böblinger sicher großes Aufsehen hervorrief.

Skandal im "Sperrbezirk"

Doch lassen wir den gar nicht so biederen Angeklagten Hanns Byder selbst darüber berichten. „By nechtlicher weil“, so Byder, sei er „inn die Klaußen zú Böblingen gebrochen unnd durch soliche unordenlichen Eingang zu ainer Nunnen gestigen“. Hanns wollte also ein Schäferstündchen mit einer der Schwestern verbringen. Zumindest Hanns Byder kam glimpflich davon. Offenbar sozial gut vernetzt wurde er aus dem Gefängnis entlassen und musste lediglich versprechen, sich nicht an seinen Prozessgegnern zu rächen. Der Regelfall waren solche Vorkommnisse jedoch nicht. Man kann solche Schwesternhäuser vielleicht am besten mit heutigen Diakonissenhäusern vergleichen.

Zumindest in einer Sage hatten die Schwestern der Obrigkeit schon im Jahr zuvor Probleme bereitet. Denn laut der Legende soll sich einer der Bauernanführer nach der verlorenen Schlacht von Böblingen 1525 im Schwesternhaus versteckt und dadurch sein Leben gerettet haben.

Spitalgebäude und Umgebung 1927

Das Haus kam mit der Reformation in den Besitz der Herrschaft Württemberg

Als nach der Rückkehr des vertriebenen Herzog Ulrich in Württemberg 1534 die Reformation eingeführt wurde, neigte sich auch die Zeit der Böblinger Schwestern ihrem Ende zu. Das Jahr 1536 markierte dann wohl das Aus des Böblinger Schwesternhauses. Denn im genannten Jahr verließen – vermutlich unter herrschaftlichem Druck – drei Schwestern gleichzeitig die Gemeinschaft. Am 16. September verzichteten Christiane Stach aus Holzgerlingen, die zugleich Mutter, also Vorsteherin des Schwesternhauses war, Barbara Zyper aus Böblingen und Margarethe Maler aus Weil der Stadt auf ihre Versorgung. Stattdessen ließen sie sich die Vermögensbestandteile, mit denen sie sich in das Schwesternhaus eingekauft hatten, zurückerstatten und nahmen vermutlich ein bürgerliches Leben auf.

Nach dem Ende der Schwesterngemeinschaft stand es leer und verlassen. Deshalb fiel es Herzog Christoph von Württemberg 1554 nicht schwer, das „Nonnenhaus“ an die Stadt Böblingen abzutreten. Bürgermeister, Gericht und Rat der Stadt Böblingen sollten dort ein Seelhaus, also ein Armenhaus einrichten. Hier ist an eine Art Wohnheim für sozial Schwache und Pflegebedürftige zu denken, deren Lebensunterhalt von der Gemeinde bestritten wurde. Die Gesunden darunter sollten allerdings ihren Unterhalt im Armenhaus selbst erarbeiten. Ein Jahr später baten die Böblinger um die Überlassung der Inneneinrichtung, was ihnen der Herzog gewährte, da sie „gering schetzig ding“ sei.

Vor 1554 hatte die kleine Stadt ihre Armen in deren Wohnungen und Häusern versorgt, also eine Art mobile Pflege betrieben. Aufgrund der geringen Bevölkerungsanzahl - Böblingen zählte um 1600 etwa 900 Einwohner - hatte sich der Aufwand eines eigenen Armenhauses lange nicht gelohnt. Man kann sich gut vorstellen, dass auch die Böblinger Schwestern an diesem mobilen Pflegedienst beteiligt waren.

Nach 1554 taucht für das Haus auch die Bezeichnung Spital auf. Dieser Name ging dann später auf den ganzen Häuserkomplex an der heutigen Pfarrgasse über. Im Lagerbuch von 1587 z. B. findet sich die Bezeichnung „der Spittal“.

Dort lesen wir weiter, dass das Spital an einige Bürger vermietet war und die Armen stattdessen in einem Haus in der oberen Vorstadt lebten. Dies war praktischerweise in der Nähe des alten Friedhofs an der Schafgasse. Grund für die Ausquartierung können gesundheitliche Erwägungen gewesen sein. Die hygienischen Verhältnisse in der ummauerten Stadt waren nicht gut und immer wieder drohten Seuchen, wie z.B. im Jahr 1635 als mitten im Dreißigjährigen Krieg die Pest in Böblingen wütete.

Es gibt keine Hinweise, dass das Armenhaus später wieder in das Spitalsgebäude kam

Auf jeden Fall erklärten im Jahr 1676 Vogt und Dekan von Böblingen, als elternlose Kinder in der Stadt untergebracht werden sollten, dass es hier gar kein Spital gebe. Im 18. Jahrhundert wurde ein Arbeitshaus für die Armen eingerichtet, um dort Hanf- und Flachsfasern zu verarbeiten. Doch kamen zu häufig sowohl Geräte als auch Waren abhanden. 1790 wurde der Versuch daher abgebrochen.

Vielleicht im Zusammenhang mit der Verlegung des Friedhofs von der Schafsgasse hinaus an den Herdweg 1836 wurde dort auch ein Armenhaus erbaut. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist es jedenfalls nachweisbar. Dort sollte das Armenhaus über das 1897 erbaute Bezirkskrankenhaus am Maienplatz zum mittelbaren Vorläufer des heutigen Kreiskrankenhauses werden.

Weil nichts über den Alltag des Böblinger Armenhaus bekannt ist, sei hier die Überlieferung des Tübinger Armenhauses bzw. Spitals herangezogen. Dort lebten neben wenigen Wohlhabenden, welche sich zur Alterversorgung dort eingekauft hatten, vor allem Angehörige der Unterschicht in übelsten unhygienischen Verhältnissen. Noch 1804 würden die Bewohner dort „in Unrath und Unziefer erstikken“. Eine Frau z.B. beschwerte sich, dass sie sich mit einer an Krätze erkrankten – also an einer üblen Hautkrankheit leidenden - Person das Bett teilen müsse. Ein Barbier besuchte regelmäßig das Tübinger Spital und ließ Leute zur Ader, renkte ausgekugelte Armgelenke ein oder rieb verstauchte Füße mit „Gliederbalsam“ ein. Dem Seelvater, dem Vorstand des Armenhauses, welcher die Treppe hinuntergestürzt war, verabreichte der Barbier „Glieder-Geist“ und einer Frau, welche an einem nicht genannten Leiden litt, „Regenwurm-Geist“.

Das alte Böblinger "Spital" selbst wurde weiterhin privat vermietet. In der Bombennacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 kam dann das endgültige Aus. Wie so viele Häuser in der Altstadt fiel es den Bomben zum Opfer. Ein Wandgemälde am modernen Nachfolgegebäude erinnert an das alte Böblingen.