Böblinger (Teil-)Orte über die Zeit

Böblingen und sein "Kreuz" mit dem Marktplatz: Ein wehmütiger Rückblick auf seine Geschichte

Diesen Artikel verfasste als Gastautor der in Böblingen wohlbekannte frühere Amtsleiter und Buchautor Erich Kläger für die Serie "EinBlick in die Stadtgeschichte". (Stand: 2012, leichte Anpassungen 2026)

Kein kommunaler Wahlkampf, bei dem die Belebung des Marktplatzes nicht ganz oben steht. Je größer der Abstand der Kandidaten zur Stadt, umso hoffnungsvoller vertreten sie diese Forderung, ein Anliegen, das ihnen die Bürger bei ihren Fragen nach ihren dringlichsten Wünschen mit auf den Weg gegeben haben.

Der historische Ursprung

Dass dies noch immer so ist, hat Gründe, die bis in die Entstehung der Stadt zurückreichen: Die Gründung von Böblingen datieren wir auf die Mitte des 13. Jahrhunderts, die Zeit der Städtegründungen der Pfalzgrafen von Tübingen. Sie legten die neue Siedlung auf dem Rücken des in die Ebene vorspringenden Hügels an. Vom Turm der schon früh gebauten Kirche zogen sie eine Linie bis zum Fuße des Vorsprungs und machten sie zur Hauptstraße, drumherum zeichneten sie parabelförmig die Nebenstraßen ein. Diese Stadtanlage ließ es nicht zu, einen breitbäuchigen Marktplatz anzulegen. Heraus kam im oberen Teil der Hauptstraße ein etwas erweiterter Bereich - der Marktplatz.

Konkurrierende Nachbarschaft

Zu dieser geografisch bedingten Begrenzung des Marktplatzes kam eine zweite Beschränkung, die sich als sehr viel verhängnisvoller und bis heute spürbar erweisen sollte: Die Gründung der Stadt Sindelfingen in nächster Nachbarschaft. Damit fiel ein Großteil des Umlandes als Einzugsgebiet für die Frequentierung der Böblinger Märkte weg - der Grundstein für die Konkurrenzsituation von Böblingen und Sindelfingen als Einkaufsstädte war gelegt.

Das einstige Marktleben

Zunächst aber noch ein Blick auf den Wochenmarkt in den ersten Jahrhunderten. Was wurde nachgefragt, was angeboten? Die Schicht derer, die die Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf nicht selbst produzierten, war in der nur allmählich wachsenden Stadt ziemlich schmal: Die Inhaber von gräflichen, später herzöglichen und städtischen Diensten, Vogt und Forstmeister, Amts- und Stadtschreiber, Präzeptoren (Hilfslehrer der Lateinschule) und Schulmeister, der eine oder andere Handwerker, der nicht zugleich eine Landwirtschaft nebenher betrieb, was die Regel war. Dann kam das Jahr 1552, als Herzog Christoph den Böblingern noch zwei Jahrmärkte genehmigte, die von auswärtigen Händlern beschickt wurden und zu einer Ausweitung des Angebots führten. Händler aus Weil der Stadt boten Leder, Schuhe und Tuche auf dem Böblinger Jahrmarkt an. Der Kornmarkt, der hinzu kam, lieferte den einen nötiges Saatgut, den anderen die Kernen (Dinkel) für die tägliche Schleimsuppe.

Schwankende Kaufkraft

Nun wissen wir, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt keinen ungebrochenen Aufwärtstrend hatte, sondern Zeiten des Niedergangs und der Verelendung durchmachte, in denen die Kaufkraft gegen Null tendierte. Während des Dreißigjährigen Krieges verlor die Stadt die Hälfte ihrer Einwohner und stand nur noch bei fünfhundert. Nach einer Chronik aus der Mitte des 17. Jahrhunderts habe es unter den Bürgern nur noch größtenteils Taglöhner gegeben, die "ihr Brot usser dem Stettle", in benachbarten Orten verdienten, "im Frühling gemeiniglich in den Weinbergen von Stuttgart". Kein Wunder, dass die Jahrmärkte sehr schlecht besucht wurden und der Kornmarkt einging.

Ein Ross- und Viehmarkt kam hinzu

Gemälde von Fritz Steisslinger: Der Böblinger Marktplatz in den Dreißiger Jahren

Doch die Wirtschaft erholte sich dank der Landwirtschaft, die an Bedeutung zunahm. So kam es zum Antrag für einen Ross- und Viehmarkt, dem entsprochen wurde. Die Märkte mussten von der herzoglichen Verwaltung in Stuttgart genehmigt werden. Dort wurde auch darauf geachtet, dass sich die Termine der Jahrmärkte nicht überschnitten. Deshalb musste Böblingen mit seinen Märkten auf Calw, Horb und Cannstatt Rücksicht nehmen. Von Abstimmungsproblemen mit Sindelfingen ist nichts überliefert, obwohl doch die Märkte der beiden Städte einer besonderen Koordinierung bedurften. Ende des 18. Jahrhunderts fanden in Böblingen drei Ross-, Vieh- und Krämermärkte statt, Anfang des 19. Jahrhunderts in Sindelfingen acht Viehmärkte, davon vier zusammen mit Krämermärkten. Das ländliche Flair der Viehmärkte hielt sich bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, wo aus Böblingen im Jahre 1930 berichtet wird, dass "dem Viehmarkt etwa 40 Stück Vieh zugeführt wurden [...] Auf dem Schweinemarkt waren etwa 70 Stück Milchschweine vorhanden".

Der Marktplatz als politische Mitte

Der Marktplatz auf dem Stadtmodell, das die Böblingen im Jahr 1650 rekonstruiert. (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Der Marktplatz war von Anfang an nicht nur Handelsplatz, sondern auch politische Mitte der bürgerlichen Stadt. Er war eingefasst von "staatlichen" und kommunalen Amtssitzen; zu den ersteren zählten Amtshaus, Vogtei, später Oberamt, in dem der Vertreter des Grafen, Herzogs, Königs amtierte, auch die Oberamtsschreiberei, die Verwaltung des Oberamtes (bis Anfang des 19. Jahnhunderts). Als Gebäude können wir am Marktplatz identifizieren: Das Amtshaus zunächst rechts des Kirchturms, ab Ende des 16. Jahrhunderts links davon. Als Oberamtsschreiberei ist das einstige "Haus Essig", Ecke Marktplatz/Marktgäßle überliefert. Rathäuser kennen wir mehrere, das älteste stand auf dem Platz, auf dem das 1952 eingeweihte neue Rathaus steht. Das 1832 gebaute und 1943 zerstörte Rathaus wurde neben dem als "altes Rathaus" überlieferten gebaut, einem Fachwerkbau mit Glockentürmchen, das abgebrochen wurde als es von einem Neubau abgelöst wurde. Die Stadtschreiberei befand sich zumindest eine Zeit lang in dem erhaltenen Fachwerkbau Ecke Marktplatz/Turmstraße.

Die Zuständigkeiten waren also auf mehrere Ämter verteilt, sodass man sich heute fragt, wie die Bürger wussten, wohin sie sich jeweils mit ihrem Anliegen wenden mussten.

Auch die politische "Macht" war lange Zeit anders aufgeteilt. In einer Amtsstadt wie Böblingen war der Vertreter des Herzogs, der Vogt, später mit der Bezeichnung Oberamtmann, "Stadtchef", sprich Vorsitzender von Gericht und Rat. Böblingen hatte deshalb bis Anfang des 19. Jahrhunderts, als tiefgreifende Verwaltungsreformen Württemberg umkrempelten, keinen Stadtschultheißen. Die Bürgermeister, die diesen Titel trugen, waren die Finanzbeamten der Stadt.

Der Marktplatz als Richtplatz

Als Vorsitzender des Gerichts hatte der Vogt eine gewichtige Funktion inne. Das Stadtgericht war vor allem auch Strafgericht für die Stadt selbst und die Amtsorte. So kam es auch, da der Marktplatz von Zeit zu Zeit auch Richtplatz war, zur Vollstreckung geringerer Vergehen, zu denen auch Körperstrafen gehörten, die auf dem Marktplatz exekutiert wurden. Dazu gehörten das Ausstechen eines Auges oder das Abschneiden der Ohren, was mehrfach bezeugt ist. Dabei spielte der Marktbrunnen eine Rolle, die uns heute ganz unverständlich ist: So wurde 1520 eine Ehebrecherin aus Schönaich dazu verurteilt, den Schandstein um den Brunnen zu tragen, während der Henker hinter ihr das Schellbecken schlug. Das Entehrende dieser Prozedur bestand in der Beteiligung des Henkers, durch die die Frau auf Lebenszeit entehrt wurde. Auch der Pranger stand auf dem Marktplatz.

Das Rätsel um den Marktbrunnen

Der Marktbrunnen trägt in Böblingen die Figur des heiligen Christophorus, des Schutzpatrons aller, die einer Gefahr ausgesetzt sind. Sein Alter wird nach der Jahreszahl bestimmt, die der Sockel trägt: 1526. 
Das wäre die Zeit der Spätgotik. In diesem Stil sind auch Christophorusfiguren geprägt, die in Ulm und Rottweil stehen. Der unsere aber ist seiner Zeit voraus als einer, der in Haltung und Kleidung die Kunst der Renaissance vorweg nimmt. Erklärbar nur durch einen Meister, den seine Lehrjahre nach Italien geführt haben müssen. Name und Meisterzeichen sind nicht überliefert, sodass wir uns am Stil und an der Jahreszahl 1526 orientieren müssen.

Lange sind wir davon ausgegangen, dass dies auch die Zeit der Aufstellung der Figur auf unserem Marktbrunnen war. Bis kurz nach dem Erscheinen der Sammlung "Böblingen in alten Ansichten" eine Böblingerin eine Zeichnung aufs Rathaus brachte. Am meisten sprang das schmale Fachwerkhaus neben der Kirche ins Auge, das Amtshaus, der Amtssitz des Vogtes, dessen Lage bekannt war, nicht aber sein Aussehen. Von dem es in einer Quelle auch hieß, dass es abgerissen werden sollte, als 1587 ein neues Amtshaus links neben der Kirche entlang der Staffel gebaut wurde. Ein genauer Blick auf diese Situation zeigte aber noch nicht diesen Neubau (der heute noch vorhanden ist), sondern zwei hintereinander stehende Häuser, eine irritierende Feststellung!

Das alte Amtshaus blieb bis Anfang des 19. Jahrhunderts stehen

Die wohl einzige Darstellung des alten Amtshauses (Fachwerkbau rechts der Kirche) (BIld: Stadtarchiv Böblingen).

Bei der Datierung dieser Zeichnung können wir uns an den oberen Teil des Kirchturms halten, von dem wir wissen, dass er 1707 die Form erhielt, die diese Zeichnung zeigt. Umso bestürzender die nächste Überraschung: Was steht da auf dem Marktbrunnen? Unser Christophorus? Nein! Am ehesten noch ein Ritter, der einen Wappenschild hält, also ein "Wappner", wie man sie aus der Brunnenkunde kennt. 

Müssen wir also die Geschichte umschreiben? Da es keine schriftliche Überlieferung zur Aufstellung der Christophorusfigur gibt, müssen wir den Zeitpunkt künftig offen lassen und für möglich halten, dass er erst irgendwann ab dem beginnenden 18. Jahrhundert seinen Weg nach Böblingen fand.

Der Marktplatz zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Ein historischer Stadtplanausschnitt aus dem Jahr 1829 mit aufgelegten Bezeichnungen (Bild: Stadt Böblingen, Original im Staatsarchiv Ludwigsburg E 173 III Bü 5428 Bild 437) 

Mit dem abgebildeten Plan des Marktplatzes machen wir einen Sprung ins Jahr 1829: Er beginnt auf der rechten Seite oben mit dem schon bekannten alten Amtshaus, darunter das Alt-Rathaus, das vor dem Abriss stand, weil daneben das neue Rathaus bereits eingezeichnet ist, das 1832 eingeweiht wurde, an das sich später ein Wohn- und Geschäftshaus anschloss. Der Plan zeigt, dass die alte Bebauung noch weiter in den Straßenraum hinein reichte, was man bei der Neubebauung zurücksetzte.

Die linke Seite beginnt mit dem Oberamt und setzt sich mit Häusern fort, die bis auf das letzte (fast alle) noch stehen. Ihre Besitzer zeigen, dass es sich hier um die erste Adresse in der Stadt handelte - es waren der Schultheiß, zwei Stadträte, zwei Gerichtsbeisitzer, ein Kaufmann und ein Tuchfabrikant.

Zwischen den Häusern verliefen drei Gässchen, die alle noch "Zwerchgäßle" hießen, von "zwerch" gleich "quer". Das unterste zwischen dem zweitletzten und letzten Haus ist das heutige Marktgässle, das erheblich erweitert wurde als das Rathaus einen Neubau erhielt.

Der Marktplatz: Ursprung der wirtschaftlichen Entwicklung

Der Marktplatz spielte auch in der wirtschaftlichen Entwicklung eine bedeutsame Rolle. Zwar wurde die erste Fabrik, die des Chemikers Bonz, 1811 in der Pfarrgasse neben der Zehntscheuer gegründet; mehrere Impulse gingen aber von Häusern unmittelbar um den Marktplatz herum aus. Der Tuchfabrikant Felder unterhielt am Markt eine Weberei, die durch "Tierkraft", also über einen Göpel mechanisch betrieben wurde. Wir wissen dies aus dem Grundstein seiner 1834 zwischen den Seen errichteten ersten mit Wasserkraft betriebenen Wollspinnerei, die seinen Betrieb am Marktplatz ablöste.

Zwei Brauereien hatten ihren Gründungsitz um den Marktplatz herum, so die von Carl Gottfried Dinkelaker, der 1829 an den Postplatz aussiedelte, wo die Schönbuch Braumanufaktur noch heute ihren Sitz hat. Im Haus Ecke Marktstraße/Marktgässle heiratete Philipp Zahn in die Brauerei Dilg ein, mit der er 1896 ebenfalls an den Postplatz Ecke Sindelfinger Straße/Stuttgarter Straße aussiedelte und dort enorm expandierte.

Das Haus neben dem Rathaus von 1832, das der Maurer Decker baute, wurde zum Ausgangspunkt gleich mehrerer Unternehmerzweige - Zweygart, Kriegbaum und Carl Krauß. Auch sie zwang ihre Expansion zur Aussiedlung nacheinander an die Poststraße, die Karlsstraße und die Bahnhofstraße.

Bedingt durch die Enge: Beginnender Zentralitätsverlust

Die Enge der Marktplatzsituation konnte sie nicht halten, so begann der Zentralitätsverlust, der sich später wiederholte, zuletzt als mit dem Kaufzentrum eine neue "Marktplatzmitte" entstand. Dies konnte auch der durch den Wiederaufbau erweiterte Platz nicht verhindern. Die Zerstörungen in der Bombennacht vom 7./8. Oktober 1943 erfassten die Altstadt bis zur rechten Hälfte der Marktplatzbebauung. Der Wiederaufbau wurde zur Neugestaltung genutzt, die auch dem Marktplatz ein neues Gesicht und doppelt soviel Raum gab. Die Hoffnungen, die damit verbunden wurden, erfüllten sich aber in den folgenden Jahrzehnten bis heute nicht.

Wo soll das neue Rathaus hin?

Als das neue Rathaus schon stand (1952) war der Wiederaufbau der Altstadt noch im vollen Gange. Interessant ist der geplante (aber nicht gebaute) Querbau, um den Markt nach Süden abzuschließen (Bild: Stadt Böblingen, Kläger).

Zunächst gab es zu Beginn des Wiederaufbaus eine Diskussion: Wo soll das neue Rathaus hin? Sollte man damit nicht die Altstadt verlassen und im "Tal" zu einer neuen Mitte ansetzen? Diese "Versuchung" wurde aber bald verworfen und mit dem heutigen Standort ein Bekenntnis zum Marktplatz als der historischen Mitte von Böblingen abgelegt. Der 1952 eingeweihte Neubau steht übrigens an der Stelle des ersten bekannten Rathauses.

Zu den Geschäften auf der von den Bomben verschonten nördlichen Hälfte kam nach dem Wiederaufbau auf der anderen Seite einige hinzu. Längst aber hatten sich der Zentralitätsverlust des Marktplatzes, beginnend schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, dadurch bemerkbar gemacht, dass sich attraktive Geschäfte und Betriebe in der Post- und der Stadtgrabenstraße sowie der Bahnhofstraße niederließen.

Mit dem Bau des Kaufzentrums und der Erweiterung durch das City Center hat sich Böblingen eine neue Marktmitte geschaffen und seine Position als Einkaufsstadt gestärkt. Musste sich die Böblinger Märkte in der mittelalterlichen Stadt ihr Umland mit dem den Sindelfinger Märkten teilen, steht Böblingen bis heute als Einkaufstadt in einer Konkurrenzsituation mit dem Nachbarn.

Lange hielt sich auf dem "alten" Marktplatz der Wochenmarkt und der Weihnachtsmarkt, bis sich auch diese schließlich neue Standorte suchten. Wenigstens einmal im Jahr, zur Zeit des Stadtfestes, füllen Besucher aus nah und fern den Marktplatz und frequentieren den angegliederten Jahrmarkt.

Den Marktplatz beleben: Die Hoffnung bleibt

Außenansicht des Vogtshauses am Böblinger Marktplatz um 2012 (Bild: Stadt Böblingen, Kläger).

Eine Belebung des Marktplatzes ist der Wunsch vieler Bürgerinnen und Bürger. Warum das so ist, hat eine lange Geschichte, der wir hier nachgegangen sind. Schließen wir uns zum Schluss einem Böblinger an, der vom Elbenplatz aus zu Fuß zum Postplatz will. Er überlegt sich, ob er seinen Weg über die Stadtgrabenstraße oder über die Poststraße nehmen soll. Mit nichts werden wir ihn dazu bewegen können, den direkten Weg, den Buckel hinauf über den Marktplatz, auf sich zu nehmen. Deshalb werden wir in Böblingen "das Kreuz mit dem Marktplatz" auch weiter tragen müssen. 
 
Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Erich Kläger für den interessanten und lebendigen Beitrag über Böblingens Marktplatz.



Foto:
Das Vogt Ströhlin Haus (heute Fleischermuseum) am oberen Marktplatz und die (zeitweilige) Stadtschreiberei daneben (Ecke Turmstraße) geben nach ihrer Renovierung dem Marktplatz heute sein Gesicht.

Die Hulb: Vom steinzeitlichen Jagdplatz zum Standort internationaler Spitzentechnologie

Hier befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit der Erfolgsgeschichte von Böblingens größtem Gewerbegebiet, der Hulb. (Stand: 2012, leichte Anpassungen 2026)

Eine Panoramaansicht der Hulb aus dem Jahr 2012 (Bild: Stadt Böblingen).

Der erstmals 1495 schriftlich nachweisbare Flurname lässt nicht auf ein wirtschaftlich nutzbares Gebiet schließen, denn er wird vom althochdeutschen Wort „huliwa“ bzw. dem mittelhochdeutschen „hülwe“ hergeleitet, die einen Sumpf oder eine Pfütze bezeichneten.

Dennoch ist die Hulb gewissermaßen das älteste Gewerbegebiet Böblingens

Einer der 1983 auf der Hulb gefundenen Mammutzähne (BIld: Stadtarchiv Böblingen, abgebildet in Jürgen Hald: Spuren der Vorgeschichte: Archäologische Forschungen in Böblingen, in: Vom Mammutzahn zum Mikrochip, Böblingen 2003, S. 25)

Schon in der Steinzeit erarbeiteten hier Menschen ihren Lebensunterhalt. Im Jahr 1983 stieß man nämlich bei den Bauarbeiten zur Erweiterung des IBM-Werks auf Stoßzähne und Knochen eines Mammuts sowie Skelettreste von Fellnashorn und Wildpferd - vor etwa 14.000 bis 16.000 Jahren waren sie von eiszeitlichen Jägern erlegt und fachgerecht zerlegt worden. Die Jäger der Altsteinzeit hatten an der von Mammuts und anderen Tieren häufig besuchten Stelle einen Jagd- und Zerlegungsplatz.

Später wurde, wie das Böblinger Lagerbuch von 1587 zeigt, die Hulb auch landwirtschaftlich genutzt. Es gab Wiesen und sogar Äcker. So besaß damals die Witwe Catharina Schimel einen kleinen Acker, auf dem Dinkel und Hafer wuchsen. Sie musste vom Ertrag ein Volumen von 36 Liter Getreide als Abgabe entrichten. Während damals das zwischen Böblingen und Dagersheim geteilte Gelände wie heute auch als „Hulb“ bezeichnet wurde, erscheint auf den Karten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch der Namen „Hülbe“.

Die Niedermoorflächen der Hulb enthielten Torf

Bis zu drei Meter mächtig waren diese Schichten. Im Jahr 1832 wurde mit dem Abbau begonnen. Rund eine Million "Wasen" genannte Torfziegel baute man Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich ab. Der Böblinger Torf diente zum einen als Heizmaterial und galt zugleich als ein vortreffliches Düngemittel für schwere Böden. 1850 gehörte das Torfvorkommen dem Chemieunternehmer Bonz und dem Stadtradt Schöck, später erwarb die Böblinger Zuckerfabrik das Torfgelände. Doch schon in den 1860er Jahren verlor der Torf als Brennmaterial an Bedeutung, weil die Steinkohle einen viel höheren Brennwert hatte. Es wurde damit eher ruhig auf der Hulb.

Ein Zeitsprung ins Jahr 1960: Die Erfolgsgeschichte beginnt

Angesichts des expandierenden Gewerbes in Böblingen gab es um 1960 Überlegungen, auf dem Böblinger Anteil der Hulb ein Gewerbegebiet zu errichten. Schon zuvor waren erste Schritte in diese Richtung unternommen worden, als die Stadt Böblingen 1956 mit dem Gutshof der Südzucker AG auch rund 50 Hektar Land im Bereich der Hulb erwarb. Das geplante Gewerbegebiet, zu dem neben dem Gebiet Hulb die Gewande Högen und Ried gehörten, sollte 36 Hektar umfassen. Im Jahr 1961 gab der Gemeinderat seine Zustimmung dazu und die Erfolgsgeschichte konnte beginnen. Die Vereinigung Böblingens mit Dagersheim gab dem Wachstum der Hulb einen zusätzlichen Anschub.

Das Gewerbegebiet ist für den Verkehr gut erschlossen, so existiert ein direkter Anschluss zur Autobahn A 81. Durch den am 5. Dezember 1992 eingeweihten gleichnamigen S-Bahnhof bekam das Gewerbegebiet den dringend benötigten Nahverkehrsanschluss.

Die Geschichte der Hulb verfügt aber auch über eine Facette, die nichts mit Arbeit und der Sorge für den Lebensunterhalt zu tun hat. Von 1958 bis 1972 hatte nämlich die Flugsportgruppe Hanns-Klemm auf der Hulb einen Landeplatz. Die dort veranstalteten Sportflugtage wurden zu einem regelrechten Zuschauermagnet für Böblinger und Gäste aus nah und fern.

Zeitsprung nach heute: Die Hulb ist ein breit aufgestelltes Gewerbegebiet

Das Gebiet wird durch Unternehmen des IT-Bereichs, die im Software-Zentrum Böblingen/Sindelfingen e.V. zusammengeschlossenen Firmen, Autozulieferer, Betriebe der Mess- und Regeltechnik und den Handel geprägt. Neben schwäbischen Mittelständlern wie der Böblinger Sanitärfirma Reisser sind zugleich Global Player wie die US-Technologieriesen HP (Hewlett-Packard) oder Agilent Technologies vertreten. Das ansässige Unternehmen Philips Medical ist sogar die Nummer zwei auf dem Weltmarkt für Medizintechnik.

Die im Gewerbegebiet angesiedelten Unternehmen, vorwiegend aus dem Bereich der Klein-und mittelständischen Betriebe, entwickelten Eigeninitiative. Etliche von ihnen schlossen sich 1995 in der Interessengemeinschaft Hulb zusammen und veranstalteten im gleichen Jahr eine Leistungsschau, die „Hulb Open“. Sie wird seitdem jährlich i.d.R. im Frühjahr durchgeführt.

Der lange Weg zum Badevergnügen: Das Böblinger Freibad am Hexenbuckel und seine Geschichte

Ursprünglich gingen die Böblinger ihren Badefreuden am Oberen See nach. Dort gab es an der Einmündung des Murkenbachs in den See ein Badehaus. Das Wasser war dort tief genug, um schwimmen zu können. Die Probleme begannen 1892, als etwas oberhalb am Murkenbach das Wasserwerk eröffnet wurde. Jetzt floss das Wasser des Bachs nicht mehr so reichlich. Der Obere See war nicht mehr als Badesee geeignet und Böblingen hatte ein Problem. (Verfasser: Christoph Florian, Stand: 2013, leichte Veränderungen 2026).

Das Schwimm-/Freibadproblem wurde zum Dauerthema der Kommunalpolitik

Planungsentwurf des Freibads in der Stuttgarter Straße aus dem Jahr 1938 neben dem bestehenden Sportplatz, gefertigt vom Stadtbauamt Böblingen (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 4/4 Nr. 21). 

Jeder Bürgermeister musste sich seitdem mit dem Thema auseinandersetzen. Zahlreiche Möglichkeiten wurden geprüft und ausprobiert. Immer wieder wurden neue Standorte geprüft und wieder verworfen.

Um 1910/1911 erwog der Gemeinderat, entweder den Ganssee oder die Berner Seen an der Schönaicher Straße (letztere dienten der Eisherstellung) zu einem Freibad umzuwandeln. Auch der Untere See geriet damals ins Blickfeld. Doch alle drei Optionen wurden verworfen, da zu wenig Quellwasser vorhanden und Leitungswasser zu knapp war. Der 1919 erwogene Vorschlag, im Zusammenhang mit dem gemeinsamen Gaswerk ein Volksbad zu errichten, wurde durch die Inflation (bis 1923) vereitelt. Mit dem Anschluss Böblingens an die Ammertal-Schönbuchgruppe 1926 bot sich die die Möglichkeit, ein durch Leitungswasser gespeistes Schwimmbad einzurichten. Als Standort kam die Umgebung des Wasserturms in Frage.

Andere Überlegungen (um 1932) gingen dahin, den alten Standort am Oberen See zu reaktivieren und im See selbst ein Freibad zu errichten. Eine weitere Überlegung betraf das Areal bei der damaligen Rohrmühle (heute Bundespolizeidirektion). Beide Projekte wurden verworfen, zum einen weil der Obere See in den Sommermonaten fast kein Frischwasser erhielt und zum anderen weil die Kosten für den Erwerb eines Grundstücks bei der Rohrmühle und die Baukosten mit 100.000 Reichsmark zu hoch waren.

Schließlich versuchte man es doch am Oberen See

Entwurf des Sportgebäudes

1934 hob der Reichsarbeitsdienst eine Grube für ein Bad aus, das sein Wasser durch eine kleine Quelle, dem Grundwasser einer Lehmgrube sowie aus einem nahgelegenen Leitungsstrang erhalten sollte. Mit 32.000 Reichsmark Kosten war das Projekt günstig. Doch die trotz Sicherung einstürzenden Wände begruben im gleichen Jahr im wahrsten Sinne des Wortes das Vorhaben.

Ab etwa 1936 versuchte man zur Abwechslung in Zusammenarbeit mit Sindelfingen eine Lösung der Schwimmbadfrage zu erreichen. Als Standort wurde ein Gelände auf Sindelfinger Gemarkung am Goldbach unterhalb des Goldbergs anvisiert. Die Kosten hätten 120.000 Reichsmark betragen. Favorisiert wurde dieses Vorhaben von Bürgermeister Georg Kraut. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP Karl Haas, der zugleich Beigeordneter war, unterstützte ihn zunächst durch „Bearbeitung“ seiner Sindelfinger Parteigenossen, welche wiederum ihre zögernde Stadtverwaltung überzeugten. Doch dann kam es zu einer Wende. Auf einmal wollte die Böblinger Ortsgruppe nicht mehr. Die NSDAP und vor allem die beiden Beigeordneten Haas und Ruof zwangen Kraut, ein neues Konzept zu übernehmen.

Das von der Böblinger Ortsgruppe der NSDAP favorisierte Konzept sah einen Standort an der Stuttgarter Straße vor. Die dort vorhandenen Sportanlagen gehörten dem Turnverein Böblingen (später VfL) und sollten abgestimmt auf das Bad vergrößert werden. Das Gelände war ursprünglich Eigentum der Freien Turnerschaft Böblingen e.V. und wurde nach deren zwangsweiser Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 dem Turnverein Böblingen übertragen. Sommerliche Sportwettkämpfe sollten in der Sport- und Badeanlage gleichzeitig stattfinden. Die Kosten des Ganzen sollten ca. 500.000 DM betragen.

Die Argumente für die Standortwahl waren die Lage zwischen der Panzerkaserne und der Fliegerkaserne, die gute Verkehrserschließung durch die Stuttgarter Straße, welche Badegäste aus Stuttgart anlocken konnte sowie das Vorhandensein von Sportanlagen. Noch 1938 beschloss man, sich am Beispiel des Göppinger Schwimmbads zu orientieren und beauftragte den Stuttgarter Architekt Werner Gabriel mit der Planung.

Für Bürgermeister Kraut war der Schwimmbadstreit mit der NSDAP einer der 13 Punkte, die „mit einer geordneten Amtsführung“ unvereinbar waren. Zermürbt durch die ständigen Auseinandersetzungen mit der örtlichen Parteileitung trat er 1937 zurück.

Trotz Entschluss ging die Standortdiskussion munter weiter

Der Obere See

Das Luftkreiskommando 5 München (Luftwaffe) favorisierte den Standort am Goldbach, der verhältnismäßig nahe der Luftwaffenkaserne lag und lockte mit einer Subvention, indem es eine zehn Jahren vorauszuzahlende Benutzungsgebühr in Aussicht stellte.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte die Ausführung des Vorhabens. Das Landesarbeitsamt Südwestdeutschland gab in Hinblick auf die schwierige Rohstofflage, allein für den Tiefbau wurden 12,9 Tonnen Baueisen benötigt, das Vorhaben nicht frei.

Unterdessen stillten die Böblinger auf unterschiedliche Weise ihr Badebedürfnis. Seit 1930 gab es beim heutigen Waldheim ein kleines Badebecken (8 mal 16 Meter), das der Böblinger Natur- und Luftbadeverein 1930 erbaut hatte. Die Böblinger Jugend hatte sich selbst beholfen und um 1933 eine Lehmgrube der Dampfziegelei, auch Ziegeleisee genannt (heute Bereich Mönchweg), in Beschlag genommen. 1939 wurde allerdings der Ziegeleisee gesperrt. Als Ersatz diente ab 1940 vermutlich der mittlere der Berner Eisseen, der zu einer „behelfsmäßigen Badegelegenheit“ ausgebaut wurde. Allerdings handelte es sich mehr um ein Nichtschwimmerbad, denn die Eisseen waren von geringer Tiefe. Weil viele Böblinger mittlerweile auch ein Fahrrad hatten, wurden nun öfters die modernen Bäder in der Umgebung (Herrenberg, Hildrizhausen, Vaihingen) besucht.

Ein Rutengänger schaltet sich ein

Der Obere See spielte eine wichtige Rolle bei der Suche nach einem Freibad.

Nachdem die Realisierung des Freibads vorerst zu den Akten gelegt wurde, meldete sich ein Rutengänger namens Friedrich Breitling und bot seine Dienste an. Er schlug das Maurener Täle (bei Holzgerlingen) vor, es gäbe dort „Wald Wiesen Ruhe ohne Staub“ und - offenbar hatte er seine Kunst schon angewandt - genügend Wasser. Die Böblinger Stadtverwaltung lehnte dankend ab.

Nach 15 Jahren Verzögerung wurde dann in den Jahren 1952/1953 das Freibad erbaut. Betreuender Architekt war Werner Gabriel, der nun endlich sein Projekt realisieren konnte. Die Kosten in Höhe von rund 450.000 DM wurden zu einem Viertel durch Spenden (110.000 DM) gedeckt. Am 1. August 1953 übergab Bürgermeister Wolfgang Brumme vom Fünf-Meter-Brett aus das lang ersehnte Bad seiner Bestimmung.

Das Bad und seine reizvolle Lage fanden allenthalben Anklang. Daher sollen die letzten Worte dieses Artikel dem Heimatdichter Friedrich E. Vogt gehören. Er schrieb: „Was lange währt, wird endlich wahr! Genau so gings auch hier, ihr Leute: Was wir jahrzehntelang erhofft, in vollem Glanz strahlt es heute: Ein Freibad, herrlich groß und schön, gefüllt mit klarem Himmelstau: Drin spiegelt sich der Sonne Strahl, der Wolken Glanz, des Äthers Blau..“

Kleindenkmale in Böblingen

- Zeugnisse der Vergangenheit

Ende letzten Jahres wurden in der Reihe „EinBlick in die Stadtgeschichte“ schon einige Dagersheimer Kleindenkmale vorgestellt. In dieser Veröffentlichung sind jetzt Kleindenkmale aus der Kernstadt Böblingen an der Reihe.

Was unter Kleindenkmalen zu verstehen ist, wurde vom Landesamt für Denkmalpflege definiert: „Im Allgemeinen werden darunter ortsfeste, freistehende, kleine, von Menschenhand geschaffene Gebilde aus Stein, Metall oder Holz verstanden, die einem bestimmten Zweck dienten bzw. dienen oder an eine Begebenheit bzw. an Personen erinnern.“ Unter diesen Begriff fallen Grenzsteine, Wegkreuze, Wirtshausschilder, ja sogar Bänke oder Brunnen. Zum Schutz dieser Zeugen der Vergangenheit ist es notwendig, sie zu kennen. Deshalb führt das Landesdenkmalamt in Zusammenarbeit mit den Landkreisen Projekte zur Erfassung und Dokumentation von Kleindenkmalen durch.

Gedenkstein für Friedrich Schiller (1905)
Tafel 30 Jahre Städtepartnerschaft mit Bergama (1997)
Grenzstein auf der Flur Mönchbrunnen (mit Gegenstück)

Auf der Suche

Solch ein Vorhaben wurde auch im Landkreis Böblingen durchgeführt. Es startete im November 2013. Das Vorhaben basierte auf ehrenamtlicher Mitarbeit. Eine Schar von über 120 heimatgeschichtlich Interessierten machte mit. Sie suchten, erfassten, fotografierten und kartierten in mühevoller Arbeit zahlreiche Zeugen der Geschichte. Da die Kleindenkmale oft sehr versteckt sind, mussten sie bei Wind und Wetter die Felder und Wälder durchstreifen. Als das Projekt Ende 2015 abgeschlossen war, hatte man eine große Anzahl von Kleindenkmalen erfasst. Koordiniert und betreut wurde die Arbeit von Dr. Helga Hager und Pamela Ruckhaberle vom Kreisarchiv.
 
Auch die Gemarkung der Kernstadt Böblingen wurde durchforstet und untersucht. Wie in den anderen Orten des Landkreises ging hier ohne bürgerschaftliches Engagement nichts. Die Last der Arbeit lastete dabei fast vollständig auf den Schultern von Peter Göbell. Er bearbeitete ein Gebiet, das knapp 34 Quadratkilometer umfasst. Peter Göbell erhielt dabei auch die Unterstützung von Johannes Rogala und Fritz Brezing und anderer Privatpersonen aber auch Einrichtungen wie der Stadt Böblingen. Und so wurden 164 Kleindenkmäler erfasst, von denen einige jetzt vorgestellt werden.
 
Um ein ganz klassisches Kleindenkmal handelt es sich bei dem Grenzstein auf der Flur Mönchsbrunnen. Er markiert die (auch heute noch gültige Gemeinde-)Grenze zwischen Böblingen und Sindelfingen. Der Stein wurde 1756 aufgestellt, wie eine angebrachte Jahreszahl angibt. Auf der nach Sindelfingen weisenden Seite des Steins ist eine Hirschstange angebracht. Dieses Symbol steht für die Herrschaft Württemberg und bezeichnet in diesem Fall das Böblinger Gemeindegebiet. Auf der anderen Seite in Richtung Böblingen ist ein Kreuz als Symbol für Sindelfingen (Fleckenzeichen) angebracht.
 
Ein recht junges Kleindenkmal ist die anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Böblingens mit Bergama im August 1997 aufgestellte Tafel. Aufgrund neuester politischer Entwicklungen hat ihre Botschaft der Städte- und Völkerfreundschaft ungeahnte Aktualität bekommen. Das Denkmal besteht aus einer Bronzetafel, die auf einem Granitsockel angebracht ist. Die Tafel hat eine Höhe von 25 und eine Breite von 40 Zentimeter. Der Standort befindet sich am westlichen Uferweg des Oberen Sees.
 

Furtbachbrunnen
Furtbachbrunnen
Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Kriegs (1879)

Schillers Hain

An den Dichter und Dramatiker Friedrich Schiller erinnert der Schillerhain-Stein an der Waldburgstraße beim Kreiskrankenhaus. Er wurde aus Anlass von Schillers hundertsten Todestags am 9. Mai 1905 in dem damals angelegten „Schillerhain“ aufgestellt. Beim Bau des Krankenhauses (1962-1967) wurde der Stein dann an seine jetzige Stelle versetzt.
 
Jüngeren Datums ist die vom Steinmetzmeister Hugo Krautter geschaffene Sonnenuhr an der Breslauer Straße bei der Akademie für Datenverarbeitung. Sie liegt exakt auf dem 9. Längengrad östlich von Greenwich, der sich durch Böblingen erstreckt. Auch sonst handelt es sich hier um ein gewichtiges Werk, wiegt doch der Granitblock zwei Tonnen. Auf dem Stein sind zwei Inschriften in lateinischer Sprache angebracht, die den Begriff Zeit thematisieren: „TEMPUS VINCIT OMNIA“ / „DIE ZEIT BESIEGT ALLES“ und „VERITAS TEMPORIS FILIA“ / „DIE WAHRHEIT IST DER ZEIT TOCHTER“.
 
Aus dem 19. Jahrhundert stammt das Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. Sein Standort ist der Alte Friedhof hinter der Aussegnungshalle. Es besteht aus einer Säule auf Fundament mit drei Tafeln. Die Inschrift lautet: „Den im Feldzug 1870-71 Gebliebenen gewidmet von der Stadtgemeinde.“ Es wurde am 20. Juli 1879 eingeweiht.
 
Ein originelles Denkmal findet sich bei der Ludwig-Uhland-Schule an der Galgenbergstraße. Es handelt sich um einen Brunnen, an dessen Rand ein steinerner Pelikan sitzt. Die Figur ist die von Karl Machner angefertigte Kopie eines von Fritz Melis geschaffenen Kunstwerks (1954), dessen Original sich in der Schule befindet.
 
Kleindenkmale können oft unspektakulär sein. So liegt der eher unscheinbare Furtbach-Brunnen in der Flur Baumgartenwand. Es handelt sich offenbar um einen ehemaligen Brunnen dessen Trog nicht mehr existiert, während der Brunnenstock (Wasserzulauf) jedoch noch vorhanden ist.
 
Manchmal sind nicht nur die einzelnen Kleindenkmale interessant, sondern auch das Zusammenspiel mehrerer. In der Flur Mönchsbrunnen z. B. verläuft die Gemeindegrenze durch einen kleinen Bach. Da man bei der Aufstellung 1924 keinen Stein in den Bach stellen wollte, weil er sonst im Schlamm versunken wäre, wurde jeweils ein Stein links und rechts (in gleicher Entfernung) vom Bach aufgestellt. Auf den beiden gegenüberliegenden Steinen sind Pfeile eingeritzt, deren Spitzen jeweils auf den anderen Stein verweisen. Die Mitte dieser durch Pfeile bezeichneten Strecke markiert dann die im Bach verlaufende Grenze. An der nach Böblingen gewandten Fläche ist als Sindelfinger Fleckenzeichen wieder ein Kreuz angebracht, während an der nach Sindelfingen gewandten Seiten diesmal jeweils ein sogenannter Dreilatz (Fahne auf dem Stadtwappen) als Böblinger Fleckenzeichen abgebildet ist.

Versunkener Stein
Grenzstein auf der Flur Mönchsbrunnen
Sonnenuhr an der Breslauer Straße

Der versunkene Stein

Wie dann ein versunkener Grenzstein aussieht, wird anhand eines Beispiels auf der Flur Berstlachbrücke bei der Römerstraße eindrücklich demonstriert. Dort ist ein alter Stein, der den städtischen vom staatlichen Wald abgrenzen sollte, ganz einfach im Erdreich versunken. Unmittelbar daneben hat man dann einen weiteren Stein aufgestellt, der aber auch schon ein beträchtliches Stück eingesunken ist. Wegen der beiden Steine mit gleicher Bedeutung spricht man auch von einer "Doppelversteinung".
 
Eher unspektakulär ist auch ein einfaches undatiertes Holzkreuz im Wald in der Flur Brand beim Glemsbachweg. Es wurde von der Evangelischen Kirchengemeinde aufgerichtet und noch Ende der 1980er Jahre wurden dort Gottesdienste abgehalten. Dieses Kleindenkmal zeugt von der prägenden Rolle der christlichen Religion, die sich auf unterschiedliche Weise auch im Landschaftsbild niedergeschlagen hat.
 
Ein Kleindenkmal als typisches Zeugnis der Zeitgeschichte ist das am 1. August 1954 bei der Schwabstraße 1 aufgestellte vom Bildhauer Walter Proft geschaffene Erinnerungs- und Ehrenmal für die Angehörigen der Panzer-Regiments 8, das einst in der Panzerkaserne stationiert war. Ebenso Zeuge seiner bzw. unserer Zeit ist schließlich das Friedensmahnmal von Alfred Zellner beim Waldfriedhof am Maurener Weg (2003). An drei mit einer Kette verbundenen Stelen sind jeweils die Symbole für die drei großen monotheistischen Religionen Kreuz (Christentum), Stern (Judentum) und Halbmond (Islam) angebracht. Auf der mittleren Stele steht: „MACHT! / FRIEDEN / GLEICHBERECHTIGT“. Der Appell zu Frieden und gegenseitigem Verständnis, der durch das Kleindenkmal und Kunstdenkmal ausgedrückt wird, verleiht ihm eine gewissermaßen zeitlose Aktualität.
 
Zusätzlich zur ganzen Kartierung hat Peter Göbell noch eine beeindruckende private Webseite erstellt. Auf ihr können die einzelnen Kleindenkmale recherchiert werden. Neben einer Grundkarte mit den eingezeichneten Objekten gibt es Informationen und Fotografien zu den einzelnen Denkmalen. Auffindbar ist die Webseite unter: http://www.denksteine-schoenbuch.de/GEMBB/. Die heimatgeschichtlich Interessierten kommen hier voll auf ihre Kosten. Zahlreiche Informationen zu den Kleindenkmälern des benachbarten Schönbuchs hält auch die Hauptseite bereit: „www.denksteine-schoenbuch.de“.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Peter Göbell für die Bereitstellung seines gesammelten Materials und die Erlaubnis, Abbildungen daraus abzudrucken.

Ein eiskaltes Vergnügen – die Berner Seen

Immer noch erfrischend kühl - das Gelände der "Berner Seen" im Winter 2013

In diesem Artikel befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit einem „erfrischenden“ Thema, nämlich den längst verschwundenen Berner Seen oder „Bernerschen Seen“, wie sie bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs auch genannt wurden, und ihren verschiedenen Funktionen als Eislieferanten und Freibad. (Stand: 2013)

Wenn im Zusammenhang mit Böblingen von Seen die Rede ist, sind meist der Obere und der Untere See gemeint. Ältere Böblinger kennen jedoch noch andere Seen, die es längst nicht mehr gibt. Diese als "Berner Seen" bezeichneten Gewässer waren keine Naturseen, sondern wurden von Menschenhand zum Zweck der Eisgewinnung geschaffen.

Der Hintergrund dafür war die sich seit etwa 1800 stark ausbreitende Nutzung von Natureis. Die für die wachsenden Städte benötigten Lebensmittel mussten laut dem Artikel "Eiswerk" in Wikipedia beim Transport und bei der Lagerung gekühlt werden. Weil es noch keine Kältemaschinen gab, verwendete man eben Natureis. Im Winter wurde das Eis Gewässern entnommen und an Abnehmer wie Gaststätten oder Brauereien ausgeliefert.

Die Seen in Böblingen wurden von der Stuttgarter Firma „Eiswerke Berner“ angelegt

Das Unternehmen ließ 1877 im Bereich des heutigen Baumovals drei hintereinander liegende Teiche oder Seen graben. Im Sommer lagen die Seen trocken, erst ab Herbst wurden sie üblicherweise mit Wasser gefüllt. Ihr Wasser erhielten sie aus einer privaten Quelle der Firma sowie aus dem Furtgraben (heute Langgraben) und dem Murkenbach.

Über die Größe der Seen ist man recht genau informiert. Der obere See hatte eine Fläche von 2.410 m2, der mittlere See eine Fläche von 5.330 m2 und der untere See einen Flächengehalt von 10.000 m2. Zusammen also 17.740 m2 oder rund eineinhalb Hektar.

"Berner Seen" - Lageplan von 1916

Der obere „Eissee“, wie es in einer Beschreibung von 1914 heißt, bekam sein Wasser über Röhren  von der firmeneigenen Quelle und vom Furtgraben. Der obere See war mit dem mittleren See und dieser wiederum mit dem unteren See gleichfalls durch Röhren verbunden, wobei letzterer zusätzlich Wasser vom Murkenbach erhielt.

Wenn das Eis im Winter die gewünschte Beschaffenheit bekommen hatte, fing man mit dem „eisen“ an. Mit der Spitzhacke wurde das Eis heraus gebrochen. Das nachfließende Wasser füllte dann die in den Seen entstandenen Lücken und es bildete sich neues Eis. In den 1930er Jahren führte ein Herr Eisele zusammen mit zwei Mitarbeitern diese Arbeiten durch.

Das gebrochene Eis wurde in Eiskeller in der Schönaicher Straße gebracht

Die Firma Berner besaß einen Gebäudekomplex auf beiden Seiten der Schönaicher Straße im Bereich der Hausnummern 11, 13, 15 und 18. Im Jahr 1938 gehörten neben zwei Wohnhäusern auch drei Eiskeller mit der Gesamtfläche von 598 m2 dazu, wobei der größte beeindruckende 294 m2 umfasste. In den Gebäuden Nr. 15 und 18 gab es dann jeweils zum Transport des Eises einen sogenannten Eisaufzug.

Als in den 1930er Jahren die Natureisherstellung unbedeutend wurde, verlor das Unternehmen das Interesse an seinen Böblinger Standort. Es verkaufte daher im Dezember 1938 die Gebäude und Grundstücke an der Schönaicher Straße für die Summe von 56.000 Reichsmark an die Stadt Böblingen. Der von der Firma Berner gewünschte Verkauf der Seen an die Stadt kam nicht zu Stande.

Für die funktionslos gewordenen Seen fand sich bald ein anderer Zweck

Nachdem die Bemühungen der Stadt Böblingen, am Oberen See ein Freibad einzurichten, gescheitert waren, wurden die "Berner Seen" als Ersatz herangezogen. Daher wurde 1940 vermutlich der mittlere See zu einer „behelfsmässigen Badegelegenheit“ umgebaut. Über eine Wasserröhre wurde zusätzliches Wasser herangeführt. Für die Besucher legte man eine Zufahrt an. Da das Wasser des neuen Freibads nicht sehr tief war, konnten auch Nichtschwimmer ohne Furcht ins kühle Nass springen.

Damit alles seine richtige Ordnung hatte, entschied am 19. Juli 1940, nach der Beratung mit den Ratsherrn Bürgermeister Röhm - das Abstimmungsrecht der Gemeinderäte war in der nationalsozialistischen Gemeindeverfassung abgeschafft - einen „Auskleideraum für die Mädchen“ errichten zu lassen. Auch sollte der „Spiel- und Liegeplatz“ eingeschrankt werden.

Für jedes Jahr musste der See für den Badebetrieb neu hergerichtet werden, indem man große Steine entfernte, die Abschrankung in Ordnung brachte und Sand einbrachte. Auch noch nach dem Krieg wurde der See als Freibad benutzt.

1951 gab es einen Vorfall, der die Polizei auf den Plan rief

Durch unbekannte Hand waren die Seen geöffnet worden und einige Fische verendeten. Schnell wurde der Verursacher ausfindig gemacht, doch zugleich stellte sich heraus, dass er das Recht zur Seenöffnung gehabt hatte. Der Tod der Fische blieb so ungesühnt.

Schließlich kaufte die Stadt Böblingen im Jahr 1952 das sich noch im Besitz der Firma Berner befindliche Gelände mit den "Berner Seen". Die Seen wurden aufgefüllt und der 1958 in Betrieb genommene städtische Schlachthof darauf errichtet.

Dies war nicht das Ende der bewegten Geschichte des Areals

Im Zuge der Arbeiten zur Landesgartenschau 1996 wurde der Schlachthof abgerissen, der Platz stattdessen mit 360 Pappeln bepflanzt und somit wieder der Natur zurückgegeben. Dies war die Geburtsstunde des heutigen Baumovals. Neben seiner Funktion als Festgelände dient das Oval - wie einst der Badesee – auch als Freizeitgelände.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Dorrit Halverscheidt, für die freundlich zur Verfügung gestellten Informationen für diesen Artikel.

Böblingens „Zauberberg“

Das Sanatorium am Herdweg und seine Geschichte

In dieser Jahreszeit, in der wieder einmal Erkältung und Grippe grassieren, soll an eine gefährliche Krankheit erinnert werden, die im Lauf der Zeit aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit entschwunden ist. Es handelt sich um Tuberkulose. Deshalb beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian in diesem Artikel mit dem Sanatorium am Herdweg, das der Bekämpfung dieser Krankheit seine Entstehung verdankte. (Stand: 2013, leichte Anpassungen 2026)

Quelle aller Abbildungen: Werbebroschüre, zwischen 1901 und 1910 erschienen

Das Sanatorium in Böblingen auf einer historischen Postkarte (BIld: Stadtarchiv Böblingen).

Tuberkulose ist ein vielgestaltiger bakterieller Infekt, der sich u.a. durch Tröpfcheninfektion überträgt. Beim Menschen können unterschiedliche Organe davon befallen werden. Die bekannteste und häufigste Erscheinungsform ist die Lungentuberkulose. Wenn bei Infizierten die Krankheit ausbricht – was bei einem Viertel oder Drittel der Betroffenen vorkommt – kann sie tödlich enden. War man zunächst hilflos, so konnte durch medizinische Fortschritte in der Erkennung (Röntgen) und Behandlung (Antibiotika) sowie hygienische und sozialpolitische Maßnahmen im Verlauf des 20. Jahrhunderts die Krankheit bei uns immer stärker eingedämmt werden. Die Tuberkulose galt in den 1970er Jahren in Deutschland beinahe als ausgerottet und es gibt auch heute noch trotz steigender Zahlen verhältnismäßig wenig Krankheitsfälle. Hingegen ist weltweit gesehen die Tuberkulose in ihren vielfältigen Erscheinungsformen eine sehr häufige Todesursache.

Die Krankheit hatte im 18. Jahrhundert eine gewissermaßen romantische Aura

Das Lese- und Schreibzimmer im Sanatorium, abgebildet in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Nicht zuletzt aufgrund der Unkenntnis wurde die Schwindsucht als „Seelenerkrankung“ oder als Folge der psychischen Sensibilität ihrer Opfer betrachtet und gewissermaßen ästhetisiert. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Tuberkulose ihre mystische Aura und wurde in der öffentlichen Meinung zur „Krankheit der Randgruppen“. In der Kunst und Literatur hielt sich die Betrachtungsweise hingegen noch länger, in den Romanen des 19. Jahrhunderts wie z.B. Alexandre Dumas' "Kameliendame" oder Verdis Oper „La Traviata“ wurde die Schwindsucht als Krankheit der „Liebenden“ und „Bohemiens“ gedeutet. Der Titel dieses Beitrags nimmt deswegen Bezug auf die berühmteste literarische Verarbeitung dieser Krankheit, nämlich Thomas Manns 1924 erschienener gleichnamigen Roman.

Sanatorien dienten der Bekämpfung

Teile der oberen Liegehalle und West-Veranda, abgebildet in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Eine wichtige Maßnahme zur Bekämpfung der Krankheit war die Einrichtung von speziellen Heilanstalten (Sanatorien), in denen die Kranken gezielt therapiert werden konnten. In Böblingen kam dabei die luxuriöse Variante zum Zug. Denn 1900/1901 ließ der Arzt Dr. Carlos Kraemer am heutigen Herdweg 163 ein recht nobles Sanatorium errichten. Geprägt wurde die Einrichtung dann von seinem Nachfolger Dr. Thomas Brühl (1868 bis 1948), der das Sanatorium 1911 erwarb. 1915 wurde dann noch das Arzthaus als Personalwohnhaus errichtet.

Böblingen punktet mit guter Luft

Entscheidend für die Auswahl der Örtlichkeit war die gute Luft gewesen. Laut dem Werbeprospekt Kraemers zeichnete sich die 510 Meter über dem Meerespiegel gelegene Stelle durch mildes und trockenes Klima aus. Auch war das Sanatorium aufgrund Böblingens Zugverbindung gut erreichbar, zugleich aber ruhig in Waldnähe gelegen. Hervorgehoben wurde in dem Prospekt auch die Aussicht „auf das Wiesthal mit der malerisch gelegenen Stadt Böblingen“.

Der Speisesaal, abgebildet in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Das Haus, welches 45 Patienten aufnehmen konnte, war technisch gesehen auf der Höhe der Zeit. Es gab eine Niederdruckdampfheizung, die auch die Toiletten beheizte, elektrisches Licht und sogar einen elektrischen Aufzug über drei Stockwerke. Das Sanatorium spezialisierte sich auf Tuberkulose-Patienten, bei denen neben der Lunge weitere Organe befallen waren. Schwer Lungenkranke wurden nicht aufgenommen, um die anderen Patienten nicht abzuschrecken. Eine Besonderheit war die Kinderstation.

Ohne sie lief nichts - Eine Krankenschwester im Operationssaal, abgebildet in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Die Arbeit der Ärzte

Das Sanatorium verstand sich als Kurklinik und als chirurgische Klinik. Dr. Carlos Krämer legte kurz nach Eröffnung der Klinik im Jahr 1901 in einem Fachblatt seine Methoden dar. Auch wenn er die Einrichtung als „Sanatorium für chirurgische Tuberculose“ bezeichnete, hatten für ihn konservative Therapien größtes Gewicht. Denn bei chirurgischen Maßnahmen („locale Behandlung“) konnte oft nicht sämtliches befallenes Gewebe entfernt werden. Hier setzte Krämers Behandlungskonzept an. Durch verschiedenste konservative Maßnahmen sollten die von Tuberkulose befallenen Organe geheilt werden. Dies geschah durch die Stärkung der Selbstheilungskräfte, so dass der Organismus selbst mit den Erregern fertig werden konnte. Krämer verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz und schrieb in diesem Zusammenhang auch von der „Dauerheilung des ganzen Körpers“.

Jeden Tag an der guten Böblinger Luft

Flanieren auf dem Senatoriumsgelände, Abbildung in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Die gute Böblinger Luft hatte dabei einen zentralen Stellenwert, die Patienten sollten sich möglichst jeden Tag an der frischen Luft aufhalten. Als Anwendungen wurden angeboten: Sonnenkuren (Krämer verwendete dafür das Wort „Besonnung“), Solbäder und „hydrotherapeutische“ Maßnahmen (Wasseranwendungen). Im begrenzten Maß wurden auch chirurgische Maßnahmen durchgeführt. Das Sanatorium war daher in erster Linie eine Kureinrichtung. Als Vorzug seiner Methode sah Krämer die Kombination und räumliche Einheit von lokaler Behandlung (chirurgische Maßnahmen) und Allgemeinbehandlung (Kur, Reha).

Als Dr. Thomas Brühl die Leitung des Hauses 1911 übernahm, führte er bei dem offenbar etwas in die Jahre gekommenen Betrieb neben baulichen Verbesserungen auch Maßnahmen zur Imageverbesserung durch und ließ die Einrichtung in „Sanatorium Schönbuch“ umtaufen. Durch Ergänzung des Diagnose- und Therapieinstrumentariums u.a. mittels Einbau eines Röntgenapparats bekam die Einrichtung den Charakter einer „modernen Lungenheilanstalt“.

Ein wenig Sport gehörte auch zur Therapie - z.B. auf dem Croquetplatz. Abbildung in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Brühl veröffentlichte eine Statistik des Zeitraums 1911/12, welche die Patienten mit längerer Aufenthaltszeit beinhaltete. In seinem Bericht vermied er ausdrücklich den Begriff Heilung, sondern schrieb von Besserung. Im Berichtszeitraum gab es 82 Patienten mit längerer Verweildauer, bei 22 (26,8%) von diesen hatte sich der Gesundheitszustand sehr gebessert, bei 39 (47,5%) gebessert, bei neun (10,9%) war er gleich geblieben, bei sechs (7,3%) hatte er sich verschlechtert und ebenso viele (7,3%) Patienten waren gestorben. Die mittlere Kurdauer betrug 100,8 Tage! Ambulante Kuren für Tuberkulosekranke sah Brühl kritisch und vermerkte wohl nicht zu Unrecht: „Die Kranken, speziell die Frauen, werden sich gewissen Forderungen des heimischen Millieus nie so vollkommen entziehen können, wie es wünschenswert ist.“

Als reine Privatklinik zielte das Sanatorium auf ein gehobenes Klientel

Patientenbett vor schönem Panorama, Abbildung in der Werbebroschüre des frühen 20. Jahrhunderts (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Die dem Artikel beigefügten Bilder entstammen einer Werbebroschüre aus der Zeit zwischen 1901 und 1910 und spiegeln das edle Ambiente des Hauses wieder. Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen im Ersten Weltkrieg musste man dann offenbar bescheidener werden und warb mit „mittleren Preisen“.

Nach dem Krieg hörten die wirtschaftlichen Probleme nicht auf. Während des Höhepunkts der Inflation in Deutschland um 1922/1923 konnte das Sanatorium nur durch die Devisen der ausländischen Gäste überleben. Die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre versetzte dem Privatbetrieb dann den Todesstoß. 1928 musste Brühl das Sanatorium an den „Landesverband zur Bekämpfung der Tuberkulose“ verkaufen. Doch beschäftigte der Landesverband den erfahrenen Arzt und Klinikmanager, der sich aufopferungsvoll um das Haus gekümmert hatte, als angestellten Direktor weiter. Weil Brühl nach den späteren Angaben seiner Tochter nicht der NSDAP beitreten wollte, wurde er 1934 schließlich entlassen. Über das Personal gibt es im Stadtarchiv kaum Informationen - auf jeden Fall wohnten 1931 die Ärzte Dr. Brühl und Dr. Fritz Ebstein sowie eine Buchhalterin und ein „Krankenwärter“ im Sanatorium.

Im Krieg diente das Sanatorium als Lazarett für erkrankte Soldaten

Die Kreiszeitung berichtete am 2. August 1940 von einem Besuch der NSDAP-Kreisleitung. 1943 übernahm die Landesversicherungsanstalt Württemberg (LVA) das Haus und führte es bis 1969 als Tuberkulose-Sanatorium. Als es immer weniger Tuberkulosekranke gab, wurde 1973 im ehemaligen Sanatorium die „Zentralküche Schönbuch GmbH“, eine hundertprozentige Tochter der LVA, eingerichtet, welche die LVA-Krankenhäuser zentral mit Essen versorgte. Wie die Kreiszeitung in einem Artikel aus dem Jahr 1990 berichtete, wurden nun im alten OP-Saal „geschälte Tomaten und echt schwäbische Eierspätzle“ gelagert, während man in der ehemaligen Liegehalle die Wäsche aufhängte. Am 31. Dezember 1990 wurde dann auch die Zentralküche geschlossen.

1992 zog die Waldorfschule Böblingen in das ehemalige Sanatorium ein. Im gleichen Jahr fand auch der Waldorfkindergarten im ehemaligen Arzthaus eine Bleibe. Ursprünglich sollte das alte Sanatoriumsgebäude erhalten werden. Weil jedoch die Bausubstanz schlecht und der Gebäudezuschnitt für einen Schulbetrieb ungeeignet war, entschied man sich für den Abbruch und Neubau. Nachdem der erste Bauabschnitt vollendet war, wurde im April 1999 das alte Gebäude abgerissen. So zeugt nur noch das schöne Gebäude des Waldorfkindergartens von der vergangenen Pracht.

Bestattungskultur in Böblingen: Der Alte Friedhof, die Aussegnungshalle und deren Vorgänger

In diesem Einblick in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit den Böblinger Bestattungsplätzen und was wir über diese wissen. (Stand: 2016, leichte Anpassungen 2026)

Der heutige Alte Friedhof in Böblingen hat ungeachtet seines Namens schon einige Vorgänger gehabt. Dabei berühren sich in bemerkens­werter Weise ältere und jüngere Bestattungskulturen auf gleichem Ort.

Vorchristliche Bestattungskulturen

Aufnahme eines rekonstruierten Grabhügels auf dem Waldfriedhof im Jahr 2016

Die frühesten Nachweise von Bestattungskultur in Böblingen reichen in die Vorgeschichte zurück. Ausgerechnet im Bereich des jüngsten Böblinger Friedhofs, des Waldfriedhofs, auf der Flur Brand finden sich Relikte vorgeschichtlicher Gräber. In einer ersten Periode wurden in der mittleren Bronzezeit, also etwa 1600 bis 1200 vor Christi, Hügel­gräber errichtet. Die verbrannten Toten wurden damals mit Grab­beigaben beigesetzt und Grabhügel mit bis zu 13,5 Metern Durch­messer aufgeschüttet. Vielleicht waren sie auf einen alten, dem Schönbuchrand folgenden Weg ausgerichtet. In einer zweiten Periode errichtete man in der frühkeltischen Späthallstattzeit (600 bis 450 vor Christi) im großen Umfang Hügelgräber. Teilweise wurden dabei auch einige der alten bronzezeitlichen Hügel mitbenutzt.

Auch für die Alemannenzeit gibt es Hinweise auf einen Friedhof. Im Umkreis des städtischen Feierraums (Enge Gasse 10) wurden im Zeit­raum 1816 bis 1903 merowingerzeitliche Grabfunde entlang der Schafgasse und der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße) entdeckt. Vermutlich gehörten sie zu einem einzigen großen Reihengräberfeld. Die Funde wurden zwar nicht dokumentiert und sind verloren, doch lässt die Erwähnung eines Reitersporenpaars auf ein Kriegergrab des 7. Jahrhunderts schließen und liefert damit auch einen zeitlichen Anhaltspunkt. Bei einem anderen Grab deutet dort offenbar gefunde­nes Kriegsgerät auf ein weiteres Kriegergrab hin. Auch dieser Friedhof wurde unter dem Einfluss vorchristlicher Jenseitsvorstellungen an­gelegt. Man stellte sich das Leben nach dem Tode ähnlich kriegerisch wie das Leben im Diesseits vor.

Christliche Bestattungskultur

Denkmal auf dem Alten Friedhof für Gefallene des Ersten Weltkrieges.

Im Mittelalter wurde ein neuer Friedhof angelegt, der mit der Vorgängerkirche der Stadtkirche seinen Bezugspunkt hatte. Dieser 1537 schriftlich erwähnte Friedhof lag ursprünglich unmittelbar nördlich der Kirche, deren älteste Teile, mindestens in die Zeit um 1000 datie­ren. Das Kirchengebäude bot Raum, um von den Toten Abschied zu nehmen und ihrer zu gedenken. Aufgelassene Teile des Friedhofs wur­den durch die Vergrößerung der Kirche überbaut.

Im Spätmittelalter erfolgte aus Platzmangel die Anlage einer neuen Begräbnisstätte im Bereich der oberen Vorstadt. Sie befand sich genau auf der Stelle des heutigen Pestalozzischulhofs. Der Friedhof kehrte somit wieder zu seinen alten alemannischen Ursprüngen zurück. Und auch dieser Friedhof erhielt mit der Marienkapelle einen Ort der Besinnung und der Erinnerung. Die 1469 erwähnte Kapelle wurde auch als Gottesackerkirche bezeichnet. Das Patrozinium Sankt Maria war mit Bedacht auf ihre Funktion als Friedhofskapelle gewählt worden, galt doch Maria gemeinhin als die Fürbitterin für die Sünder.

Aber auch dieser Friedhof wurde – trotz einer Erweiterung im Jahr 1787 –  zu klein und stieß endgültig an seine Grenzen. Weil eine Erweiterung nicht mehr möglich war, musste ein Platz weiter außerhalb der Stadt gewählt werden. Auf einer freien Stelle östlich der Vorstadt zwischen Herrschaftsgartenstraße und Herdweg wurde man fündig und legte 1835 abermals einen neuen Friedhof an. Am 25. März 1836 erfolgte dort die erste Beerdigung.

Nach Verlegung des Friedhofs benötigte man die Gottesackerkirche nicht mehr als Stätte des Gedächtnisses und sie wurde funktionslos. Daher profanierte man und nutzte sie u. a. als Turnhalle und als Lager­raum. In nationalsozialistischer Zeit wurde sie zu einem Feierraum umgebaut und nach der Zerstörung 1943 im Jahr 1952 wieder her­gestellt. Heute wird sie für Theater- und andere Kulturveranstaltungen genutzt.

Auch der Friedhof am Herdweg wurde durch das beständige Bevölke­rungswachstum zu klein und daher zu Beginn des 20. Jahrhundert um ein östliches Teilstück, den „Neuen Friedhof“, erweitert. Im Zusam­menhang mit der Erweiterung wurde die Errichtung einer Aus­segnungshalle beschlossen. Nach einem Entwurf des Stadtbau­meisters Gustav Eberle erfolgte dann vom Mai 1912 bis November 1913 der Bau der Kapelle mit Leichenhaus. Die Einweihung erfolgte am 25. November 1913. Der Bau wurde so ausgeführt, dass bei Bedarf ein späterer Einbau von Öfen möglich gewesen wäre, welche Feuerbestat­tungen ermöglicht hätten.

Bei der Aussegnungshalle handelt es sich um eine „monumentale, neoklassizistische Anlage.“ Deren Kern ist „der Hauptbau mit Ober­licht, an den sich die eingeschossigen Nebengebäude anschließen. Die Kapelle erhielt nach Osten eine segmentbogenförmige Apsis.“

Nach ihrer Fertigstellung wurde das neue Gebäude allseits gelobt. In der „Bauzeitung für Württemberg“ stand in der Ausgabe vom 15. Dezember 1914: „Die ganze Anlage ist großzügig und darf als schöne Leistung der Gemeinde Böblingen angesprochen werden. ... Die Formgebung am Aeußern und im Innern ist eine ruhige und bringt den notwendigen ernsten und würdigen Charakter voll zum Ausdruck.“

Nach dem Krieg wurde der Friedhof wieder einmal erweitert. Zunächst wurde in den Jahren 1951, 1957 und 1964 das Friedhofsgelände vergrößert. Weil trotz der Erweiterungen des Friedhofs am Herdweg vorauszusehen war, dass die Platzkapazität nicht ausreichte und keine weiteren Erweiterungsflächen mehr vorhanden waren, wurde schon 1960 mit Planun­gen zur Anlage eines neuen Friedhofs im Gebiet „Auf dem Wasen“ begonnen. Im September 1967 wurde dann die gleich­falls Waldfriedhof genannte neue Friedhofsanlage am Maurener Weg ihrer Bestimmung übergeben. Selbstverständlich verfügt auch der Waldfriedhof über ein Sakralgebäude.

Der Waldfriedhof zeichnet sich, wie schon der Name zeigt, durch einen überdurchschnittlichen Anteil an Grünflächen aus. Dadurch, dass ein Hügelgrab restauriert und in die neue Friedhofsanlage integriert wurde, greifen frühester und jüngster Böblinger Bestattungsplatz ineinander über.

Im Zeitraum 1999-2002 wurden der Alte Friedhof saniert, der älteste Teil des Friedhofs durch eine Mauer markiert, der Baumbestand gelichtet und neue Alleen angelegt.

Auf dem Alten Friedhof finden sich neben den Gräbern Böblinger Bürgerinnen und Bürger, darunter auch Opfer der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs, auch die Gräber von Kindern polnischer Zwangsarbeiterinnen, welche durch Unterernährung und ungenügende Erstversorgung gestorben sind. Ein Birkenhain weist auf die Gräber von elf überwiegend durch Luftangriffe zu Tode gekommenen russischen Kriegsgefangenen hin. Auf dem Friedhof finden sich außerdem die Ehrengräber der vier bei einer Flugvorführung am 18. September 1930 verunglückten Flieger Gustav Engwer, Leopold Hagenmeyer, Walter Spengler und Fritz Schindler.

„Grundlen, Pfellen“ - gestohlene Krebse:

Tierische Bewohner der Schwippe in der Vergangenheit

Planausschnitt entlang der Schwippe am Butzengraben mit Einzeichnung des Wehrs der vorderen Dagersheimer Markung aus dem Jahr 1910 (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Letztes Wochenende wurden im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts 10.000 befruchtete Forelleneier in die Schwippe eingebracht. Passend dazu beschäftigt sich Stadtarchivar Florian mit der Tierwelt der Schwippe im Flussabschnitt zwischen Sindelfingen und Dagersheim und deren geschichtliche Entwicklung. (Stand: 2014, leichte Anpassungen 2026)

Fische und andere tierische Flussbewohner sind wichtige Indikatoren für die Umweltbedingungen eines Ökosystems, wie es ein Fluss darstellt. So lässt sich anhand der Fische nicht nur Wirtschaftsgeschichte nachzeichnen sondern auch - und das ist sehr aktuell - Umweltgeschichte.

Das Schwippetal oberhalb Dagersheims bis Sindelfingen hatte vor hundert Jahren ein ganz anderes Aussehen als das heutige Erscheinungsbild. Doch spiegelte auch dieses keinesfalls den natürlichen Urzustand wider, vielmehr war es das Ergebnis eines massiven Eingriffs in die natürliche Landschaft spätestens im 13. Jahrhundert. Denn für dieses Jahrhundert ist erstmals eine Mühle an diesem Abschnitt des Schwippe nachweisbar (Riedmühle 1297, später Dagesheimer Mühlen 1435).

Mühlgräben

Mühlen wiederum benötigten Kanäle, um die Wasserkraft regulieren zu können. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde noch auf Sindelfinger Gemarkung von der Schwippe ein Seitenkanal (Oberer Mühlgraben) abgezweigt, auf höherem Niveau bis Dagersheim geführt und mündete dort unmittelbar nach der Hinteren Mühle (Bereich heutige Mühlgasse 22) wieder in die Schwippe ein. Er diente dem Betrieb der Hinteren Mühle in Dagersheim und der Riedmühle, die im Bereich des heutigen Betriebsgeländes von Daimler in etwa in der Höhe der Einmündung des Aischbachs in die Schwippe stand.

Ein weiterer Mühlkanal (Mittlerer Mühlgraben) wurde zwischen Oberen Mühlgraben und Schwippe bis Dagersheim geführt, wo sich die Kanäle vereinigten und in die Schwippe einmündeten. Dazu kamen Querverbindungen zwischen den Kanälen. Diese umfangreiche Veränderung wirkten sich auch auf die Tierwelt der Schwippe aus, doch dazu später mehr.

Was die Fischgeschichte betrifft, so gibt es für das 16. Jahrhundert erste historische Informationen. Nach einem Lagerbuch von 1523 war von der Stelle des schon damals nicht mehr existierenden Dorfs Altingen (bei Sindelfingens) bis oberhalb von Dagersheim und von unterhalb Dagersheims an bis zur Darmsheimer Gemarkung die Schwippe herrschaftliches Eigentum und (für den Fischfang) verpachtet. Der Pächter bezahlte jährlich dafür vier Pfund (also 960) Heller. Wie viele und was für Fische gefangen wurden, ist nicht überliefert.

Streit um die Fische

Um 1504 gab es Ärger, denn der Herzog Ulrich von Württemberg hatte das Gewässer an Ortsfremde verpachtet. Die Dagersheimer ließen sich das nicht gefallen und brachten den Herzog dazu, zu versprechen, ihnen den Vortritt bei der Verpachtung zu garantieren. Das Gewässer innerhalb des Ortes gab keinen Anlass zum Streit, denn es war nachweislich 1580 Eigentum der Gemeinde.

Erst für das 18. Jahrhundert finden sich Berichte, die uns wichtige Hinweise auf die Art Fische geben. Sie stammen aus der herzoglich württembergischen Verwaltung. Denn damals gehörten viele Seen, Bäche und Teiche dem Herzog und wurden von Seemeistern verwaltet. Aus deren Berichten stammten die ersten genaueren Hinweise auf Fischarten, darunter auch auf die in der Schwippe lebenden.

So heißt es dann in einem Bericht um 1730 über die obere Schwippe: „trägt Grundlen, Pfellen, und kleine Fischlen“. Damit werden erstmals in der Schwippe vorkommende Fischarten namentlich benannt. Bei den „Grundlen“ handelte es sich vermutlich um Schmerlen möglich sind aber auch Gründlinge, auf lateinisch „Gobio gobio“. Er ist, wie es auf Wikipedia so schön heißt, ein „gesellig lebender Karpfenfisch“.

Die Pfelle („Phoxinus laevis“), auch Elritze genannt, gehört ebenfalls zur Familie der Karpfenfische. Interessant auch hier der Eintrag in Wikipedia „Sie benötigt sauberes, klares und sauerstoffreiches Wasser [...]“. Die Schwippe war im 18. Jahrhundert also noch ein sauberes Gewässer. Bei den genannten Fischen handelt es sich um kleinere Arten, größere Arten wie z. B. Forellen waren damals offenbar seltener vorhanden.

Der obere Teil der Schwippe („dißs bachs, im Sündelfinger Thal“), welcher der Herrschaft Württemberg gehörte, war nicht verpachtet. Vielmehr diente er der „Raiger- und Entenbeitz“, also der Reiher- und Entenjagd.

Ein weiterer tierischer Bewohner der Schwippe benötigte ebenfalls sauberes Wasser, es handelte sich höchstwahrscheinlich um den Edelkrebs. Er gab sogar zeitweise dem Oberlauf der Schwippe einen Namen, wobei es sich möglicherweise nur um eine Funktionsbezeichnung und nicht um einen Eigennamen handelte. Denn 1736 heißt es dazu „der Krebsbach vom Hinterlinger See an biß gegen Dagersheim“.

Allerdings hatte es der „Astacus astacus“, so der wissenschaftliche Name, in seinem Biotop nicht leicht. 1725 waren 1000 Jungkrebse ausgesetzt worden. Denn man wollte etwas „rares auff die fürstliche Tafel liefern“ können. Vielleicht waren sie für Festlichkeiten auf dem Böblinger Schloss gedacht, das ja auch im 18. Jahrhundert immer wieder von den Herzögen besucht wurde. Offenbar war der Edelkrebs zumindest im Gebiet um Böblingen durch menschliches Tun schon damals selten.

Krebsdiebe

Doch als die Zeit gekommen war und man die Krebse wieder aus dem Bach herausholte, waren es - oh Schreck - nur 286 „zum verspeisen taugentlich“. Denn es hatten sich schon vorher verschiedene Personen mittels „freventlichen Diebstahl und Handanlegung“ aus dem Krebsbach bedient. Ganz oben auf der Liste standen zwei Männer aus der näheren Umgebung; man hatte sie im Gewässer „krebsend“ erwischt. Als Hilfsmittel hatten sie eineinhalb Leib „Brod“ bei sich gehabt. Wie viel sie gefangen hatten wird in den Quellen nicht genannt.

Doch sie waren nicht die einzigen. Ein Haffner, also Töpfer, aus Böblingen namens Vogel soll „sich öffters bedienet haben“ wie es so schön in der Quelle heißt. Auch der Riedmüller ließ sich nicht lange bitten und griff bei der schmackhaften Kost, die an seiner Küche vorbei schwamm, beherzt zu.

Dann gab es ein weiteres Problem, das Dagersheimer Mühlenwehr war zu hoch. Vermutlich wirkte sich der dadurch entstandene höhere Wasserpegel negativ auf die Krebspopulation aus. Hier zeigt sich, dass auch der Mühlenbau sich schädlich auf die Lebensbedingungen der Tierwelt eines Flusses auswirken konnte.

Die Herrschaft Württemberg gab wegen der durch Krebsdiebe verursachten Schäden die Eigenbewirtschaftung auf und verpachtete das Gewässer 1729 an einen Christian Reiff aus Sindelfingen. Doch auch er resignierte angesichts der „Excesse“, gemeint sind hier die Krebsdiebstähle, und gab 1735 den Krebsbach wieder an die Herrschaft zurück.

Jetzt ein Blick auf das 19. Jahrhundert. Professor Sieglin von der Landwirtschaftschule Hohenheim ist in seinem 1896 veröffentlichten Werk „Die Fischerei-Verhältnisse in Württemberg“ auch auf die Schwippe eingegangen. Zum Flussabschnitt auf Dagersheimer Gebiet gibt er keine Angaben. Doch dafür für den Sindelfinger und den Döffinger Abschnitt. Demnach gab es auf Sindelfinger Gemarkung Weißfische, Hechte, Aale, Forellen (Bachforellen) und Karpfen. Für Döffingen erwähnt er lediglich die Schleie und selten vorkommend die Forelle. Der Edelkrebs hatte sich auf dem Sindelfinger Abschnitte halten können und war auch – wenn auch selten – im Döffinger Teilstück nachweisbar.

Zum Sindelfinger Abschnitt merkt er noch an, dass am Ursprung der Schwippe, die so genannten Torfseen lägen, welche mit Edelfischen besetzt waren. Auch befand sich dort ein Brutapparat.

Umweltverschmutzung anno 1896

Interessant ist ein Hinweis der die gesamte Schwippe betraf. War im 18. Jahrhundert die Schwippe offenbar ein sauberes Gewässer, so sah es jetzt Ende des 19. Jahrhunderts anders aus. Nach Sieglin waren nämlich die „Abflüsse der Fabriken in Böblingen“ schädlich für die Fischerei.

Mit dem Hinweis, dass Thema "Wasserschutz" offensichtlich nicht ganz neu ist, schließt dieser Bericht über die schuppigen Gesellen und anderen tierischen Bewohner des alten Schwippetals.

Sauberkeit und Hygiene im alten Böblingen:

Die Badestube am Unteren Tor

In der vorliegenden Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit einem besonderen Kapitel der Böblinger Geschichte, nämlich der Körperpflege und der Rolle der Badestube dabei. (Stand: 2017, leichte Anpassungen 2026)

Wenn heute ein Fußgänger eiligen Schrittes an dem kleinen Grünstreifen an der Einmündung der Stadtgrabenstraße in die Wolfgang-Brumme-Allee entlangläuft, wird ein historischer Ort passiert, der einst eine wichtige Rolle im Alltag des alten Böblingen spielte. Hier stand einst die Badestube der kleinen Amtsstadt.

Ausschnitt des heutigen Elbenplatzes aus einem Böblinger Stadtplan aus dem Jahr 1879 (BIld: Stadtarchiv Böblingen).

Schlechte Luft in Böblingen

Doch warum gab es überhaupt eine solche Einrichtung? Der Grund lag im Bedürfnis nach einem Ort für die Körperpflege. Dies ist vor dem Hintergrund der schwierigen hygienischen Verhältnisse im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu sehen. In der kleinen Ackerbürgerstadt Böblingen teilten sich damals Mensch und Vieh den engen Lebensraum.
In den Gassen wuselten Hühner, Gänse, Schweine und Ziegen umher. Das Großvieh wurde zwar in den Sommermonaten auf die Weide getrieben; die Ställe jedoch lagen größtenteils in den Häusern. Die Beseitigung menschlicher und tierischer Ausscheidungen war unzureichend, es gab in der ganzen Stadt Misthaufen und oft hing ein übler Geruch in der Luft. Auch die Pflege der persönlichen Sauberkeit war schwierig. So sind erst im
19. Jahrhundert „Zwehlen“, schmale Tücher, die als Handtücher dienen konnten, in Haushalten einfacher Leute nachweisbar. Davor behalf man sich wohl mit alten Lappen oder Stoffresten. Schließlich gab es damals in den Häusern kein fließendes Wasser - es musste mühsam aus den Brunnen geschöpft und mit Eimern herbeigeschafft werden - oder gar ein Badezimmer.

Diese Zustände hatten oft schlimme Folgen. Immer wieder gab es durch die schlechten hygienischen Zustände mitverursachte Seuchenausbrüche, so 1635 als zahlreiche Menschen in Böblingen an einer unbekannten Seuche starben.

Zugleich gab es ein Bedürfnis nach Körperpflege und persönlicher Sauberkeit. Deshalb kamen in Mitteleuropa seit dem 12. Jahrhundert öffentliche Badestuben auf. Sie dienten der Körperreinigung aber auch der Gesundheitspflege. Denn Badeanwendungen konnten Teil einer medizinischen Anwendung sein, daneben wurden weitere medizinische Maßnahmen angeboten. Zugleich dienten sie nach der mittelalterlichen Meinung der Gesundheitsvorsorge. Denn im Mittelalter galten Schwitzbäder als ein Mittel gegen die Pest.

So bekam auch das mittelalterliche Böblingen seine Badestube. Sie lag außerhalb der Stadtmauer beim Unteren Tor. Zu welchem Zeitpunkt dies geschah, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Im Jahr 1437 ist sie auf jeden Fall erstmals nachweisbar. Am „S[ank]t Andreaßen tag, Anno Domini dreysßig und sibene“, also am 30. November 1437, verliehen nämlich die Grafen Ludwig I. und Ulrich V. von Württemberg die Böblinger Badestube an Hans Brügel als ein Erblehen. Brügel wurde damit gewissermaßen zum Mieter der Badestube. Jährlich musste er zu Sankt Martin, also am 11. November, der Herrschaft Württemberg zwei Pfund (bzw. 480) Heller - das waren Silbermünzen - und vier Gänse als (Miet-)zins entrichten. Zusätzlich bekam das Heilige von Böblingen (kommunales Stiftungsvermögen für kirchliche Zwecke), ein Pfund Heller. Schließlich erhielt die Frühmesse (kirchliche Stiftung zur Finanzierung einer Messe) 20 Heller. Der Bader war verpflichtet, die Badestube baulich Instand zu halten („in Ehren, guten und redlichen Baw, [zu] haben und halten“).

"Reiber'" und "Reiberin"

Bei dem Böblinger Bad handelte es sich zweifellos um ein Warmbad, wobei die Gäste in Holzbottichen saßen, vermutlich diente es auch als Schwitzbad. Aus dem 16. Jahrhundert ist eine Badestubenordnung überliefert, die uns einen genaueren Einblick in den dortigen Betrieb gibt. Danach war an zwei Tagen, an Donnerstag und Samstag, jeweils Badetag. Unterstützt wurde der Bader durch einen Reiber und eine Reiberin. Deren Berufsbezeichnung ist wörtlich zu nehmen. Sie hatten die Aufgabe, die Badegäste trockenzureiben.

Die Tarife waren einfach. Das Baden und „den Bart Truckhen zuescheren“ kosteten jeweils einen Pfennig, für das Schröpfen (Therapie durch Unterdruck auf der Haut) wurde jeweils ein Pfennig verlangt. Etwas teurer war der Aderlass oder sich einen „Zahn außzuebrechen“ lassen (jeweils 1 Kreuzer). Der Bader nahm also auch zahnmedizinische Aufgaben wahr. Das Bad war ein öffentlicher Ort für „reich und arm, heimisch und ußleüth“. Kinder hatten freien Zutritt, die Eltern mussten lediglich zu Weihnachten dem Bader einen Laib Brot geben. Und einmal im Jahr, nämlich am Fastnachtsdienstag, war „Freybad“ für alle, dann musste niemand „Badgelt“ zahlen.

Voraussetzung für einen Badebetrieb war die ausreichende Versorgung mit Wasser. Deshalb war in der Ordnung festgesetzt worden, dass der benachbarte Müller an den Badetagen nicht den Wasserzufluss zum Bad drosseln durfte. Zusätzlich wurde es auch von einer Schwefelquelle gespeist. Das Schwefelwasser führte man mittels Teichelrohre (Holzrohre) dem Bad zu. Ebenso unerlässlich war eine ausreichende Versorgung mit Holz zur Erhitzung des Wassers. Deshalb war für den Bader mit dem Besitz der Badestube das Recht verknüpft, im lichten Wald so viel liegendes Holz einzusammeln und zuzurichten, wie er benötigte.

Der freie Zutritt für Kinder, das "Freybad", das allgemeine Recht auf Zutritt und das Holzprivileg zeigen deutlich, dass das Bad für die Herrschaft nicht als eine bloße Einnahmequelle betrachtet wurde, sondern als Mittel einer öffentlichen Gesundheitspolitik aktiv gefördert wurde. Die angebotenen Badetage deuten auf einen Zusammenhang von körperlicher und spiritueller Reinigung hin, denn sie gingen jeweils den in christlicher Hinsicht bedeutendsten Wochentagen unmittelbar voraus (Freitag, Sonntag).

Der Herzog mit den ungewaschenen Haaren

Doch sollte die Zeit der Badestuben zu Ende gehen. Ab dem 15. Jahrhundert galten sie mehr und mehr als Brutstätte von Seuchen. Wasser wurde als unhygienisch angesehen und allenfalls Teilwaschungen angewendet (z. B. Hände), stattdessen versuchte man den Körper trocken abzureiben, zu pudern oder Gerüche mit Parfüm zu übertünchen. Dazu gibt es einen vielsagenden Tagebucheintrag Herzog Johanns von Württemberg, der im beginnenden 17. Jahrhundert schrieb: „Heute – den 24. Jänner - hab ich mir den Kopf waschen lassen, so in drei Jahren nicht geschehen, ist mir gar wohl bekommen.“ Dem mittelalterlichen Böblinger Badebesucher wäre so etwas niemals passiert.

Wie lange in Böblingen die Badestube noch bestand, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall gab es noch im Jahr 1664 einen Bader Namens Elias Graff. Die Oberamtsbeschreibung konnte dann für 1850 lediglich berichten, dass ein Gebäude "das Bad" genannt wurde. Ebenfalls im Gedächtnis war eine "anstelle des Bades errichtete oder mit ihm verbunden gewesene" Wirtschaft. In den 1870er-Jahren erinnerten sich noch ältere Leute an den sogenannten "Badwirths Carle". Spätestens mit der vollständigen Umgestaltung des Areals durch die Anlage der Stadtgrabenstraße und des Elbenplatzes um 1900 verschwanden die letzten möglicherweise vorhandenen baulichen Zeugnisse und die Badestube wurde endgültig zur Geschichte.

Die Unterstadt und ihre Geschichte

Von der Feldflur "under der Statt" zum urbanen Quartier

So modern die heutige Unterstadt ist, so hat doch auch sie eine geschichtliche Vergangenheit. Schon 1523 ist im Lagerbuch von einer Flur „under der Statt“ die Rede. Das Gebiet erstreckte sich unterhalb der ummauerten Stadt im Bereich zwischen der heutigen Bahnhofstraße und der Wolfgang-Brumme-Allee. Es bestand aus Äckern und Wiesen und war bis in das 19. Jahrhundert hinein praktisch unbesiedelt. Die Erweiterung der Stadt über ihre Mauern hinaus hatte sich bis dahin auf die untere Vorstadt im Bereich der Poststraße, der oberen Vorstadt im Bereich der heutigen Marktstraße und am Postplatz konzentriert. (Verfasser: Christoph Florian, Stand: 2012)

Blick vom Elbenplatz in die Bahnhofstraße im Jahr 2012 (Bild: Stadt Böblingen).

Geburtsstunde der heutigen Unterstadt war die Anbindung Böblingens an die Eisenbahn 1879

Nach heftigem Streit zwischen Böblingen und Sindelfingen hatte man sich geeinigt, den Bahnhof zwischen den Städten zu errichten. Aus topographischen Gründen musste dabei die Bahntrasse nördlich der Stadt durch sumpfiges Gelände am Mühlbach auf einem künstlichen Damm geführt werden. Der Bahnhof wurde genau dort angelegt, wo der künstliche Damm auf ebenes Gelände traf.

Der Bedeutung des Böblinger Bahnhofs wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger. Um 1900 war der Böblinger Bahnhof Umschlagplatz für jährlich rund 300.000 Reisende. Mit weiteren Bahnlinien nach Weil im Schönbuch (1910), nach Sindelfingen (1914), Renningen (1915) und Schönaich (1922) wurde Böblingen zu einem regionalen Eisenbahnknoten.

Im Areal zwischen Altstadt und neuem Bahnhof sollte sich dann die Unterstadt entwickeln. Deren heutiger rasterförmige Grundriss hatte dabei seine Ursache in der Ausrichtung der Straßen auf den neuen Bahnhof. Die direkte Verbindungslinie zwischen dem Unteren Tor als Ausgang der Altstadt und dem neuen Bahnhof wurde zur Bahnhofstraße, während die Talstraße parallel zu den Bahngleisen angelegt wurde. Die Karlstraße wiederum verband das Areal der Zuckerfabrik mit dem Bahnhof. Die Neue Sindelfinger Straße (heute Wolfgang-Brumme-Allee), welche die Verbindung vom Bahnhof nach Sindelfingen darstellte, wurde hingegen von der Böblinger Stadtkirche auf Sindelfingen bzw. auf den Turm der Martinskirche ausgerichtet. Schließlich gab es noch die (Alte) Sindelfinger Straße mit ihrem alten Verlauf, welche das neue Viertel nach Nordosten abschloss.

Zunächst bildete sich in den zwei Jahrzehnten bis 1900 beim Bahnhof eine Industrie- und Gewerbezone. Sie war das Ergebnis einer erfolgreichen städtischen Gewerbeansiedlungspolitik. Der bedeutendste Betrieb, der sich ansiedelte, war die Mechanische Trikotweberei Ludwig Maier & Co aus Stuttgart (1886). Mit ihrem 1912 erfundenen Hautana-Büstenhalter wurde sie Marktführerin. Ebenfalls von außerhalb stammte die Möbelfabrik Wilhelm Renz (1914). Anderen in Böblingen beheimateten Unternehmen wie die Schuhfabrik von Sauer und Wanner (1893) oder die Chemischen Fabrik Bonz (1878), welche den Narkoseäther entwickelte, konnten Areale im entstehenden Gewerbegebiet angeboten werden. Firmen wie die Strickwarenfabrik Lenz & Co. (1888) oder die Spielwarenfabrik Kindler und Briel (1895) hatten schließlich ihren Ursprung im Gewerbegebiet.

Um 1900 bot das Gewerbe- und Industriegebiet um den Bahnhof rund 1.000 Arbeitsplätze

In einem 1913 erschienenen „Fremdenführer“ heißt es: „Vom Hauptbahnhof wendet man sich durch die Bahnhofstraße nach Süden der Stadt zu, die größeren gewerblichen Etablissiments […] zur Rechten lassend.“ Prägend für den Baustil des geschäftigen Quartiers waren unverputzte Backsteinbauten. Natürlich hatte der Boom auch seine Kehrseiten und es gab soziale Probleme, so waren z.B. die Löhne in Böblingen Ende des 19. Jahrhunderts durchschnittlich um ein Drittel niedriger als in Stuttgart.

Die Überlegungen zur Gestaltung des Bereichs erschöpften sich nicht nur in der Anlage eines Gewerbegebiets. Der Abgeordnete Otto Elben machte sich frühzeitig Gedanken über die städtebauliche Ausgestaltung der künftigen Bahnhofstraße. Die Häuser sollten „in die richtige Linie gebaut“ werden „damit im Laufe der Jahre […] eine schöne Straße entstehe, mit der Stadt zu einem harmonischen Ganzen verbunden“. Eindrucksvoll zeigt der abgebildete Bebauungsplan von 1900/1903 wie weit die Planungen gingen.

Zwischen Bahnhof und Altstadt, Austraße und Sindelfinger Straße sollte das Geschäfts- und Gewerbequartier mit seinen vielen unbebauten Grundstücken zu einem vollgültigen Stadtviertel ausgebaut werden. Doch konnten die Planungsansätze nur allmählich realisiert werden, die Wohnbebauung blieb vorerst gering.

Ein weiterer Entwicklungsschub kündigte sich 1915/1916 mit der Anlage des Militärflughafens jenseits des Bahnhofs auf dem heutigen Flugfeld an. In dessen Nachfolge entstand der Landesflughafen Stuttgart-Böblingen (1925). Dadurch wurde Böblingens Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt noch gesteigert. In der Folge siedelte sich mit der Firma Leichtflugzeugbau Klemm (1926) ein weiterer Gewerbebetrieb an, dessen Produkte Weltruf erlangten. Das Gebiet der heutigen Unterstadt wiederum wurde als verbindendes Element zwischen Altstadt und den Verkehrsknotenpunkten und deren angelagerten Gewerbegebieten noch wichtiger.

Ab etwa 1960 begann sich der industriell geprägte Stadtteil zu wandeln. Immer stärker wurde das Gebiet vom großflächigen Einzelhandel und Dienstleistungsbetrieben geprägt. Ein Meilenstein bedeutete in diesem Zusammenhang die Eröffnung des Einkaufszentrums 1967. Der wachsende Verkehr erforderte allerdings neue Konzepte.

Ausschnitt aus dem Bebauungsplan aus dem Jahr 1900/1903 (BIld: Stadtarchiv Böblingen).

Eine dritte Entwicklungsphase setzte 1985 ein

Die durch den Wegzug von Industriebetrieben entstandenen Brachflächen wurden zu gemischten Quartieren mit Wohn- und Dienstleistungsnutzungen. Die Bebauung des Hautana-Geländes (1994) markierte diesen Wandel eindrücklich. Zugleich verlor der Einzelhandel seine dominierende Stellung im Verhältnis zum Umland.

In der Gegenwart hat eine neue Phase in der Geschichte der Unterstadt begonnen. Durch kommunale und private Baumaßnahmen wird die Unterstadt wieder eine attraktive Flanier- und Einkaufsmeile erhalten.

Von Wein, Wurfpfeilen und einem Wettbewerb: Die Diezenhalde und ihre Geschichte

Angesichts der durchgehend modernen Bebauung ist es schwer vorstellbar, dass die südlich des Zentrums gelegene Diezenhalde eine geschichtliche Vergangenheit hat. Ein Blick in alte Dokumente belehrt uns jedoch eines Besseren. (Verfasser: Christoph Florian, Stand: 2011, leichte Anpassungen 2026)

Die Diezenhalde – heute ein moderner Stadtteil. Ansicht eines Straßenzugs (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Forscht man nach dem ersten Nachweis des Namens, so stellt man nämlich erstaunt fest, dass der Flurname schon 1495, also noch im Mittelalter, in einem Lagerbuch des Amtes Böblingen auftaucht. Ein Lagerbuch ist ein Verzeichnis von Besitzungen, Einkünften und Rechten einer Herrschaft oder einer Verwaltungseinheit. Laut dem Lagerbuch besaß ein gewisser Michel Zyber drei Morgen und einen Jauchert – also ungefähr einen Hektar – Acker „uff der Dietzenhalden“ und musste dafür sieben Gulden jährlich Abgaben an die Herrschaft Württemberg bezahlen.



Der Name Diezen halde setzt sich aus zwei ursprünglichen Teilen zusammen.

Historischer Schriftzug im Lagerbuch von 1587 (Bild: Stadtarchiv Böblingen). 

Der erste Bestandsteil „Diezen-“ lässt sich auf eine Kurzform des Personennamens Dietrich zurückführen. Es wird wohl der Name eines frühen Besitzers gewesen sein. Mit „-halde“ wiederum wurden im Schwäbischen früher Hänge bezeichnet. Meist weist der Begriff auf Weinbau hin. Die Diezenhalde als Weinlage ist heute schwer vorstellbar, doch wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch auf weniger begünstigten Lagen Wein angebaut. So wird im Lagerbuch von 1495 tatsächlich auch ein „Wingart“, also ein Weingarten oder Wengert, auf der Flur Eckhartsloch genannt. Doch wurde nicht nur möglicherweise Weinbau auf der Diezenhalde betrieben, auch kriegerische Auseinandersetzungen ereigneten sich dort. So wurden 1849 auf der Diezenhalde zwei eiserne Wurfpfeile mit einem beeindruckenden Gewicht von jeweils zehn Pfund – also knapp fünf Kilogramm – gefunden. Solche Wurfpfeile warf man mittels einer Ballista. Dies war eine Art Riesenarmbrust. Der Gedanke liegt nah, dass diese Wurfpfeile etwas mit der Burg zu tun hatten, welche unweit der Diezenhalde auf der Flur „Alte Bürg“ vermutet wird. Hatten Belagerer der Burg Pfeile verloren? Wir wissen es nicht.

Über viele Jahrhunderte hinweg war Diezenhalde lediglich eine Geländebezeichnung.

Erwähnung der Diezenhalde im Lagerbuch von 1587. (Bild: Stadtarchiv Böblingen)

Bis in die jüngste Vergangenheit wurde der Boden dort vor allem landwirtschaftlich genutzt. Daneben baute man um 1850 am Fuß der Diezenhalde Keuperwerksteine ab. Damals war die Diezenhalde übrigens auch ein bedeutender Aussichtspunkt. Nach der Oberamtsbeschreibung von 1850 gewährte die Stadt mit ihren beiden Seen, von der Diezenhalde aus gesehen, eine sehr malerische Ansicht. Der große Umbruch kam Ende der 1960er Jahre. Das stetig wachsende Böblinger brauchte neuen Wohnraum. Es sollten – wie Oberbürgermeister Wolfgang Brumme 1969 im Gemeinderat ausführte – nicht wie in den 20 Jahren davor, Bebauungspläne für Teilgebiete erstellt werden, sondern die Planung für ein großes Gebiet. Nur so könnten öffentliche Einrichtungen festgelegt und Versorgungsleitungen und Straßenführungen richtig dimensioniert werden. Statt wie früher „Wald- und Wiesenplanungen“ zu betreiben, sollten nun Fachleute, wie z.B. Soziologen und Verkehrsplaner hinzugezogen werden.

Ein städtbaulicher Wettbewerb zur Gestaltung des zukünftigen Stadtteils wurde durchgeführt.

Das Ergebnis sah ein etwa 90 Hektar großes Neubaugebiet für etwa 15.000 Bewohner vor. Das neue Viertel sollte durch eine eigene Infrastruktur eine Stadt für sich bilden. Kennzeichnend für die Planungen waren ein durchgehender Grünzug und die Freiburger Allee als städtebauliches Rückgrat. Letztendlich kam es dann eine Nummer kleiner. Statt 15.000 leben heute etwa 9.000 Einwohner auf der Diezenhalde. Bis zur Vollendung des Stadtteils Diezenhalde sollte es über 30 Jahre dauern. Von Wein, Wurfpfeilen und einem Wettbewerb: Die Diezenhalde und ihre Geschichte Die Diezenhalde – heute ein moderner Stadtteil Erwähnung der Diezenhalde im Lagerbuch von 1587.