Zeit der Weltkriege

Einblick in die Stadtgeschichte 1923

links: Das alte Rathaus an der Marktstraße, erbaut ab 1829

Was geschah in Böblingen vor 100 Jahren? Dieser Einblick in die Stadtgeschichte blickt ins Jahr 1923. Ein kleiner, inhaltlich aber umso aufschlussreicher Bestand im Stadtarchiv ist hierzu nun für Ihre Recherchen erschlossen: Es sind die Unterlagen des ehemaligen SPD-Gemeinderats Gottlob Baisch aus den 1920er und beginnenden 1930er Jahren – mit einem letzten Blatt, dass es wahrhaftig in sich hat.

Gemeinderatsprotokolle – eine Quelle für lokalpolitische Entscheidungen
 
Um lokalpolitische Entscheidungen damals wie heute nachzuvollziehen, lohnt sich ein Blick in die Gemeinderatsprotokolle. Denn der demokratische Gemeinderat berät und entscheidet über die wichtigsten Angelegenheiten einer Stadt. Seit 1919 entstehen so auch die Niederschriften, die den Inhalt der regelmäßigen Sitzungen protokollieren. Vor 100 Jahren, 1923, tagte der Gemeinderat im Sitzungssaal des prächtigen Rathauses, das sich bis zu seiner Zerstörung 1943 noch an der Marktstraße befand. Vernichtet wurden im Zweiten Weltkrieg damit leider auch die Sitzungsprotokolle, die man Dachgeschoss des Rathauses aufbewahrte.
Umso wertvoller ist der Archivbestand von Gemeinderat Gottlob Baisch, der auch dazu beiträgt, die verbrannten Gemeinderatsprotokolle seit den 1920er Jahren zu rekonstruieren. Eine mühsame Kleinarbeit – die sich lohnt: Wir erhalten einen Einblick in die Entwicklung und den Verfall der Weimarer Demokratie in Böblingen bis in die Untiefen des Nationalsozialismus vor Ort. Denn Gottlob Baisch vertrat die SPD im Gemeinderat von 1919 bis 1933 – dem Jahr, als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde und mit seinem Machtapparat in kürzester Zeit den Rechtsstaat aushebelte.
 
Notgeld und Ruhrspende
 
Zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers, 1923, beschäftigen die inflationär steigenden Lebenshaltungskosten den Gemeinderat. Zwar existiert bereits eine nationalsozialistisch gesinnte Ortsgruppe (unter dem späteren württembergischen Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler), bei den beiden Reichstagswahlen 1924 ist die kommunistische Partei jedoch in Böblingen noch die stärkste Kraft. Auf der Tagesordnung des damaligen Gemeinderats stehen wertbeständige Löhne von Waldarbeitern und Stadttaglöhnern, die in Böblingen ihr Auskommen suchen. Sowohl die Verteilung von Lebensmittelbeihilfen, Holzgeldnachlässe als auch Notstandsdarlehen und die Beschäftigung der vielen Erwerbslosen diskutieren die Gemeinderäte (bis 1965 nur Männer), ebenso Lösungsansätze für die „Heimatnot“ (so bezeichnete man den fehlenden Wohnraum für die wachsende Stadtbevölkerung).
 
Auch die überregionale, tagesaktuelle Politik ist Thema in Böblingen: Frankreich marschiert Ende Januar 1923 wegen ausstehender Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg ins Ruhrgebiet ein. Die Besetzung des deutschen Zentrums der Schwerindustrie löst deutschlandweit einen Sturm der Entrüstung aus. Zusätzlich zum passiven Widerstand der Bevölkerung sammeln Gemeinden, Vereine und Kirchen solidarisch Spenden für das Ruhrgebiet. Auch Böblingen beteiligt sich, Gemeinderat Baisch kommentiert handschriftlich „100.000“.
 
Auch für die folgenden Jahre könnte man anhand von Baischs Unterlagen die städtischen Belange weiter beobachten. Blättert man jedoch ganz an den Schluss des Archivbestands, so merkt man auf: Äußerlich kommt das letzte Blatt schlicht, vergilt und mit Schreibmaschinenlettern daher. Der Text hat es allerdings in sich. Baisch legt hierin am 20. März 1933 sein Gemeinderatsmandat nieder. Er begründet: „Auf Grund der Bestimmungen des § 2 der Satzung des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer & Kriegshinterbliebenen: „Der Reichsbund ist parteilos & religiös neutral, er steht auf dem Boden der Reichsverfassung.“ und einer besonderen Erläuterung unserer Bundesleitung habe ich heute meinen Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei erklärt.“ Mit dem Parteiaustritt hatte er auch sein SPD-Gemeinderatsmandat niederzulegen. Wie ist das zu verstehen?
 
Die nationalsozialistische Gleichschaltung
 
Gottlob Carl Baisch, geboren am 13. März 1878, war zeitlebens ein politisch aktiver Mann. Der gelernte Malermeister leitete neben seiner Gemeinderatstätigkeit seit 1919 das Versorgungsamt (und nach dem Zweiten Weltkrieg das Arbeitsamt), zudem gehörte er zum Vorstand des 1929 gegründeten hiesigen Arbeiter-Flugsport-Verbandes. Aus dem Ersten Weltkrieg war Baisch als sogenannter Schwerbeschädigter zurückgekehrt, woraus sich seine Mitgliedschaft im oben angeführten Reichsbund der Kriegsbeschädigten ergab. Das war ein SPD-naher, sozialpolitischer Interessenverband, der sich für die Stärkung sozialer Rechte und die Versorgungsansprüche der Kriegsopfer einsetzte. Dessen vermeintliche politische Neutralität (und seine Auflösung kurz darauf) sollte die 1933 drohende politische Gleichschaltung verhindern, das heißt, die erzwungene Eingliederung in einen nationalsozialistischen Verband.
Wir erinnern uns, keine zwei Monate zuvor, mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler Ende Januar 1933, hatten die uniformierten Nationalsozialisten mit ihren Fackelzügen nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Reich eindrücklich ihre „nationale Erhebung“ zur Schau gestellt. Die Macht der Nationalsozialisten war auch in Böblingen mittlerweile so massiv zu spüren, dass Gottlob Baisch seinen Austritt aus einem (gleichgeschalteten) Gemeinderat einer erzwungenen Vereinnahmung durch NS-Funktionäre vorzog.
 
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kandidierte er erneut als Gemeinderat für die Bürgermeisterwahlen – und unterlag dem 42 Jahre jüngeren Wolfgang Brumme. Doch das ist eine andere Geschichte, die Sie auch auf der Homepage zur Böblinger Stadtgeschichte finden (stadtgeschichte.boeblingen.de). 

Stadtgeschichte in Zusammenarbeit

Das Stadtarchiv arbeitet mit verschiedenen geschichtsorientierten Gruppen in der Stadt und Umgebung zusammen, um die Böblinger Stadtgeschichte in ihren vielen Facetten zu erforschen. In einer Serie werden wir über den Sommer verschiedene Kooperationen vorstellen, die alle das Ziel haben, ihren großen und kleinen, in allen Fällen bereichernden Beitrag zur Stadtgeschichte zu leisten.

Heute: Ein Gastbeitrag aus der AG Flughafengeschichte(n).

Flugplatz, Feldpost, Fundstücke

Im heutigen Einblick in die Stadtgeschichte beschäftigt sich die Stadtarchivarin Tabea Scheible mit einem Fundstück, das die Böblinger Fliegerei-Geschichte betrifft. Auf Umwegen gelangte ein sowohl eindrucksvolles als auch traurig stimmendes Foto jüngst wieder zurück nach Böblingen.

Absturz auf dem Böblinger Flugplatz

Im Juni vor 105 Jahren, am 12. Juni 1916, havarierte auf dem Böblinger Flugplatz ein Flugzeug. Die Doppeldeckermaschine vom Typ „LVG B.I“ war nach dem Absturz stark beschädigt, seine Flügel zerstört. Schlimmer noch als die Maschine hatte es seine Besatzung getroffen. Während der Flugbegleiter mit einem verwundeten Bein halbwegs glimpflich davonkam, erlag der Flieger der 2-Sitzer-Maschine seinen Verletzungen.
 
Auf der Rückseite der Foto-Postkarte lesen wir:
„Am 12. Juni 1916 auf dem Flugplatz Böblingen
Stuttgart abgestürzt Führer tot begleiter am Knie verletzt“

Die Fea 10
 
Die beiden uns heute leider nicht namentlich bekannten Flieger gehörten wohl der Fliegerersatzabteilung (Fea) 10 an. Diese war während des Ersten Weltkrieges ab 1915 und nach Kriegsende bis 1919 auf dem Flugplatz in Böblingen stationiert.
 
Das Heck, das nach dem Aufprall in die Höhe ragte, trug die Flugzeugkennung „B. 906/14“. Es stammte aus dem Werk der ‚Luft-Verkehrs-Gesellschaft A.G.‘. Das Unternehmen entwickelte seit 1910 am Berliner Flugplatz Johannisthal verschiedene Flugzeugtypen, darunter den Doppeldecker B I.
 
Ihre Mercedes-Motoren erhielten die Flugzeuge der Baureihe wiederum von der Daimler-Motoren-Gesellschaft, die ein Werk in Berlin-Marienfelde betrieb. Im Ersten Weltkrieg setzte das Militär des Deutschen Reiches die Flugzeuge zunächst als Aufklärer an der Front ein, dann aber nur noch für die (militärische) Pilotenausbildung.
 
So wohl auch bei diesem Unglücksflug. Denn am Böblinger Flugplatz bildete die Fea 10 in ihrer Werftschule hunderte von Schülern aus. Zum einen als Piloten, zum anderen in den handwerklichen Berufen des Flugwesens am Boden. Trauriger Bestandteil dieses Kapitels der Böblinger Fliegereigeschichte waren damit auch einige dutzend Flugzeugabstürze mit noch mehr Verunglückten.

Ein Blick aufs Flugfeld

Eine zeitgenössische Aufnahme zeigt uns das Böblinger Rollfeld, wie es damals um 1916 ausgesehen hat. Auf dem noch weitestgehend unbefestigten Wiesenboden sind über 18 solcher Doppeldecker-Maschinen geparkt. Die schwarz-weißen Hoheitszeichen des Deutschen Kaiserreichs weisen die Flugzeuge weithin sichtbar als Teil der Luftstreitkräfte aus. Eine Reihe Uniformierter hat sich – womöglich zum Appell – versammelt. Eines der Flugzeuge wird gerade aus einem Fass auf einem hölzernen Handkarren betankt, andere werden gewartet. Ersatzteile liegen am Boden bereit. Kleine Trittleitern sollen den Zugang zu den Flugzeugen erleichtern, die eine Flügelspannweite von 14 Metern erreichten. Die Propeller der geparkten Maschinen tragen eine Schutzhülle.
 
Der Flugplatz ist zu diesem Zeitpunkt noch im Ausbau begriffen, wir sehen die Baukonstruktion im Hintergrund. Dahinter erstreckt sich entlang der Bäume die Sindelfinger Allee. Technischer Fortschritt und ‚alte Zeit‘ liegen hier nah beieinander: oben am rechten Bildrand versteckt sich das Gebäude der damals noch bestehenden spätmittelalterlichen Rohrmühle. Diese musste schließlich im Zuge des Ausbaus des Fliegerhorsts während der NS-Diktatur weichen, heute befindet sich dort das Gelände der Wildermuth-Kaserne.

Ein Blick über Böblingen hinaus

Doch kommen wir zum Fundstück zurück. Das Stadtarchiv hat nicht nur das Absturzfoto als spannendes Zeugnis der Fliegereigeschichte erhalten, sondern auch ein beigelegtes Briefkuvert.
 
Über die technischen Entwicklungen, aber auch die Unglücksfälle am Böblinger Flughafen war man im benachbarten Großherzogtum Baden informiert. Das Böblinger Absturzfoto wurde wohl im Folgejahr, im Sommer 1917, aus der ‚Lehr- und Versuchsanstalt für Luftverbindungen‘ im oberrheinischen Breisach weiterverschickt. Davon zeugt noch heute der Poststempel auf dem Feldpost-Briefumschlag vom 27. August.
 
Zur Frage, warum sich die Lehr- und Versuchsanstalt für Luftverbindungen mit dem Absturz der LVG B. I-Maschine beschäftigt, lässt sich bisher wenig Sicheres sagen. Hatten die dortigen Mitarbeiter das Flugzeug begutachtet? Das, aber auch andere Gründe sind denkbar. Für einen Zusammenhang spricht, dass in Breisach zwischen 1901 und 1919 eine Militär-Brieftauben- und Heliographenstation (zur Nachrichtenübertragung via optischer Telegrafie) arbeitete. Die heute doch eher kurios erscheinende Einrichtung setzte auf damals neuartige Medientechnologie, um Kriegshandlungen besser zu koordinieren. Dass man so Beziehungen zum Militärflugplatz in Böblingen pflegte, bei dem auch Informationen zu Flugzeugabstürzen übermittelt wurden, ist plausibel.

Fundstücke zum Einsehen im Stadtarchiv

Friedlich-ziviler Natur ist der Informationsaustausch heute zwischen dem Stadtarchiv Böblingen und dem Stadtarchiv Breisach, vom dem wir das spannende Fundstück freundlicherweise erhalten haben. Foto-Postkarte und Kuvert bereichern als Digitalisate nun die historische Quellensammlung des Stadtarchivs und sind für alle interessierten Archivnutzer*innen einsehbar. 

Ein Euthanasiefall in Böblingen

Doris Stegmaier-Theilen und Fabian Schmidt stellen als Gastautoren die "AG Stolperstein" vor und schildern uns einen Euthanasiefall in Böblingen.

Entwurf: Jakob Hendess

Die "AG Stolperstein" des Böblinger Otto-Hahn-Gymnasiums, bestehend aus sieben Schülern der Abiturjahrgangsstufe und deren Geschichtslehrerin Doris Stegmaier-Theilen, hat zusammen mit dem Leiter des Stadtarchivs Böblingen Dr. Christoph Florian nach Opfern des Nationalsozialismus in Böblingen recherchiert, um für eines dieser Opfer und zur mahnenden Erinnerung einen "Stolperstein" zu verlegen.
Dieses Unterfangen stellte sich insofern als schwierig heraus, als im Jahr 1943 das Stadtarchiv Böblingen nach einem Bombenangriff abgebrannt ist und sehr viel Quellenmaterial dabei zerstört wurde. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage waren die Recherchen erfolgreich und es konnte ein Einzelschicksal aufgearbeitet werden.

Das Schicksal von Rudolph Heinrich Oehler

Rudolph Heinrich Oehler, geboren am 2. Oktober 1910 in Böblingen, der bis zum Jahr 1936 bei seiner Familie in Böblingen lebte, wurde im Jahr 1936 in die Behindertenanstalt Stetten im Remstal gebracht und von dort am 5. November 1940 im Rahmen der Euthanasie in die "Landespflegeanstalt" Grafeneck "verlegt". Der Ausdruck "verlegt" ist eine Verschleierung des wahren Sachverhalts und bedeutet in Wirklichkeit, dass Rudolph Oehler im Alter von 30 Jahren in der Anstalt Grafeneck noch am selben Tag, zusammen mit vielen anderen Behinderten aus anderen Anstalten vergast wurde. Den Angehörigen gegenüber wurde natürlich dieser Sachverhalt verschwiegen. Sie bekamen in der Regel "Trostbriefe", in denen ihnen eine falsche Todesursache und die sofortige Einäscherung des Verstorbenen mitgeteilt wurde.

Bild: Die Opfer der Euthanasie wurden in grauen Bussen zu ihrer Ermordung abgeholt (Quelle: Verlegt - Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart. Hg. v. Elke Martin. Stuttgart 2011, S. 166)

"Euthanasie" - von den Nazis missbraucht

Gedenkstein in Stetten im Remstal

Das Wort "Euthanasie" bezeichnet eigentlich Sterbehilfe für todkranke Menschen, die nicht länger leben wollen. Wörtlich übersetzt heißt es "schöner Tod". Die Nationalsozialisten missbrauchten diesen Begriff, um ihre tausendfachen Morde an Menschen mit Behinderung als notwendigen, gnadenvollen Akt zu tarnen. Schon seit der Machtübertragung an Hitler 1933 arbeiteten sie an der "Rassenhygiene", der Reinhaltung der deutschen Rasse durch Zwangssterilisationen und Heiratsverbote.
Im Jahr 1939 ließ Hitler die Befugnisse der Ärzte so erweitern, dass sie im Zuge des "Kriegs nach innen" auch aus wirtschaftlichen Erwägungen "unheilbar Kranke" töten durften. Schon Kindern wurde in der Schule vorgerechnet, wie viel Essen ein "nutzloser Schwachsinniger" verbraucht, mit dem man gesunde Menschen hätte ernähren können. Kurz darauf begann man mit der Planung für eine systematische Ermordung von "unwerten" Menschen.
In Süddeutschland war das Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der schwäbischen Alb ausgewählt worden, da es abgeschieden lag und über genügend Kapazitäten verfügte, um auch das Personal, das für die Taten nötig war, unterzubringen. Man leitete dort Kohlenmonoxyd in die als Duschraum getarnte Kammer, um so die eingelieferten Patienten zu vergasen. Vermutlich auch aus Testzwecken für später entstehende Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka. Bis ins Jahr 1940 wurden auf Schloss Grafeneck 10.654 Menschen ermordet

Recherchen im Stadtarchiv und in der Diakonie Stetten

Mahnmal für die Opfer der Euthanasie in Stetten.

Für die Recherchen waren die Schüler zunächst zusammen mit ihrer Lehrerin im Stadtarchiv Böblingen und danach gemeinsam mit Dr. Florian in der Diakonie Stetten, wo sie Einsicht in die Akten erhielten.
Die Schülergruppe war zutiefst betroffen von der Akribie, mit der die Persönlichkeit und der Aufenthalt Rudolph Oehlers dokumentiert worden war. So wird er als ruhig, gutmütig und friedliebend beschrieben, er ging gerne in die Kirche. Aufgrund seiner geistigen Behinderung und seiner Sehschwäche wurde er 1938 laut ärztlichem Zeugnis als wehruntauglich eingestuft und dies bedeutete im Zusammenhang mit seiner Behinderung sozusagen schon sein Todesurteil.
Menschen wie Rudolph Oehler waren für die Nationalsozialisten "lebensunwertes Leben" und wurden ab 1940 umgebracht. Die Morde an diesen Menschen sind ein Beispiel für die Gräueltaten des Naziregimes, sie markieren den Beginn eines beispiellosen Zivilisationsbruchs.
Die Schüler möchten mit diesem "Stolperstein" für Rudolph Oehler- dem Ersten in Böblingen - Zeugnis über diese Verbrechen ablegen und ihm eine späte Ehrung, über 70 Jahre nach seinem Tod, zukommen lassen. Und natürlich auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte leisten.
Für die freundliche Unterstützung der Stadt Böblingen, die hervorragende Zusammenarbeit mit Dr. Florian vom Stadtarchiv und Pfarrer Binder von der Diakonie Stetten herzlichen Dank!

"Wie sind nun die Aussichten für die Zukunft?"

Böblingen im Spiegel der Jahresberichte 1930 und 1934

Eine Ansicht Böblingens in den 1930er Jahren

Diesmal wirft Stadtarchivar Dr. Christoph Florian einen Blick in die Berichte für die Jahre 1930 und 1934, welche der Böblinger Bürgermeister Georg Kraut jeweils im darauffolgenden Januar vor dem Gemeinderat verlas. Die gesetzlich vorgeschriebenen Berichte befassten sich mit allen Aspekten des Lebens, soweit sie die Stadtverwaltung betrafen. Da das historische Archiv Böblingen 1943 verbrannte, stellen die wenigen erhaltenen Jahresberichte Quellen von höchstem stadthistorischen Wert dar.

Böblingen war damals eine kleinere Stadt. Dementsprechend fiel die standesamtliche Statistik für 1930 aus. Kraut konnte immerhin die Steigerung der Hochzeiten von 62 im Vorjahr auf 85 vermelden. Von den 120 Geburten hatten 78 in Böblingen stattgefunden, schließlich gab es noch 128 Sterbefälle. Es handelte sich damals zwar um ein recht beschauliches Städtchen, doch verhielten sich auch in Böblingen nicht alle Bewohner so, wie sie es sollten. Es waren insgesamt 402 Strafverfügungen verhängt worden, darunter 60 wegen „grobem Unfug und ruhstörendem Lärm“, eine wegen „Werfen mit Unrath“ sowie drei wegen dem „Laufenlassen von Geflügel“.

Bericht ermöglicht einen Blick auf die Vermögenslage

Das städtische Gesamtvermögen betrug ohne Abzug von Schulden 5.160.000 Reichsmark, darunter Immobilienbesitz wie 1.288 Hektar Wald und 72 Hektar Feldgrundstücke. 1930 war auch das Jahr, in dem die große Wirtschaftskrise, die eine der Ursachen der nationalsozialistischen Machtübernahme war, ihre volle Wirkung entfaltete. Der Ernst der wirtschaftlichen Lage zeigt sich im Abschnitt über die Fürsorge: Es gab 400 Erwerbslose und Unterstützungsbedürftige, die Arbeitslosenzahl hatte sich binnen eines Jahres verdoppelt. Zu Weihnachten hatte die Stadt 203 Hemden und Unterjacken, 228 Hosen, 175 Paar Socken und Strümpfe, 25 Paar Schuhe, 30 sonstige Kleidungsstücke und Kindersachen in 96 Fällen an Notleidende ausgegeben. Dazu kamen noch 100 von der Firma Kindler & Briel gestiftete Spiele.

Die bedrückenden Zukunftsaussichten wurden mit der rhetorischen Frage "Wie sind nun die Aussichten für die Zukunft?" sowie der Antwort darauf "Schlecht, recht schlecht" kommentiert. Es war dann auch kein Wunder, dass die Erfüllung von Wünschen aus der Bevölkerung, wie z.B. nach einem Freibad, verschoben wurde. Als Mittel zur Beseitigung der Not wird im Bericht die Schaffung von Arbeitsplätzen genannt.

Der Jahresbericht 1934 gleicht auf den ersten Blick dem von 1930

Doch ist er das Dokument einer Diktatur, auch wenn die Folgen der Machtergreifung und der damit verbundene Terror oder rassistisch motivierte Verfolgung darin nicht vorkommen. Nur in einigen wenigen Punkten wird erkennbar, dass sich das politische Leben vollständig verändert hatte. Zu Beginn bei den statistischen Mitteilungen wird diesmal auch die Einwohnerzahl Böblingens genannt, sie betrug 8.420, die Flugschüler nicht mitgezählt. Unter den Strafverfügungen der Ortspolizeibehörde fällt vor allem eine wegen Tierquälerei auf.

Die Zeichen der Zeit erkennt man auch an der Erwähnung der "Hermann-Göringstrasse" (heute Friedrich-List-Straße), an der von der Stadt verkaufte Grundstücke lagen. Der Personenkult des NS-Regimes schlug sich also auch in Böblingen in Form neuer Straßennamen nieder. Ärgerlich war für die Gemeinde, dass das Bezirksschulamt nach Stuttgart verlegt worden war. Hingegen konnte Bürgermeister Kraut erfreut berichten, dass ein Bürger für ein Altersheim 1.000 Reichsmark gestiftet hatte.

Heitere und ernste Nachrichten

Bürgermeister Kraut bei einer Veranstaltung in Zivil
hinter Vertretern von Wehrmacht und Partei

Angesichts der vielen staatlichen Verbrechen bringt ein Vorfall den Leser eher zum Schmunzeln.
Denn der Bürgermeister berichtete empört, dass dem erst im Februar 1934 gekauften Farren (Zuchtstier) in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli das Geschlechtsteil mit Karrensalbe angestrichen worden war, er deshalb ernstlich krank wurde und noch immer nicht gesund war. Kraut sorgte sich nun, dass er nicht mehr „diensttauglich“ werden würde. Zu allem Überfluss konnten der oder die Täter nicht ermittelt werden.

Von wesentlicher ernsterer Natur war die Mitteilung, dass im Rahmen von Luftschutzmaßnahmen ein Schutzraum auf dem Schloßberg – nicht zu verwechseln mit dem später erstellten Schloßbergstollen – im Rohbau fertig war, erste Vorbereitungsmaßnahmen für einen geplanten Krieg.

Interessant ist die Erwähnung von Eisenbahnwaggons in der Steinung, welche als Notquartiere dienten. Die Gemeinde hatte zwar für 10.000 Reichsmark vier Behelfswohnungen erstellt, um die Waggons räumen zu können, doch wurden diese Wohnungen anderweitig gebraucht. Deshalb plante man nun nochmals vier Behelfswohnungen zu erstellen, diesmal sollten sie aber den Bewohnern der Eisenbahnwaggons zugute kommen.

Mit freundlichen Worten wurde Stadtbaumeister Eberle nach 25 Dienstjahren zum 1. Dezember 1934 bei der Stadt Böblingen verabschiedet. Eines seiner wichtigsten Bauprojekte, die 1913 vollendete Aussegnungshalle im Alten Friedhof, steht noch heute.

Ziemlich große Probleme bereitete der Stadt die Verlegung des Lagers des freiwilligen Arbeitsdienstes nach Sindelfingen. Denn der Arbeitsdienst hatte am Oberen See ein Bassin für ein Freibad ausgehoben. Nach Abzug des Arbeitsdienstes stürzte das fast ganz ausgegrabene unbefestigte Bassin teilweise wieder ein. Dadurch wurde wieder die Diskussion aufgeworfen, ob ein Freibad durch ein Bassin mit Holzspund(wänden) realisiert werden sollte, wie es Stadtbaumeister Eberle 1933 vorgeschlagen hatte, oder ein Betonbassin mit Wasserumwälzverfahren. Der Aufwand für Letzteres hätte 50.000 bis 60.000 Reichsmark betragen und war zu teuer, deshalb favorisierte die Stadtverwaltung eine kostengünstigere Lösung. Denn ein Schwimmbad musste her.

Überhaupt die Seen

Immer wieder beschäftigten sie die Gemeinde. 1930 hatte Böblingen die Erlaubnis erwirkt zwei Drittel des Unteren Sees aufzufüllen. Die Stadt wollte jetzt den Unteren See gänzlich auffüllen und dort einen Festplatz anlegen. Doch das Landesamt für Denkmalspflege sowie der Gaukulturwart der NSDAP waren dagegen. Doch verhinderten allein schon die Kosten für die Anlage eines Festplatzes das Vorhaben, sie hätten 146.445 Reichsmark betragen. Die Trockenlegung des Oberen Sees wäre einfacher zu erreichen gewesen. Doch wären die Baumaßnahmen für einen Festplatz – obwohl etwas günstiger - immer noch zu teuer gewesen.

Der Bericht endet mit dem Treuebekenntnis zu Hitler, darin heißt es unmittelbar vor dem Hitlergruß „ihm wollen wir anhangen und Treue halten, was auch kommen mag.“ Ein Jahrzehnt später lag das alte Böblingen in Trümmern, das Ergebnis der Politik eines verbrecherischen Regim.

Revolution in Böblingen: Der 9. November 1918

In dieser Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit den Ereignissen der Novemberrevolution in Böblingen vor hundert Jahren.

Am 9. November 1918 um 14.00 Uhr rief in Berlin vom Balkon des Reichstages aus der SPD-Politiker und Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann die Deutsche Republik aus. Damit hatte das republikanische Prinzip gesiegt. Jetzt war nicht mehr der Deutsche Kaiser oberster Souverän, sondern das Volk in seiner Gesamtheit. Auch Böblingen hatte seinen Anteil an der Novemberrevolution.

Um die lokalen Ereignisse verstehen zu können, ist es notwendig, im Geschichtsbuch einige Seiten bis zum Jahr 1914 zurückzublättern. Am Beginn des Ersten Weltkriegs hatte neben vieler Besorgnis auch Euphorie geherrscht. Doch letztere war schnell dahingeschmolzen. Die steigende Anzahl von Kriegstoten, am Ende waren es über 200, und die Lebensmittelknappheit hatten die Stimmung eingetrübt. Im Herbst 1918 zeichnete sich dann immer deutlicher die militärische Niederlage Deutschlands ab.

Szene aus der Flugzeugwerft – zukünftige Revolutionärinnen und Revolutionäre bei der Arbeit

Revolutionäres Potential

Die Stimmung war verheerend, die Lage hoffnungslos. Böblingen glitt immer stärker in eine revolutionäre Situation hinein. Die bisherige monarchische Herrschaftsform wurde in Frage gestellt. Hätte es sich bei Böblingen nur um eine kleine ganz normale Amtsstadt gehandelt, dann wäre die Revolution unspektakulär verlaufen. Doch es gab zwei Einrichtungen mit großem revolutionären Potential. Die eine Einrichtung war der seit 1915 aufgebaute und mit einer Ausbildungsabteilung (Fliegerersatzabteilung 10, kurz FEA 10) belegte Militärflughafen. Der FEA 10 gehörten auch Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeiter an, welche vor allem für die Instandsetzung der Maschinen (Flugzeugwerft) wichtig waren. Im November zählte das Personal rund 4.000 Personen. Kommandeur war seit 1917 Rittmeister Egon Julius Reichsgraf von Beroldingen (1885-1933). Die andere Einrichtung war das seit 1916 angelegte Werk der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Sindelfingen, das zunächst als Flugzeugfabrik betrieben wurde. Seine Belegschaft war von 100 Personen im Oktober 1916 auf rund 6.000 Personen, davon 1.100 weibliche Beschäftigte, im November 1918 gestiegen. Seit März 1918 stand es unter militärischer Kontrolle. Zum Vergleich: 1910 hatten Böblingen 6019 und Sindelfingen 4589 Einwohner.

In beiden Einrichtungen gärte die Stimmung. Man wollte endlich Frieden, bessere Ernährung und bessere Behandlung. Die Daimlerarbeiter beklagten sich über zu schlechtes und nicht ausreichendes Kantinenessen. Es hieß, dass „des öfteren Ersatzmittel übergeben“ wurden, denen „die Bezeichnung Lebensmittel nicht zugesprochen werden kann“. Bei der FEA 10 herrschte nach Meinung der Beschäftigten „der gemeinste Militarismus, den eine Regierung von Gottesgnaden jemals hervor bringen konnte.“ Sie müssten „unter der Knute des Werftoffiziers als eine Art Sträfling arbeiten“. Es war ihnen z. B. verboten, zum Sonntagsurlaub die Bahn zu benutzen.

Unter dem Eindruck des Matrosenaufstands in Kiel (seit 3. November), von dem ausgehend sich die Revolution in ganz Deutschland ausbreitete, platzte auch in Böblingen der Knoten. Am Abend des 8. November trafen sich am Abend die „etliche“ Arbeiter des Daimlerwerks, welche dienstverpflichtet waren, und Beschäftigten der Flugzeugwerft, besprachen das weitere Vorgehen und formulierten Forderungen.

Am Samstag, 9. November, war es soweit. Um 9.00 Uhr legten die Arbeiter der Flugzeugwerft ihre Arbeit nieder, versammelten sich und verkündeten vor dem herbeizitierten Abteilungsleiter ihre Forderung: Bessere Kost, Lohnerhöhung u.a. auch die Entlassung des „unbeliebten“ Werftoffiziers Zahn wurden gefordert.

Mit der roten Fahne voran

Zur gleichen Zeit legten auch die Daimlerarbeiter ihre Arbeit nieder und formierten dann einen Demonstrationszug in Richtung Böblingen, der auch Angehörige der FEA 10 aufnahm. Dann bewegte sich der Zug, die rote Fahne voran, am Bahnhof vorbei zum Postplatz. Am Postplatz hielt der Anführer – leider wird in den Unterlagen nicht sein Name genannt – eine Ansprache, worin er die erlangte Freiheit pries, auch zur Ruhe mahnte und besonders die Jugend vor Ausschreitungen ernstlich warnte. Die Beteiligten waren nämlich größtenteils jüngeren Alters, darunter viele Arbeiterinnen. Die Mahnungen waren angebracht, redeten doch gerade die Jüngsten vom Zerstören und Fenstereinwerfen. Doch es blieb ruhig. Noch Abends wird aus Stuttgart bekannt, dass ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet und die Republik ausgerufen worden sei. Das war also der denkwürdige 9. November in Böblingen.

Während der Sonntag ruhig blieb, fingen am Montag, 11. November, die rebellischen Soldaten der FEA 10 an, sich eine Struktur zu geben und wählten einen vierzehnköpfigen Soldatenrat. Die Arbeiter- und Soldatenräte waren gewissermaßen eine Parallelstruktur zu den vorhandenen Behörden, Parlamenten und sonstigen Vertretungen. Sie sollten die Interessen der Bevölkerung direkt vertreten. Organisiert waren sie auf der Grundlage von Basiseinheiten wie Betrieb, Bewohner eines Bezirks, Soldaten einer Kaserne. Dieser so geschaffene Soldatenrat trat am darauffolgenden Dienstag zusammen und wählte seinerseits einen Herrn Kuhn zu seinem Vorsitzenden. Sofort wurden Maßnahmen zur Sicherung der allgemeinen Ordnung getroffen. Für Böblingen wurden die militärische Besetzung von Oberamt (Vorgänger Landratsamt), Rathaus, Post- und Telegrafenamt, Gewerbebank, Gaswerk und den Bahnhof angeordnet. Das Post- und Telegrafenamt wurde sogar mit Maschinengewehren gesichert. Ferner wurden gelegentliche Straßenpatrouillen angeordnet.

Vermutlich am gleichen Tag wurden die Offiziere der FEA 10 zur Rechtfertigung und Wiederbelassung im Dienst vor den Arbeiter- und Soldatenrat gerufen. Der unbeliebte Leutnant Zahn, der Werftoffizier, wurde wohl bei diesem Anlass entlassen und verließ Böblingen zudem wurde ein Großteil der Angehörigen der FEA 10 entlassen und kehrte in das Zivilleben zurück. Ein Teil der Mannschaften blieb jedoch. Neben dem Arbeiter- und Soldatenrat bestand die militärische Hierarchie weiter.

Übergangszeit

Ein halbes Jahr herrschte dann in Böblingen eine Übergangszeit. Zunächst wurden verschiedene Räte gewählt, darunter der Arbeiter- und Bauernrat für die Stadt Böblingen im Dezember 1918. Die Räte engagierten sich vor allem im sozialen Bereich, verloren jedoch rasch an Bedeutung und wurden später aufgelöst. Der Versuch in Deutschland ein auf Räte basierendes Regierungssystem (Räterepublik) einzuführen scheiterte, z. T. wurden diese Bestrebungen blutig niedergeschlagen. In Böblingen blieb es allerdings ruhig. Die Wahlen zur Nationalversammlung (Reichstag) im Januar 1919 und zum Gemeinderat (25. Mai 1919), bei der die Anhänger des parlamentarischen Systems gewannen, markierten dann das Ende des revolutionären Zeitabschnitts. Böblingen war in der parlamentarischen Republik angekommen.

Im Juni 1919 wurde dann auch die Restformation der FEA 10 aufgehoben, das war das Ende des Militärflughafens und zugleich des Soldatenrats. Das Sindelfinger Daimlerwerk verlor innerhalb kürzester Zeit Dreiviertel seiner Belegschaft und zählte am 1. Oktober 1919 rund 1400 Beschäftigte. Zugleich kam der Betrieb zur Ruhe und wurde 1919 auf Karosseriebau umgestellt, während der Umstellung wurden auch Möbel-, Wohn- und Schlafzimmereinrichtungen hergestellt.

Die Geschichte der Volksschule in Böblingen (Teil4)

Vor über zwei Jahren erschienen im "EinBlick in die Stadtgeschichte" schon drei Artikel von Stadtarchivar Christoph Florian zur Böblinger Schulgeschichte. Sie hatten die Entwicklung der Deutschen Schule zur Volksschule vom 16. Jahrhundert bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand. Im vorliegenden vierten Beitrag werden jetzt anhand alter Dokumente einige Aspekte der Böblinger Volksschulgeschichte in den 1920er und 1930er Jahren thematisiert.

Das 20. Jahrhundert brachte für die Volksschule, die damals das Spektrum von Grundschule und weiterführender Schule (Hauptschule, Werkrealschule, Realschule) abdeckte, entscheidende Veränderungen. Durch das Volksschulgesetz von 1909 wurde die geistliche Schulaufsicht durch die staatlichen Bezirksschulämter ersetzt. Während die Kirche nun als zentraler Faktor der Schulpolitik ausfiel, blieb die Verantwortlichkeit der Gemeinden als Schulträger erhalten.

In dem behandelten Zeitraum gab es in Böblingen eine evangelische und seit 1889 eine katholische Volksschule, die erst um 1936 (zwangsweise) durch eine Einheitsschule ersetzt wurden. Als Schulaufsicht führendes und beratendes Gremium stand der Ortsschulrat, der sich aus Vertretern der Gemeinde, der Lehrerschaft und der Bürgerschaft zusammensetzte, der Gemeinde zur Seite. Wobei die beiden Volksschulen, die es bis 1936 gab, jeweils ihren eigenen Ortsschulrat hatten. Die Volksschulen waren in dem 1903 fertiggestellten neuen Schulgebäude an der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße), in dem sich die Pestalozzischule befindet, untergebracht. Sie nutzten jedoch auch noch Räume am alten Standort auf dem Schloßberg. Im neuen Gebäude war auch die katholische Volksschule untergebracht.

Im Magazin des Stadtarchivs liegt ein Bestand, der Unterlagen der alten Volksschule enthält. In diesen Dokumenten spiegelt sich das Verhältnis des Gemeinderats vor allem zur evangelischen Volksschule und die damalige Schulrealität wieder. Diese Dokumente werden im Folgenden genauer betrachtet. So manches mag der Leserin oder dem Leser dabei irgendwie vertraut vorkommen.

Keine Lust auf Französisch

Im Dezember 1921 regte der Volksschulrektor und Gemeinderat Karl Hägele vor dem Gemeinderatsgremium die Einführung einer (Wahl-)Fremdsprache in der Volksschule an. Damit würde Schülern der höheren Klassen der Übertritt in eine höhere Schule erleichtert werden. Tatsächlich bot die Schule dann freiwilligen Französischunterricht an. Aber im Jahr 1926 beschäftigte sich der Ortsschulrat erneut damit. Es hatten sich nämlich zu wenig Schüler dafür gemeldet. Das Gremium überlegte nun grundsätzlich, ob es nicht besser wäre, Englischunterricht anzubieten. Dann schlug es - um den wenigen interessierten Schülern doch noch zu helfen - vor, dass Oberlehrer Gustav Alexander und die Hauptlehrerin Frau Bruder, außerhalb ihrer Pflichtstundenzahl, je drei Wochenstunden Französischunterricht erteilen sollten. Der Ortsschulrat stellte den Antrag, dass die Lehrer für die genannten sechs Wochenstunden zusätzlich entlohnt werden sollten. Der Gemeinderat stimmte zu.

In seiner Sitzung am 6. August 1930 beschäftigte sich der Gemeinderat mit einem einige Jahre zuvor getroffenen Beschluss des Evangelischen Ortsschulrats. Der wachsende Kraftfahrzeugverkehr auf dem Schloßberg und der Gartenstraße gefährdete die Schüler, die sich vor Unterrichtsbeginn, auf dem Heimweg oder in Pausen dort aufhielten. Der Ortsschulrat hatte daher empfohlen, den Schloßberg und die Gartenstraße für den Kraftfahrzeugverkehr zu sperren. Der Gemeinderat entschloss sich in dieser Frage zu einem Kompromiss. Der Schloßberg wurde für den Verkehr gesperrt, die Gartenstraße hingegen nicht, da es bei dem dortigen Schulgebäude einen Schulgarten gab, in dem sich die Schüler während der Pausen gefahrlos aufhalten konnten.

Im Jahr 1927 kam der evangelische Ortsschulrat mit einem neuen Anliegen: Er bat für die evangelische Volksschule eine Fläche von zehn Ar im städtischen Garten am Oberen See für einen Schulgarten zur Verfügung zu stellen. Die katholische Volksschule sollte dann zwei Ar davon abbekommen. Zugleich regte er an, den beiden Volksschulen zu erlauben, den städtischen Obstgarten am Galgenberg zu benutzen. Der Gemeinderat stimmte beiden Anträgen zu.

Doch die Stadtverwaltung wurde zuweilen auch von sich aus aktiv. So machte sie sich Gedanken über die Unterhaltung der Schüler. Die Schulleitung der Evangelischen Volksschule erhielt nämlich ein auf den 7. Juni 1927 datiertes Schreiben, in dem sie informiert wurde, dass die Gemeinde einen Film über den "Grossflugtag im letzten Jahr" besäße, und ihr angeboten wurde, diesen auszuleihen.

Nuss- und Orangenschalen

In den Unterlagen kommt auch das Thema Schuldisziplin vor. Am 29. September 1926 erhielt Rektor Hägele ein Schreiben des Schultheißenamts (Bürgermeisteramt), in welchem darum gebeten wurde, die Schüler darauf hinzuweisen, dass das Abreißen von Plakaten von den bestehenden Plakattafeln verboten und strafbar sei. Überhaupt war es mit Disziplin nicht einfach. Gerade die Benutzung der neuen Turnhalle an der Tübinger Straße durch Schulen und Vereine bereitete viele Probleme. Es waren z. B. Abfallkörbe auf die Garderobenständer geworfen worden, sodass der Unrat sich auf dem Boden verteilt hatte. Im Herbst 1927 müssen es die Schüler dann ganz schlimm getrieben haben: Obstabfälle, Nuss- und Orangenschalen waren in alle Ecken der Turnhalle geworfen worden. Doch das war nicht alles: Einige Zeit später beschwerte sich der Turnhallendiener (Hausmeister), dass Schüler (aller Schulen) ohne Aufsicht auf dem Spielplatz bei der Turnhalle gespielt hatten und bei der Gelegenheit schon einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen wären.

In den Unterlagen schlägt sich jedoch auch immer wieder die allgemeine soziale Not nieder, die natürlich auch die Schülerinnen und Schüler der Volksschule betraf. So trug Karl Hägele 1920 dem Gemeinderat vor, "dass Kinder zum Teil nicht zur Schule kommen, weil sie keine Schuhe haben". Anlässlich einer Wäschespende des niederländischen Konsulats im gleichen Jahr wurde beschlossen, dass die Leitung der Volksschule "den Bedarf ihrer Schüler an den vorhandenen Wäschestücken" feststellen und melden sollte.

Brezeln zur Prüfung

Ein netter Zug war es, den Schülern "anlässlich der [...] Schulprüfung Bretzeln […] verabreichen zu lassen". Allerdings - es war mal wieder Notzeit - sollte das Backwerk gemäß Gemeinderatsbeschluss vom 19. November 1931 nicht aus der Stadtkasse, sondern aus der Schulkasse finanziert werden.

In den Notzeiten überlegte auch die Verwaltungsabteilung (Ausschuss) des Gemeinderats wie sie den örtlichen Einzelhandel fördern könnte. Am 28. Dezember 1928 beschloss sie daher, die Schulen anzuweisen, "ihre Bücher, Schreibmaterialien und sonstigen Bedarfsartikel ab 1. Januar 1929 nur von hiesigen Geschäftsleuten zu beziehen und abwechslungsweise alle in Frage kommenden Geschäfte zu berücksichtigen".

Die Stadtverwaltung wurde in ihrer Schulpolitik mit den unterschiedlichsten Problemen konfrontiert. Im November 1928 wandte sich z. B. Rektor Hägele an das Stadtschultheißenamt. Die Lehrer der Volksschule hatten sich nämlich beklagt, "dass bei der Reinigung der Lehrzimmer zu viel Staub entwickelt werde". Über diesen dringenden Notstand war schon im Ortsschulrat beraten und entschieden worden. Das Gremium hatte vorgeschlagen, den Schuldienern (Hausmeistern) deswegen Sägespäne und "Oel" zur Verfügung zu stellen. So geschah es dann auch: Auf der Rückseite des Schriftstücks notierte Stadtbaumeister Gustav Eberle, dass an Schuldiener Walz mit Öl getränkte Sägespäne ausgehändigt worden waren und über den Erfolg der Maßnahme in nächster Zeit berichtet werden könnte.

Eingang zum früheren Volksschulgebäude (ehemalige Pestalozzischule)

Geschichte hautnah - Schüler recherchieren Euthanasieopfer

Ende Juni wurde zum Andenken an Berta Kettenmann vor der Stadtbibliothek "Im Höfle" ein Stolperstein verlegt. Initiiert wurde die Verlegung von der "AG Stolperstein". Nicole Prokoph und Saskia Scherer, zwei Mitarbeiterinnen der Initiative, berichten in diesem Artikel über die Geschehnisse der Euthanasie, Bertas Schicksal sowie über die Arbeit der "AG Stolperstein".

Mitglieder der "AG Stolperstein" am
Gedenkstein für die Euthanasieopfer in Stetten

Die „AG Stolperstein“ dreier Böblinger Gymnasien - bestehend aus Nicole Prokoph und Saskia Scherer (Max-Planck-Gymnasium), Judith Grund (Lise-Meitner-Gymnasium), Sebastian Manstetten (Otto-Hahn-Gymnasium), der Geschichtslehrerin Susanne Söhn-Rudolph und dem Lehrerehepaar Hülsmann - beschäftigt sich seit fast einem Jahr mit dem Schicksal eines weiteren Böblinger Euthanasieopfers, nämlich mit Berta Kettenmann. Das Projekt leitet sich von der Stolperstein-Initiative Stuttgart ab. Dabei handelt es sich um eine Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Bürger/-innen aus Stuttgart und der Umgebung auf die Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam zu machen. Im vergangenen Jahr wurde bereits ein Stolperstein für Rudolph Oehler, der ebenfalls der Euthanasie zum Opfer fiel, verlegt. Auch dieses Mal war der Leiter des Böblinger Stadtarchivs Dr. Christoph Florian eine große Hilfe bei der Aufarbeitung der Geschichte eines weiteren Euthanasie-Opfers.

Das Puppenmütterchen

Berta Kettenmann, das jüngste von insgesamt fünf Kindern, wurde am 29. Januar 1908 als Tochter von Johanna Braun geboren. Die kleinwüchsige Berta, mit sieben Jahren erst 95 Zentimeter groß, konnte eigensinnig und zornig sein. Man vermutete, dass Bertas geistige und körperliche Schwäche auf eine Hirnhautentzündung im zweiten Lebensjahr zurückzuführen war. Im Jahr 1915 wurde Berta in die Heilanstalt Stetten eingewiesen, da die Mutter nicht mehr für das Kind sorgen konnte. In einem Bericht der Heilanstalt Stetten wurde festgehalten, dass Berta gerne mit Puppen spielte und oft von ihrer Mutter besucht wurde. 1924 wurde Berta als arbeitsunfähig eingestuft und ihre geistigen Fähigkeiten wurden als denen eines fünfjährigen Kindes entsprechend bezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war sie 16 Jahre alt. Am 18. September 1940 wurde Berta mit dem zweiten Transport von Stetten nach Grafeneck „verlegt“, wo sie noch am selben Tag ermordet wurde. Bertas Mutter wurde von Grafeneck über den Tod ihrer Tochter in Kenntnis gesetzt. Daraufhin schrieb sie einen Brief an die Heilanstalt Stetten, in dem sie den Tod ihrer Tochter hinterfragte, da diese im August noch völlig gesund gewesen war. In der Antwort bedauerte Stetten den Tod Bertas sehr „…denn das Bertale war uns allen lieb. Man sah sie immer mit ihren Puppen spazieren gehen und auch fremde Besucher, die in die Anstalt kamen, freuten sich an diesem Puppenmütterchen.“

Persönliche Eindrücke und Recherche

Der Stolperstein für Berta Kettenmann

Bei einem ersten Besuch im Böblinger Stadtarchiv erhielten wir den Namen und nähere Daten zu Berta. Daraufhin begaben wir uns zur Recherche in die Diakonie Stetten, in der Berta längere Zeit lebte. Pfarrer Binder von der Diakonie ermöglichte unserer Gruppe einen Einblick in das heutige Leben der Patienten, auch brachte er uns die Umstände der Patienten zur Zeit Bertas näher. Durch die großzügige Bereitstellung ihrer Akten war es uns möglich, den größten Teil von Bertas Leben zu rekonstruieren.

Während wir den Lebensweg von Berta Kettenmann erkundeten, sind unserer AG erschreckende und schöne Eindrücke im Gedächtnis geblieben. Ein Bericht eines damaligen Arztes verdeutlichte das abwertende und einseitige Menschenbild der Behörden zu dieser Zeit. Darin wurde nur Bertas gesellschaftlicher Nutzen bewertet, der Mensch Berta spielte keine Rolle. „Sie ist zu keinerlei nützlichen Arbeit zu gebrauchen“, „sie hat keine Kraft und keine Ausdauer“.

Im Gegensatz dazu steht ein Brief von älteren Damen, die vom Anblick der mit Puppen spielenden Berta so gerührt waren, dass sie ihr eine neue Puppe schenkten. Sehr positiv war das Mutter-Tochter-Verhältnis. Die Mutter bemühte sich sehr darum, Berta regelmäßig zu besuchen und holte sie so oft es ging nach Hause. Zudem erkundigte sie sich stets nach ihrem Wohlbefinden. Nachdem sie die überraschende Todesnachricht ihrer Tochter aus Grafeneck erhalten hatte, hinterfragte sie den Grund des Todes.

Euthanasie

Das Wort Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „guter Tod“. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde dieser Begriff verwendet, um den tausendfachen Mord an Menschen mit tatsächlichen oder angeblich unheilbaren Krankheiten und Behinderungen zu rechtfertigen. So verbreiteten die Nationalsozialisten „Kosten-Nutzen-Rechnungen“, um den durch behinderte Menschen verursachten „wirtschaftlichen Ballast“ aufzuzeigen.

Am 18. August 1939 wurden Hebammen und Ärzte verpflichtet, missgebildete Kinder zu melden. Meist wurden diese Kinder dann durch Medikamente oder Essensentzug getötet. Bald darauf begann man mit der Planung der systematischen Ermordung von Menschen. Dazu wurden spezielle Tötungsanstalten errichtet, zu denen die Patienten der umliegenden Heil- und Pflegeeinrichtungen, z.B. Stetten im Remstal, transportiert werden sollten.

Grafeneck ist der erste Ort systematisch-industrieller Ermordung im nationalsozialistischen Deutschland überhaupt. Die Opfer, Männer, Frauen und Kinder, wurden in einer Gaskammer, die als Duschraum getarnt war, durch Kohlenmonoxid vergast. 1940 wurden in Grafeneck über 10.600 Menschen ermordet.

Die Spuren der Täter und der von ihnen entwickelten Tötungsverfahren führen von Grafeneck in die Vernichtungslager im Osten: Belzec, Treblinka, Sobibor und Auschwitz-Birkenau. Die Morde wurden von den Tätern – nach dem Sitz der zentralen Planungsbehörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin – als „Aktion T4“ getarnt. Bei dieser Aktion wurden von 1940 bis 1941 auf systematische Weise mehr als 70.000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ermordet.

Böblingen im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918

Am kommenden Samstag, den 28. Juni 2014 wird es genau hundert Jahre her sein, dass der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand durch die Kugeln eines serbischen Attentäters in der bosnischen Stadt Sarajevo getötet wurde. Einen Monat später brach der Erste Weltkrieg aus. In dieser Ausgabe geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian der Frage nach, wie es Böblingen und seinen Bewohnern in diesem Krieg erging.

Nach vier Wochen diplomatischer Auseinandersetzung erklärte das mit Deutschland verbündete Österreich-Ungarn am 28. Juli 1914 dem Königreich Serbien, dem es eine Verwicklung in das Attentat vorwarf, den Krieg. Weil Serbien mit Russland verbündet war und Russland wiederum mit Frankreich, erklärte Deutschland zur Unterstützung Österreich-Ungarns am 1. August 1914 Russland, das zuvor die Generalmobilmachung angeordnet hatte, und am 3. August 1914 Frankreich den Krieg. Um Frankreich erfolgreich von Norden angreifen zu können („Schlieffen-Plan“), fiel Deutschland in das neutrale Belgien ein, was wiederum Großbritannien am 4. August 1914 zur Kriegserklärung an Deutschland bewegte.

Die Selbstisolierung

Deutschland hatte sich unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. (1888 bis 1918) durch eine ungeschickte Diplomatie und aggressive Rhetorik sowie seine Aufrüstung der Kriegsflotte außenpolitisch isoliert. Jetzt hatte es letztendlich einen Zweifrontenkrieg gegen die drei stärksten Mächte Europas bzw. der Welt begonnen.

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die von Georg Wacker geschriebene und 1927 veröffentlichte Chronik Böblingens im Ersten Weltkrieg. Dieses Werk ist nicht unproblematisch, da es von nationalem Pathos und einer entsprechend einseitigen nationalen Sichtweise geprägt ist, doch verschweigt es nicht die Not und die schwankenden Stimmungslagen in der Bevölkerung.

Zunächst hatte man in Böblingen, das in tiefstem Frieden lebte, wie andernorts auch, die Tragweite des Attentats nicht erkannt. Als dann am Freitag, den 31. Juli 1914 zwischen 17.00 und 18.00 Uhr unter Trommelwirbel der Kriegszustand verkündet und am folgenden Tag die Reservisten einberufen wurden, stürzte dies die Böblingerinnen und Böblinger in ein Wechselbad der Gefühle. Wacker schreibt: „Darum gehen sie [die Böblinger] auf die Straße und stehen in Gruppen beisammen, um voneinander Hilfe und Trost zu suchen. Dazu steigern die folgenden Tage die Bestürzung noch.“ Es gab aber auch eine große Menschenmenge auf dem Marktplatz, die „vaterländische“ Lieder sang.

Im Verlauf des Krieges stellt sich eine große Bedrückung in der Stadt ein. Herrschte zu Beginn durchaus viel nationale Begeisterung und Engagement, so hielt mit der Zeit nur noch das Pflichtgefühl die Menschen aufrecht. Zu viele Verwandte, Bekannte oder Nachbarn wurden im Krieg getötet. Nach Wacker fielen rund zweihundert Böblinger. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa sechstausend Einwohnern war dies ein hoher Anteil. Die Stadt war zwar weit entfernt von der am nächsten gelegenen Front im Elsass, doch konnte man auf der höher gelegenen Waldburg deutlich den „Kanonendonner“ an der Westfront hören.

Der Hunger

Eine große Belastung war der Hunger. Weil viele Männer im Krieg waren, konnte die deutsche Landwirtschaft weniger Nahrungsmittel produzieren. Auch war Deutschland durch die Seeblockade von  Nahrungslieferungen aus Übersee abgeschnitten. Die deutsche Regierung bzw. die Regierungen der Einzelstaaten mussten nun alles versuchen, um die Ernährung zu sichern, sonst waren Unruhen zu befürchten.

Darum wurde auch in Württemberg die Zwangswirtschaft eingeführt. Die Nahrungsmittelpreise wurden amtlich festgesetzt und im März 1915 ließen die Behörden private Getreide- und Mehlvorräte beschlagnahmen, um sie gleichmäßig an die Bevölkerung weiterverteilen zu können. Da jeder die gleiche Menge bekommen sollte, wurden Brot- und Mehlkarten eingeführt, die zum Kauf einer bestimmten Menge dieser Lebensmittel berechtigten. Die Ernährungslage wurde immer schlechter, deshalb dehnte man die die Rationierung auch auf Butter und Fleisch aus. Jede Person erhielt ab April 1916 täglich 160 Gramm Fleisch bei zwei fleischlosen Tagen in der Woche.

Durch die Nahrungsknappheit wurde die Stimmung immer verzweifelter und unruhiger, die Nerven lagen schließlich blank. Als am 15. März 1915 die Brot- und Mehlkarten im Rathaus ausgeteilt wurden, gab es einen riesigen Andrang und „die Unzufriedenheit über diese Einschränkung machte sich in heftigen Reden Luft.“ Am 21. Juni 1916 stürmten die Böblinger Frauen beinahe den Laden des Kaufmanns Knoll, der Eier verkaufte, und ließen sich auch durch die Polizei nicht einschüchtern. Freiwillige versuchten zu helfen, indem sie Sammlungen nicht rationierter Lebensmittel wie Hülsenfrüchte oder Hafermehl durchführten, die dann von der Rathausverwaltung dahin verteilt wurden, wo es Mangel gab.

Der Militärflughafen

Einen Gewinn für Böblingen bedeutete hingegen der ab Sommer 1915 angelegte Militärflughafen, wobei vor allem die Gastwirte mit den Soldaten viele neue Kunden bekamen. Am 19. Januar 1916 besuchte sogar der württembergische König Wilhelm II. den Flughafen und hielt „um 11 Uhr unter Böllerschüssen und Glockengeläute seinen Einzug.“ Im nächsten Jahr wird in der Rubrik "EinBlick in die Stadtgeschichte" mehr zum hundertjährigen Jubiläum des Militärflughafens im Amtsblatt berichtet.

Die öffentliche Verwaltung und die Kirchen versuchten nicht zuletzt wegen der schwierigen Lage durch verschiedene Propagandamaßnahmen die öffentliche Meinung in ihrem Sinne (für den Krieg) zu beeinflussen. So ermahnten die Lehrer des Progymnasiums und der Volksschule ihre Schüler, der neu eingerichteten Jugendwehr beizutreten. Unter der Führung zunächst von Ortsbaumeister Baumann und dann von Eisenbahnsekretär Ehrensperger wurden vormilitärische Übungen in der Turnhalle und im Gelände abgehalten. Wohl in der evangelischen Kirche fanden zweimal in der Woche sogenannte Kriegsbetstunden statt. Wacker schrieb über die Propagandabemühungen Anfang des Jahres 1916: „So vergeht der Winter mit allerlei Veranstaltungen und Feiern, mit Vorträgen zur Erklärung der Lage und zur Aufrichtung des sinkenden Muts, mit Konzerten der Militärkapelle für wohltätige Zwecke.“

Doch alle Bemühungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Stimmung halfen angesichts des Krieges, der Toten und des Hungers letztendlich nicht. Am frühesten wandten sich die Menschen von der kirchlichen Propaganda ab. Auch militärische Erfolge trugen nur kurzfristig zu Besserung der Stimmung bei. Der allgemeine Wunsch nach Frieden wurde immer größer. Wobei Wacker scharfsinnig erkannte, dass die ärmeren Bevölkerungsschichten ein größeres Friedensbedürfnis als die wohlhabenderen hatten, weil sie stärker unter den Auswirkungen des Krieges litten.

Die Novemberrevolution

Zum Kriegsende hin überschlugen sich dann die Ereignisse. Im November 1918 kam es zum Zusammenbruch des politischen Systems in Deutschland (Novemberrevolution). Am 9. November 1918 verkündete die Reichsregierung den Rücktritt von Kaiser Wilhelm II. Deutschland wurde eine parlamentarische Demokratie. Auch in Württemberg ging die Monarchie mit der Abdankung des letzten gleichnamigen Königs Wilhelm II. am 30. November 1918 unter. Am 11. November 1918 trat der ersehnte Waffenstillstand in Kraft. Es herrschte jetzt zwar wieder Frieden, doch es war ein anderer als in der Zeit vor dem Juni 1914. Die Böblingerinnen und Böblinger mussten sich jetzt in einer schwierigen Zeit neu orientieren.

Gefahr für die Böblinger Seen

Der Obere und der Untere See prägen Böblingen und sind aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Doch vor rund 80 Jahren wären sie beinahe beseitigt worden. Es ist nicht auszudenken, welchen großen Verlust die Stadt dadurch erlitten hätte.

Schon in früheren Zeiten wurden die beiden Seen als Bereicherung für das Stadtbild betrachtet. So heißt es dann auch in der Oberamtsbeschreibung von 1850: „Von besonderer Wichtigkeit sind die südlich an die Stadt grenzenden künstlich angelegten Weiher, der obere und der untere See, [...] die der Gegend, hauptsächlich aber der ohnehin freundlichen Ansicht der Stadt von der Südseite, einen besonderen Reiz verleihen.“

Schlechte Luft am Oberen See

Der Planungsentwurf von 1929

Allerdings gab es auch eine andere Sichtweise. Ein Gutachten der „Beratungsstelle für Ortsbaupläne“ aus dem Jahr 1921 gibt darüber Aufschluss. Danach hatte der Obere See geringen Wasserzufluss, was sich ungünstig auf seinen Stoffhaushalt auswirkte und dessen Selbstreinigung verhinderte. Auch bereiteten organische Ablagerungen große Probleme. Diese zersetzten sich und entwickelten „gelbgrüne Gasblasen“, die dem östlichen Teil des Oberen Sees ein „schmutziggrünes Aussehen“ gaben. Dabei waren die an „die Seeoberflächen aufsteigenden übel riechenden Schlammfladen besonders lästig“. Nur dank der guten Frischluftzufuhr wurde Böblingen im Sommer vor unerträglichen „Geruchsbelästigungen“ bewahrt. Der Untere See wiederum erhielt sein Wasser vom Oberen See und war daher von den ökologischen Gegebenheiten des Letzteren abhängig.

Das Gutachten führte weitere Probleme auf. Die Gewässer wurden nämlich erstmals auch als Hindernis für die städtische Entwicklung wahrgenommen. Die Seen behinderten demnach „das organische Wachstum der neuen Stadtteile“. Gemeint war damit die neuere Bebauung um Bahnhofsstraße, Ehningerstraße, Klaffensteinstraße und Schafgasse, deren Ausdehnung so Grenzen gesetzt waren. Besonders nachteilig wurde der Umstand aufgenommen, dass eine Verbindung zwischen Altstadtkern und der südwestlichen Arbeiter- und Industriestadt nur über das Bahnhofgebiet möglich war.

Aus den genannten Gründen wurden die Böblinger Seen Gegenstand intensiver städtischer Planungen. In den Überlegungen wurde nicht nur die Verkleinerung der Seen erörtert, sondern sogar die vollständige Beseitigung jeweils eines der Seen in Erwägung gezogen. Neben der oben geschilderten Umwelt- sowie Verkehrsproblematik wurde dabei noch ein weiterer Aspekt erkennbar, der bei den Überlegungen eine Rolle spielte. Es war das wachsende Bedürfnis nach öffentlichen Sportstätten, wie sich in den späteren Planungen zeigen wird.

Planungsentwurf von 1934, erste Variante

Zunächst geriet der Untere See ins Visier der Planer

1930 hatte die Stadt die Erlaubnis bekommen, zwei Drittel des Unteren Sees auszufüllen. Auf dem abgebildeten Planungsentwurf von 1929 zeigt sich, was mit der gewonnen Fläche geschehen sollte. Man wollte dort eine Grünanlage sowie eine Straßenverbindung zwischen Elbenplatz und heutiger Parkstraße anlegen. Durch die Verkleinerung der Wasserfläche wollte man das Problem des geringen Wasserzuflusses mildern, denn eine kleinere Wasserfläche benötigte weniger Frischwasser.

Um 1934 änderte aber die Stadtverwaltung ihre Meinung und wollte den gesamten Unteren See zuschütten und stattdessen einen Festplatz anlegen. Betrachtet man jedoch den Entwurf, dann wird erkennbar, dass es hier vor allen Dingen um die Anlage eines Sportplatzes im Zentrum der neugewonnen Fläche ging. Von einer Straßenverbindung hingegen war keine Rede mehr.

Der Luftangriff auf Böblingen vom 7./8. Oktober 1943

In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 traf Böblingen ein schwerer Schicksalsschlag. Ein Luftangriff überwiegend australischer und kanadischer Flugzeuge forderte zahlreiche Menschenleben und ein bedeutender Teil der Stadt wurde zerstört. In dieser Ausgabe des „EinBlicks in die Stadtgeschichte“ geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian näher auf die Katastrophe und ihre Auswirkungen ein.

Der Luftangriff war eine Folge des von Deutschland am 1. September 1939 begonnenen Zweiten Weltkriegs. Hatten Deutschland und Großbritannien zunächst jeweils militärische Ziele des Gegners durch Luftangriffe attackiert, so wurden immer öfters zivile Ziele in den Fokus genommen. Nachdem Großbritannien am 10. Mai 1940 erstmals eine Großstadt angegriffen hatte, folgte Deutschland 1940 in der Luftschlacht um England mit Angriffen auf zivile Ziele, die zahlreiche Todesopfer forderten. Nach der Niederlage der deutschen Luftwaffe wurden nun seinerseits deutsche Städte Ziel von britischen Luftangriffen. Flächenbombardements mit immer größerer Intensität forderten immer mehr Todesopfer und verursachten große Schäden.

Ziel Stuttgart

Gedenktafel an der Poststraße

Am Abend des 7. Oktober 1943 brachen dann nach sorgfältiger Vorbereitung des Chefs der britischen Bomberflotte, Luftmarschall Arthur T. Harris, britische und vor allem kanadische und australische Bomber zu einem Luftangriff mit Ziel Stuttgart auf. Von 20.10 bis 21.23 Uhr starteten 359 viermotorige Lancasterbomber von südwestenglischen Luftwaffenstützpunkten. Über den Raum Freiburg nahm die Fliegerformation Kurs in Richtung Nordosten nach Stuttgart, während sich zwei kleinere Bombergruppen zu Ablenkungsangriffen auf München und Friedrichshafen absetzten.

Als die Vorausgruppe (Pathfinder) dann kurz vor Mitternacht (23.59 Uhr) den Luftraum über Böblingen erreichte, hielt man diesen wegen der schlechten Sichtverhältnisse irrtümlich für das Zielgebiet und warf die erste Markierung (Leuchtbomben) ab. Weitere als Pathfinder eingesetzte Bomber setzten daraufhin ebenfalls Markierungen auch über Böblingen ab, sodass der nachfolgende Bomberstrom sich daran orientierte und seine todbringende Bombenfracht über dem Raum Böblingen und Stuttgart abwarf.
     
 

Im Bericht des Polizeimeisters Fritz Gundel heißt es dazu: „Der Angriff erfolgte auf Böblingen von 23.55 bis 0.50 Uhr. Schwere Bombenangriffe, Spreng- u. Brandbomben, Welle auf Welle folgte. Der Angriff dauerte etwa 1 Stunde.“ Und weiter heißt es im Bericht: „Es war eine Schreckensnacht für Böblingen, der größte Teil der Stadt, ca. 90 %, erlitten schwere u. leichtere Schäden.“

Es brannte an vielen verschiedenen Stellen. Rauch hüllte die Stadt ein. Die Rettungsmaßnahmen gestalteten sich schwierig, da kurz nach Beginn des Luftangriffs die Wasserversorgung ausfiel. Das Löschwasser musste daher u. a. aus den Seen und einem Löschteich am Maienplatz entnommen werden. Die Enge der Altstadt behinderte die Löschfahrzeuge. Zudem arbeiteten die Helfer zu Beginn der Rettungs- und Löschmaßnahmen unter Lebensgefahr, da die Bombardierung ja noch andauerte. Mit Hilfe von Feuerwehrgruppen aus näherer und fernerer Umgebung konnten die Brände dann gelöscht werden. Um 00.49 Uhr war der Angriff beendet.

„Ein schreckliches Bild“

Am folgenden Tag bot die Stadt ein schreckliches Bild, das Karl Bauer in seinem Buch über Böblingen im Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll beschrieben hat: „Wie sah die Stadt aus, als der Morgen des 8. Oktober graute? Noch loderten überall Brände. Ganze Bezirke lagen in Trümmer. Was nicht völlig zerstört war, bot einen trostlosen Anblick: Dachgerippe ohne Ziegel, schiefe Häuser, herausgebrochene Wände, weggerissene Türen, eingestürzte Schornsteine, herabhängende Zimmerdecken, leere Fensterhöhlen, zerstreuter Hausrat, und zwischen all dem Durcheinander verstörte, kummervolle, übernächtigte Menschen.“

Rund 15.000 Stabbrandbomben, 2.200 Phosphorbomben, 300 Sprengbomben und 30 Minen waren über dem Stadtgebiet abgeworfen worden. Es muss von einer Zahl von etwa 60 Toten und 250 Verletzten, darunter auch Zwangsarbeitern, ausgegangen werden. Etwa 1700 Böblinger waren obdachlos geworden. Schrecklich war das Schicksal der Familien Körber-Döhm in der Markstraße. Drei Erwachsene und sechs Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren, die Zuflucht im Keller gesucht hatten, wurden im Keller verschüttet, erstickten und verbrannten dort.

Mehr als die Hälfte aller Gebäude in der Altstadt wurden bis auf die Grundmauern zerstört. Das Areal südlich der Marktstraße lag fast vollkommen in Trümmern. Das Stadtbild prägende historische Gebäude wurde zerstört, so der noch existierende Südflügel des Schlosses, in dem die unteren Klassen der Oberschule untergebracht waren. Auch die evangelische Stadtkirche mit wertvoller Orgel und Inventar sowie das alte Rathaus (gegenüber dem heutigen Fleischermuseum) mit der Verwaltungsregistratur und vielen historischen Dokumenten sowie der alte Fruchtkasten (gegenüber der Stadtkirche) wurden Opfer des Angriffs.

„Eine Spur der Zerstörung“

Zerstörungen am Marktplatz

Der Angriff traf nicht nur die Böblinger Altstadt. Auch in den Randbereichen fand das Zerstörungswerk statt. In einem Haus in der Teckstraße verbrannte eine Mutter mit ihren drei Kindern. Der Alte Friedhof am Herdweg war verwüstet, die Leichenhalle beschädigt. Eine Spur der Zerstörung zog sich vom Galgenberg bis zum Kurhaus Waldburg hinauf, das vollständig zerstört wurde. Überall auf Feld und Flur und im Wald gab es Schäden, wurden Blindgänger gefunden.

Auch in den anderen Orten des Landkreises hatte der Angriff Tod und Verwüstung gebracht. Die Zahl der Toten bzw. Verletzten betrug in Sindelfingen 16 bzw. 34, in Holzgerlingen 12 bzw. 65, in Hildrizhausen wurde ein Toter und in Nufringen ein Toter sowie 15 Verletzte beklagt. Stuttgart zählte 101 Tote, 300 Verletzte und drei Vermisste. Die Angreifer verloren insgesamt 28 Mann Besatzung.

Am 13. Oktober wurden dann die Toten im Rahmen einer ergreifenden Trauerfeier auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Es war nicht der letzte Luftangriff auf Böblingen. Es waren nicht die letzten Opfer. Weitere Bomberangriffe folgten, darunter als schwerster derjenige am 19. Juli 1944. Der Tagesangriff auf den nördlichen und westlichen Teil der Stadt forderte 36 Todesopfer, 24 Menschen wurden verwundet und 23, die verschüttet waren, konnten gerettet werden. Als Schutzmaßnahme gegen Luftangriffe wurde nach dem Angriff von 1943 mit dem Bau eines ganzen Systems von Luftschutzstollen begonnen. Es hat vielen Menschen das Leben gerettet.

Gedenkveranstaltung am 07. Oktober

Am 7. Oktober 2018 um 20.00 Uhr findet auf dem Marktplatz eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung Böblingens mit Schweigeminute statt. Am 4., am 17. und am 18. November sind die vom Künstler Marinus van der Aalst geschaffenen Erinnerungsräume in der Aussegnungshalle auf dem Alten Friedhof geöffnet. In ihnen wurde die Wahrnehmung der Böblinger Geschichte im Zweiten Weltkrieg künstlerisch aufgearbeitet.

Hilfe in der Not - Das Böblinger „Winterhilfswerk“

Der Winter brachte nicht nur Freuden - Straßenszene auf dem Elbenplatz

Im April 1949 bekam der neue Böblinger Bürgermeister Wolfgang Brumme von einem seiner Amtsvorgänger, nämlich Georg Kraut, der jetzt im Konstanzer Teilort Wollmatingen wohnte, Berichte über verschiedene historische Ereignisse zugeschickt, die sich in Krauts Amtszeit (1919 bis 1938) ereignet hatten. Der Böblinger Gemeinderat Gottlob Baisch hatte wohl diesen Kontakt vermittelt und die handschriftlichen Texte Krauts auf der Schreibmaschine abgetippt. Die Berichte sollten dem jungen Bürgermeister helfen, seine Stadt und ihre Besonderheiten besser zu verstehen. Die Dokumente liegen heute im Stadtarchiv.

Unter diesen Unterlagen befindet sich auch ein Bericht über ein „örtliches Hilfswerk“, das im Text auch „Winterhilfswerk“ genannt wird. Die Berichte sind natürlich nicht frei von Subjektivität, doch die genannten Fakten dürften alle der Wahrheit entsprechen. Damit vermitteln die Dokumente einen guten Einblick in die jüngere Vergangenheit Böblingens.

Die wirtschaftliche Not weicht nicht

Lyon Sussmann an seinem 85. Geburtstag im Jahr 1928

In einem früheren "EinBlick in die Stadtgeschichte" wurde die Geschichte des Böblinger Notgelds beschrieben. Nicht zuletzt dank dieses Notgelds war die Böblinger Wirtschaft Anfang der 1920er Jahre vor dem vollständigen Zusammenbruch bewahrt worden. Im November 1923 war dann die Inflation besiegt, doch die wirtschaftliche Not wich nicht so schnell.

Der Jahresbericht von 1923 zeigt, dass trotz aller beginnenden Verbesserungen die wirtschaftliche Lage nicht gut war. Zwar scheint die Anzahl von 150 Vollerwerbslosen bei einer Einwohnerzahl von etwa 7.000 nicht extrem hoch zu sein, doch weil damals Familien oft von nur einem Einkommen leben mussten, waren die Auswirkungen erheblich. Geradezu dramatisch hoch war die Anzahl der Kurzarbeiter, sie betrug nämlich mindestens 1.000. In allen größeren Geschäften, außer bei der Spielzeugfirma Kindler und Briel, mussten die Beschäftigten verkürzt arbeiten. Die Gemeinde versuchte mit Notstandarbeiten dagegen zu steuern und ließ von Erwerbslosen einen Waldweg im Stadtwaldteil Mönchsbrunnen anlegen.

Zur Bekämpfung der allgemeinen Not gab es neben den Notstandsarbeiten verschiedene Arten der Wohlfahrtsunterstützung an Alte, Kranke sowie an nicht oder eingeschränkt Erwerbsfähige. Doch waren diese Hilfen nicht ausreichend und es gab immer wieder Menschen, die durch das Hilfsnetz fielen. Eine besonders kritische Zeit war dabei der Winter. Dann war der Mangel an Kleidung und Heizstoffen ganz besonders spürbar. Im Winter stiegen und steigen auch heute noch üblicherweise die Arbeitslosenzahlen, da z. B. in der Baubranche weniger gearbeitet werden kann.

Bürgerliches Engagement

Bürgermeister Kraut wollte diesen Menschen helfen, zugleich aber nicht die Stadtkasse durch weitere Sozialleistungen belasten. Er baute stattdessen auf bürgerliches Engagement und beriet sich deswegen auch mit dem großen Wohltäter Böblingens, Lyon Sussmann, dem Inhaber der Textilfirma Maier und Compagnie (Hautana). Mit der Unterstützung Sussmanns führte Georg Kraut dann erstmals 1925 eine Geldsammlung bei den Böblinger Unternehmern durch, die etwas über 6.000 Mark einbrachte. Von da an wurde jeden Winter diese Sammlung veranstaltet. Sie brachte jeweils Erträge zwischen 6.000 und 8.000 Mark.

Neben Geld stifteten die Firmen Meier und Compagnie, die Schuhfabrik Wanner, die Strickwarenfabriken Lenz und Compagnie sowie Bögel und die Spielzeugfirma Kindler und Briel große Mengen an Trikotwaren, Wirkwaren und Spielsachen. Diese wurden zu Weihnachten an Kinder und bedürftige alte Leute verteilt. Das Bargeld, das den Sammlungen entstammte, wurde zur Anschaffung von Kohlen, Kartoffeln und auch Kleidungsstücken sowie Schuhen verwendet oder gleich als Bargeld weitergegeben. Damit wurden unter anderem auch die „verschämten Armen“ bedacht, also Menschen, die aus Scham keine Unterstützung beantragt hatten, obwohl sie sie dringend benötigten.

Die Familie Sussmann engagierte sich dabei in besonderer Weise. So veranlasste Leonie Dentz, die in Amsterdam lebende Tochter Lyon Sussmans, den Hilfsverein Niederländische Ambulanz jährlich Waren zu schicken. So kamen dann einmal ein großer Ballen Leinwand und in den Jahren 1929 und 1930 auch noch jeweils hundert Mark Bargeld nach Böblingen. Im Krisenjahr 1931 – im Jahr zuvor gab es 400 Arbeitslose - wurden 1.650 Reichsmark gespendet. Es konnten davon 800 Zentner Kartoffeln, 420 Zentner Briketts, 20 Zentner Mehl und einige Zentner Erbsen gekauft und an bedürftige Familien verteilt werden. Eine Volksküche gab täglich fünfzig Essen aus.

Ein Ruhmesblatt

In den Aufzeichnungen Krauts heißt es, dass die „Böblinger Industrie“ sich durch ihre große Spendenbereitschaft ein „Ruhmesblatt in der Geschichte Böblingens erworben“ hätte. Mit "Hilfswerk" ist übrigens keine bürokratische Einrichtung gemeint, sondern das Handeln selbst, also die Sammlung und Bereitstellung von Mitteln zur Bekämpfung der Not. In der stadtgeschichtlichen Literatur ist daher auch von "Wintersammlung" statt von "Winterhilfswerk" die Rede.

Leider nahm es mit dem Winterhilfswerk letztendlich ein trauriges Ende, denn 1934 wurde es vom Winterhilfswerk der NSDAP „annektiert“, wie sich Kraut ausdrückte. So diente es künftig den Zwecken des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Auch Lyon Sussmann wurden seine guten Taten nicht gelohnt, vereinsamt und isoliert starb er 1935. Seine Familie musste wegen ihrer jüdischen Abstammung Verfolgung erdulden und fliehen. Immerhin: Sein Partner bei der Wintersammlung, Bürgermeister Kraut nahm an der Beerdigung Sussmanns auf dem jüdischen Friedhof in Stuttgart teil, wenn auch nur als Privatmann, wie er betonte.

Die Hyperinflation

Notgeld - Böblingen und die Inflation von 1923

Seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte der deutsche Staat immer mehr Geld gedruckt, um die immensen Kriegskosten finanzieren zu können. Das Geld verlor dadurch immer mehr an Wert. Durch die Folgen des Friedensvertrags von Versailles von 1919 wurden das Ausmaß und die Auswirkungen der Inflation noch verstärkt.

Um die Reparationszahlungen (Entschädigungszahlungen) an die Siegermächte bezahlen und die Kriegsanleihen an die eigene Bevölkerung zurückzahlen zu können, ließ die Reichsregierung noch mehr Geld drucken. 1922/23 eskalierte dann die Situation. Deutschland war wegen der wirtschaftlichen Notlage nicht mehr im vollen Umfang imstande die Reparationszahlungen zu leisten. Daraufhin besetzten im Januar 1923 französische und belgische Truppen zeitweise das Ruhrgebiet, um die Zahlungen zu erzwingen.

Notgeldschein in Höhe von 50 Milliarden

Die deutsche Regierung ließ in immer schnellerem Tempo neues Geld drucken. Es kam zu einer extremen Geldentwertung (Hyperinflation). Der Nennwert (Nominalwert) des Geldes stieg ins Unermessliche, so kostete so z. B. am 9. Juni 1923 in Berlin ein Ei schon 800 Mark, am 2. Dezember des gleichen Jahres waren es unvorstellbare 320 Milliarden.

Das Geld musste wegen der explodierenden Inflation so schnell gedruckt werden, dass die Reichsdruckerei und die staatlich beauftragten Druckereien nicht nachkamen und das Bargeld knapp wurde. In dieser Situation traten in ganz Deutschland Städte und Gemeinden, aber auch private Firmen auf den Plan und brachten Notgeld heraus. Auch in Böblingen geschah dies. Das Wissen darüber entstammt einer späteren Niederschrift von Georg Kraut, Stadtschultheiß (Bürgermeister) Böblingens von 1919 bis 1938. Im Februar 1949 schrieb der in Konstanz-Wollmatingen wohnende Ruheständler seinen Erinnerungsbericht über diese Episode städtischer Geschichte nieder und schickte ihn nach Böblingen.

Die Not der Firma Maier & Co.

Nach Kraut hatte der Böblinger Gemeinderat zunächst die Ausgabe von Notgeld abgelehnt. Doch als Anfang 1923 der Juniorchef der Firma Maier & Co. (Hautana) Hans Sussman sich ganz aufgeregt beim Stadtschultheiß meldete, dass ihm Kleingeld für die Bezahlung der Arbeiter fehle, handelte dieser umgehend. Kraut entwarf einen Geldschein und nahm Kontakt mit der Druckerei Wilhelm Schlecht auf. Man wurde sich handelseinig und vereinbarte den Druck von 2.500 Geldscheinen im Gesamtnennwert von 10.000 Mark. Um Fälschungen zu vermeiden, unterschrieb Kraut dann jeden Geldschein einzeln. Er brauchte dafür insgesamt zwei Tage. Die gebündelten Notgeldscheine wurden der Firma Maier & Co zugestellt, welche dann mit einem Scheck die Stadt bezahlte. Als Georg Kraut dem Gemeinderat davon berichtete, war dieser von dem forschen Vorgehen des Stadtoberhaupts nicht sonderlich erbaut, stimmte aber nachträglich zu.

Die Geldentwertung schritt weiter fort

Böblingen und Sindelfingen schlossen sich angesichts der Not zusammen und gaben am 20. August 1923 gemeinsam Notgeldscheine zu 50.000, 100.000, 500.000, 1.000.000 und 2.000.000 Mark aus. Da man auch in diesen Notzeiten den Humor nicht gänzlich verloren hatte, wurden die Scheine, wie der hier abgebildete, mit einem Vers über eine fiktive Begebenheit bedruckt, die auf witzige Weise auf das Verhältnis zwischen Böblingen und Sindelfingen anspielte.

Der Vers lautete: "A Schwob kommt nach Endien nei / Der kaihrt en Kalkutta ei / Ond frogt en deam Wirtshaus no: / Ihr Leut, isch koi Böblenger do? / Do schreit so a indischer Denger: / Ha noi, aber a Sendelfenger!" (Eine Schwabe kommt nach Indien, kehrt in Kalkutta ein und fragt im Wirtshaus nach: "Ihr Leute, ist kein Böblinger da?" Da schrie so ein Inder: "Nein, aber ein Sindelfinger").

Die Inflation ging weiter. Notgeldscheine mit immer höherem Nennwert mussten gedruckt werden, wie der hier abgebildete im Wert von 50 Milliarden Mark. Das Notgeld zirkulierte nicht nur in Böblingen und Sindelfingen, sondern auch an weiter entfernten Orten, wie in Weingarten bei Ravensburg. Im weiteren Verlauf stieg dann Sindelfingen aus der gemeinsamen Geldausgabe aus.

Stadtschultheiß Kraut konnte nun seine Schreibhand schonen, denn ein Vergleich der im Böblinger Stadtarchiv befindlichen Notgeldscheine zeigt, dass die Unterschrift nun mitgedruckt wurde.

Die große Inflation fand dann ihr Ende als die seit dem 13. August 1923 amtierende Regierung von Reichskanzler Gustav Stresemann im darauffolgenden November die sogenannte Rentenmark ausgab. Die Rentenmark wurde deshalb so bezeichnet, weil es sich eigentlich um ein Wertpapier handelte, das bei der ausgebenden Stelle (Deutsche Rentenbank) wieder eingelöst werden konnte. Der Begriff Rente ist in diesem Zusammenhang als Kapitalertrag zu verstehen. Sie war durch zwangsweise verfügte Hypotheken und Grundschulden auf Grundbesitz in Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe abgesichert. Das Verhältnis der Rentenmark, faktisch eine Parallelwährung, zur weiterhin gültig bleibenden Mark betrug 1:1 Billion.

Eine neue Währung

Die Bevölkerung konnte nun ihr Inflationsgeld gegen die Rentenmark in Form von Geldscheinen und -stücken umtauschen. Das Wirtschaftsleben erhielt ein stabiles Zahlungsmittel. Im August 1924 wurde die weiterhin bestehende Mark durch eine neue Währung, die Reichsmark, ersetzt. Als vertrauensbildende Maßnahme blieb die Rentenmark im Umlauf. Die Inflation war besiegt.

Die Stadt Böblingen nahm daraufhin das Notgeld zurück. Für eine Billion gab es eine Rentenmark bzw. Reichsmark. Laut Kraut machte die Stadtkasse dabei einen Gewinn von 4.000 Reichsmark, wobei er nicht ausführte, wie der Gewinn genau zustande kam. Auch in Böblingen gab es eine Wende zum Besseren und der Böblinger Bote meldete am 24. Januar 1924, dass die Brotversorgung sich verbessert hatte.

Die Inflation war vorüber. Doch hatten viele Menschen, die über keine nennenswerten Sachwerte verfügten, ihr Geldvermögen verloren und waren verarmt. Die wirtschaftliche Schwächung breiter Bevölkerungsschichten führte in einem großen Teil der Gesellschaft zur Entfremdung vom parlamentarisch-demokratischen System und verstärkte so in der Zeit der großen Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahren die Anfälligkeit für den Nationalsozialismus.