Frühe Neuzeit
Herzog Karl Alexander von Württemberg und die Böblinger Pirschgänge
In diesem EinBlick in die Stadtgeschichte geht Archivar Daniel Pfeifer aus dem Stadtarchiv Böblingen auf Spurensuche im Böblinger Forst. Er greift das überwältigende Interesse an den bisherigen Führungen, u.a. zum Tag des offenen Denkmals, auf, da die in Stein gebaute fürstliche Jagdanlage heute zum meist nicht zugänglichen Gelände der U.S. Army Garrison Stuttgart gehört: Als dreiteilige Fortsetzungsgeschichte im Amtsblatt, die hier zusammengeführt wird, beleuchtet er dieses außergewöhnliche Zeugnis Böblingens aus der Frühneuzeit.
Ein außergewöhnlicher HerzogZwei Dinge sind es, die Herzog Karl Alexander (reg. 1733–1737) nach Joachim Brüser – dem wichtigsten Forscher zu dieser Persönlichkeit – zu einer Besonderheit in der württembergischen Geschichte machen: Zum einen war er der erste katholische Herzog von Württemberg seit der Einführung der Reformation im Jahre 1534. Das war für ein eigentlich protestantisches Musterterritorium im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eine Besonderheit! Genau genommen sogar ein Anlass zur Sorge bei den bürgerlichen Führungsgruppen Württembergs, der sogenannten „Ehrbarkeit“. Zum anderen ist mit dem Herzog untrennbar die Person des Joseph Süß Oppenheimer verbunden, der nach dem Tod des Württembergers einem Justizmord zum Opfer fiel.Einer dritten Besonderheit Karl Alexanders, die sich im Böblinger Stadtwald verbirgt, soll sich der vorliegende Beitrag widmen: dem sogenannten Pirschgängen. Sie sind vor allem deswegen eine solche Seltenheit, weil vergleichbare Anlagen sonst nur zweimal im heutigen Deutschland erhalten bzw. belegbar sind – und das fernab von Böblingen: zum einen von den Herzögen von Sachsen-Gotha-Altenburg im Rieseneck im heutigen Thüringen, zum anderen am Kickelhahn bei Ilmenau im früheren Gebiet der Herzöge von Sachsen-Weimar, ebenfalls im heutigen Thüringen.
Gut versteckt auf leisen Sohlen anpirschenNun aber zu diesem Ort selbst – oder: Was sind eigentlich die Pirschgänge? Es handelt sich dabei um eine Jagdanlage, die 1737 im Auftrag von Herzog Karl Alexander durch den Böblinger Forstmeister Carl Magnus von Schauroth und den Forstknecht Johann Nikolaus Kraft errichtet wurde. Die Pirschgänge liegen im Osten von Böblingen auf dem heutigen Truppenübungsgelände der U.S. Army Garrison Stuttgart. Auf einer Fläche von über 25 Hektar sind die verschiedenen halb-unterirdischen Gänge mit einer Gesamtlänge von 635 Metern im Wald versteckt. Diese Gänge waren buchstäblich dafür da, sich an das Wild „heranzupirschen“. Sie erstreckten sich in alle Himmelsrichtungen, sodass man unbemerkt ganz nah an das Wild herankommen konnte. Das liegt nicht zuletzt an der Technik damaliger Gewehre, die bei größeren Entfernungen sehr unpräzise waren. Bei den Böblinger Pirschgängen handelt es sich um eine besondere Form der Ansitzjagd. An den Ein- und Ausgängen befanden sich wohl jeweils Schirmhäuser, also Unterstände, von denen aus auf das Wild geschossen wurde. Sie sind nicht mehr erhalten, eine noch heute erhaltene Rechnung aus dem 18. Jahrhundert belegt sie uns aber.Heute sind noch etwa 70 Meter davon vollständig erhalten und insgesamt 130 Meter grundsätzlich als Steinbau aus massiven Quadern erkennbar, vorwiegend im nördlichen Bereich. Die Licht- bzw. Luftöffnungen in den Gängen verführten die ältere Geschichtsschreibung dazu, sie als Schießscharten zu interpretieren. Das wäre jedoch mit dem Winkel nicht möglich gewesen und verfehlt den eigentlichen Zweck der Gänge selbst. Mit einem wachsamen Auge lassen sich noch weitere Spuren der Pirschgänge auf dieser Fläche nachvollziehen, etwa bei der Wuchsform von Wurzeln oder ganz subtilen Vertiefungen. Die meisten Steine von den heute nicht mehr erhaltenen Gängen wurden über die Zeit als Baumaterial verwendet und lassen sich vielleicht in dem ein oder anderen älteren Böblinger Haus noch finden.Der Ort für die Errichtung der Pirschgänge wurde sicherlich nicht zufällig gewählt. Sie befinden sich auf einem als „Plan“ bezeichneten bekannten Brunftplatz sowie Äsplatz (d. h. Futterplatz) für Hirsche. Umrahmt ist dieser Platz von kleinen Tälern und Bächen, Klingen genannt. Er bot somit optimale Voraussetzungen für das Wild – und natürlich für die Jagd.
Wer adlig ist, der zeigt das auch?Wozu der ganze Aufwand des württembergischen Herzogs für eine Jagdanlage aus Stein im Böblinger Wald, die wohl nicht zu den günstigsten Projekten während der Regentschaft Karl Alexanders gezählt haben dürfte? Die Gründe hierfür liegen in der Adelskultur der Vormoderne und vor allem in der des Absolutismus im 18. Jahrhundert. Adlig war man zwar durch die Geburt, man musste die Adligkeit allerdings immer wieder durch entsprechende adelsgemäße Handlungen vor allem in der Öffentlichkeit sichtbar bestätigen. Für einen Adligen des 18. Jahrhunderts wäre es undenkbar gewesen, gewöhnlicher Arbeit wie der Feldarbeit oder einem Handwerk nachzugehen. Wenig spiegelte die adlige Lebensweise deutlicher wider als die Jagd. Durch gemeinsame Jagden konnte man sich vernetzen und nicht selten waren sie mit höfischen Festen verbunden. Schließlich zeichneten sich hierbei auch Machtstellungen und die Nähe bzw. Ferne zum Herrscher symbolisch ab: Personen, die in der Gunst des Herrschers standen, waren in der Regel auch bei Jagden in dessen Nähe – während die Untertanen häufig von dem adligen Treiben belastet waren und Frondienste leisten mussten. Auch die sogenannte „hohe Jagd“ auf Rehe, Hirsche oder Wildschweine war ein Privileg des Landesherrn, das er ggfs. delegieren konnte. Die „niedere Jagd“ etwa von Füchsen, Hasen und kleineren Vögeln lag nicht allein in der Hand des Fürsten und konnte ebenfalls von den Ständen oder dem Niederadel ausgeübt werden. Der vornehmliche Zweck der fürstlichen Jagd bestand indes nicht in der Beschaffung von Nahrung – es wurde bei großen fürstlichen Jagden ohnehin mehr erlegt als benötigt wurde –, sondern diente insbesondere der Repräsentation. Für einen demokratisch sozialisierten heutigen Menschen sind solche Vorstellungen undenkbar: Schnell würden Begriffe wie Verschwendung oder Unrecht fallen sowie Fragen nach dem Tierwohl aufgeworfen werden. In der ständischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wurde die Müßigkeit des Adels vorausgesetzt – ebenso wie jene absolutistischen Spektakel zur Herrschaftslegitimation.
Ein Herzog, der eigentlich keiner werden sollteIn diese höfische und ständisch geprägte Welt mit allerlei Rollenerwartungen war die Persönlichkeit des Herzogs Karl Alexander von Württemberg eingebettet. Dabei war er ursprünglich gar nicht zur Herrschaft vorgesehen, sondern stammte vielmehr aus der Nebenlinie Württemberg-Winnental. Wie es für einen Sohn ohne Aussicht auf ein großes Erbe durchaus üblich war, suchte er nach einem Auskommen im kaiserlichen Heer. Hier erwarb er sich im Zeitalter der Erbfolgekriege und der sogenannten „Türkenkriege“ vor allem in den Schlachten von Cassano – wo er verwundet wurde –, Peterwardein, Temeswar und Belgrad große Verdienste. Der berühmte Prinz Eugen von Savoyen förderte ihn und übernahm die Rolle eines väterlichen Freundes. Flankierend hierzu wurde er zum Gouverneur der Festung Landau ernannt und nach den Kriegen schließlich 1720 zum Statthalter in Belgrad. Während dieser Dienste im kaiserlichen Heer konvertierte Karl Alexander 1712 schließlich zum Katholizismus. Die Konversion wurde in Württemberg – anders als am Wiener Hof – nicht gerade wohlwollend aufgefasst. Ein Katholik im evangelischen Württemberg!
Das Misstrauen schwindet nichtEs war erst der frühe Tod sowohl des einzigen Sohnes als auch des Enkels seines Vorgängers Eberhard Ludwig, der ihn zum Erben des Herzogtums Württemberg machte. Der Sorge des Landes ob eines katholischen Erbprinzen konnte man mit sogenannten Religionsreversalien, die von Karl Alexander unterschrieben wurden, entgegenwirken. Durch solche Verträge sollte der Protestantismus in Württemberg gesichert werden. Das Misstrauen ihm gegenüber konnte er indes nie gänzlich aus der Welt schaffen. So wurde er von der württembergischen „Ehrbarkeit“, der bürgerlichen Führungselite, entweder als Opfer einer Verschwörung der Jesuiten oder seines jüdischen Hoffaktors und Rates Joseph Süß Oppenheimer inszeniert. Dass Karl Alexander eine gänzlich andere Erziehung und Prägung als seine Vorgänger hatte, merkte man dessen Regierungsstil an – besonders deutlich an seinem militärischen Führungsstil am Hofe. Damit verbunden waren jedoch auch umfangreiche Reformvorhaben, nicht zuletzt zur Sanierung der desolaten Finanzlage des Herzogtums. Anders als es mancherorts dargestellt wird, war er eben kein Vertreter eines verschwenderischen Herrschertyps im Absolutismus, im Gegenteil: Er unterbrach den Bau des Schlosses Ludwigsburg und bezog das Alte Schloss in Stuttgart. Und auch die Pirschgänge konnte Karl Alexander nicht lange erleben. Im März 1737, also im Jahr ihrer Fertigstellung, starb er an einem Schlaganfall – bezeichnenderweise wohl durch eine alte Kriegswunde.
Die Frage nach dem „Warum“ – einige Überlegungen Es stellt sich abschließend die Frage, woher der frühneuzeitliche Herzog Karl Alexander von Württemberg seine Inspiration für den Bau der Pirschgänge im Böblinger Forst hatte. Zwei ähnliche Anlagen befanden sich wohl ansonsten nur in großer Entfernung im heutigen Thüringen. Inspirationen waren vielleicht Karl Alexanders Erfahrungen in den „Türkenkriegen“ und vor allem bei seiner Statthalterschaft in Belgrad, durch die er sich vielfach – auch später in Württemberg – mit Befestigungsanlagen beschäftigt hatte. Belegt ist jedenfalls, dass er ein begeisterter Jäger war. Hiervon zeugt darüber hinaus sein Interesse an Fasanerien, vor allem der 1736 in Dagersheim errichtete Fasanengarten. Eine Anlage wie die Pirschgänge verband daher zwei große Interessen von ihm: das Militärische sowie die Jagd selbst. Der Herzog von Württemberg war nicht der erste, der auf die Idee kam, Jagdanlagen errichten zu lassen. Die Anlage auf dem thüringischen Rieseneck wurde zum Beispiel vor derjenigen in Böblingen angelegt. Nähere Kontakte zu den Häusern Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Weimar, also den Erbauern der beiden dortigen Anlagen, sind nicht bekannt. Zudem waren die beiden Adelshäuser protestantisch und für Karl Alexander – selbst Katholik – waren eher enge Kontakte zu katholischen Adelshäusern prägend.
Exotisch soll es seinDas Errichten solcher Pirschgänge war wohl vom Anfang bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein – wenn auch etwas exotischer – Trend an den Höfen des Adels. Dies zeigt eine Anfrage von Friedrich Karl von Schönborn, Bischof von Würzburg und sehr enger Vertrauter Karl Alexanders. Er erbat 1736, also noch vor der Fertigstellung der Pirschgänge, Dienstleute aus Württemberg, die sich mit der Errichtung eines „Hirschplans“ auskennen. Dabei handelt es sich wohl um ein angedachtes Jagdgebiet. Auch wenn keine Einflüsse auf Karl Alexander direkt nachweisbar sind, so zeigt sich doch, dass man sich über eine solche Anlage grundsätzlich wohlwollend und angeregt austauschte. Bei diesen Überlegungen soll es diese kleine Darstellung bewenden lassen. Es zeigte sich jedoch, dass anhand dieses außergewöhnlichen Denkmals, das sich heute auf dem Truppenübungsplatz der US-Amerikaner im Böblinger Stadtwald befindet, eine spannende Epoche in der württembergischen Historie und nicht zuletzt die Geschichte der Jagd im 18. Jahrhundert ganz konkret (an)fassbar wird.
Der „Merian-Stich“. Eine Stadtansicht von 1643 zwischen Ideal und Wirklichkeit.
Der sogenannte „Merian-Stich“ ist die wohl bekannteste historische Stadtansicht Böblingens. Sie zierte unter anderem die aufwändigen Einladungskarten, mit der Bürgermeister Wolfgang Brumme vor genau siebzig Jahren, 1953, zur feierlichen Eröffnung der „700-Jahrfeier“ in den prächtigen Schönbuchsaal einlud. Als Quelle zur Böblinger Stadtgeschichte ist sie im Stadtarchiv aufbewahrt. Dieser Einblick in die Stadtgeschichte nimmt den Kupferstich unter die Lupe, den Matthäus Merian 1643, vor 380 Jahren, fertigte. Er gab der Stadt das Gesicht, das unsere Vorstellung von Alt-Böblingen bis heute prägt.
Die älteste Stadtansicht Böblingens in Merians „Topographia Germaniae“
Der „Merianstich“ ist nicht nur die meistgenutzte, sondern wohl auch die älteste – bisher bekannte – Stadtansicht Böblingens. Sowohl der geschwungene Schriftzug „Böblingen“ als auch die über der Stadt schwebende Wappenkartusche mit dem Stadtwappen lassen keinen Zweifel zu: Hier sehen wir aus nördlicher Perspektive, von Sindelfingen aus, eine Stadtansicht von Böblingen, und zwar um die Mitte des 17. Jahrhunderts.
Diese eindrückliche Stadtansicht des historischen Böblingens ist Teil von Merians Hauptwerk, seiner „Topographia Germaniae“. Es gilt als eines der größten Verlagswerke seiner Zeit: In den insgesamt 16 Bänden, die ab 1642 entstanden, finden wir über 2.100 Einzelansichten von diversen Ortschaften, auch solche von Schlössern, Burgen und Klöstern. Ihr Urheber, Matthäus Merian (der Ältere, 1593–1650), gehörte zu den bedeutendsten Kupferstechern und Verlegern des 17. Jahrhunderts. Er stammt aus einer vornehmen Basler Familie. Mittels eines grafischen Tiefdruckverfahrens gravierte er die Stadtansicht, deren schwarzer Druck auf hellem Papier viele Details über das frühneuzeitliche Städtchen Böblingen verewigte:
Am rechten Bildrand ist das ehemalige Untere Stadttor mit Torbrücke – beim heutigen Elbenplatz – zu erkennen. Die heutigen Stadtteile um den Bahnhof gen Sindelfingen existierten damals noch lange nicht. Bis zum herrschaftlichen Schloss und seinem Garten am linken Bildrand führte die Stadtmauer, die Alt-Böblingen in Form von zwei Mauerringen mit Zwinger umgab. Die äußere Stadtmauer im Bastionenstil ergänzte dabei mit ihren fünf auf dieser Stadtseite angeordneten, halbrunden Wehrtürmen seit dem 16. Jahrhundert die mittelalterliche Stadtmauer des 13. Jahrhunderts. Mit seinem rundem Spitzdach sticht der „Grüne Turm“ heraus. Er steht schon seit 1928 unter Denkmalschutz. Als Teil der Wehranlage bildete der Grüne Turm in der Frühen Neuzeit die nördliche Ecke der Stadtbefestigung. Er sicherte die Verbindung von Stadt und Schlossgarten, bevor er später zum Gefängnis umfunktioniert wurde.
Der Merian-Stich bildet damit so manches Detail ab, das wir noch heute in der Architektur der Stadt wiedererkennen: Die innere, mittelalterliche Stadtmauer begrenzte die Stadtbebauung entlang der heutigen Unteren Gasse. Die oftmals noch spätmittelalterlichen Fachwerkbauten mit Spitzdächern scheinen in der Stadtansicht teilweise nahtlos in die Stadtmauer überzugehen – und genau das war auch der Fall. Die Außenwand jener Häuser war tatsächlich die Stadtmauer. Auch wenn heute von der Stadtmauer nur noch kleine Teile in der Unteren Gasse erhalten sind, ist deren mittlerweile denkmalgeschützter Wehrgang nach wie vor über die angebauten, historischen Häuser selbst zu erreichen.
Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Oder: Der Schein trügt?
Bevor wir uns weiteren markanten Gebäuden in der Stadtansicht widmen – Schloss, Kirche, Rathaus – nehmen wir zunächst die zeitgenössischen Figuren am Bildrand in den Blick. Der musizierende Hirte und das ruhende Vieh erzeugen eine romantisierende ländliche Idylle, die das hübsche Städtchen friedvoll einrahmen. Doch das entsprach keinesfalls der Wirklichkeit. Zu jener Zeit hatte der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) auch in Böblingen eine schreckliche Spur der Ausbeutung und des Elends hinterlassen. Verschiedene Kriegsparteien kämpften um nichts weniger als die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich und Europa. Erst der Westfälischen Frieden 1648 setzte dem Grauen ein Ende und befriedete die kriegsführenden Länder, Konfessionen und Dynastien in einer ersten Friedensordnung Europas.
Die Bevölkerung vor Ort litt unter dem langwährenden Krieg. Wir wissen, dass die Böblinger Stadtbevölkerung die durchziehenden Kriegstruppen mit Naturalien versorgen musste, die vor allem in den 1630er Jahren die Stadt besetzten und hier ihre Winterquartiere errichteten. Marodierende Banden und plündernde Soldaten durchzogen Böblingen. Rund zwei Drittel des Viehs in den hiesigen Ställen verendete, die Bevölkerungsverluste waren noch Jahrzehnte später zu spüren. Als wäre es nicht genug, grassierte 1635 eine Seuche.
Was ist von Merians Stadtansicht Böblingens nun zu halten? Alles schöner Schein statt damaliger Wirklichkeit? Matthäus Merian ging es in seiner Stadtansicht nicht darum, den Dreißigjährigen Krieg abzubilden. Das tat er an anderer Stelle, etwa in einem Kupferstich zur Schlacht bei Tuttlingen am 24.11.1643 oder in seiner militärischen Karte zur Schlacht bei Lützen 1632. Stattdessen hielt Merian in seiner „Topographia Germaniae“ die städtebaulichen Gesichter der porträtierten Ortschaften fest. Wir wissen heute, dass es Merian wie kaum einem anderen Künstler seiner Zeit gelang, seine Kupferstiche fantasievoll, aber auch mit einem Anschein von Wirklichkeitstreue auszuschmücken. Sein erklärtes Ziel war es, den idealisiert-historischen Zustand der Städte angesichts der fortwährenden Verwüstung durch den Dreißigjährigen Krieg zu dokumentieren.
Die historische Bausubstanz Böblingens belegt, dass er eine Vielzahl an Details in seiner Stadtansicht Böblingens wahrheitsgetreu aufgriff. Das darf uns jedoch nicht dazu verführen, seine Ansicht als maßstabsgetreue Abbildung zu missinterpretieren. War der Kirchturm höher als der Schlossturm? Womöglich. Vielleicht liegt hierin aber auch die künstlerische Freiheit Merians. Hatte das damalige Rathaus, das man schon vor 1578 am Marktplatz bei der Kirche errichtet hatte, bereits das charakteristische Türmchen neben den zwei Kaminen, wie wir es in Merians Stadtansicht sehen? Vermutlich. Doch erst für den Nachgängerbau der 1830er Jahre – etwas westlicher am Marktplatz gelegen – haben wir die Gewissheit, wonach ein „Thürmchen mit Glocke und Uhr“ das Satteldach zierte (das Rathaus wurde dann im Zweiten Weltkrieg zerstört). Wie bei so vielem bleibt die Gewissheit, das eine Annäherung an das historische Böblingen erst durch die Zusammenschau von vielen verschiedenen Quellen möglich wird.
Merians Kupferstich bot den Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts die Ansicht eines unversehrten, friedlichen Städtchens – eine bildgewordene Hoffnung, die man in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs der eingangs erwähnten Einladungen zum Stadtjubiläum 1953 angesichts einer verheerten Stadt nur zu gerne aufgriff.
Die wohl älteste Familienchronik Böblingens
Manchmal passieren wundervolle Dinge, die zunächst ganz unscheinbar beginnen. Mit einem Telefonanruf im Stadtarchiv Böblingen an einem eher regnerisch-kalten Wintertag zum Beispiel. Eine betagte Böblinger Bürgerin kündigt an, sie habe in ihrem Familienbesitz alte Unterlagen, die sie gerne dem Böblinger Stadtarchiv übergeben würde. Ja, danke, sehr gerne nehmen wir uns dem an. Ein Termin wird vereinbart, die Unterlagen zur Sichtung übergeben, der Vorgang erfasst. So weit, so erfreulich – so weit, so gewöhnlich.
Und dann geschieht beim Öffnen der Tasche von Frau Kümmerling, geborene Rivinius, das Außergewöhnliche: Zum Vorschein kommen wahrhafte historische Schätze für Böblingen. Wenn es sich bewahrheitet, was die erste Aufarbeitung zeigt, dann handelt es sich zum einen um historische Rechtsbriefe aus der alten Oberamtsstadt Böblingen und zum anderen um zwei ganz besondere Heftlein aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Eines davon ist die älteste Familienchronik aus Böblingen, die künftig allen Böblinger Geschichtsinteressierten zugängig ist. Eine Sternstunde für die Stadtgeschichte. Wichtig zu wissen ist, dass in Böblingen, wie in viele anderen Städten leider auch, ein Großteil der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Überlieferung im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.
Historische Schätze für die Stadt
Vier verschiedene Schriftstücke befinden sich nun also im Stadtarchiv. Allesamt in altertümlichen Kurrentschriften verfasst, über die Zeit vergilbt, aber ansonsten in einem verhältnismäßig guten Zustand. Das ist nicht selbstverständlich.
Rechtsbriefe aus dem 17. Jahrhundert
Da sind zum einen die zwei großen, hinter Glas gerahmten Rechtsbriefe aus der ehemaligen Amtsstadt Böblingen. Sie stammen aus den Jahren 1671 und 1672 und betreffen Amts-Schriftwechsel zwischen Holzgerlinger Bürgern und dem Böblinger Vogt Ludwig Albrecht. Beide Briefe hatte Frau Kümmerling in den 1970er-Jahren beim Umzug des elterlichen Ladengeschäfts im Papiercontainer entdeckt, in Sicherheit gebracht und als Zierde des häuslichen Arbeitszimmers gerahmt.
Älteste Böblinger Familienchronik beginnt 1757
Die beiden Heftchen sind hingegen sind kein frühneuzeitliches Verwaltungsschriftgut. Es sind persönliche Schriftstücke, die vom Lebensalltag vor über 250 Jahren zeugen. Die besagte älteste Böblinger Familienchronik beginnt vielversprechend:
Anno 1757 den 22. November
hab ich mich mit Elisabetha Catherina
Scheÿinger all hir in Böblingen
und vor dem Angesicht Christen
Kirche cupiliren laßen
Das heißt so viel wie: „Im Jahr 1757, am 22. November, habe ich hier, in der Böblinger Stadtkirche, Elisabetha Catherina Scheyhinger geheiratet.“ Die Notiz stammt aus der Feder eines jungen Mannes von 23 Jahren, der sich selbst als „Johannis Buler“ (Becker) zu erkennen gibt. Dankbar notiert er in seinem Heftchen, wie die kleine Familie immer weiterwuchs, aber auch davon, dass manche seiner Kinder schon früh wieder zu Grabe getragen wurden. Seine Frau Elisabeth Catherina brachte acht Kinder zur Welt, damals nicht unüblich. Weder die erste Tochter, Maria Barbara, noch der zweite Sohn, Georg Dietrich, erlebten ihren dritten Geburtstag. Die fünfte Tochter, Margaretha, verstarb als Jugendliche mit genau 13 Jahren, sechs Monaten und 22 Tagen, wie ihr Vater zutiefst getroffen festhielt.
Historische Einordnung
Böblingen war zu jener Zeit zwar Oberamtsstadt in Württemberg und damit eines der Verwaltungszentren im Herzogtum. Dennoch lebte ein Großteil der hiesigen Bevölkerung, die damals um die 1.400 Menschen zählte, in einfachen, oftmals prekären Verhältnissen. Vater Johannes war Bauer im damals noch durch und durch agrarisch geprägten Böblingen – so wie sein Vater, Großvater, Urgroßvater und Ururgroßvater bereits vor ihm. Die Familientradition von Mutter Elisabeth wiederum war geprägt durch das Bäckerhandwerk, mit dem ihre Vorväter ihren Lebensunterhalt seit ihrem Zuzug aus Darmsheim im späten 17. Jahrhundert bestritten. Eine solche Kombination von kleiner Tierhaltung und Handwerk sicherte Familien wie den Becker-Scheyhingers ein Auskommen, aber sicher kein leichtes Leben.
Im Jahr 1800, mit 64 Jahren, beendete Johannes Becker seine Familienchronik. Er hatte sie in dem kleinen Heftchen über 40 Jahre immer wieder fortgeführt. Die Chronik lässt die Herzen von Ahnenforschenden höherschlagen. Geburts- und Sterbedaten, die damals noch vom Pfarrer in Kirchenbüchern festgehalten wurden, finden sich hier bestätigt und zu einer kleinen Familiengeschichte vereint.
Mehr noch, die kleine Chronik lässt uns eintauchen in die Gedankenwelt dieses Böblinger Bürgers vor über 250 Jahren. Sein Leben war geprägt vom christlichen (evangelischen) Glauben, in tiefster Dankbarkeit an „den Allmächtigen“ nahm er seine neugeborenen Kinder als Geschenke Gottes wahr. Die religiösen Feiertage strukturierten seinen Jahresablauf. Es war Karfreitag, als sein Sohn verstarb.
„Ego-Zeugnisse“ geben Einblicke in Alltag und Gedankenwelt
Und dennoch sehen wir an seiner Chronik, dass der Volksglauben der Zeit weitere Bezugspunkte hatte und zum religiösen Weltverständnis hinzukam, wie es von den Kanzeln gepredigt wurde. Orientierung im Jahresverlauf fand unser Chronist auch in den Tierkreiszeichen. Er notierte sie zusätzlich zu den Geburtstagen seiner Kinder: Tochter Maria Barbara war etwa ihres Zeichens Jungfrau, Georg Dietrich Wassermann, Maria Barbara Schütze und Margaretha Stier. Die Tierkreis- bzw. Sternzeichen zog man heran, um das Schicksal aus den Gestirnen vorherzusehen. Horoskope und andere Schriften mit (laien-)astrologischen Inhalten waren im 18. Jahrhundert weit verbreitet und schlossen sich für die Menschen nicht unbedingt mit ihrem christlichen Glauben aus. In einer Gesellschaft, die eine Vielzahl von Bauernweisheiten kannte und ihre Umwelt auf Vorzeichen und Omen für Kommendes beobachtete, verbanden sich zuweilen Glaube und Aberglaube.
Die Familienchronik ermöglicht einen subjektiven Einblick in das Leben von gewöhnlichen Menschen in ihrer Zeit. Historiker*innen sprechen hierbei gerne von „Ego-Zeugnissen“. Dass dieses Heft sich bis heute erhalten hat, ist eine wahre Besonderheit!
„Wanderbuch“ aus 19. Jahrhundert
Auch ein sogenanntes „Wanderbuch“ eines Waldenbucher Gesellen aus dem frühen 19. Jahrhundert erzählt eine ganz eigene Geschichte. Die verschiedenen Etappen, auf denen ein junger Mann sein Handwerk erlernte, hielt er in diesem Büchlein als Nachweis fest.
Das Wanderbuch unternahm im letzten Jahrhundert eine weitere Reise, dieses Mal sogar über den Atlantischen Ozean. Es gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg mit ausgewanderten Vorfahren der Familie Rivinius bis nach Philadelphia in die USA, von wo aus es die Schwester der Schenkerin vergangenen Spätherbst wieder auf den „Alten Kontinent“ zurückbrachte – mit dem Ziel, eine passende Aufbewahrungsstätte zu finden.
Im Stadtarchiv Böblingen können nun alle Interessierten an der Stadtgeschichte diese beeindruckenden Zeugnisse der Geschichte bestaunen. Das Waldenbucher Wanderbuch wird selbstverständlich ins dortige Stadtarchiv überführt.
Ein Mühlenstreit an der Schwippe
In den Beständen des Stadtarchivs Böblingen findet sich ein kleines Bündel Akten mit der Aufschrift „Acta, Dagersheim und die Riethmühle betreffend“ aus der Zeit um Ende des 17. Jahrhunderts.
Die Dokumente führen uns in eine Zeit, als sich die Schwippe und ihre Seitenarme zwischen Sindelfingen und Dagersheim durch ein sumpfiges Tal schlängelten. Bei Unwetter trat der Fluss oft über seine Ufer und verursachte große Schäden. Damals wurde das lebenswichtige Getreide in zahlreichen kleinen, an Wasserläufen gelegenen Mühlen zu Mehl gemahlen. So auch an der Schwippe. Oberhalb von Dagersheim lag dort auf Sindelfinger Gemarkung die 1297 erstmals erwähnte Riedmühle. Sie war damals Eigentum des Stifts Sindelfingen, später der Herrschaft Württemberg. Talabwärts in Dagersheim sind seit dem Mittelalter die Obere Mühle (auch Hintere Mühle) und die Vordere Mühle (auch Niedere Mühle oder Fleckenmühle) nachweisbar. Die Obere Mühle wird erstmals im Jahr 1435 in einer Urkunde genannt, während die Vordere Mühle 1495 schriftlich erwähnt wurde. Im Jahr 1523 gehörte die „hinder Mülin“ Hanns Müller und die „forder Mülin“ Lenhart Schifer.
Die Riedmühle und die Obere Mühle lagen am Mühlgraben

der Schwippe aus der Zeit um 1700
Dieser nördlich der Schwippe gelegene Bach war oberhalb der Riedmühle von der Schwippe abgeleitet und erhöht am Talhang geführt worden, um ein ausreichendes Wassergefälle zu erzeugen. Oberhalb von Dagersheim, noch auf Sindelfinger Gemarkung war vom Mühlgraben dann noch ein Seitenkanal abgezweigt worden. Der Kanal, später Unterer Kanal genannt, mündete unmittelbar unterhalb der Oberen Mühle wieder in den Mühlgraben ein. Die Vordere Mühle stand dann später ihrerseits unterhalb des Zusammenflusses. Durch ein Stauwehr konnte der Seitenkanal vom Mühlgraben abgetrennt und so bei Bedarf der Wasserzufluss zur Dagersheimer Mühle verringert werden.
Die Müller an der Schwippe hatten es nicht leicht.
gut erkennbar auch die diagonale Verbindung zwischen
Schwippe und Mühlgraben, während das krumme Verbindungs-
stück zwischen Unterem Mühlkanal und dem Mühlgraben nur mit
Strichen angedeutet ist.
Durch häufige langwährende Trockenheit kam es immer wieder zur Wasserarmut. Stets mussten die Müller Sorge dafür tragen, dass ihren Mühlen ausreichend Wasser zugeführt wurde. Diese Maßnahmen sollten dann zu neuen Problemen und über die Jahrhunderte hinweg aufflackernde Streitereien führen. Der Müller der Oberen Mühle hatte besonders viele Probleme mit dem Wassermangel. Daher bekam er 1435 das Recht, noch auf Sindelfinger Gemarkung einen viereinhalb Schuh – das waren etwa 1,30 Meter – breiten Verbindungsgraben zwischen der Schwippe und dem Mühlgraben zu schaffen. So erhielt letzterer mehr Wasser. Eine „Gießbett“ genannte Staumauer verhinderte, dass das Wasser der Schwippe weiter in das alte Flussbett lief, sondern quer nach Norden dem Mühlbach zugeführt wurde. Lediglich bei Hochwasser gelangte das überschüssige Wasser über das „Gießbett“ in das alte Bett der Schwippe. Weil der Dagersheimer Müller jedoch des Guten zuviel tat und das Stauwehr des Seitenkanals zu hoch war, wurde das Wasser im Mühlgraben zu hoch gestaut. Durch den dabei entstandenen Wasserrückstau lief dann das Mühlrad der Riedmühle schlechter. Schließlich war auch noch der Seitenkanal „verschleumbt“, also verschlammt. Ein wegen dieser Schwierigkeiten im Jahr 1487 berufenes Schiedsgericht verpflichtete den Dagersheimer Müller die Höhe des Wehrs zu begrenzen.
Um das Jahr 1698 gab es dann wieder die gleichen Probleme.

Wieder war das Stauwehr beim Seitenkanal zu hoch geraten und zusätzlich hatte der Müller der Oberen Mühle auch noch das Gießbett erhöht. Zu allem Überfluss überschwemmte dann noch die Schwippe bei Hochwasser Wiesen oberhalb des Verbindungsgrabens. Das ohnehin schon sumpfige Schwippetal – worauf ja schon der Name Riedmühle hindeutet – wurde noch morastiger. Die Sindelfinger befürchteten, dass ihr Vieh „crepiren“ würde, weil „schleim und ohnrath“ das Gras ungenießbar gemacht hätten. Wie der Streit damals ausging, ist aus den vorliegenden Unterlagen nicht erkennbar. Ein Ende hatte es auf jeden Fall in der Neuzeit. Die Riedmühle wurde 1917 von Daimler aufgekauft und wenig später teilweise abgerissen. Reste blieben noch bis nach 1945 stehen. Auch die Dagersheimer Mühlen sind Vergangenheit und nur noch eine Scheune steht als letzter Zeuge. Selbst das Schwippetal wurde verändert. Der obere Mühlgraben wurde 1931 zugeschüttet und auch dem unteren Mühlgraben widerfuhr bis 1980 das gleiche Schicksal. Es wurden umfangreiche Maßnahmen gegen die Hochwassergefahr durchgeführt. So verbreitet die Schwippe auf ihrem Weg nach Dagersheim heute keinen Schrecken mehr.
Die deutsche Schule in Böblingen
Die Ausführungen basieren auf der 1971 veröffentlichten Untersuchung von Felix Burkhardt über das Schulwesen im Landkreis Böblingen.

Die württembergischen Volksschulen (Vorgänger der heutigen Grund- und Hauptschulen) hatten ihren Ursprung im 16. Jahrhundert, denn 1534 wurde die Reformation in Württemberg eingeführt. Nach der neuen protestantischen Lehre sollte jeder Gläubige imstande sein, die Bibel zu verstehen. Dazu musste man lesen können und so förderten die protestantischen Territorien wie Württemberg energisch das Schulwesen. Neben der flächendeckenden Einrichtung von Lateinschulen (den Vorgängern des heutigen Gymnasiums) verfügte die Große Kirchenordnung von 1559 im Herzogtum Württemberg auch die flächendeckende Einführung der Volksschulen. Diese wurden wegen ihres rein deutschsprachigen Unterrichts im Gegensatz zur Lateinschule im damaligen Sprachgebrauch "deutsche Schulen" genannt.
Die Große Kirchenordnung
Der Unterricht wurde damals im Grunde als ein erweiterter Religionsunterricht betrachtet und war deshalb Aufgabe der Kirche, sprich des Ortspfarrers. Da der Pfarrer viele andere Aufgaben hatte, bekam in der Regel der Mesner (Kirchendiener) die Aufgabe des Schulmeisters (Lehrer) übertragen. Es gab vier Schulfächer: Lesen, Schreiben, Memorieren (auswendig lernen) und Singen. Der Lehrstoff setzte sich aus Bibel, Katechismus (Glaubensunterweisung) und Kirchenliedern zusammen. In den meist einklassigen Schulen waren die Schüler in drei Altersgruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe wurden die Buchstaben gelernt, in der zweiten Gruppe lernten die Schüler Silben zusammenzusetzen und in der dritten Gruppe fingen sie an zu lesen und zu schreiben.
Die württembergische Kirchenordnung von 1559 verfügte die Einrichtung von Schulen für die männliche Bevölkerung. Doch heißt es darin auch, dass in etlichen württembergischen Orten "nit allein die Knaben, sondern auch die Döchterlein zur Schule" geschickt würden. Erst 1649 wurden auch die Mädchen von der neu eingeführten allgemeinen Schulpflicht erfasst.
Deutsche Schule in Böblingen
Die einzelnen Gemeinden hatten - wie heute - für die Erhaltung der Schulhäuser zu sorgen. Darüber hinaus beteiligten sie sich maßgeblich an der Besoldung des Schulmeisters. Das genaue Gründungsdatum der deutschen Schule in Böblingen ist nicht überliefert. Doch 1583 wurde mit Christoph Stehelin der erste "teutsche Schulmeister" in Böblingen erwähnt. Damit ist der erste indirekte Beleg nachweisbar. Die Lateinschule existierte schon länger.
Vermutlich kam Christoph Stehelin von Nufringen aus direkt nach Böblingen, denn 1580 wird er als Nufringer Schulmeister erwähnt. Wenige Jahre später machte sich die Kommune Gedanken, wie sie Geld sparen konnte und überlegte, für Lateinschule und deutsche Schule einen Schulmeister einzustellen. Stehelin wurde nahe gelegt, sich anderweitig zu bewerben. Doch er blieb und 1587 heißt es über ihn: "Kommt seinem Beruf fleißig nach".
Nicht alle Schulmeister waren so für ihr Amt geeignet. 1601 wollte man den damaligen Lehrer Veit Christoph Beyer wegen Faulheit und schlechter Haushaltsführung zu dem Zeitpunkt entlassen, wenn man eine andere für Schule und Orgel geeignete Person als Ersatz gefunden hätte. Auch an Beyers Ehefrau und ihrem Auftreten wurde Kritik geübt. Schließlich gab Veit Christoph Beyer auf und kündigte 1602 den Schuldienst in Böblingen.
Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) brach auch über Böblingen und seine Schulen die Katastrophe herein. Die Stadt wurde 1634 von den kaiserlichen Truppen heimgesucht und die Bevölkerung, welche 1621 rund 1.300 Personen umfasste, zählte sieben Jahre nach Kriegsende nur noch 678 Einwohner. Jahrelang konnte im Krieg kein Unterricht gehalten werden, weil sich keine Schulmeister fanden.
Ein Schulmeister mit hitzigem Temperament
Nach dieser Katastrophe musste in Böblingen wieder Schulaufbauarbeit geleistet werden. Dabei machte sich der aus dem fränkischen Ansbach stammende Sebastian Dannwolf verdient. Im Alter von 28 Jahren trat er 1652 seinen Dienst an. Sein Arbeitspensum war beachtlich, er hatte 1655 ohne Unterstützung 45 Knaben und 25 Mädchen zu unterrichten. Er galt als fleißig und sein Lebenswandel war untadlig. Jedoch war er selbst für diese Zeit viel zu streng zu seinen Schülern. In seinen ersten Dienstjahren war er "über die Jugend gar zu hitzig", wie es in den Akten heißt. Später zügelte er dann sein Temperament.
Für das Jahr 1680 bekommen wir Einblick in die Einkommensverhältnisse des Schulmeisters. Dannwolf, der noch immer im Schuldienst stand, bekam für seine Arbeit von der Stadt 22 Gulden und vom Heiligen (für die Ortskirche bestimmtes kommunales Sondervermögen) vier Gulden. Für das Orgelspiel in der Kirche zahlte die Stadt nochmals 20 Gulden. Dazu kamen sieben Scheffel Dinkel, drei Scheffel Hafer von der Stadt und vom Heiligen neun Scheffel Dinkel und zwei Scheffel Hafer. Das Scheffel, ein Hohlmaß, betrug damals rund 177 Liter. Schließlich erhielt er noch Brennholz für die Schulbehausung, konnte ein Stück im Zwinger als ein "Würzgärtlein" sowie ein weiteres Gartengrundstück bewirtschaften und bekam von den Eltern für jedes Schulkind fünf Schilling (60 Pfennig) oder elf Kreuzer. Von diesem Einkommen musste er dann seine zwölfköpfige Familie ernähren.
Die Schülerzahlen sollten sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach dem großen Einbruch durch die Folgen des Dreißigjährigen Krieges nach oben entwickeln. Hatte Schulmeister Dannwolf 1645 bei einer Bevölkerungszahl von 678 Einwohnern 70 Schüler gehabt, so stieg die Schülerzahl bis 1680 auf 87 an bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 925. Im Jahr 1692 unterrichtete Dannwolfs Nachfolger Philipp Jakob Rauch schon 116 Schüler (bei 940 Einwohnern). Trotz aller Belastung leistete Rauch hervorragende Arbeit und wurde von den Böblingern sehr geschätzt. Er galt als ein "herrlicher Schreiber und Rechner" und guter Musiker.
Hatte man bisher nur im Winter Schule (Winterschule) gehalten - also in einer Zeit, in der die Kinder weniger als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gebraucht wurden - wurde während der Amtszeit Dannwolfs, sicher zum Unwillen der Eltern, auch im Sommer Unterricht erteilt (Sommerschule). Dieser lief zunächst nicht gut, so besuchten 1684 nur 66 Kinder die Sommerschule, während es im Winter 95 waren. Bemerkenswerterweise waren in der Sommerschule von 1684 die Mädchen (38) gegenüber den Knaben (28) in der Mehrheit. Vermutlich waren die Knaben die wichtigeren Hilfskräfte in der Landwirtschaft.
Die Sommerschule
Die Schule war in einem Gebäude untergebracht, das im Bereich zwischen der Stadtkirche, dem damaligen Schloss und den heutigen Gebäuden Marktstraße 41-43 lag. Schon im Spätmittelalter (1480) befand sich in diesem Haus die Dienstwohnung des Mesners. Es gehörte damals der Marien- und Katharinenpfründe und war somit kirchliches Vermögen. Nach der Reformation ging das Gebäude in den Besitz des Heiligen über. Weil der Schulmeister dem Pfarrer unterstellt war und in der Regel auch als Mesner arbeitete, brachte man die deutsche Schule dort unter. Unmittelbar daneben befand sich die Lateinschule.
Über die spätere Geschichte der Böblinger Volksschule wird Stadtarchivar Dr. Christoph Florian in weiteren Beiträgen in der Rubrik "EinBlick in die Stadtgeschichte" im Amtsblatt berichten.
Von Maientagsfreuden und einem lebensgefährlichen Keller
Nach der Katastrophe im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) hatte sich die Deutsche Schule in Böblingen im Laufe des 18. Jahrhundert erholt. Hatten die Schülerzahlen 1655 insgesamt 45 Knaben und 25 Mädchen umfasst, wurden im Jahr 1702 bei 1.005 Einwohnern 118 Winterschüler und 79 Sommerschüler gezählt. 1726 waren es dann schon 138 Winter- und ebenso viele Sommerschüler. Die Schule hatte in der Bevölkerung offenbar an Akzeptanz gewonnen, so dass die Eltern nun auch im Sommer auf die Arbeitskraft ihrer Kinder in der Landwirtschaft und im Haushalt verzichteten und sie zum Unterricht schickten.
Ein Schulmeister mit „feinen Qualitäten“
Die Schulmeister (Lehrer) leisteten auch gute Arbeit. Über Johann Leonhard Binder aus Bönnigheim, seit 1730 Schulmeister in Böblingen, heißt es im „Testimonium“ (Zeugnis) ein Jahr darauf: „Ist von feinen Qualitäten im Rechnen, Schreiben und Choralgesang, führet sich auch noch zu Zeiten in officio (Amt) und Vita (Leben) so auf, daß man zufrieden,…“
Auch sein Nachfolger, der aus Fellbach stammende Johann Georg Auberlen (seit 1735) war ein guter Schulmeister, was jedoch Differenzen mit dem Arbeitgeber nicht ausschloss. Denn 1744 wollte er die armen Schüler nicht mehr kostenlos unterrichten. Die Stadt wiederum wollte ihm keine Entschädigung dafür zahlen, da er ja bei Dienstantritt die Verpflichtung mit übernommen hatte, von den armen Kindern kein Schulgeld zu nehmen. Andererseits galt er als fähiger Lehrer und 1738 bemerkten die Visitatoren (Mitglieder der Überprüfungskommission) über ihn: „Ist geschickt, sehr fleißig,…“.
Bei Johann Georg Auberlens Nachfolger war nicht alles lobenswert, denn sein Sohn und Nachfolger Johann Jacob (seit 1758) war zugleich Schulmeister und „Oekonom“ (Landwirt). In letztere Tätigkeit investierte er soviel Zeit, dass er „sich gar zu oft aus der Schule absentiere (entferne)“, wie 1768 beklagt wurde.
Keine Erlösung für den Schulmeister
Den gewünschten Aufstieg zum Lehrer (Präzeptor) in der Lateinschule (Vorgänger des Gymnasiums) hätte er möglicherweise schaffen können, wenn er „in Amt und Schulzucht mehreren Eifer und in Vita (Leben) mehr Vorsicht bewiesen“ hätte. Obgleich er studiert hatte und für sein Amt eigentlich überqualifiziert war, wurde es nichts mit der gewünschten „Erlösung vom deutschen zum lateinischen Schulamt.“ Der Unterschied zwischen Lateinschule und Deutscher Schule war sehr groß, die Schultypen bauten nicht aufeinander auf, sondern existierten nebeneinander her. Johann Jacob blieb Deutscher Schulmeister, bis er 1803 im Alter von 76 Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand ging. Als Zeichen der Wertschätzung zahlte man ihm bis zu seinem Tod 1810 das Gehalt weiter.
Ein Provisor musste her
Die Schulmeisterstelle in Böblingen blieb allerdings in der Familie, denn Auberlens Nachfolger als Schulmeister wurde der Provisor (Hilfslehrer) Johann Jakob Fehrle, der zugleich Schwiegersohn seines Vorgängers war. Fehrle setzte die Böblinger Schulmeistertradition der Familie dann bis 1817 fort.
Mehr als nur Lernen
Fehrle war nicht der erste Provisor gewesen. Angesichts der schon oben erwähnten steigenden Schülerzahlen sah die Stadt Böblingen schon zu Beginn des 18. Jahrhundert ein, dass die Einstellung eines Provisors notwendig war, der den Schulmeister unterstützen sollte. 1706 wurde der aus Schmiden stammende, 22 Jahre alte Johannes Zais in dieses Amt eingestellt. Die Schülerzahlen stiegen weiter an, so dass 1784 eine dritte Lehrerstelle eingerichtet wurde. Damit gab es jetzt einen Knabenschulmeister, einen Mädchenschulmeister sowie einen Provisor, der die Anfänger unterrichtete. Als der Schulbetrieb mit den drei Lehrern und über 200 Schülern dann 1789 überprüft wurde, war das Ergebnis sehr gut.
Doch auch in früheren Zeiten wurde an der Schule nicht bloß unterrichtet und gelernt, schon damals wusste man, dass ein Ausflug das Schulklima verbessert. Dieser wurde am Maientag unternommen. Das Wort "Maien" hat dabei nicht direkt etwas mit dem Monat Mai zu tun, sondern ist auf einen alten Begriff für grüne Baumzweige zurückzuführen. Sie dienten bei Maienfesten als Schmuck.
Lehrer und Schüler ließen vielerorts die muffige Schulstube verwaist zurück und zogen ins Grüne, veranstalteten Spiele und ließen es sich bei Essen und Trinken gut gehen. Das ließen sich wiederum viele Eltern nicht entgehen und gingen gleich mit. Es ging dann zuweilen recht lustig zu. Offenbar zu lustig, denn am 8. Oktober 1757 erließ die württembergische Regierung eine Verordnung, die das Schülerfest ganz abschaffen oder zumindest einschränken sollte.
„Ueppigkeit“ und „suendliches Wesen“
Liest man die Verordnung durch, dann werden deren Gründe bzw. Absichten deutlich. Zum einen ist von „Ueppigkeit“ die Rede. Die Obrigkeit wollte verhindern, dass sich die Untertanen durch solche Feiern finanziell verausgabten und deswegen weniger Steuern und Abgaben leisten konnten. Dann wird „suendliches Wesen“ genannt. Man fürchtete, dass bei den ausgelassenen Feiern die öffentliche Moral unter die Räder kam. Der Erlass erwähnt auch, was die Schülerinnen und Schüler am Maientag eigentlich machten. Die Obrigkeit ärgerte nämlich „sonderlich das Tanzen der Kinder, auch die thoerichten Aufzuege derselben“. Die Kinder verkleideten sich also oder kleideten sich zumindest anders als im Alltag.
Der Erlass hatte in Böblingen offenbar Erfolg. Denn 1760 wurde vermeldet, dass „der Maientag seit etlichen Jahren nicht mehr gehalten wurde.“
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts entpuppte sich das Schulhaus als Problem, es war nämlich marode. Schon Johann Jacob Auberlen hatte sich 1760 beschwert, dass es sowohl in seinem Haus als auch seinem Keller „lebensgefährlich“ sei. Die Situation besserte sich nicht und es war die Rede davon, dass die Wohnung des Schulmeisters „ziemlich schlecht conditioniert (beschaffen)“ sei. Die Klassenräume wären „…nicht nur viel zu eng, sondern auch sehr ungesund, finster und elend.“ Schließlich wurde 1783 ein benachbartes Haus aufgekauft, in dem die Mädchen unterrichtet werden sollten. Seitdem verteilte sich die Deutsche Schule auf zwei Gebäude.
Die Schule im 19. Jahrhundert
Der Text orientiert sich am Beitrag von Sabine Holtz über die Böblinger Schulgeschichte in der stadtgeschichtlichen Veröffentlichung aus dem Jahr 2003
Im Zusammenhang mit der Vergrößerung Württembergs (1803 bis 1805) in der napoleonischen Zeit wurden auch Veränderungen im Schulwesen notwendig, um auch auf diesem Gebiet Altwürttemberg und die neu hinzugekommenen Territorien anzugleichen. Dazu sollte der Unterricht modernisiert und der Lehrerberuf professionalisiert werden.
Schule und Konfession
Zunächst orientierte sich die Schulreformpolitik an den Konfessionsgrenzen. Der Gegenstand der Reformen war die „Elementarschule“, wie die Deutsche Schule mittlerweile hieß. Dabei wurde 1810 für die evangelischen Elementarschulen die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr festgelegt. Wer die Volksschule beendet hatte, musste bis zum 18. Lebensjahr die Sonntagsschule besuchen.
Die reformierte Elementarschule deckte wie die bisherige Deutsche Schule das heutige Spektrum von Grundschule und weiterführenden Schulen (Realschule, Hauptschule) ab. Ebenso übte wie bisher die (im Fall von Böblingen) evangelische Kirchenbehörde die örtliche Schulaufsicht aus. Erst 1836 erhielt diese Schulform die Bezeichnung "Volksschule".
Die Lehrerausbildung, bisher ein reiner Ausbildungsberuf, wurde professionalisiert. Für die Lehrer der Elementarschulen wurde mit dem Lehrerseminar in Esslingen (1811) „eine zentrale Ausbildungsstätte“ eingerichtet. Der Pädagoge als Ausbildungsberuf gehörte jetzt der Vergangenheit an. Die Volksschullehrer wurden zu einem Berufsstand mit Ansehen.
Steigende Schülerzahlen
Die Schüler der Böblinger Volksschule waren damals in die Knabenschule und Mädchenschule eingeteilt. Mit der Schülerzahl wuchs auch die Zahl der Lehrer. 1877 gab es acht Lehrer, 1880 kam ein weiterer dazu. Die Klassengrößen waren entsprechend groß. Sie betrug im Jahr 1880 zwischen 74 und 128 Kinder. Lediglich die oberste Mädchenklasse hatte damals „nur“ 54 Schülerinnen.
Da sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Bevölkerungszahlen in Böblingen mehr als verdoppelten, stiegen auch die Schülerzahlen stark an. So besuchten im Jahr 1822 163 Knaben und 201 Mädchen, also insgesamt 364 Schüler die Elementarschule. Nur neun Jahre später unterrichteten zwei Schulmeister und zwei Provisoren (Hilfslehrer) zusammen 523 Schüler. Im Jahr 1855 gab es dann schon 547 Kinder, die von mittlerweile sechs Lehrern unterrichtet wurden. Dabei besuchten viel mehr Mädchen (332) als Jungen (224) die Schule. Gab es bis 1870 bei den Schülerzahlen keine große Veränderungen (565 Kinder), folgten dann Phasen mit starkem Anstieg. So wurden nur sieben Jahre später (1877) 700 Kinder und 1886 sogar über 800 Kinder unterrichet. Danach folgte ein leichter Rückgang auf 738 Kinder (1892).
Unartige Schüler
Trotz der großen Belastung der Lehrer wurde der Unterricht von den Vorgesetzten positiv beurteilt. So wurden 1822 die Klassen der Knabenschule als gut und die der Mädchenklassen sogar als sehr gut beurteilt. Probleme gab es offenbar immer wieder bei den Anfängern, die von den Hilfslehrern unterrichtet wurden. 1845 wurde moniert, dass der Lehrer aus „lauter Güte und Freundlichkeit“ seine Schüler machen ließ, was sie wollten. Auf einer Schulsitzung in späterer Zeit wurde kritisiert, "daß Einzelne stets den Griffel (Stift), andere beide Fäuste in den Mund stecken, andere mit beiden Armen den Kopf halten, andere den Kopf auf das Subsellium (Bank) legen, andere miteinander sprechen und Unarten treiben.“ Interessanterweise wurde gerade dieser Lehrer von vielen Eltern wegen seiner „übergroßen Nachsicht“ - so sein Vorgesetzter - als ein „besserer Lehrer gerühmt.“
Der Unterrichtsstoff entwickelte sich immer weiter. Die mit der Religion zusammenhängenden Fächer verloren ihre dominante Stellung. 1822 standen auf dem Stundenplan Lesen, Orthographie (Rechtschreibung), Schreibunterricht, deutscher Sprachunterricht, Verstandesübungen, Rechnen, Religions- und Sittenunterricht, Singen sowie die Fächer, die heute durch Gemeinschaftskunde, Geschichte und naturwissenschaftliche Fächer abgedeckt werden (Naturlehre, Erdbeschreibung).
Der Unterricht fand vormittags (von Montag bis Samstag) für die kleineren Kinder von 7.00 bis 9.00 Uhr und für die älteren Kinder von 9.00 bis 11.00 Uhr statt. Die größeren Kinder mussten erst später in die Schule, allerdings nicht damit sie länger schlafen konnten, sondern damit sie die Möglichkeit hatten, im Haushalt oder in der Landwirtschaft zu helfen. Die wöchentliche Unterrichtszeit nahm im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer mehr zu, so dass sie 1892 in den unteren Klassen 22 und in den oberen Klassen 34 Stunden betrug. Die Ferien dauerten insgesamt sechs Wochen und richteten sich nach den Erfordernissen der Landwirtschaft - sechs Tage Ferien gab es zur Zeit der Heuernte, drei Wochen in der Haupterntezeit sowie zwei Wochen im Herbst.
Im „baufälligen Zustand“
Weil die Schülerzahlen stiegen, reichten die bisherigen Klassenräume nicht mehr aus. Daher kaufte die Stadt im Jahr 1818 für 10.800 Gulden die beiden Schlossgebäude und widmete sie zu Schulen um. Allerdings gab es nach einiger Zeit Probleme und 1833 traten die ersten Beschwerden über den „baufälligen Zustand“ des zweiten (nördlichen) Schulgebäudes auf. 1838 wurde über den Bau eines neuen Schulgebäudes verhandelt, wobei während des Baus die Schüler im nahe gelegenen Rathaus (gegenüber dem heutigen Fleischermuseum) unterrichtet werden sollte. Das nördliche Schulgebäude wurde 1840 abgerissen und 1841 neu erbaut. Dies kostete die Gemeinde dann 13.000 Gulden. Die Zimmer „waren nun hell und hoch", viele konnten beheizt werden. Nach damaliger Anschauung galten sie als „gesund.“
Das neue Gebäude und der alte Nordtrakt des Schlosses wurden zum Schulzentrum. Im neuen Gebäude fanden die Lateinschule (Gymnasium), die Realschule (Gymnasialzweig mit kaufmännischem und gewerblichem Profil), die Elementarschule (jetzt die untere Klasse der Lateinschule) und die Mädchenschule (der Volksschule) ihre Heimstätte. Das erhalten gebliebene südliche Schlossgebäude nahm den Präzeptor (Gymnasiallehrer), den Reallehrer, einen Lehrer der Knabenschule (der Volksschule) und die Knabenschule selbst auf.
Maße im alten Böblingen
In dieser Ausgabe des Einblicks beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Florian mit Maßeinheiten, die früher in Böblingen verwendet wurden.
In der heutigen Zeit haben sich die metrischen Maße und Gewichte auf fast der ganzen Welt durchgesetzt. Alte Maße wie z. B. die Elle als Längenmaß sind verschwunden. Andere alte Maßangaben werden zwar noch verwendet, doch sie beruhen jetzt auf metrische Größen wie z. B. das Maß, das jetzt genau einen Liter bezeichnet.
Kein einheitliches Maß
Das Besondere an den Maßen und Gewichten in Deutschland lag darin, dass sie nicht nur innerhalb Deutschlands unterschiedlich waren, sondern sich auch innerhalb der einzelnen Länder bzw. Herrschaftsbereiche unterschieden. So war es auch in Württemberg bis 1557. Die einzelnen Ämter (Verwaltungseinheiten) des Herzogtums (bis 1495 Grafschaft) hatten entweder eigene Maße oder orientierten sich an anderen Ämter. Im Folgenden soll sich die Darstellung auf die sogenannten Hohlmaße (Volumenmaße) sowie Flüssigkeitsmaße beschränken.
Jedes Produkt hatte ein eigenes Maß

Neben der großen Anzahl an unterschiedlichen Gewichten wird das Verständnis der alten Maße noch dadurch zusätzlich erschwert, dass es für unterschiedliche Produkte jeweils eigene Maße gab. So wurden unterschiedliche Getreidesorten mit unterschiedlichen Maßen gemessen. Auch im Herzogtum Württemberg und dem dazugehörigen Böblingen war dies so. Der Stuttgarter Ratsherr Sebastian Küng schrieb anlässlich der Maßreform (1557) über die Mannigfaltigkeit der altwürttembergischen Maßsysteme: „[...] es sei schier keine Stadt oder Dorf, das sich mit dem andern in Meß und Eich durchaus vergleiche.“
Getreidemaß orientiertesich an Calw
Böblingen hatte keine eigenen Maße. Bei den Getreidemaßen hatte es sich an das Calwer Amt orientiert. Die größte Einheit des Getreidemaßes war dabei der Malter. Beim Roggen (glatte Frucht) betrug der Malter 131,74 Liter, bei Dinkel und Hafer (rauhe Frucht) hingegen 142,05 Liter. Da es auch kleinere Maßeinheiten geben musste, war der Malter wiederum in 8 Viertel bzw. in 32 Vierling eingeteilt. Gemessen wurde das Volumen dann mit geeichten Behältnissen (Schöpfmaße).
In den alten Lagerbüchern (herrschaftliche Rechts- bzw. Besitzverzeichnisse) finden sich dann diese Angaben wieder. So musste der Böblinger Bauer Hanns Häßlich 1523 für etwa vier Hektar Ackerfläche jeweils vier Viertel Kernen (Dinkel) und Haber (Hafer) an die Herrschaft abliefern. Das waren nach altem Calwer Maß gerechnet jeweils 71 bzw. insgesamt 142 Kilogramm Korn, also nach damaligem Maß ein Malter.
Flüssigkeitsmaß war wie in Stuttgart
Mit den Flüssigkeitsmaßen war es nicht einfacher. Bei diesen orientierte sich das alte Böblingen am Amt Stuttgart. Die größte Einheit war dort das Fuder. Das Fuder wiederum bestand aus 6 Eimer, der Eimer aus 16 Imi, der Imi aus 10 Maß und das Maß aus 4 Viertelmaß.Und auch bei den Flüssigkeiten gab es Differenzierungen, denn für den trüben, unvergorenen Wein galt die Trübeich als Maß, für den hellen, vergorenen Wein die Hell- oder Lautereich und schließlich für die Berechnung von Abgaben wurde die Schenkmaß herangezogen. Die Maße entsprachen den Anforderungen des damals in Württemberg dominierenden Weinanbaus und –konsums. Ein Fuder Trübeich machte 1840,72 Liter, ein Fuder Hell- oder Lautereich 1763,56 Liter und ein Fuder neue Schenkeich 1603,24 Liter aus. Wer also vor 1557 in Böblingen eine Maß (vergorenen) Weins stemmte, konsumierte also fast zwei Liter (1,84) des geistigen Getränks.
Versuch einer Gewichtsreform scheiterte
Das so unproblematisch erscheinende Eichwesen war im frühneuzeitlichen Württemberg politisch gesehen ein heißes Eisen. Denn der Versuch Herzog Ulrichs (reg. 1498-1550) 1514 neue Gewichte einzuführen, soll ein Auslöser des Aufstands des Armen Konrads gewesen sein, der eine schwere politische Krise heraufbeschworen hatte. Die Gewichte sollen nämlich reduziert worden sein, so dass z. B. für weniger Fleisch der gleiche Preis gezahlt werden musste.
Die Gründe für ein fehlendes eigenes Böblinger Maß dürfte in dessen geringer Bedeutung als Handelsplatz gelegen haben. Weil jedoch die Böblinger Maße in Calw und Stuttgart geeicht und bestätigt werden mussten, gab es eine wirtschaftliche Unterordnung unter diese Städte. Dies führte dann zu Problemen, denn um 1535 kam es wegen der Getreidemaße zu einem Streit zwischen Calw und Böblingen. Herzog Ulrichs entschied dann, „daß die Von Böblingen beede Haupt- und Lagermeß [...] wie Vor alters zue Callw, rechtferttigen und Pfechten laßen [...]“ mussten. Die Maße für Roggen bzw. Dinkel und Hafer mussten also weiterhin in Calw geeicht (gepfechtet) werden.
Betrügen war teuer
Der Gebrauch von falschen Gewichten konnte im 16. Jahrhundert übrigens recht teuer werden, der ertappte Missetäter wurde nämlich dazu verurteilt, der Stadt Böblingen je Gewicht acht Schilling vier Heller zu zahlen. Dies waren 164 Heller (Silbergeld). Dazu kam noch in gravierenden Fällen („daß die stuckh alle oder jedes Besonder so grob und gefaehrlich erfunden“) die strafrechtliche Ahndung durch den Vogt (Vertreter des Herzogs) hinzu.
Württemberg bekam ein Einheitsmaß
Als unter Herzog Christoph, der von 1550 bis 1568 re-gierte, dann die Maße in Württemberg vereinheitlicht werden sollten, ging man vorsichtig und gründlich ans Werk. Nach mehrjähriger sorgfältiger Vorbereitung wurden 1557 dann die neuen Maße eingeführt. Die Ämter erhielten dabei neue Maße sowie Umrechnungstabellen zugesendet. Im Zug der Reform wurden auch die Getreidemaße vereinheitlicht (Neue Landmeß). Die größte Einheit war jetzt das Scheffel mit 177,23 Liter, es setzte sich wiederum zusammen aus 8 Simri, 1 Simri wiederum bestand aus 4 Vierlingen, der Vierling aus 2 Achtel, der Achtel dann aus 4 Ecklein und dieses schließlich aus 1 Viertelein. Bei den Flüssigkeitsmaßen hatten die Böblinger Glück, denn das von ihnen benutzte Stuttgarter Maßsystem wurde auf das ganze Herzogtum übertragen (Neue Landeich).
Die neuen Maße sollte über 300 Jahre dann Bestand haben, bis dann 1871 in Württemberg das uns vertraute metrische Maßsystem eingeführt wurde.
Farbenspiele im Keller oder die Poesie Dagersheimer Rechnungsbücher
In diesem Einblick in die Stadtgeschichte überlässt Stadtarchivar Dr. Christoph Florian das Wort (oder besser gesagt das Bild) fast vollständig den Archivalien selbst. Am Beispiel alter kommunaler Rechnungsbücher aus dem Archivmagazin (Keller) wird gezeigt, wie schön alte Dokumente sein können.
Im 18. Jahrhundert hatte Dagersheim eine funktionierende Kommunalverwaltung. Einer der wichtigsten Aufgaben einer solchen Verwaltung war – wie heute – die Kontrolle der gemeindlichen Einnahmen und Ausgaben. Zu diesem Zweck wurden für jedes Rechnungsjahr eigens Bücher angelegt (Bürgermeisterrechnungen). Und am Ende hoffte die Gemeinde natürlich, mit einem Plus am Ende der Rechnung herauszukommen. Der Schutzumschlag wurde oft mit schönen Mustern geschmückt. Die Redaktion wünscht viel Freude beim Betrachten der Kostbarkeiten.
Böblingen in Not: eine kleine württembergische Amtsstadt und der Dreißigjährige Krieg (1618-1648)
Im aktuellen Einblick in die Stadtgeschichte schildert Stadtarchivar Dr. Christoph Florian die Leiden Böblingens im Dreißigjährigen Krieg.
In diesem Jahr jährt sich zum vierhundertsten Mal der Beginn des Dreißigjährigen Kriegs. Auslöser war der Aufstand der überwiegend protestantischen böhmischen Stände (Volksvertretung) gegen die katholisch-habsburgische Herrschaft gewesen. Begonnen hatte er mit dem „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai 1618 als protestantische Vertreter der Ständeversammlung in die Prager Hofkanzlei (Regierungsgebäude) eindrangen und die Regierungsvertreter aus dem Fenster warfen. Diese hatten Glück und überlebten. Weniger Glück hatte Mitteleuropa, in der Folge begann im Reich ein grausamer Krieg zwischen der katholischen Partei unter der Führung des Kaisers aus dem Haus Habsburg und der protestantischen Seite, der drei Jahrzehnte tobte und Millionen Menschenleben forderte. Da die Söldner, welche die Heere bildeten, neben dem Sold vor allem von der Beute lebten, kam es zu fürchterlichen Plünderungszügen. Als fremde Mächte wie Schweden und Frankreich auf Seiten der Protestanten in den Krieg eintraten, wurde er zu einem europäischen Krieg.
Die Schlacht von Nördlingen
Auch Böblingen sollte bitter unter diesem Krieg leiden. Am 5./6. September 1634 hatten kaiserlich-katholische Truppen die Schweden in Nördlingen geschlagen. Das protestantische Herzogtum Württemberg war ihnen jetzt schutzlos ausgeliefert. In kürzester Zeitung tauchten die katholischen Truppen in Böblingen auf und plünderten vom 8. bis zum 12. September die Stadt. In dem von Georg Wacker verfassten Werk „Der Bezirk Böblingen einst und jetzt“ (1910) heißt es dazu: „Kroatische Reiter entrissen den erschrockenen Einwohnern Geld, Wertsachen, Gold- und Silberschmuck sowie allerlei Hausgerät. Als das Haus des Spezials, also des ersten Pfarrers der Stadtkirche, Johann Wilhelm Gmelin geplündert worden war, nahmen die Soldaten den Geistlichen gefangen, um Geld zu erpressen. Am anderen Tag trieben sie den Gefangenen über die Fildern ins Neckartal und von da an nach Feuerbach, wobei er fortwährend mit Säbel und Pistole bedroht wurde. Gegen die Zahlung von 300 Gulden wurde er dann nach zweitägiger Gefangenschaft entlassen. Die Raubzüge sollten jedoch noch weitergehen. Kaiser Ferdinand II. (regierte 1619-1637) hatte die Städte Böblingen und Leonberg seinem General Matthias Gallas (1588-1647) geschenkt. Als dann Herzog Eberhard III. von Württemberg (regierte 1628-1674) sein Land wieder in Besitz nahm, plünderten die Truppen des Generals am 23. April 1638 Böblingen gründlich. Danach war die Stadt „von Leuten und Gütern meistens entblösset“.
Große Probleme bereiteten auch die Winterquartiere. Dabei quartierten sich die Truppen in die Stadt ein und drangsalierten die Bewohner, welche ihre Peiniger auch noch mit Nahrungsmitteln versorgen mussten. So mussten die geplagten Stadtbewohner in den Jahren 1635 und 1636 die Winterquartiere der Truppen des kaiserlichen Generals Octavio Piccolomini (1599-1656) ertragen, welche monatlich 1.000 Gulden Kosten verursachten. Das war eine große Belastung für die wirtschaftlich am Boden liegende Stadt. 1638 war – wie oben erwähnt – eine vollständige Plünderung noch dazu gekommen. Es war kein Wunder, dass das öffentliche Leben zusammenbrach. Da der Präzeptor (Lehrer) fehlte, fand die Lateinschule (Gymnasium) nicht statt, die Geistlichen „müßten Not, Hunger und Kummer leiden, die Stadtdiener unbesoldet herumziehen, die Tag- und Nachwächter, die Feld- und Waldschützen, die Bettel- und Stadtknecht könnten nicht besoldet werden.“ Sogar die Versorgung mit Wasser war gefährdet.
Viele Böblinger waren in größere Städte geflohen. In einem Schreiben berichteten die Stadtoberen, dass andere „unter Einsetzung von Leib und Leben die Quartiere ausgehalten“ hätten und „nit wegen jeder trüben Wolke Haus und Hof mit dem Rücken angesehen, den großen Städten zugeloffen.“ Sie berichteten, dass diese mit ihrer Haue (Hacke) die Felder bebauten und mangels Zugvieh „mit ihren Leibern den Pflug gezogen“ hätten, so dass ihnen „das Blut möge zu den Nägeln ausfließen“. Die Ernährungslage war katastrophal. Wegen der Teuerung konnten viele Bewohner sich kein Getreide leisten, deshalb wurden Eicheln gemahlen und zu Brot verarbeitet. Die Hungernden „suchten Nesseln und Schnecken und stritten um das Fleisch der gefallenen Pferde“.
Die Seuche
Die Bevölkerungszahlen spiegeln das ganze Elend wieder. 1622 hatte Böblingen etwa 1000 Einwohner. Als der Krieg fast schon zu Ende war im Jahr 1645, zählte die Stadt um die 500 Einwohner! Im ganzen Amt gab es noch 13 Pferde, zwei davon in Böblingen (1640). In Ställen der Stadt stand 1647 nur noch ein Drittel des Viehbestandes der Vorkriegszeit. Eine ungeheure Schuldenlast drohte die städtische Wirtschaft zu erdrücken. Allein die Besetzung durch kaiserliche Truppen hatte Kosten in der Höhe von 972.854 Gulden verursacht. Die Wirtschaft sollte sich erst zwei Jahrzehnte nach Kriegsende erholt haben. Ende des 17. Jahrhunderts wurde dann bei den Einwohnerzahlen wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Dies gelang nicht zuletzt durch Zuwanderung bzw. Migration aus den Alpenländern, so war z. B. 1659 ein Hans Zweygart aus der Schweiz in Böblingen ansässig und der Holzfäller Sebastian Mühläcker kam ursprünglich aus Tirol.
Doch der Krieg hatte neben Armut und Hunger noch weitere Begleiter, die ihren Tribut forderten: Krankheiten und Seuchen. In der Chronik des Sindelfinger Stadtschreibers Johann Wilhelm Löher wird die Katastrophe drastisch geschildert. Danach hatte die Seuche, man weiß heute nicht, um welche Krankheit es sich handelte, im Juli 1635 begonnen und bis in den September angehalten. In Sindelfingen soll es 800 Todesopfer gegeben haben. Auch für Böblingen gibt es eine Quelle, welche das Wüten der Seuche wiedergibt. Es handelt sich dabei um ein vom Pfarrer geführtes Verzeichnis von Stiftungen am Ende des Kirchenbuchs. Es wurden ohne Angabe der Todesursache nur diejenigen darin aufgeführt, die wegen ihrer tödlichen Erkrankung eine Stiftung gemacht hatten oder für die eine Stiftung gemacht worden war. Man findet darin vor allem die Toten der wohlhabenderen Schichten wieder. Dabei wurde Gmelin zum Chronisten in eigener Sache. Zuerst starb seine Ehefrau Anna, dann folgte am 25. September 1635 im Alter von 21 Jahren sein Sohn Lukas. Im Dezember des gleichen Jahres schrieb dann eine andere Hand in das Verzeichnis: „Der ehrwürdige und hochgelehrte Herr Magister Johann Wilhelm Gmelin, Spezial und Pfarrer allhie zu Böblingen, ist selig dem Herrn entschlafen.“ Ganze Familien wurden ausgelöscht. So starb am 21. Juli 1635 Martha Jäger, die Ehefrau des Forstmeisters, einen Tag darauf er selbst. Fünf Wochen später folgte dann ihr einziges Kind ein kleiner Sohn.
Am Ende ein Veranstaltungshinweis aus Böblingens Nachbarstadt. Das Stadtmuseum Sindelfingen präsentiert vom 17. November 2018 bis zum 12. Mai 2019 eine Ausstellung zu diesem Thema unter dem Titel: „‘Tyrannisch und fürchterlich gehaußet‘ Stadtschreiber Löher berichtet aus dem 30-jährigen Krieg“. Die Ausstellung wird in der Langen Nacht der Museen am 17. November 2018 um 18.00 Uhr eröffnet.
Der Büchsenmacher J. G. Lauser
Im Stadtarchiv finden sich auch sehr kleine Fotoalben. Jüngst wurde eine Mini-Fotosammlung verzeichnet: Die Sammlung nimmt eine alte Büchse aus dem 18. Jahrhundert in all seinen Facetten in den Blick der Kamera. Ein Böblinger Bürger hatte dem Stadtarchiv diese Fotos zur ewigen Aufbewahrung und zur Recherche für alle Geschichtsinteressierten übergeben – danke! Schauen wir uns das Gewehr also genauer an:
Die Büchse mit seinen vielen Verzierungen hat eine spannende Gravur. Sein Hersteller im alten Böblingen verewigte sich auf dem Lauf seines Werks: der Böblinger Büchsenmacher J. G. Lauser.
Ein Büchsenmacher oder auch Büchsenmeister war seit dem Mittelalter ein Handwerker, der sowohl Schusswaffen produzierte als auch Handel mit ihnen trieb.
Vom Böblinger Johann Georg Lauser wissen wir, dass er in der Mitte des 18. Jahrhunderts lebte und arbeitete. Seine Produkte waren angesehen. Mindestens eine seiner Kugelbüchsen fand damals Eingang in die Herzogliche Gewehrkammer in Ludwigsburg, wie uns ein Inventar aus dem Jahr 1751 berichtet (HStAS A 202 Bü 2395).
Nicht um unseren Büchsenmacher Johann Georg Lauser scheint es sich hingegen bei einem Auswanderer gleichen Namens zu handeln, der erst deutlich nach 1824 aus dem nahegelegenen Gärtringen nach Frankreich auswanderte.
Warum Büchsenmacher Lauser fürchtete, auch seinen letzten Gesellen zu verlieren, das lässt sich in diesem Einblick in die Stadtgeschichte nachlesen:
https://www.boeblingen.de/start/StadtPolitik/in+boeblingen+geht_s+nicht+mit+rechten+dingen+zu+_+gespensterglaube+in+der+alten+zeit.html
Hier.
Eine alte Beschreibung Böblingens
Im vorliegenden Einblick in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit einem Sammelwerk aus dem 17. Jahrhundert, das eine historische Beschreibung Böblingens enthält.

Unter den im Werk beschriebenen „Stätt“ befindet sich auch Böblingen. Betz hat diesen Abschnitt von dem Bibliothekar und Hofregistrator Johann Jakob Gabelkover (1578-1635) abgeschrieben. Aus dieser frühen von Betz überlieferten Stadtbeschreibung sollen jetzt einige Passagen, die das 16. Jahrhundert betreffen, vorgestellt werden.
Die Beschreibung Böblingens in der Oberamtsbeschreibung von 1850 ist weithin bekannt und gilt als eine wichtige Quelle für die stadtgeschichtliche Forschung. Doch hat die Oberamtsbeschreibung ihrerseits Vorgänger, die sich bis in das 17. Jahrhundert zurückführen lassen. Eine von diesen Beschreibungen fertigte ein Johannes Betz (1613-1671) an, der u. a. eine hohe Position in der herzoglichen württembergischen Verwaltung (Hofregistrator) innegehabt hatte sowie Kunstinspektor der herzoglichen Sammlung gewesen war. Bei dem Werk handelte es sich um eine ganz Württemberg umfassende Sammlung von Abschriften anderer Autoren, die er mit einem kurzen und knackigen Titel versah: „ Historische allgemeine Beschreibung deß Herzogtums Württemberg, aller Stätt, Clöster, Dörfer, Weyler, samt anderen Antiquitäten und Geschichten.“
Ein schönes Schloss
Der Böblingen betreffende Abschnitt beginnt mit der Überschrift: „Von dem fürst[lichen] w[ürttembergischen] Stättlein Böblingen“. Wenig freundlich gibt es gleich Kritik. Denn es steht in dem in altertümlichen Buchstaben geschriebenen Text, dass das auf halben Wege zwischen Stuttgart und Herrenberg gelegene Städtlein „zimblich schlecht von Gebäwen“ ist. Die Stadt hatte also keine schönen Gebäude. Doch gibt es einen Trost, „Aber“ so heißt es nämlich im Text weiter, es ist „mit einem schönen Schloss versehen“.
Die Stadt war also nicht so schön, dafür ging es ihren Bewohnern ganz gut. Denn es gab ein „sehr großes Ackerfeld, „zimbliche Weingartten und nicht weniger an Wißwuchß“. Die Ernährungsgrundlagen waren demnach ganz gut. Nicht ganz korrekt ist die folgende Angabe: „Nächst am Stättlein, gegen Herrenberg zu“, hatte „eß ein zimblich großen See“. Es muss sich dabei um die Böblinger Seen (Unterer und Oberer See) gehandelt haben. Handelte es sich ursprünglich tatsächlich um einen See, waren es jetzt im 17. Jahrhundert schon längst zwei.
Der Verfasser des Textes machte sich auch Gedanken über die Herkunft des Namens Böblingen. Er weist auf eine alte Schrift hin, nach der ursprünglich auf dem Gebiet des späteren Böblingens sich „viel böses, schädliches G[e]sinde und räuberische Buben“ aufgehalten hätten. Deswegen wäre die später dort entstandene Siedlung „Bublingen“, also Ort der bösen Buben, genannt worden. Da der Autor selbst nicht sicher ist, ob diese Geschichte stimmt, überlässt er das Urteil über den Wahrheitsgehalt der Geschichte großzügig dem Leser.
Gute Luft in Böblingen
In der Folge finden sich zahlreiche Überlieferungen zur Stadtgeschichte. Der Leser erkennt rasch, dass diese aus alten Urkunden und Chroniken entnommen wurden. Es handelt sich dabei um ganz unterschiedliche Nachrichten. So wird die gute Luft gelobt und berichtet, wie Herzog Ludwig von Württemberg, der von 1568 bis 1593 regierte, deswegen die Stadt bezeichnet hat. Wegen der „guten, frischen u[nd] gesunden Luffts“ hat er sie nämlich „seine Apoteckh genannt“. Dank der guten Luft wurde Böblingen dann auch für kurze Zeit Sitz des wichtigsten Gerichts in Württemberg. Denn 1565 verlegte man wegen der grassierenden Pest das württembergische Hofgericht von Tübingen nach Sindelfingen, aufgrund „nicht guter Lufft zu Sündelfingen“ wurde es dann aber „gen Beblingen transferirt“. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 1587, begann man die „newe Amptsbehaußung“, also den Sitz des Vogts, zu „bawen“. Das Gebäude steht heute noch in Böblingen, jetzt hat dort die Böblinger Baugesellschaft (BBG) ihren Sitz.
Es finden sich in der Beschreibung aber auch weniger gute Nachrichten. So hat trotz der guten Luft 1572 „circa finem Anni“, also ungefähr gegen Ende des Jahres, die Pest in Böblingen gewütet und erst im darauffolgenden April nachgelassen. Und rund zehn Jahre zuvor hatte am 3. August 1562 der allgemeine Hagel, der das „Landt verderbt“, auch Böblingen betroffen und die ganzen Getreidefelder und Weingärten „zerschlagen“. Auch am 6. Mai 1571 abends gab es wieder ein Hagelunwetter, doch waren die Auswirkungen dort nicht so schlimm wie in Holzgerlingen und Schönaich, wo es bei den „Weingart“ schwere Schäden gab.
Dieses alte Sammelwerk hat lange im Archiv gelegen und ruht dort noch immer. Doch mittlerweile ist es digitalisiert. Und wer Lust hat kann sich auf der Webseite des baden-württembergischen Landesarchivs zur Signatur „Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 1 Nr. 12“ durchklicken und den Text selbst entziffern (Link: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/bild_zoom/thumbnails.php?bestand=5449&id=7431175&syssuche=&logik=).
Die Böblinger Bären
In dieser Ausgabe des "EinBlicks in die Stadtgeschichte" geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian der Geschichte der Bären nach, die Jahrhunderte lang in Böblingen auf dem Schloßberg gehalten wurden.
In früheren Zeiten war es üblich, dass sich Fürsten einen Tiergarten (Privatzoo) hielten. Das Halten von besonderen, teilweise exotischen Tieren sollte ihren Haltern Spaß und Zeitvertreib bringen. Die Tiere sollten aber auch den Reichtum ihrer Halter bezeugen, welche sich so etwas überhaupt leisten konnten. Die Herzöge von Württemberg waren hier keine Ausnahme, auch sie hatten Tiergärten und das nicht nur in ihren großen Residenzen, sondern auch in Böblingen. Bei den bedauernswerten Tieren handelte es sich um solche der Art Ursus arctos, also um Bären und um genauer zu sein, um Braunbären. Die ehemaligen Amtsleiter Dr. Günter Scholz und Erich Kläger haben sich in ihren stadtgeschichtlichen Veröffentlichungen bereits mit diesem Thema befasst.
Vier Bären für Böblingen
Erstmals aus dem 16. Jahrhundert liegen Nachrichten über einen Tiergarten in Böblingen vor. 1540 hatte Herzog Ulrich (1498 bis 1550) nämlich angeordnet, unter anderem in Böblingen einen Tiergarten anzulegen. Jahre später dann, am 6. November 1553 bekam der Böblinger Vogt ein Schreiben von seinem Vorgesetzten Herzog Christoph (1550 bis 1568). Darin kündigte dieser an, dass er ihm „vier junger Berenn“ schicken werde. Dem Vogt wurde auch gleich aufgetragen, wo die Bären unterzubringen waren. Er sollte sie „in dem ainen graben beiainannder lauffen lassen“. Mit Graben war der Schlossgraben gemeint. Die „alt Birrin“ sollte zu den anderen zwei jungen Bären, die sich schon dort befanden. Die drei Bären wurden also künftig getrennt von den Neuzugängen gehalten.

Wie jeder Tierbesitzer weiß, bereiten diese nicht nur Freude, sondern auch Sorgen und Kosten. Bei den Bären war das nicht anders. So erhielt Herzog Ludwig am 3. November 1669 einen bekümmerten Brief seines Böblinger Burgvogts (Schlossverwalters) Georg Brothbeckh. Der „alte grosse Beer“ war jetzt seit einigen Tagen krank und wollte „nichtzit“ essen. Zwei Tag später kam die Antwort aus der Zentrale in Stuttgart. Dem Bären wurde darin ein Heilmittel aus der Volksmedizin verordnet, nämlich ein Ameisenhaufen („Omaissen Hauff“). Der Bär sollte sich wohl hineinsetzen und durch die Ameisensäure geheilt werden. Zudem sollte der Patient ein Spanferkel bekommen, damit man sah „ob er dasselbige erwürgen und essen [...] und sich damit erlusstigen thete“. Wenn dies alles nicht half und der Bär stürbe, müsse der Burgvogt ihn „uffschneiden“ und feststellen lassen, ob er an Altersschwäche gestorben sei. In diesem Fall war das „Schmaltz“ samt des Fells („Hautt“) nach Stuttgart zu schicken.
Weißes Brot und Milch
Da ist doch ein Brief aus dem Jahr 1627 tröstlicher. Hier ging es um eine kranke Bärin. Dank eines klugen Rates von der Stuttgarter Verwaltung war sie wieder gesund geworden. Man hatte nämlich angeordnet ihr „Hunig ufm Broth“ zu geben. Der Brief enthielt noch eine weitere gute Botschaft von „der annderen grawen“ Bärin, sie war - ohne dass es jemand gemerkt hatte - trächtig gewesen und hatte „zwey junnger Bärlen“ das Leben geschenkt. Der Böblinger Vogt Hans Ludwig Beihel versicherte, den Nachwuchs "vleißigest" zu pflegen und ihn mit „weissem Broth unnd Milch“ zu versorgen.
Da die Böblinger Bären Nachwuchs bekamen, war es dem Herzog möglich, wiederum selbst Bären zu verschenken. So erhielt dann im Jahr 1571 Landgraf Georg von Hessen schwäbische Bären.
Die Bären lebten im Schlossgraben, wie aus der Nachricht von 1553 hervorgeht. Laut dem schon genannten Schreiben von 1627 war die Bärin unter der Brücke untergebracht. Damit war der Übergang gemeint, der das Schloss mit dem Zugangsweg vom späteren Postplatz her verband. Ein Plan aus der Zeit um 1800 verdeutlicht die genaue Situation. Demnach lag der als Bärengraben bezeichnete Graben dem eigentlichen Schlossgraben vorgelagert im Süden und Osten des Schlosses. Auf dem Plan sind auch zwei Bärenhäuser erkennbar, eines tatsächlich in der Nähe der Brücke und eines im äußersten östlich gelegenen Winkels des Bärengrabens. Aus dem Plan ist ersichtlich, dass die Bären nicht die einzigen tierischen Bewohner des Schlosses waren, denn auf der nördliche Seite befand sich der Wolfsgraben. Tatsächlich wurden 1720 neben acht Bären auch zwei Wölfe gehalten. Zeitweise gab es wohl auch Luchse.

Die Aufwand für die Versorgung der herzoglichen Tiere war immens. So benötigten die acht Bären und zwei Wölfe im Jahr 1720 allein 160 Scheffel (ca. 28 Tonnen) Dinkel. Da aber Nachwuchs zu erwarten war, wurde der zukünftige Bedarf sogar auf 190 Scheffel (ca. 34 Tonnen) veranschlagt. Sie bekamen auch Fleisch verfüttert, jedes in Böblingen oder Sindelfingen gefallene Schaf musste zu diesem Zweck abgeliefert werden. Zur Finanzierung der Kosten gab es eine eigene Stiftung, das „Bärenstift.“ Laut der Oberamtsbeschreibung von 1850 hat dann Herzog Carl - gemeint ist wohl Carl Eugen (1737 bis 1793) - diese Stiftung umgewidmet und für die Unterstützung armer Familien bestimmt.
Der alte Bär ist los
Eine vielen Böblingern geläufige Anekdote über die Bären hat Erich Kläger in seinem Werk „Böblingen. Eine Reise durch die Zeit. (1979)“ festgehalten. Danach wurde 1736 nach einer Jagd Herzog Karl Alexanders (1733 bis 1737) im Schönbuch abends im Schloss im Löwensaal ein glänzendes Fest gefeiert. Die Hornmusik missfiel jedoch dem alten Bären Achmet, der sich daraufhin befreite und zum Entsetzen des Hofstaats auf einmal im Saal erschien. Die Not war groß, denn die Kavaliere hatten ihre Waffen im Rittersaal abgelegt und konnten den Bären nicht vertreiben. Der Herzog wollte sich mit einer Hellebarde dem wütenden Bären entgegenstürzen. Doch der geistesgegenwärtige Page von Gemmingen kam ihm zuvor, nahm eine der an den Wänden angebrachten Fackeln und verscheuchte damit den Bären.
Doch die Zeit der Böblinger Bären ging ihrem Ende zu. Gegen Ende der 1790er Jahren wurde die Bärenhaltung aufgegeben. Für die Bären war dies angesichts der beengten Verhältnisse im Graben sicher kein großer Verlust. Bei der Namenswahl für den Gasthof Bären um das Jahr 1700 jedoch wurde wohl direkt oder indirekt auf die Bären Bezug genommen. So gibt es heute noch eine bleibende Erinnerung an die zottigen Bewohner auf dem Schloßberg.
Visitationen in Dagersheim
In diesem "EinBlick in die Stadtgeschichte" befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit Visitationsberichten über Dagersheim aus den Jahren 1760 und 1763. Diese Berichte enthalten interessante historische Informationen über Böblingens Stadtteil.
Visitation bedeutet im weitesten Sinne Kontrollbesuch oder Bestandsaufnahme. Solche Bestandsaufnahmen wurden auch im Württemberg des 18. Jahrhunderts in den einzelnen Kirchengemeinden durchgeführt. Dabei wurden nicht nur der Pfarrer und seine Helfer kontrolliert, auch das gesellschaftliche Verhalten der Kirchengemeindemitglieder wurde überprüft.
Ein kurzer Blick auf die damalige württembergische Gemeindeverfassung zeigt, dass das Gericht das zentrale Organ der dörflichen Verwaltung war. Es hatte sowohl die Aufgaben eines Dorfgerichts als auch eines kommunalen Selbstverwaltungsorgans inne. Den zwölf Richtern als rein kommunale Vertreter stand der Schultheiß gegenüber. Er vertrat den Staat gegenüber den Dorfbewohnern und zugleich die Interessen des Dorfs gegen den Staat. Der Ortspfarrer wiederum war zugleich das Haupt der Kirchengemeinde und staatlicher Vertreter und auch Vorgesetzter des Dorfschullehrers.
Gemischte Gefühle
Visitationen wurden erst kurz vorher bekannt gemacht. In Dagersheim war die für den 13. Juni 1760 vorgesehene Visitation erst am 7. Juni angekündigt worden. Pfarrer, Lehrer und Schultheiß werden aus den genannten Gründen vielleicht mit gemischten Gefühlen der Visitation entgegen gesehen haben. Durchgeführt wurde sie von Spezial (d. h. Dekan) Johann Christoph I. Schmidlin aus Böblingen. Der 29 Jahre alte Dagersheimer Pfarrer Christian Gottfried Hoffmann hatte schon ein Schriftstück vorbereitet, das auf die Fragen einging, und der Visitator trug dazu seine Randbemerkungen ein. Diese Unterlagen liegen jetzt im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart.
Die Zählung der Gläubigen ergab 618 Bewohner evangelischer Konfession. Angehörige anderer Konfessionen gab es nicht. Zum Vergleich: Böblingen hatte damals 1.406 Bewohner. Die Dagersheimer Gesamtbevölkerung setzte sich aus 112 Infantes (Kleinkinder), 98 Katechumen (Schüler) sowie 407 Kommunikanten (Erwachsene) zusammen. Die „Simplices“, die geistig Behinderten, wurden gesondert gezählt, es gab einen. Es war der Sohn des Schultheißen, der wie der Schmidlin notierte, „fleissig in die Kirche gehet“. 25 Personen waren innerhalb des abgelaufenen Jahres gestorben, davon vier Erwachsene und die erschreckend hohe Zahl von 21 Kindern. Die Zahl der Geburten betrug 37, davon 23 Jungen und 14 Mädchen. Das bedeutete ein beeindruckendes Bevölkerungswachstum von rund zwei Prozent.
Nicht zufrieden war der Pfarrer mit seinem Pfarrhaus, es war „aber wirckl[ich] abgängig und in schlechtem Stand“. Nicht nur das Pfarrhaus, auch Pfarrer Hoffmann selbst gab Anlass zur Kritik. Der Visitator war von den Qualitäten des Seelsorgers nicht ganz überzeugt. So erinnerte er den Pfarrer, dass „das Betragen mit denen Zuhörern demüthiger und liebreicher werden“ müsse. Hoffmann fand offenbar nicht den richtigen Zugang zu seiner Gemeinde. Es wurde auch Klage geführt, dass zu lange geläutet würde. Dann hatte sich Hoffmann auch „etliche mahl mit Trunckenheit übersehen“. Doch fand er für seine alkoholbedingten Ausfälle eine zufriedenstellende Erklärung, denn der Visitator schrieb, dass er sich „fein zu entschuldigen gewußt“.
Der „Ludi Magister“
Besser sah es beim „Ludi Magister“, dem Dorschullehrer, aus. Georg Heinrich Kolb, der Großvater des berühmten Immanuel Gottlieb Kolb, war 39 Jahre alt und gelernter Zeugmacher, wobei er das Gewerbe kaum ausübte. Zufrieden vermerkte der Spezial: " [...] Fleiß im Amt und Zucht in der Schuhle gut“. Auch der Pfarrer und die Gemeinde waren von ihrem Schulmeister angetan und die Schüler erreichten bei der Prüfung anlässlich der Visitation gute Ergebnisse. Dies war recht bemerkenswert, unterrichtete Kolb doch zusammen mit dem Provisor (Hilfslehrer) im Winter 98 und im Sommer 84 Kinder. Der Provisor, der 19 Jahre alte Friedrich David Sauer, war noch sehr schüchtern und hatte wenig Erfahrung, doch war er fleißig und gab zu besten Hoffnungen Anlass.
Die Seelsorge lief offenbar reibungslos. Die Kirchenbücher wurden ordentlich geführt und die Einnahmen und Ausgaben der Ortskirche korrekt verrechnet und verbucht. Das Kirchengebäude, die Glocken, die Kirchturmuhr und die „Vasa Sacra“, das liturgische Gerät, sowie der Kirchhof waren in Ordnung. Erleichtert konnte der Pfarrer dem Spezial melden, dass „kein Lehrjunge an andere Religionsverwandte [z.B. Katholiken] gegeben, noch Gesind von Ihm angenommen“ war. Es war also nicht zu befürchten, dass auf diese Weise eines der Schäfchen an die kirchliche Konkurrenz verloren ging.
Als Vertreter der Staatskirche waren dem Visitator Aktivitäten von Gläubigen außerhalb der Kirche bei aller Anerkenntnis der Motive suspekt. In Dagersheim hatten sich eine Zeit lang Bewohner nach der Abendkirche an Sonn- und Feiertagen versammelt. Doch auch hier gab es Entwarnung, denn es handelte sich nur um ein Häufchen von sechs Personen, die private Glaubensarbeit betrieben. Der Pfarrer konnte ja nicht ahnen, dass die pietistische Bewegung in Dagersheim immer stärker und mit dem Enkel des tüchtigen Schulmeisters als Wegbereiter im 19. Jahrhundert die bestimmende geistige Kraft werden würde.
Der Pfarrer schrieb auch: „den Zustand der Hertzen in der Gemeinde kennt der Herr am besten“. Doch auch hier konnte er „Gott sey Danck!“ zufrieden sein, denn in Dagersheim kam der „Seegen deß Worts durch Wachsthum in dem Guten“ zum Vorschein. Auch die weltliche Obrigkeit machte besten Eindruck. Schultheiß Wendel Ziegler war im Gottesdienst und im alltäglichen Leben ein "Exempel" (Vorbild). Auch die Richter gingen zum Gottesdienst und waren „meistens erbar“.
Nach Beendigung der Visitation wird der Schmidlin wohl voller Zufriedenheit diesen unkomplizierten Ort verlassen haben. Ein paar kleine Unstimmigkeiten gab es zu regeln, das war es aber auch.
Ein katholischer Schäferknecht
Als unser Spezial drei Jahre später Dagersheim wieder visitierte, wies die Idylle einige Sprünge auf. Es gab jetzt nämlich einen Katholiken im Ort. Es handelte sich dabei um einen Schäferknecht, der sich jedoch still und unauffällig benahm und, wenn es ihm möglich war, auch den evangelischen Gottesdienst besuchte.
Dann gab es einen „Spötter und Verächter der heiligen Sacramente“. Johann Georg Danecker, so hieß er, war schon zweimal wegen Diebstahl im Zucht- und Arbeitshaus gesessen und wurde neuer Delikte bezichtigt. Zu seinem eigenen Vorteil war er „flüchtigen Fusses“ und für die Justiz nicht greifbar. Dann war auch noch die Hebamme Barbara Reichlin, die eigentlich ihre ältere Kollegin unterstützen sollte, von „einer melancholischen Kranckheit, die sie ihres Verstandes und ihrer Sinnen beraubte, überfallen“ worden. Es handelte sich offenbar um eine schwere Depression, welche die bedauernswerte Hebamme dauerhaft arbeitsunfähig machte.
Die Visitation war – abschließend betrachtet – ein Mittel des Staates, um möglichst viele Untertanen möglichst genau zu kontrollieren. Andererseits unterstanden z. B. die Schulen dadurch einer ständigen Leistungskontrolle, wodurch ihr Niveau gehoben wurde. Auch konnten z. B. die Gläubigen Kritik anbringen oder die Amtsinhaber (Pfarrer, Lehrer) eine Verbesserung der Unterbringung fordern.
Szenen aus der Reformationszeit in Böblingen
Im aktuellen Einblick in die Stadtgeschichte berichtet Stadtarchivar Dr. Christoph Florian von den Nöten eines protestantischen Pfarrers in Böblingen in der Reformationszeit.
In diesem Jahr wird das 500-jährige Jubiläum der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablasshandel gefeiert. Dieses Datum gilt als Beginn der Kirchenreformation und damit auch als Geburtstag der evangelischen Konfession in Deutschland. Da liegt doch die Frage nahe, unter welchen Umständen und wann genau in Böblingen die Reformation eingeführt wurde.
Im Jahr 1519 wurde Herzig Ulrich von Württemberg aufgrund verschiedener Rechtsbrüche, aber vor allem durch den Angriff auf die Reichsstadt Reutlingens, durch den Schwäbischen Bund, einer politischen Vereinigung schwäbischer Reichsstände, vertrieben. Er musste sich daraufhin lange im Exil aufhalten.
Württemberg wird österreichisch

Kurze Zeit nach der Vertreibung des Herzogs ging das Herzogtum an den streng katholischen Erzherzog Ferdinand von Österreich über. Dieser war ein Bruder Kaiser Karls V. Jegliche reformatorische Bestrebung wurde damals unnachgiebig unterdrückt, weshalb die Reformation in Böblingen länger dauerte.
Erst nach der Rückeroberung seines Landes durch hessische Truppen und der Rückkehr aus dem Exil 1534 ordnete Herzog Ulrich die kirchliche Neuordnung in Württemberg und somit in Böblingen an. Jetzt erst wurde also die Reformation eingeführt.
Betrachtet man lediglich die Jahresdaten, dann scheint der reformatorische Prozess zwingend und mühelos gewesen zu sein. Bei einem Blick auf die lokale Ebene wird jedoch erkennbar, mit wie vielen Mühen und Auseinandersetzungen dieser Vorgang verbunden war. Anhand eines Konflikts zwischen dem evangelischen Pfarrer und einem Amtsschreiber in Böblingen sollen diese Probleme verdeutlicht werden. Die Ausführungen basieren zu einem größeren Teil auf einem von dem Kirchenhistoriker Gustav Bossert 1936 in den Blättern zur Württembergischen Kirchengeschichte veröffentlichten Aufsatz.
Der eine Kontrahent war Johann Otmar Epplin, genannt Mayländer. Der um 1510 in Ulm geborene Mayländer hatte als evangelischer Pfarrer zuvor schon an einigen anderen Orten gewirkt, zuletzt in Oberesslingen. 1542 war er Nachfolger des ersten reformierten Böblinger Pfarrers Hans Wern geworden. Formell wurde Mayländer nicht als Pfarrer, sondern nur als ein rangniedrigerer „Prädikant“ bezeichnet, doch hat er die ganze Seelsorgearbeit geleistet. Er war tüchtig und genoss hohes Ansehen.
Sein Kontrahent war Amtsschreiber Caspar Beer, ein hoher Beamter. Der gebürtige Bönnigheimer hatte in Tübingen studiert, später war er dann Amtsschreiber im Amt Böblingen geworden. In dieser Funktion nahm er in der Verwaltung des Amtes Böblingen eine wichtige Position ein.
Suppe und Wein
Der erste Vorfall ereignete sich Ende 1544. Da hatte der Böblinger Bürgermeister Bastian Frech den Schultheißen und das Gericht zu Suppe und Wein eingeladen. Der Bürgermeister war damals eine Art Finanzbürgermeister, der Schultheiß ebenfalls ein hoher städtischer Beamter. Das Gericht war damals oberstes Verwaltungsorgan und Stadtgericht zugleich, gebildet wurde es durch den Schultheißen und 12 Richter.
Es war um etwa 8.00 Uhr Abend und es ging hoch her. Da fragte der ebenfalls anwesende Caspar Beer den Bürgermeister: „Altes bemischlin, – das hieß wohl alter Schmusekater – dürfen wir in deinem Haus fröhlich sein?“ und ließ dann seinen Lieblingsfluch, den er immer wieder variierte, vernehmen: „Zu Teufel, leck uns all [...]“ Auf der Feier soll getanzt und gesprungen worden sein, man habe ans Fenster geschlagen und ein Glas auf die Gasse geworfen und der freche Amtsschreiber Beer soll zur Entrüstung der Nachbarschaft aus dem Fenster gerufen haben: „Zu, Pfaff, leck uns all […]!“
Die Sache wurde offiziell. Der Geistliche Mayländer (???) hatte deswegen wohl seine Vorgesetzten informiert, war er doch für die Wahrung des allgemeinen Anstands und der Sitten zuständig. Dazu musste er den letzteren Ausruf Beers als Angriff gegen seine Autorität betrachtet haben. Es kam wohl zu offiziellen Befragungen. Das Gericht bzw. die Richter nämlich – wir erinnern uns, sie hatten mitgefeiert – stellten die Beschwerden des Prädikanten Mayländer über die Exzesse in Abrede. Ja die Richter behaupteten sogar im Gegenteil, dass das ominöse Glas nicht aus des Bürgermeisters, sondern zu Mitternacht aus Mayländers Wohnung auf die Gasse geflogen sei. Am Ende gab es einen Vergleich.

Eine weitere Begebenheit ging dann für Mayländer nicht so gut aus. Es war am 23. November 1545. Beer hielt sich im Haus des Vogts Lienhart Breitschwert am Marktplatz auf. Es war 9.00 Uhr Abends und der Vogt wollte schlafen gehen. Da erklang auf der Straße eine Geige. Mayländer begleitete mit seiner Frau die Tochter des Wirts Jörg Gerlach von einer Hochzeit in der Vorstadt nach Hause, am Rathaus vorbei. Der übermütige Amtsschreiber Beer rief Veit, dem Sohne des Vogtes, zu, er solle mit auf die Gasse und schrie nach seiner Angewohnheit aus dem Fenster: „Komm, Teufel, und leck uns all […]“ Der Geistliche Mayländer rief – für die Herrschaften oben nicht hörbar – zurück: „Leck du mich!“Ärgerlich sagte der Vogt, der ja eigentlich zu Bett gehen wollte: „Hat ihn der Teufel hergetragen? Amtsschreiber Beer, ihr sollt nicht aus meinem Fenster schreien“. Mayländer berichtete dann am 3. Dezember nach Stuttgart an die Zentralverwaltung. Der vorlaute Amtsschreiber Beer musste sich Mitte Dezember dort vor seinen Vorgesetzten verantworten. Beer verwahrte sich wegen dieses „Fuchses […]“, wie er Mayländer bezeichnete. Die württembergische Regierung sorgte dann auf ihre Weise für Ruhe in Böblingen. Der Amtsschreiber wurde nach Stuttgart beordert und schon 1546 zum Vogtsamtsverweser von Stuttgart bestellt. Er führte damit die Amtsgeschäfte in dem wichtigsten württembergischen Amt. Dies war ein beachtlicher Karrieresprung. Später wurde er in das oberste Regierungsgremium, dem „Oberrat“ berufen, dem er bis zu seinem Tod 1561 angehörte.
Karriereknick
Die Karriere Mayländers jedoch erlebte keinen Sprung, sondern eher einen Knick. Auch er wurde aus Böblingen abberufen, bekam jedoch keine neue bessergestellte Position. Im Gegenteil er schied – wohl zwangsweise – aus dem württembergischen Dienst aus und wurde Pfarrer im damals „ausländischen“ Esslingen. Letztendlich war also Beer der wichtigere Mann gewesen. Dies zeigt doch die Machtverhältnisse zwischen den Ortsgeistlichen und der herrschaftlichen Amtsverwaltung.
Der Unmut der württembergischen Vorgesetzten hat sich dann wenig später wohl gelegt und Mayländer wurde 1548 Pfarrer in Nürtingen, danach in Urach (1552). Dort wurde er sogar Dekan, also Vorsteher des Kirchenbezirks. Doch hier geriet er in Streit mit dem Diakon Johann Pfaffenzeller, einem ihm unterstellten evangelischen Geistlichen. Die Folgen kommen dann irgendwie vertraut vor. Beide Kontrahenten wurden nämlich 1561 aus ihren Positionen entlassen. Mayländer verließ daraufhin das Herzogtum und verstarb 1573 als Pfarrer in Speyer.
Eine – zuweilen selbstzerstörerische – Streitlust scheint ein hervorstechender Wesenszug Mayländers gewesen zu sein. Doch war die Bereitschaft für die eigenen Ansichten und Ideale Konflikte mit ranghöheren Personen zu riskieren, auch wenn das berufliche Nachteile mit sich bringen konnte, in diesen unsicheren und gefährlichen Zeiten ein Charaktermerkmal vieler reformatorischer Geistlicher. In dieser Hinsicht kann der streitbare Böblinger Pfarrer aus der Reformationszeit auch in heutigen Zeiten durchaus noch als ein Vorbild dienen.
In Böblingen geht’s nicht mit rechten Dingen zu – Gespensterglaube in der alten Zeit
Im vorliegenden Einblick in die Stadtgeschichte beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit dem Volksglauben Böblingens im 18. Jahrhundert.
Folgende Ausführungen basieren hauptsächlich auf der Veröffentlichung „Böblingen im Banne des Aberglaubens“ des ehemaligen Böblinger Amtsleiters Erich Kläger, der sich mit diesem und anderen Werken um die Böblinger Stadtgeschichtsschreibung verdient gemacht hat. In dieser Publikation untersuchte Kläger einen Vorfall und dessen Hintergründe, als einige Böblinger für ihre illegale Schatzsuche magische Hilfe suchten.
Skandal in Böblingen

Im Jahr 1738 gab es in Böblingen einen Skandal. Herzog Karl Alexander von Württemberg war empört. Ende des genannten Jahres berichteten nämlich der Dekan Eberhard Rühlin (Vorsteher des Pfarrbezirks) und der Vogt Georg Christian Ulmer über okkulte Praktiken im beschaulichen Amtsstädtchen. Mit Hilfe des Christophelesgebets, einer Art Bitte um magische Hilfe, war in Böblingen versucht worden, einen Schatz zu finden. Es waren vor allem Angehörige der damaligen Mittel- und Unterschicht verwickelt, jedoch mit dem Heiligenpfleger (Verwalter des Kirchenvermögens) und Ratsmitglied Johann Michael Wurster auch ein Mitglied der städtischen Elite. Die Obrigkeit führte eine umfangreiche Untersuchung durch, zahlreiche Personen wurden befragt. Die Sache endete damit, dass über etliche Personen Haft- oder Geldstrafen verhängt wurden und eine Person ihr Amt verlor. Der Dekan und der Vogt bekamen ein herzogliches Donnerwetter ab, verwahrten sich jedoch gegenüber den herzoglichen Schuldvorwürfen. Im Zusammenhang mit dieser – erfolglosen – Schatzsuche berichtete u. a. der Hauptangeklagte, der Färber Friedrich Hartranft, auch von diversen Geister- oder Gespenstererscheinungen. Auf diese soll hier näher eingegangen werden.
Übernatürliche Erscheinungen oder besser gesagt der Glaube daran waren im 18. Jahrhundert in der Bevölkerung weit verbreitet. Die Regierungen in Württemberg und anderswo versuchten, im 18. Jahrhundert – in der Zeit der beginnenden Aufklärung – solchen Glauben bzw. die daraus resultierenden Praktiken zu unterdrücken. Doch in breiten Bevölkerungsschichten – auch in den gehobenen Ständen – war der Volksglaube noch stark verankert. Der Glaube an die Magie und übernatürliche Kräfte spiegelt wohl oft Ängste vor unerklärlichen Phänomenen oder solchen, denen man hilflos ausgeliefert war (z. B. Krankheiten), wider.
Spuk auf dem Friedhof
Das Ganze hatte ein Vorspiel. Um 1724 hatte sich auf dem Kirchhof (Friedhof), der damals im Bereich der heutigen Paul-Lechler-Schule und des Feierraums gelegen war, auf dem Grab einer kurz zuvor verstorbenen Frau ein Gespenst gezeigt. Die Nachricht zog jede Nacht zahlreiche Schaulustige an. Deshalb musste der Pfarrer auf Befehl des Herzogs zur Unterbindung der Vorkommnisse eine Predigt mit dem Titel „Von den Nachtgeistern und des Sathans darunter spielenden Petrügereyen […]“ halten.
Bei den Verhören 1738 berichtete Hartranft, dass in seinem Haus (in der Vorstadt) ein „Gespenst“ sich zeigte. Mehr als zehnmal soll es ihm erschienen sein. Es erschien in einem „weißlechten Kleid“ und trug eine „Scherppen [Schärpe] über die Achsel“. Diese Schärpe glänzte wie „Edelgestein“. Als Hartranft, im Bett liegend, es einmal ansprach und ein Zeichen von ihm erbat, gab es drei „Knäll“ (Knalle) auf seinem Betttuch.
Näheres zur Beschreibung des Hausgeistes konnte dann Katharina Huber, die Magd im Hause Hartranft, beitragen. Oft habe sie ihn gehört und gespürt. Sie berichtete auch, dass sie einmal die Stube verließ und ihr dabei der Geist in einem „weiß-grauen Kleid“, den Hut unter dem Arm, auf der Stiege begegnet war. Das Gespenst hatte – so Katharina – weißes Haar oder eine „weisse Peruquen“ (Perücke) gehabt. Als sie sich einmal im Stall aufhielt, war es wie ein Schatten neben ihr hergegangen. Einmal besuchte der unerwünschte Hausgeist die geplagte Magd in ihrer Kammer und hat dort sehr „gepoldert“ und die Tür „auff und zu geschmissen“, sodass die Arme sich in die Stube (Wohnzimmer) geflüchtet und dort in ein Bett verkrochen hatte. Auch Hartranfts Schwiegersohn, der bekannte Büchsenmacher (Gewehrhersteller) Johann Georg Lauser, befürchtete wegen des Hausgeistes noch seinen letzten Gesellen zu verlieren.
Ein Knall, das wars
Um den Geist loszuwerden, lud Hartranft verschiedene Leute ein, die den lästigen Mitbewohner vertreiben sollten. Ein richtiger Erfolg stellte sich allerdings nicht ein. So ließ er einen Pfarrer kommen und als dieser das Gespenst beschwor, ließ es einen Knall auf der Stiege vernehmen, das war dann alles.
Vielleicht hat Hartranft auch den ganzen Hausgeist nur erfunden, um sein eigentliches Vorhaben, die Schatzsuche, zu verschleiern. In dem Verhör beharrte er auf jeden Fall, dass die ganzen dubiosen Geisterjäger in seinem Haus keine Schatzsuche veranstaltet, sondern nur versucht hätten, das Gespenst zu vertreiben. Denn hier lag für die verhinderten Schatzgräber noch eine weitere rechtliche Falle, alle vergrabenen Schätze, egal ob sie auf öffentlichem oder privatem Gelände lagen, gehörten dem Herzog bzw. dem Staat. Das ist übrigens – wenn ein wissenschaftliches, künstlerisches oder heimatgeschichtliches Interesse der Öffentlichkeit besteht (archäologische Funde) – auch heute noch so (Schatzregal).
Zumindest für das Haus Hartranft hatte diese Staatsaffäre auch etwas Gutes. Seit der offiziellen Untersuchung der Sache war das Böblinger Gespenst verschollen bzw. taucht nicht mehr in den amtlichen Akten der herzoglichen Verwaltung auf.
Der Pietismus in Dagersheim
In der vorliegenden Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian der Geschichte des Pietismus in Dagersheim nach.
Die nachfolgenden Ausführungen basieren zum größten Teil auf dem Beitrag über den Dagersheimer Pietismus von Dr. Günter Scholz in der Ortsgeschichte von Dagersheim.
Nachdem die Reformation im 16. Jahrhundert voller Schwung und Elan das religiöse und kirchliche Leben erneuert und verändert hatte, begann im 17. Jahrhundert die neu geschaffene evangelische (Amts-)Kirche ihrerseits zu erstarren und an Lebendigkeit zu verlieren. Unter den Gläubigen, die sich nicht damit abfinden wollten, war der aus dem Elsass stammende Philipp Jakob Spener (1635-1705). Die ursprünglichen Ziele der Reformation sollten wieder in das Zentrum gestellt werden. Zu seinem Reformprogramm gehörten das „gemeinschaftliche Bibelstudium der Gemeindemitglieder, die Mitarbeit der Laien in der Kirche“ und aktive Nächstenliebe. Besonders das gemeinschaftliche Bibelstudium und das Gebet in der Gemeinschaftsstunde, auch „Stunde“ genannt, das keine Standesschranken kannte, wurde neben der stark verinnerlichten Frömmigkeit zu einem Kennzeichen dieser Reformbewegung. Die Bezeichnung Pietisten leitet sich vom lateinischen Wort Pietas (= Frömmigkeit) ab. Der Pietismus gewann an Bedeutung und 1743 erkannte die württembergische Regierung ihn durch das „Generalreskript betreffend die Privatversammlungen der Pietisten“ an, wodurch fortan seine Anhänger in Württemberg im Rahmen der evangelischen Landeskirche wirken konnten. Württemberg wurde so zu einem der wichtigsten Gebiete des Pietismus. Auch in der Böblinger Gegend breitete er sich aus und der Altdorfer Michael Hahn (1758-1819) wurde dort zu seiner zentralen Figur.
Separatisten
Auch Dagersheim wurde vom Pietismus erfasst. Vor 1760 muss er regen Zulauf gehabt haben. Viele Bewohner versammelten sich nach der (offiziellen) Abendkirche an Sonn- und Feiertagen. Anscheinend waren auch radikale Pietisten aufgetreten, die ihre Glaubensform außerhalb der evangelischen Staatskirche etablieren wollten („Separatisten“). Später ging der Pietismus dann wieder zurück, es trat eine Mäßigung ein. Als der Ort dann 1760 von einer staatlich-kirchlichen Kommission visitiert wurde, gab es nur geringe pietistische Aktivitäten. Es waren nur noch sechs Personen übriggeblieben, die sich wohl unregelmäßig trafen und private Glaubensarbeit betrieben: „Die eine Zeit lang üblich gewesene Privatversammlungen nach den Abendkirchen an Sonn- und Feyertägen haben sich biß auf 6. Personen verlohren, welche noch dann und wann zusammenkommen und […] sich unter einander erbauen.“
Im Jahr 1811 sah das Bild wieder anders aus, folgt man einem Bericht des Dagersheimer Pfarrers. Jetzt gab es mittlerweile vier Privatversammlungen mit Trennung nach Geschlechtern. Bis in die Nacht beschäftigten sich die Versammelten mit Lesen, Beten und Singen. Diese Versammlungen waren kleinerer Art, niemals umfassten sie mehr als 15 erwachsene Personen. Bei einer damaligen Bevölkerungszahl von ca. 1.000 war das nicht wenig.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde dann der Pietismus zur bestimmenden Kraft im religiösen Leben Dagersheims. Untrennbar damit verknüpft war der aus Schönaich gebürtige Schullehrer Immanuel Gottlieb Kolb (1784-1859). Von 1807 bis 1850 wirkte er als Schulmeister und prägte ganze Generationen von Dagersheimern im pietistischen Sinne. Bei seinen Schülern war er beliebt, da er sehr milde zu ihnen war und es bei ihm eine „angstfreie Schule“ gab. Neben diesem sehr arbeitsreichen Amt, im 19. Jahrhundert hatten der Dorfschulmeister und sein Gehilfe oft mehr als 200 Schüler zu unterrichten, beteiligte er sich an praktischer Glaubensarbeit (Gemeinschaftsstunden) und verfasste auch Schriften. Er vertrat dabei einen gemäßigten Pietismus. Er schrieb über seine anstrengende Arbeit: „Die ganze Woche hindurch habe ich Tag und Nacht wenige Stunden Ruhe. Sonntags geht es aus der Kirche in die Sonntagsschule, dann wieder in die Kirche, von da in die Stunde, dann bin ich bis in die Nacht von Leuten mit verschiedenen Bedürfnissen umgeben; dann geht’s wieder in die Stunde […]“
Die Hahn’sche Gemeinschaft
Kolb war nicht allein. Er wurde von Dagersheimer Mitbrüdern wie Johannes Dieterlen (1778-1849) und Gottlieb Waiblinger (1798-1860) unterstützt. Die Dagersheimer Pietisten verfügten mit der von Kolb geführten örtlichen Sektion der Hahn‘schen Gemeinschaft über einen losen Zusammenschluss. Der Pietismus prägte Dagersheim sehr stark, so verzichteten beispielsweise viele Mitglieder der Hahn‘schen Gemeinschaft, so auch Kolb, auf die Ehe.
Der Pietismus wurde prägend für Dagersheim und seine Bewohner und ist auch heute noch präsent im Gemeindeleben von Böblingens Stadtteil. Die „Stunden“ der „Hahn’schen Gemeinschaft“ und die Tätigkeiten des „Süddeutschen Gemeinschaftsverbandes“ zeugen davon.
Der Tod Kolbs bedeutete nicht das Ende des Pietismus in Dagersheim. Die Brüder Gottlieb Ziegler (1798-1875) und Johann Georg Ziegler (1800-1872) führten sein Erbe weiter. Sie übernahmen die Leitung der örtlichen Hahn’schen Gemeinschaft. Schon zuvor hatten sie in ihrem Elternhaus in der Mühlgasse einen Versammlungssaal für die Erbauungsstunden eingerichtet. Johann Georg war der theoretische Kopf der beiden Brüder, der die Oberflächlichkeit des Glaubens auch bei seinen pietistischen Mitbrüdern heftig kritisierte.
Harte Zeiten: Böblingen im Spiegel der Sindelfinger Chronik von Georg Reipchius (1553-1597)
Der folgende Beitrag von Stadtarchivar Dr. Christoph Florian thematisiert diesmal die weniger schönen Seiten der Böblinger Vergangenheit. Es handelt sich dabei um Hinrichtungen und Unglücke im 16. Jahrhundert, wie sie sich in der Chronik des Georg Reipchius finden.

Die oder der Geschichtsinteressierte möge sich zuweilen fragen, auf welche Art und Weise historische Nachrichten überhaupt überliefert wurden. Eine Möglichkeit sind private Notizen. Die „Sindelfinger Chronik“ des Sindelfinger Pfarrers Georg Reipchius (geb. um 1529, gest. 1.6.1598) ist ein Beispiel dafür. Aus Siebenbürgen (Kronstadt) gebürtig, hatte er von 1553 bis 1598 das Amt des Sindelfinger Pfarrers bekleidet. Als eine seiner Amtsaufgaben führte er auch das Taufbuch, in dem die Taufen notiert wurden. Dort vermerkte er jedoch nicht nur die entsprechende kirchliche Handlung, sondern schrieb auch auf jeder Seite zusätzlich bemerkenswerte Nachrichten aus Sindelfingen, der nächsten Umgebung oder auch der Region auf. Das konnten Naturereignisse, private Familienereignisse, Unglücke u. a. sein. Diese Notizen wurden in ihrer Gesamtheit später als „Sindelfinger Chronik“ bezeichnet. Die Aufzeichnungen beginnen mit dem Amtsantritt Reipchius‘ und enden im November 1597, ein halbes Jahr vor dessen Tod. Im letzten Jahrhundert schrieb Adolf Rentschler (gest. 1950), der zuletzt Pfarrer in Möglingen gewesen war, diese Notizen ab, versah sie mit Anmerkungen und erstellte ein Register. 1958 wurde dieses Manuskript dann vom Heimatgeschichtsverein Schönbuch und Gäu als Druck publiziert und ist damit für die Öffentlichkeit zugänglich und problemlos nutzbar.
Eine ganze Reihe von Nachrichten betreffen auch die Nachbarstadt Böblingen. So wurde die Chronik auch zu einer wichtigen Quelle für die Stadtgeschichte. Weil in Böblingen das Strafgericht des gleichnamigen Amts und auch dessen Richtstätte war, betreffen einige dieser Nachrichten Hinrichtungen oder auch Hexenverfolgungen. Darin spiegelt sich die ganze Härte des damaligen Rechtswesens wider. Auch notierte Reipchius einige Unglücksfälle, welche Böblingen betrafen. So gewährt die Chronik Einblick in die grausamen und beschwerlichen Seiten der Vergangenheit.
Ein neues „Hochgericht“
Im Amt Böblingen war das Böblinger Stadtgericht unter dem Vorsitz des Vogtes, dem Vertreter des württembergischen Herzogs in Stadt und Amt, für die Strafgerichtsbarkeit zuständig. Darum gab es dort, wie schon erwähnt, eine Hinrichtungsstätte. Sie lag allem Anschein nach auf dem heutigen Galgenberg. Die Lage war kein Zufall, verlief doch dort die Straße nach Sindelfingen, welche die wohl älteste Verbindung nach Stuttgart darstellte. Der Anblick diente als Abschreckung und zugleich als Hoheitszeichen der Herrschaft Württemberg. 1588 wurde sie dann verlegt. Ein Eintrag in der Chronik berichtet nämlich, dass am 3. Oktober 1588 auf der neuen Hinrichtungsstätte („Hochgericht“) in Böblingen an der Stuttgarter Steige zwei Diebe gehenkt worden waren. Der neue Standort befand sich auf einem Areal, das durch die Enden der heutigen Schwab-, Bruckner-, Lortzing- und Waldburgstraße sowie Herdweg umgrenzt wird.
Die erwähnte Hinrichtung zweier Diebe zeigt dann auch, dass allein die Verurteilung wegen Diebstahl zum Todesurteil führen konnte. Auch nannte Reipchius nicht immer die Gründe für die Verurteilung. So berichtete er über einen (noch auf der alten Richtstätte) am 2. Mai 1588 hingerichteten Schnittlin. Was er verbrochen hatte, wird nicht erwähnt. Das gilt auch im Fall des am 27. März 1591 enthaupteten Magstädters Hans Jacob Mogen. Dass die grausamen Strafen auch an Angehörigen der Oberschicht vollzogen wurden und die Hinrichtung durch Feuer nicht nur der Hexerei Angeklagte betraf, wird am Fall des Nisi [Dionysius] Satler deutlich. Denn Satler, ein Angehöriger des städtischen Rates, war am 30. März 1565 „als ein Brenner und Dieb mit Fewer verbrent worden“. Am 15. April 1592 wurden sogar zwei Hinrichtungen an einem Tag durchgeführt. Ein Anthoni aus Plochingen, von Beruf Kannengießer (Kannenhersteller), wurde mit dem Schwert hingerichtet und ein Hansen aus Schönaich ebenso enthauptet und dann zusätzlich noch verbrannt.
Hexenverfolgung im Amt Böblingen
Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts kam es in immer stärkeren Ausmaß zur Verfolgung von Personen, die der Hexerei bezichtigt wurden. Sie sollten angeblich gezaubert haben bzw. ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen sein. Man machte sie für Unwetter, Seuchen oder ungeklärte Todesfälle bei Menschen und beim Vieh verantwortlich. Die Verfolgung dieses Delikts war Aufgabe der weltlichen Gerichte, wie z. B. des Böblinger Stadtgerichts. So soll, wie der Chronist notierte, am 29. Juni 1562 der Sohn eines gewissen Schwartzferb im Wald bei Böblingen einen Hexentanz („Unholdentantz“) beobachtet haben. Am darauffolgenden 17. Juli hat sich dann die „Schwerzferberin“ im Gefängnis in Böblingen selbst erhängt und ist am 20. desgleichen Monats verbrannt worden (!). Weitere Informationen zu den Hintergründen hat Reipchius nicht notiert. Vielleicht war die „Schwerzferberin“ die Mutter des oben genannten Jungen gewesen. Und möglicherweise wurde ihr die Beteiligung am Hexentanz vorgeworfen, was damals ja eine Straftat war. Der Grund für ihren Suizid liegt hingegen auf der Hand, entweder hatte sie ihn aus Angst vor der Folter, die in Strafverfahren angewandt wurde, oder aus Angst vor einer grausamen Hinrichtung begangen. Es blieb nicht bei einem Opfer. Im darauffolgenden Jahr am 15. Februar wurden zwei Frauen aus Schönaich, Mutter und Tochter, wegen Hexerei verbrannt. Danach gibt es fast drei Jahrzehnte keine Nachricht über Todesopfer der Hexenverfolgung. Die nächste nachweisbare Hinrichtung fand am 23. Dezember 1590 statt. Lena Flicker aus Sindelfingen sowie Lena Feigel und Dorle Feigel [?] aus Schönaich wurden damals verbrannt. Doch nicht nur Frauen wurden Opfer der Hexenverfolgung. Am 3. Juli 1591 wurde Jerg Pfeiffer, der in der Chronik als „Zauberer, Mörder und Brenner“ bezeichnet wird, in der Amtsstadt gerädert und verbrannt. Bei einem Veitt Appel, der am 6. Oktober 1562 verbrannt wurde, schließlich ist es nicht gesichert, ob nicht auch er der Hexenverfolgung zum Opfer fiel.
Dass die Zeitgenossen nicht nur unter einer grausamen Justiz, sondern auch an anderem Ungemach litten, wird durch folgende Notizen unseres Chronisten deutlich. So berichtet er über ein tragisches Unglück, das sich am 12. Januar 1570 ereignete. Der zwölfjährige Sohn des Obertorwarts Schneider wurde durch Bären, die man damals im Schlossgraben hielt, getötet. Für das folgende Jahr gibt es wieder schlechte Nachrichten aus Böblingen. Werner Strölin, der Vogt, war wegen der „Sterbend“ aus Böblingen entflohen. In Böblingen grassierte also eine Seuche. Für 1576 war wieder einmal ein Unglücksfall zu vermelden. Am 28. Januar des genannten Jahres war Bastian Mützele „zu Beblingen auf dem Rathaus auf der [Treppe] zu tod gefallen.“ Auch das Wetter bereitete Ungemach, denn im Jahr 1589 ereignete sich am 15. Juni „nach Mittag zwischen 3. u. 4 Uhren ein grosser schedliger Hagel“ u. a. in „Beblingen“. Wenige Jahre später wurde Böblingen wieder von einer Seuche geplagt. Im Herbst 1594 war nämlich die Pest ausgebrochen, wie eine Notiz zum Tod einer Tochter des Arztes Paulus Phrigius am 9. November beweist. Im übernächsten Jahr war diese Seuche dann abermals ausgebrochen, wie Reipchius zu einem Todesfall am 6. Oktober anmerkte.





























