Böblingen in den 1920er und 1930er Jahren - Ein Stadtporträt anhand seiner Adressbücher
Auf Streifzügen durch die Stadt - eine Spurensuche in Schlaglichtern
Die anschließende historische Aufarbeitung des Stadtporträts Böbingens in den 1920er und 1930er Jahren entstand im Rahmen der Ausstellung "Böblinger Bilderbogen 1900 bis 1950" im Jahr 2022, bei dem das Stadtarchiv mit der Städtischen Galerie zum Thema "Vergangenheit in Farbe. Mit den Chronisten Reinhold Nägele & Fritz Steisslinger auf Streifzügen durch die Stadt - Eine Spurensuche in Schlaglichtern" kooperierte.
Die Ausarbeitung ist als Artikel von Stadtarchivarin Tabea Scheible im Ausstellungskatalog veröffentlicht. Er kann beim Klick aufs Bild mit allen Quellenangaben heruntergeladen und nachgelesen werden.
Böblingen in den 1920er und 1930er Jahren - Ein Stadtporträt anhand seiner Adressbücher
"Böblingen, Stadt in Württemberg, 480 Meter über dem Meere, hat 6503 Einwohner, davon 6089 evangelische, 412 katholische und 2 israelitische."
Mit diesen Worten leitet ein historisches Adressbuch von Böblingen aus dem Jahr 1923 in sein Vorwort ein. Es nimmt die damalige Stadtbevölkerung in den Blick. Wie können wir uns das historische Böblingen der 1920er- und 1930er-Jahre vorstellen? Was prägte das Gesicht der Stadt? Wie lässt sich das Leben in der Stadt in den frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts charakterisieren?
Für jenen Zeitabschnitt ermöglichen die im Stadtarchiv überlieferten historischen Adressbücher einen Einblick in den Wandlungsprozess des früheren Städtleins, das mit seinen damals kaum mehr als 6.500 Einwohnern noch weit entfernt war von seinem heutigen Charakter als moderne Große Kreisstadt und High-Tech-Standort.
So lesen wir in selbigem Adressbuch von 1923 als Einführung für den ortsunkundigen Reisenden vor gut einhundert Jahren:
"Böblingen ist da angelegt, wo der Schönbuch sich zur Gäuebene herabsenkt. Der älteste Teil der Stadt liegt um einen Hügel, während die neueren Teile als Vorstädte nach allen Richtungen sich hinausziehen. Deshalb sind auch die Hauptstraßen der Stadt wie im Kreise gebogen und laufen in sich zusammen. So z. B. vom Elbenplatz, der das dem früheren, verdienten Abgeordneten Dr. Elben aus Stuttgart gewidmete Denkmal trägt, führen links die Stadtgrabenstraße, rechts die Poststraße an den beiden Seen vorbei durch die untere Vorstadt und dem Plattenbühl zum Postplatz."
"Die Marktstraße dagegen durchschneidet (vom Elbenplatz an) den Ring der Altstadt der Länge nach und geht über den Marktplatz, an dem das stattliche Rathaus steht, und der mit einem alten Brunnendenkmal, dem hl. Christophorus, geziert ist. Der Gipfel des Hügels trägt die evangel. Stadtkirche mit 2 Schulhäusern, von denen eines die Reste eines ehemaligen württembergischen Herzogschlosses darstellt. Auf dem Schloßberg, als einen alten staatlichen Besitz, befinden sich darum auch die staatlichen Gebäude des Oberamts, Amtsgerichts und Dekanatamts da, wo die Straße vom Berge in den Postplatz ausmündet."
"Wenn der Marktplatz das alte Zentrum der Stadt war, so ist jetzt der Postplatz das neue. Er ist umgeben von 1 Großbrauerei (Dinkelaker), der noch bestehenden Restauration der früheren Großbrauerei Zahn, dem alten Gasthof zur »Post« und kleineren Gewerbebetrieben. Hier zweigen die zwei Stuttgarter Straßen ab: die neue zieht sich durch einen neueren Stadtteil, während die alte Straße das »Käppele« bergaufwärts, am Böblinger Festplatz (»Maienplatz «) und Bezirkskrankenhaus vorbei zur Waldburg und zum Sanatorium Schönbuch hinführt.
Mit dem Postplatz ist der südliche Teil der Stadt durch den Plattenbühl, an dem der alte Gasthof zum
»Bären« steht, durch die Klaffensteinstraße und die Schafgasse verbunden. Schlachthaus und Elektrizitätswerk schließen die Stadt nach dieser Richtung hin ab, wohin sich hauptsächlich die Landwirtschaft treibende Bevölkerung gezogen hat. An der Holzgerlingerstraße, die zwischen den beiden Seen durchführt, ist ebenfalls ein neuer Stadtteil entstanden; den Abschluß bilden die
Dampfziegelei und Tonwarenfabrik (Paul Köppf, Göppingen) und der Südbahnhof der Schönbuchbahn. – Die größeren gewerblichen Etablissements, wie die Trikotfabriken von Ludwig Maier & Co., Lenz & Co., die Schuhfabriken von Wanner und Hoch, die Chemische Fabrik von Bonz & Sohn und die Spielwarenfabrik von Kindler & Briel sind in dem nach dem Bahnhof sich hinziehenden Stadtteil gelegen."
Flugfeld und Tannenberg, die Wirkungsorte von Reinhold Nägele und Fritz Steisslinger
Das Böblingen, das sich den Reisenden der frühen 1920er-Jahre präsentierte, war demnach nicht mehr ausschließlich auf den Ortskern der historischen Altstadt konzentriert. Von dort aus hatten sich bereits entlang der größeren Verkehrswege neuere Stadtviertel in alle Richtungen entwickelt, die weiterwuchsen. Das Gelände des Flugplatzes, jenseits des im Jahre 1879 eingerichteten Bahnhofs, markierte das nordöstliche Extrem der räumlichen Stadtausdehnung. Auf dem dortigen Militärflugplatz war zwischen 1915 und dem Ende des Ersten Weltkriegs die Flieger-Ersatz-Abteilung (FEA) 10 stationiert, die den Böblinger Lebensabschnitt von Reinhold Nägele prägen sollte. Demgegenüber war das heute nahtlos in die städtische Bebauung integrierte Stadtviertel des Tannenbergs im Südwesten der Stadt noch Zukunftsmusik. Der 1922 errichtete Sandsteinbau Fritz Steisslingers lag oberhalb am Schönbuch, erhaben über die im Wachstum begriffene Stadt.
Böblinger "Menschenlandschaften" in Adressbüchern
Konnte man zu Gast im Künstlerhaus Steisslinger von hoch oben auf der Siedlung "Tannenberg" die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Böblingens übersehen, so bietet heute ein Blick in die damaligen Adressbücher einen Überblick über die Böblinger "Menschenlandschaften" der 1920er- und 1930er-Jahre. Der Historiker Karl Schlögel beschrieb mit diesem bildhaften Ausdruck den dokumentarischen Wert der historischen Adress-, Gewerbe- und Telefonverzeichnisse. Sie erschienen damals üblicherweise jahresweise als ein gemeinsames Heft, in dem wir von den hier beheimateten Menschen, ihren Berufen und genauen Adressen erfahren. Solche Adressbücher waren ein viel genutztes Auskunftsmittel für die Öffentlichkeit – und als solches können wir sie auch heute noch einsetzen. Wir können Adressbücher beispielsweise danach befragen, welche Familien wann in Böblingen lebten, welche sozialen Milieus und Berufsgruppen in welchen Stadtvierteln ausgeprägt waren, wie sich die Stadt verwaltete oder welche Gewerke und Betriebe wann blühten, kurzum: wie sich das Gesicht der Stadt anhand seiner dort lebenden Menschen darstellte.
Die damaligen Adressverzeichnisse entstanden in unterschiedlichen Auflagenhöhen bei regionalen oder oftmals sogar lokalen Verlagshäusern bzw. Druckereien, zum Beispiel der Böblinger Buchdruckerei Kloeber & Rath im Jahr 1927. Zu jener Zeit wurde die Vielzahl der städtischen Institutionen, gesellschaftlichen Einrichtungen und gewerblichen Betriebe zunehmend unübersichtlich. Das Bedürfnis in der Bürgerschaft und bei den Gewerbetreibenden wuchs, diese nicht mehr zu durchschauende Wirklichkeit in ordnenden Strukturen in Nachschlagewerken abzubilden. In Großstädten wie Karlsruhe war das bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall. Im deutlich kleineren "Böblingen bei Stuttgart", wie man sich selbst verstand, machte sich der Wunsch spätestens in den 1920er-Jahren bemerkbar. Die Oberamtsstadt Böblingen und ihr Bezirk (heute: Landkreis) hatte demnach zu jener Zeit eine räumliche Größe und gesellschaftlich-wirtschaftliche Vielfalt erreicht, die einen Überblick als gebundenes Adressbüchlein für die Öffentlichkeit rechtfertigte. Stolz berichteten die Herausgeber nach getaner Arbeit im Vorwort über die Motivation zu ihrem ersten Machwerk für Böblingen im Jahre 1920:
"Zum erstenmal erscheint für den Oberamtsbezirk Böblingen ein Adreßbuch, dessen Fehlen sich bei dem bedeutenden Aufschwung, welchen der Bezirk in den letzten 10 Jahren genommen hat, sehr bemerkbar machte."
Die ersten überlieferten Adressbücher Böblingens von 1920 und 1923 waren noch recht kompakt und kamen mit wenigen Kapiteln aus. Demgegenüber zeigt der bloße Umfang der späteren Jahre, wie sich zum einen die städtische Verwaltungs- und Gewerbelandschaft Böblingens weiter ausdifferenzierte, und zum anderen, wie die Adressbücher mehr und mehr Informationssparten für ihre Leserinnen und Leser einbezogen. Das alphabetische Verzeichnis der "selbstständigen Einwohner" (das heißt derjenigen in Böblingen wohnhaften Menschen, die einer Erwerbsarbeit nachgingen bzw. die gemeldet waren) ergänzten die Herausgeber um komplementäre Straßenverzeichnisse. Das ermöglichte nun auch die Suche nach Böblinger Bürgern über ihre Wohnadressen. Auch die Gewerbeverzeichnisse gestaltete man ausführlicher, schmückende Abdrucke von lokalen Fotoaufnahmen bedienten zudem
einen ästhetischen Anspruch.
Zwar setzt eine lückenlose Überlieferung der Böblinger Adressbücher erst in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs ein, dennoch geben die aus der Zwischenkriegszeit teilweise nur als Papierkopien überlieferten Ausgaben von 1920, 1923, 1927, 1931 und 1937 einen detailreichen Einblick in die Böblinger "Menschenlandschaft".
Das Bild einer wachsenden Industriestadt
Böblingen entwickelte nach 1920 ein fast schon rasantes Wachstum. Die Ortschaft wuchs von gut 6.500 Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahr 1920 auf 10.430 im Mai 1939. Das heißt, in den zwei Dekaden nach dem Ersten Weltkrieg durchlebte die Stadt einen Zuwachs und auch Zustrom von knapp Viertausend Menschen, die sowohl Wohnraum benötigten, Verwaltungsstrukturen in Anspruch nahmen als auch zu Angebot und Nachfrage der lokalen Gewerbe und Dienstleistungen beitrugen. Blicken wir zunächst auf die großen Industrie- und Gewerbebetriebe, anhand derer die Adressbücher der damaligen Zeit die Stadt wiederholt charakterisierten. Das Böblinger "Industrieviertel gegen den Bahnhof hin", wie das Adressbuch von 1927 das größte Gewerbegebiet fasste, hatte sich seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ausgebildet. Die raumfordernden Unternehmen waren zunehmend der eng bebauten Altstadt innerhalb des vormaligen spätmittelalterlichen Mauerrings gewichen:
"Die größeren, gewerblichen Etablissements, wie die Trikotfabriken von Ludwig Maier & Co., [die Wirkwarenfabrik] Lenz & Co., die Schuhfabriken von Wanner und Hoch, die Chemische Fabrik von Bonz & Sohn und die Spielwarenfabrik [und Lichtreklamefabrik] von Kindler & Briel sind in dem nach dem Bahnhof sich hinziehenden Stadtteil gelegen."
Im neuen Industrieareal profitierten die Unternehmen entlang und um die Bahnhofstraße von der nahe gelegenen Anbindung an den überregionalen Eisenbahnverkehr. Die Zeitgenossen der frühen 1930er-Jahre teilten weiterhin die Einschätzung, Böblingen sei zu einer bedeutenden Industriestadt emporgestiegen, als deren zentrale Firmen und Fabriken (zusätzlich zu den oben genannten) die Metallgießerei Karl Leibfried, das Guß- und Temperwerk, das Württembergische Isolierrohrwerk, die Schuhfabrik von Bletzinger & Co., die Holzbearbeitungsmaschinenfabrik Paul Mayer, die "weithin bekannte Dampfziegelei und Tonwarenfabrik Paul Köpff", die Möbelfabrik W. Renz und das Dampfsäge- und Hobelwerk mit Kistenfabrik H. Erlenmaier ins Feld geführt wurden. Auch die Möbelfabriken Haug & Laux und die "rühmlichst bekannte u. zu den ältesten Bierbrauereien des Landes zählende Brauerei Dinkelaker mit ihrem vortrefflichen ›Schönbuchbräu‹" ergänzte man im Adressbuch von 1931 nicht ohne Stolz zum Industrieportfolio der Stadt. Als gewichtigen Bestandteil der Böblinger Industrie und Wirtschaft beschrieb man außerdem den internationalen Verkehrs-Flughafen Stuttgart-Böblingen. Dort hatten gleich drei Schwergewichte ihren Sitz: die "Deutsche Lufthansa A.-G., die Luftverkehr A.-G., ebenso die weltbekannte Firma Leichtflugzeugbau Klemm A.G.".
Im Schatten dieser lokalen Größen standen in der Außenwirkung der Stadt die zahlreichen Kleingewerbetreibenden. Sie prägten zusammen mit den, so schätzte man damals, ungefähr 15–20 Prozent der zur Landwirtschaft zählenden Bevölkerung ebenfalls das gewerbliche Alltagsleben und damit das Gesicht der Stadt.
Gewerbe und Dienstleistungen im Geist der Zeit
In den Böblinger Adressbüchern sind, wie damals üblich, Gewerbeverzeichnisse angeführt. Sie verzeichneten in alphabetischer Ordnung die einzelnen in der Stadt vertretenen Berufsgruppen vom Arzt und Aussteuergeschäft bis zur Wagnerei und dem Zimmergeschäft. Drei Sparten werden im Folgenden kurz angerissen, anhand derer sich das Sein und Werden Böblingens in den 1920er- und 1930er-Jahren beleuchten lässt.
Blickt man auf die Gastwirtschaften und Hotellerie, so zeigt sich eine auffällige Kontinuität in der Anzahl der Lokalitäten in der Stadt. Zwischen 1920 und 1937 waren es trotz des starken Bevölkerungszuwachses bleibend rund 40 Gastwirtschaften und etwa ein halbes Dutzend
Gasthöfe bzw. Hotels. Auch wenn einzelne Wirtschaften wie die Gaststätte zur "Rose" in der Wilhelmstraße 34 ihre Türen dauerhaft schloss, andere, wie das "Flughafenhotel" am Flugplatz, neu öffneten und die Pächter sowie die Namen der Lokalitäten oftmals wechselten, sorgte vermutlich ein Stammpublikum in den etablierten Speise- und Schankhäusern für eine Beständigkeit im Gesamtangebot. Die zunehmende landesweite wirtschaftliche Krisensituation, auf die später noch genauer eingegangen wird, sorgte eher noch für einen Rückgang der Gaststättenvielfalt.
Anders stellt sich die Entwicklung Böblingens im Gesundheitswesen dar. 1920 sorgten 3 Ärzte für das medizinische Wohl der Böblinger Bürgerschaft. Ihre Zahl hatte sich bis 1937 auf 8 Ärzte erhöht. Eine gewisse Beständigkeit zeigt sich jedoch auch hier, denn sowohl Medizinalrat Dr. Karl Andrassy in der alten Sindelfinger Straße als auch Stadtarzt Dr. med. Ernst Haas in der Karlstraße und Dr. med. Ernst Meyer in der Stadtgrabenstraße hielten über die mindestens 17 Jahre, die wir in den Adressbüchern überblicken können, der Stadtbevölkerung die Treue. Familiäre Kontinuität in der Berufswahl wird ab 1931 anhand der Karriere des gleichnamigen Sohns von Dr. Karl Andrassy sichtbar. Andrassy Junior ist zunächst als Oberarzt, dann als Chefarzt greifbar und trat an einem weiteren Böblinger Standort, dem Bezirkskrankenhaus, in die professionellen Fußstapfen seines Vaters – ein Phänomen, das auch in zahlreichen weiteren Gewerben damals über Böblingen hinaus üblich war und sich in den Adressbüchern belegt. Eine Neuerung im städtischen Gesundheitswesen war hingegen, dass mit Dr. med. Marianne Orthlieb zum ersten Mal eine Frau als eigenständige Ärztin in der Stadt 1931 öffentlich angegeben war.
Anhand der Böblinger Ärzteschaft lässt sich eine weitere folgenreiche Entwicklung in der Stadtgeschichte nachvollziehen. Die Praxen von Dr. Andrassy Senior und Dr. Orthlieb waren zunächst noch in der alten Sindelfinger Straße bzw. Bahnhofstraße angesiedelt. Beide Straßen hatten bis 1937 eine Umbenennung in Mergenthaler Straße bzw. Adolf-Hitler-Straße erfahren. Sowohl zentrale Entscheidungsträger in Adolf Hitlers Führerstaat als auch lokale Größen der NS-Ideologie, wie der Böblinger Ortsgruppenleiter der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung und spätere württembergische Ministerpräsidenten Christian Julius Mergenthaler, dienten als neue Namensgeber. Die Umbenennung der Straßen zeigt den Zusammenbruch der Demokratie und der Aufbau des nationalsozialistischen Machtapparats vor Ort. In Form der stets genutzten Adressangaben sorgten die neuen Machthaber für ihre ständige Präsenz im Alltagsleben der Bevölkerung.
Das Böblinger Spektrum an Angeboten im Gesundheitswesen der Zeit hatte langfristige Fixpunkte. Beständige Anlaufstelle für die Böblinger war im Krankheitsfall die Apotheke in der Poststraße. Das Gesundheitswesen erfuhr in den frühen 1930er-Jahren aber auch Erweiterungen. Ein Naturheilkundiger, Hans Wöllecke, arbeitete nun ebenfalls in der Poststraße.
Seinem Inserat von 1931 nach zu schließen, bot er für die Stadt eine damals neuartige Dienstleistung an. Sie bestand aus "Heildienst, Verlag und Versand des ›Wegzeigers‹ aus Krankheit und Not, Weckruf zu gesundem und glücklichem Leben, nebst naturgemäßer, edler Pflegemittel" sowie "Lebensberatung/Seelenpflege". Diese Dienstleistungen wurden in der Stadt angenommen, denn er praktizierte auch noch sieben Jahre später weiterhin als Vertreter und Heilberater.
Einen gänzlich anderen Lebensbereich sprachen die drei Tanzlehrer Richard Eisenhardt, Otto Hetzer und Ernst Kopp an, die 1923 in der Stadt zum gesellschaftlichen Umgang beitrugen. Bis 1937 war nur noch einer von ihnen, Tanzlehrer Kopp, aktiv. Richard Eisenhardt und Otto Hetzer waren hingegen beide ins Handwerk gewechselt und arbeiteten als Zuschneider bzw. Schlosser. Ihr Angebot für Tanzunterricht schien in der Stadtbevölkerung zunehmend weniger gefragt oder die Verdienstmöglichkeiten nicht mehr für ein Auskommen ausreichend gewesen zu sein. Die Gründe bleiben im Dunkeln.
Demgegenüber siedelte Auktionator Cipriani sein Gewerbe in den 1930er-Jahren in der Stadt an, ebenso betrieb Gotthilf Schüle am Postplatz nun sein Geschäft für "Militäreffekten". Die dort angebotenen militärnahen Besitzstücke und Armee-Objekte fanden demnach, sicherlich auch durch die verstärkte Militarisierung der Gesellschaft im Nationalsozialismus, ihre Abnehmerinnen und Abnehmer in Böblingen. Gleichermaßen erreichte das Radio als Massen-Informationsmedium der Zeit auch den Böblinger Konsumentenmarkt über gleich drei elektrotechnische Fachgeschäfte, betrieben von den Gebrüdern Aich, von Josef Joas und von Otto Brommer.
Die Gewerbeverzeichnisse bieten uns auf diese Weise, über die Jahre und im Vergleich gesehen, einen Einblick in die zeitgenössischen Bedarfe der Bevölkerung und den herrschenden Zeitgeist. So stand auch der in den 1930er-Jahren in der Landhausstraße ansässige Schnittmuster-Verlag "Oskar-Vogel" in enger Anbindung an die bereits 1912 gegründete Böblinger Frauenarbeitsschule, indem er eine regional vertriebene gleichnamige Fachzeitschrift "Die Frauenarbeitsschule" auflegte.
Die Böblinger Konsumgesellschaft
In den Adressbüchern werden Unternehmen und Gewerbetreibende in den Gewerbelisten oft mehrfach angeführt. Zum Beispiel findet sich das für die Böblinger Konsumgesellschaft zentrale Kaufhaus Kittel am Elbenplatz (siehe Abb. oben) nicht nur unter den 8 Einrichtungen zur "Aussteuer und Damenkonfektion". Es ist aufgrund seines umfangreichen Sortiments im Adressbuch von 1920 auch als eine der 25 "Kolonial- und Spezereiwarenhandlungen" aufgelistet. Das erschwert zwar heute die statistische Auswertung, war aber natürlich ganz im Sinne einer möglichst einfachen Suche für die damaligen Bürgerinnen und Bürger.
Die mittlerweile wenig geläufige Ladenbeschreibung als "Kolonial und Spezereiwarenhandlung" beschrieb ursprünglich einen Feinkost- bzw. Spezialitätenhandel mit Lebens- und Genussmitteln aus überseeischen Gebieten, vor allem Gewürze, Zucker, Kaffee, Kakao, Mandeln, Rosinen und Balsamen. Die Produktpalette der "Spezereien" beschränkte sich im frühen 20. Jahrhundert aber längst nicht mehr auf "exotische" Waren. Stattdessen handelte es sich auch in Böblingen zunehmend um Lebensmittel- oder Gemischtwarenläden, die späteren sogenannten Tante-Emma-Läden.
In genau diesem Bereich der Lebensmittelversorgung wird der Mehrbedarf der gewachsenen Böblinger Bevölkerung deutlich sichtbar, sodass es 1923 im Stadtgebiet bereits 33 "Kolonial und Spezereiwarenhandlungen" gibt, 1937 sind es 44. Eine ähnliche Vervielfachung erfährt auch die Zahl der Metzgerei- und Wurstwarenhandlungen von 7 im Jahr 1920 auf 12 im Jahr 1937. Jene Läden ergänzten das Angebot des donnerstäglichen Wochenmarkts (der wiederum im Herbst um einen ebenfalls donnerstäglichen Obstmarkt erweitert wurde) und der im Jahresverlauf abgehaltenen Krämer-, Vieh und Schweinemärkte.
Güter des alltäglichen Konsums und angebotene Dienstleistungen wurden in Adressbüchern von den Gewerbetreibenden beworben. Die Inserate finden sich zwischen den einzelnen Kapiteln der Adressbücher, im Vorsatz und auch im Adressteil selbst. Werbung war im frühen 20. Jahrhundert ein etablierter Bestandteil von Adressbüchern, über die wir die werdende Böblinger Konsumgesellschaft ausloten können. Der Gasthof zum "Ochsen" warb 1937 nicht nur mit seinem Angebot an Speisen und Getränken. Auch die Hinweise "Schöne Fremdenzimmer mit fließendem Wasser und Dampfheizung, Auto-Garage/Kegelbahn" geben Aufschluss, was für die Menschen der Zeit attraktiv war.
Das private Auto, wenn auch weiterhin Luxusware, war in der Lebenswelt Böblingens und seinem Straßenverkehr angekommen – Reisende legten schon damals Wert auf eine Autogarage für das kostbare "Heilige Blechle". Zwischen 1924 und 1927 hatten sich in Böblingen gleich 7 Autovermietungen etabliert, die entweder Personenwagen oder, dann mehrheitlich für den Güterverkehr eingesetzte, Lastwägen vermieteten. Eine Dekade später spezialisierten sich mittlerweile 6 Unternehmen auf die Vermietung von Personenwagen, für Lastwagen war der Zuwachs noch merklicher auf 15 angestiegen. Hatten 1927 noch 4 Autoreparaturen sowie Motorradhandlungen und Reparaturwerkstätten ihren Dienst für das motorisierte Gefährt angeboten, waren es 1937 allein 6, die sich dem Verkauf und der Reparatur von Motorrädern widmeten. Auch eine Tankstelle, die "Standard & Esso" von Emma Englert, stand den Böblinger Verkehrsteilnehmenden nun in der Stuttgarter Straße 72 zur Verfügung, ebenso die Fahrschule Robert Kronmüller, die mit ihrem "modern eingerichteten Lehrsaal" ganz auf die neue Verkehrstechnik in der breiten Bevölkerung setzte.
Der Kutschereibetrieb von Wilhelm Maier hielt sich dennoch weiterhin und über 1937 hin aus, nicht zu vergessen die zahlreichen privaten und gewerblichen Fuhrkarren und landwirtschaftlichen Gespanne, die seit jeher und weiterhin das Straßenbild prägten.
Die inserierte Werbung dokumentiert auch Alltagsgeschichte. Das sehen wir anhand der Schaltung der Photographischen Kunst- und Vergrößerungs-Anstalt Richard Lämmle von 1920. Zur Orientierung in der Stadt beschrieb man der Kundschaft den Standort des Ladengeschäfts "beim Gasthof zum Bären, Ecke Holzgerlinger-Straße" und verzichtete auf eine modern-abstrakte Straßenadresse mit Hausnummer. Althergebrachte Bauwerke und alteingesessene Einrichtungen des städtischen Alltagslebens waren für die hiesige Bevölkerung räumliche Bezugspunkte für jüngere oder weniger präsente Geschäfte.
Auch das Weinrestaurant Weeber verortete sich im noch kleinen Böblingen der 1920er-Jahre für seine Kundschaft lediglich in der "Poststraße". Die Angabe "10 Minuten vom Bahnhof" sollte die Attraktivität der Lage des Restaurants herausheben. Denn die im Inserat angesprochenen "Geschäftsreisenden, Touristen und Gesellschaften" erreichten Böblingen mehrheitlich über den Eisenbahnverkehr. 1927 durchschnitten zwei Haupteisenbahnlinien den Landkreis. Eine davon, die Gäubahn von Stuttgart nach Horb passierte Böblingen, was eine Teilstrecke der europäischen Verkehrslinie Berlin-Stuttgart-Mailand darstellte. Hinzu kamen die Nebenbahnlinien von Böblingen nach Dettenhausen, nach Renningen und auch die bis 1922 in "Notstandsarbeit" errichtete Verbindung zwischen der Böblinger Station "Schönaicher First" und Schönaich. Sogenannte Kraftpostwagen, die als kombinierter Personen- und Posttransport in den 1920er- und 1930er-Jahren vor allem den ländlichen Raum erschlossen, erreichten Böblingen von Döffingen und ebenfalls Schönaich.
Man umwarb Besucherinnen und Besucher mit der landschaftlichen Schönheit und der reinen Luftqualität in der Stadt:
"Da die Umgebung der Stadt zu den anmutigsten Gegenden des Landes gerechnet werden kann, ist Böblingen ein von Fremden gern besuchter Ort und für Erholungs- und Kuraufenthalte sehr geeignet."
Von Straßennamen, Stadtvierteln und ihren Menschen
Während Werbeinserate uns verraten, an welchen örtlichen Wegmarken und besonderen Bauwerken sich die Böblinger Bürgerschaft in ihrem Alltagsleben orientierte, waren die Herausgeber von Adressbüchern in jenen Kapiteln, die dem Nachschlagen von Wohnadressen dienten, auf eine moderne und eindeutige Adressangabe bedacht. Das damalige Stadtoberhaupt, Stadtschultheiß Georg Kraut, lebte 1923 in der Stuttgarter Straße 34. So konnte es jeder öffentlich nachlesen. Auch "Steißlinger,
Fritz, Kunstmaler" ist nach seinem Zuzug nach Böblingen 1922 im Adressbuch von 1927 aufgeführt. Im Duktus der Zeit wurden sowohl Georg Kraut als auch Fritz Steisslinger als Familienoberhäupter und Hauseigentümer ohne weitere Familienangehörige angeführt, da Frauen auch in Böblingen nur dann namentlich in Erscheinung traten, wenn sie als Witwen den Hausvorstand übernahmen. An dieser Stelle ist sich in Erinnerung zu rufen, dass auch die weibliche Böblinger Bürgerschaft erst kurz zuvor, im Januar 1919, bei der Wahl zur Nationalversammlung zum ersten Mal wählen durfte. Auch Kinder und Dienstboten oder Hausangestellte wurden damals in Adressbüchern typischerweise nicht angeführt, bis sie wiederum als eigene Familienoberhäupter fungierten. Im Unterschied zu den damals "innerstädtischen Adressen" in und rings um die mit Vorstadtvierteln erweiterte Altstadt war das Künstlerhaus Steisslinger noch nicht unmittelbar in die weitere städtische Bebauung integriert. Anstelle einer Straßenangabe mit Hausnummer wie bei Schultheiß Kraut reichte im Fall der dortigen Bewohnerinnen und Bewohner auch 1937 noch der Hinweis "Siedlung Tannenberg" als Adressangabe vollkommen aus. Diese Siedlung, so klärt das Adressbuch auf, "[b]eginnt am Murkenbachweg und zieht sich entlang am Waldsaum der hinteren Kuhstelle."
Die Familie Steisslinger lebte dort jedoch nicht in völliger Zurückgezogenheit. Knapp zwanzig weitere Haushalte bildeten in den späten 1920er- Jahren eine mitunter erlesene Nachbarschaft, wenn diese vom angegebenen "Status", also dem Berufsstand der jeweiligen Haushaltsvorstände ableitet wird: In der Siedlung Tannenberg lebten neben mehreren "Privatiers" und Kaufmännern u. a. Oberlehrer Gustav Alexander, die Pastorenwitwe Hermine Bradenbusch und der Architekt Karl Treiber, die zur besser verdienenden bzw. sozial angesehenen Stadtbevölkerung gehörten. Auch eine weitere Vertreterin aus dem Feld der schönen Künste, die verwitwete Schriftstellerin Eugenie Engelhardt, hatte hier ihr Zuhause.
Ein gänzlich anderes Feld an Berufsgruppen spannte sich demgegenüber beispielsweise entlang der Schafgasse, zwischen Kelterstraße und Schönaicher Straße auf: Hier lebten unter anderem Fürsorgeschwester Antonie Notz, Taglöhner Jakob Eberle, Fabrikarbeiterin Julie Böhmler, Bote Ernst Braun oder Hilfsarbeiter Alfred Gampper, des Weiteren Schlosser Paul Müller, die Konditoren Julius und Karl Seiler, Totengräber Christian Lutz oder Heizer Emil Martin. Fritz Steisslingers Malerfreund Reinhold Nägele wird man hingegen vergeblich in den Adressverzeichnissen suchen, da er lediglich für ein Jahr, seit März 1916, noch vor dem Entstehen der ersten Böblinger Adressbücher, seinen Dienst in der Böblinger 2. Kompanie der FEA 10 leistete.
Die Böblinger Adressbücher sind Zeugnisse von stadtgeschichtlichen Wandlungsprozessen. Wir wissen bereits, dass Schultheiß Kraut 1923 in der Stuttgarter Straße 34 lebte. Wenige Jahre zuvor, 1920, war selbiges Wohnhaus noch die Stuttgarter Straße Nr. 614 gewesen. Zwischen 1920 und 1923 hatte die Stadt ihre Straßenbenennung reformiert. Auch wenn keine Amtsunterlagen über den Vorgang bekannt sind, so scheint, dass insbesondere das Gebäudenummernsystem, das aus dem 19. Jahrhundert herstammte, überkommen war und einer Modernisierung und Neustrukturierung bedurfte. In diesem Zuge verschwanden sowohl die auffällig hohen Hausziffern aus den Adressverzeichnissen, zusätzlich teilte man mittlerweile (zu) langgezogene Straßenzüge wie die Tübinger Straße in die Tübinger und Holzgerlinger Straße. Andere erhielten eine wohl zeitgenössischer empfundene Benennung, sodass etwa die vormalige Gasse "Hinter dem Oberamt" zur Turmstraße wurde.
Jahrzehnte der Krise und der Spaltung
Bei allem Wandel Böblingens, der sich anhand der Adressbücher auch als Geschichte des Wachstums und auch der Modernisierung erzählen lässt, sind doch auch die Grenzen der rückblickenden Erzählkraft der Adressbücher nicht zu übersehen. Betrachtet man die Adressbücher im Vergleich, zeigen sie uns zwar, welche Betriebe ihr Gewerbe in den 1920er- und 1930er-Jahren einstellten oder neu aufnahmen, und damit, wie sich Gewerbestrukturen veränderten. Sie liefern uns allerdings nur Belege für vorhandene Strukturen, aber selten Begründungen noch Ursachen und Hintergründe für Veränderungen. Diese sind an anderer Stelle, wie bereits oben unternommen, zu erforschen.
Die thematisierten Jahrzehnte zwischen Weimarer Republik und aufkommender NS-Diktatur sind bekanntlich Dekaden der schweren wirtschaftlichen Krise und der zunehmend extremen gesellschaftlich-politischen Spaltung und Radikalisierung: Bereits 1923 spitzte sich die wirtschaftliche und politische Krise landesweit zu, die Zahl der Arbeitslosen erreichte in der ganzen Republik immer wieder neue Höchstwerte, Menschen verelendeten. Auch die Böblinger Bürgerschaft war stark betroffen. 1925 wurde wegen der massiven Armut der Bevölkerung eine Wintersammlung ins Leben gerufen, sogenannte "Notstandsarbeit" sollte auch noch 1928 die Arbeitslosigkeit lindern.
Geld- und Naturalienspenden aus Böblinger Industrie wie der Hautana unterstützten notleidende Familien.
Um der Hyperinflation zu begegnen, gab Stadtschultheiß bzw. Bürgermeister Kraut ein eigens unterzeichnetes Notgeld für die Stadt heraus. Später arbeiteten Böblingen und Sindelfingen bis zur Währungsreform der Renten- auf die Reichsmark ein gemeinsames Notgeld aus. Für eine Geldnote trägt die Rückseite des städtischen Eine-Million-Mark-Scheins einen erstaunlich humoristischen Reimspruch, der trotz aller Widrigkeiten der Zeit mit einem Augenzwinkern auf die Zusammenarbeit der beiden Städte anspielte: "A Schwob kommt nach Endien nei – der faihrt en Kalkutta ei – Ond frogt en deam Wirtshaus no: – Ihr Leut ischt koi Böblenger do? Do schreit so a endischer Denger:Ha noi – aber a Sendelfenger!" (Bilder: Stadtarchiv Böblingen E 6/8 Nr. 3 und 11).
Die politische Polarisierung spaltete die Böblinger Gesellschaft. 1924 wurde die KPD bei den Reichstagswahlen in Böblingen zur stärksten Kraft. Gleichzeitig formierte sich in der Stadt spätestens jetzt eine Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung unter dem
späteren württembergischen Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler, welche 1927 in die faschistische NSDAP aufgehen sollte. Im Mai 1932 prallten schließlich die politischen Gegenkräfte in einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen Rechtsextremen und Kommunisten in der sogenannten Böblinger "Seeschlacht" aufeinander. Der Vorfall kann als grausames Omen für das im Folgejahr nach der Machtübernahme installierte Unrechtsregime stehen, das die Nationalsozialisten auch in Böblingen Schritt für Schritt von der gesellschaftlichen Gleichschaltung über politische Verfolgung zur sogenannten NS-"Rassenhygiene" und Euthanasie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs umsetzten.
Böblinger Behörden als Organigramme der politischen Herrschaft
Der politische Herrschaftswandel durch die Nationalsozialisten spiegelt sich in gewissem Maße in Änderungen in den Amts- und Verwaltungsstrukturen. So ergeben die in den damaligen Adressbüchern als eigene Kapitel angelegten "Verzeichnisse der städt. Behörden, Anstalten und Einrichtungen" Organigramme des lokalen politischen Apparats zum jeweiligen Zeitpunkt. Ergänzend zu den bildlichen Stadtdarstellungen Böblingens der beiden malenden Stadtchronisten Nägele und Steisslinger bieten diese Verzeichnisse eine weitere Zugriffsmöglichkeit auf ein dunkles Kapitel der Böblinger Geschichte, deren Quellenzeugnisse aus Täterhand in großen Teilen vernichtet wurden. Hierfür lohnt sich zunächst ein Sprung zurück in die frühen 1920er-Jahre.
Böblingen hatte sich seit dem Spätmittelalter im württembergischen Herrschaftsgefüge als Oberamtsstadt entwickelt. Daher begegnen uns im Böblingen um 1920 einerseits städtische Verwaltungsstrukturen, andererseits war die Stadt Sitz der für den ganzen Verwaltungsbezirk tätigen Behörden als auch weiterer gesamtstaatlicher Institutionen. Es ist kaum als Böblinger Besonderheit anzusehen, dass sich über die beiden Jahrzehnte der 1920er- und 1930er-Jahre die einzelnen Ämter und Behörden weiter ausdifferenzierten, an Personal hinzugewannen und sich Hierarchien und Zuständigkeiten in den einzelnen Einrichtungen weiter ausgestalteten, ebenso dass Menschen innerhalb der Ämterhierarchie einen Karriereweg durchliefen.
Drei kleine Beispiele für die einzelnen Verwaltungsbereiche sollen das Augenmerk auf sicher nicht einzigartige, aber dennoch charakteristische Details des Böblinger Amtswesens der Zeit legen: Als staatliche Behörde steht hier beispielhaft das Postamt von 1920 in der Bahnhofstraße. Zunächst unter Postinspektor Kühnle geführt, mit 17 Beschäftigten, darunter 4 Postgehilfinnen, wurde der Briefverkehr – das noch lange Zeit zentrale amtliche Kommunikationsmedium – schon 1923 unter einem Oberpostmeister, Wilhelm Eisemenger, in einer größeren Behörde organisiert. Wiederum knapp zehn Jahre später ist die staatliche Post in Böblingen Arbeitgeber für mindestens 30 Beschäftigte, deren Tätigkeitsfelder unter Oberpostmeister Walz und 3 Postinspektoren von der Postanwärterin über den Postschaffner zum Telegraphen-Leitungsaufseher reichten.
An Bezirksbehörden beherbergte die Stadt in der Karlstraße die erst 1905 gegründete Oberamtssparkasse Böblingen, die spätere Kreissparkasse. Besonderes Augenmerk verdient hier ein kleiner Hinweis im Adressbuch von 1923 zu Oberamtssparkassen-Kontrolleur Ernst Stegmüller. So heißt es bei ihm ergänzend: "wohnhaft in Darmsheim". Wir können daher davon ausgehen, dass bis auf wenige, dann explizit angegebene einzelne, die große Mehrheit der städtischen Verwaltungsangestellten auch in Böblingen beheimatet war.

Zu den städtischen, kirchlichen, schulischen, Bezirks- und Staats-Behörden kommen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zwei für die NS-Ideologie charakteristische Behörden in Böblingen hinzu. Sie sind entsprechend noch nicht im Adressbuch von 1931, sondern erst im nächsten vorliegenden Band von 1937 zu belegen: Erstens hatte die NSDAP Kreisleitung Böblingen unter den 1937 amtierenden Kreisleiter Ernst Krohmer und Kreisgeschäftsführer Hermann Eisele ihre Dienststelle für den ganzen Bezirk in Böblingen, im Herzen der Stadt auf dem Marktplatz 26/I. Das war das Gebäude unmittelbar südlich hinter dem damals noch in der Mitte des Marktplatzes stehenden alten und mächtigen Rathaus aus dem 19. Jahrhundert, welches im Bombenangriff 1943 zerstört wurde.
Zweitens war auch die Böblinger Ortsgruppe der NSDAP unter Ortsgruppenleiter Karl Haas und Geschäftsführer Hermann Clement in selbigem Gebäude der Kreisleitung am Marktplatz untergebracht. Bezeichnend für die im ganzen Land und eben auch in Böblingen von den Nationalsozialisten betriebene grausame Rassenpolitik ist der im Adressbuch für die Öffentlichkeit ebenfalls vermerkte Hinweis auf die "Dienststellen des Amtes für Volksgesundheit der NSDAP im Kreis Böblingen" und die "DAF Ortsverwaltung Böblingen". Das Amt für Volksgesundheit war seit Ende 1934 auf Kreis- und Gauebene für die Umsetzung der NS-Rassenlehre und Erbbiologie zuständig, die wiederum von der zweiten Dienststelle, der Deutschen Arbeitsfront (DAF), getragen wurde. In enger
personeller Verflechtung waren die Ämter für Volksgesundheit der DAF, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und des Nationalsozialistischen Ärztebundes (NSDÄB) für die sogenannte "rassische Reinhaltung" und "Aufwertung des Volkskörpers" verantwortlich. Sie erfassten im Sinne der NS-Ideologie unter "rassischen" und "erbbiologischen" Kriterien sowohl die Mitglieder der NS-Organisationen im Zuständigkeitsbereich als auch die hiesige Bevölkerung.
Die Böblinger Bürgerinnen und Bürger erhielten (spätestens) durch das Adressbuch öffentlich Information über die beiden Einrichtungen der NSDAP auf städtischer und Kreisebene sowie um die parteieigene Dienststelle für "Volksgesundheit" in ihrer fußläufigen Nähe im Zentrum der Altstadt. Damit wird das Adressbuch auch zu einem weiteren Zeugnis für die auch lokal eingerichteten Strukturen des menschenverachtenden Zivilisationsbruchs der Nationalsozialisten.
Fazit
Das Geleitwort im Adressbuch von 1927 schließt "mit dem Wunsche, daß das Böblinger Oberamts-Adreßbuch in praktischer und gemeinnütziger Weise zur Erleichterung, Orientierung und Verbilligung des amtlichen, Geschäfts-, Privat- und Fremden-Verkehrs in hohen Maße beitragen und in weitesten Kreisen einer ersprießlichen Friedenswirtschaft dienstbar gemacht werden solle." Während die Friedenswirtschaft 1927 bekanntlich nicht mehr lange währte, können die Adressbücher gegenwärtig über ersteren Wunsch hinaus dazu beitragen, die Skizze eines Böblinger Stadtporträts anzufertigen, das sich mit dem Böblingen auseinandersetzt, das auch die beiden Maler Reinhold Nägele und Fritz Steisslinger in ihren Werken abbildeten. Deutlich wird, dass die Adressbücher kleine Ausschnitte eines größeren Ganzen von Böblingen in den 1920er- und 1930er-Jahren greifbar machen, über das auch anhand der vorgestellten historischen Adressbücher noch zahlreiche weitere Facetten beleuchtet werden können.





















