Die „Alte Turnhalle“ – Böblingen zwischen Ideologie und Alltag

Wenn wir heute von der „Alten Turnhalle“ in Böblingen sprechen, erinnern wir uns an ein recht ansehnliches Gebäude. Es lag zwischen den beiden Böblinger Seen – nicht zu verwechseln mit dem in den 1930er Jahren als „Alte Turnhalle“ bekannten Gebäude an der Kleinen Gasse (heute: Enge Gasse), das ab 1939 zum „Feierraum“ umgebaut wurde.
 
Unsere angesprochene „Alte Turnhalle“ war die damalige „neue“ städtische Turnhalle. Sie wurde 1927 eingeweiht und lag zentral, jenseits der altstädtischen Enge an der Tübinger Straße 22. Gen Westen gelangte man zum Gelände der „Gutsverwaltung“ der ehemaligen Zuckerfabrik, gen Osten in Richtung Dampfziegelei in das damalige Neubaugebiet zwischen Mauremer Weg (heute: Maurener Weg) und Tübinger Straße. Unter dem gewalmten Giebeldach zählt die „Alte Turnhalle“ auf zwei volle Stockwerke und baute ebenso auf einen Keller.

Die am 10. Juni 1927 eingeweihte neue städtische Turnhalle, heute auch als „Alte Turnhalle“ bekannt. (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2636 (Foto: Kurz))

Im Laufe ihres Bestehens sollte das große Bauwerk unterschiedliche Menschengruppen aus Böblingen beherbergen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Kleinkinder, Zwangsarbeitende, Luftschutzsuchende bei Fliegeralarm, Vereinsmitglieder sowie Funktionäre aus Politik und Wirtschaft. Grund genug, einen genaueren Blick in die Quellen rund um das Gelände der städtischen Turnhalle zu werfen:
 
Bereits im Jahr nach der Machtübernahme, 1934, sah die Fraktion der NSDAP im Gemeinderat vor, für die spätere Anlegung des Unteren Sees als Thingplatz und Festwiese einen Ideenwettbewerb auszuschreiben. Als solche „Thingstätte“ bezeichneten die Nationalsozialisten ihre um die Mitte der 1930er Jahre erbauten, oftmals monumentalen Freilichtanlagen, die architektonisch den Geist eines antiken Theaters atmen sollten. Großangelegte „Thingspiele“ sollten Menschenmassen in einer Mischung aus völkischem Theater und Volksfestspiel bewegen. Das althochdeutsche thing inspirierte sich dabei an den germanischen Versammlungs- und Gerichtstätten im Steinring. Die NSDAP-Fraktion des Böblinger Gemeinderats war gut im Bilde über dieses reichsweit aufkommende architektonische Konzept und wollte auch in Böblingen einen solchen Ort der politischen Kundgebung und der Propagierung der Volksgemeinschaft errichten – als Thingplatz.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Verwendung der städtischen Turnhalle in diesem Areal zu sehen: Sie diente zum Zwecke der (politischen) Massenbewegung. Als Ort politischer Kundgebungen oder Veranstaltungen, auch mit den NS-Parteijugenden wie auf dieser Aufnahme, wird das Gelände genutzt. (Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2640)
Ein zeitgenössisches Gemälde des Böblinger Künstlers Fritz Steisslinger zeigt eine politische Volksveranstaltung zum Maibaumstellen am 1. Mai 1936. Gut zu erkennen sind im Meer aus Fahnen und den verschiedenen Uniformierten die „Braunhemden“, die sich am Areal der städtischen Turnhalle versammelten. Im Hintergrund ist der Kirchturm samt Kirchenschiff der ev. Stadtkirche sowie das mit Türmchen versehene damalige Rathaus am Marktplatz zu sehen. (Bild: Städtische Galerie Böblingen, Inv. Nr. 393, Tempera auf Papier)

Die städtische Turnhalle – ein Funktionsbau

In den 1930er Jahren war die Stadtbevölkerung weiter gewachsen, neue Infrastruktur war gefragt: Eine Gemeinderatsprotokoll über die Beratung von Bürgermeister Friedrich Nissler mit den Ratsherren vom 7. August 1941 (§ 516) berichtet von der geplanten Einrichtung des NSV-Hilfskindergartens in der Turnhalle. Er sollte zusätzliche Kapazitäten zum bereits bestehenden Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) in der Herrschaftsgartenstraße stellen. Man beratschlagte damals: Der schon früher vorgeschlagene kleine Saal der städt. Turnhalle ist nach Besichtigung für geeignet befunden, gewisse bauliche Maßnahmen vorausgesetzt.
 
Die Finanzierung der Baumaßnahme für den Kindergartenraum in der Turnhalle sollte mit einer weiteren Belegungsgruppe in der Turnhalle querfinanziert werden: Die für diese Arbeiten entstehenden Aufwendungen können grösstenteils mit der Entschädigung gedeckt werden, welche die Fliegerhorstkommandantur für die Benützung der Turnhalle zu bezahlen hatte. Damit war die militärische Dienststelle der deutschen Luftwaffe gemeint, die mit dem beginnenden Zweiten
Weltkrieg 1939 am erneut militarisierten vormaligen Landesflughafen aufgestellt worden war. Der wirtschaftlich bedeutende Betrieb rund um den Fliegerhorst und die städtischen Verwaltungsstrukturen waren miteinander verwoben.
 
Während der NS-Zeit wurde die städtische Turnhalle für verschiedene Veranstaltungen genutzt. So mietete sich beispielsweise die Firma Daimler-Benz aus dem benachbarten Sindelfingen am 11. September 1943 für eine Betriebsveranstaltung ein. Die bereitgestellte Räumlichkeit war wahrscheinlich der Grosse Saal der städt. Turnhalle. Diesen hatte auch die Fliegerhorstkommandantur im Vorjahr, 1942, für einen Unteroffiziers-Anwärter-Lehrgang überlassen bekommen. Der Saal erstreckte sich mutmaßlich über das Gesamte obere Geschoss.
 
Die Vergabeprioritäten für die Räumlichkeiten waren dabei klar hierarchisch geordnet. Im Juni 1941 hieß es von der Stadtverwaltung an den Böblinger Geflügelzuchtverein: Unter der Voraussetzung, dass die Städt. Turnhalle nicht für andere Zwecke (Wehrmacht usw.) belegt ist, stelle ich sie für die […] Geflügelausstellung […] zur Verfügung.
 
Die Konsequenzen aus dem Fortgang des Zweiten Weltkriegs, der sich vom Kriegsgeschehen an der fernen Front hin zu einem Luftkrieg auch über dem Deutschen Reich verschärfte, beschäftigten im Oktober 1942 die Böblinger Ratsherren. Man wollte nun die Untergeschossräume der städtischen Turnhalle als Ausweichrettungsstelle und als öffentlicher Schutzraum ausbauen. Die multifunktionale Räume sollten als Alternative zu der im Schulhaus an der Gartenstraße untergebrachte Rettungsstelle dienen:

Die neuen Räume und die zu schaffenden Einrichtungen (Brause usw.) können späterhin als Unterstellräume und für den Turn- und Sportbetrieb der Turnhalle Verwendung finden […]. Im Zusammenhang mit dem Einbau der Luftschutzräume soll der südwestliche Ausgang aus der Halle so geändert werden, dass die Halle im Notfall reibungsloser als bisher entleert werden kann.

Gemeinderatsprotokoll vom 2. Oktober 1942

Damit sind bereits mehrere Funktionen angesprochen, die im Gebäude der städtischen Turnhalle räumlich miteinander zu vereinbaren waren. Den Großen Saal im Obergeschoss schien man für politische und gesellschaftliche Veranstaltungen zu nutzen. Im ausgebauten Untergeschoss gestaltete sich die Belegung etwas komplexer. Dort befanden sich die vorgesehen Räume für die Ausweichrettungsstelle und ein öffentlicher Schutzraum für Luftalarm. Doch auch der zusätzliche NSV-Kindergarten sollte auf dieser Ebene untergebracht werden, denn dort befand sich der dafür vorgesehene Kleine Saal. Baupläne liegen uns leider nicht mehr vor. Ein weiteres Gemeinderatsprotokoll, dieses Mal aus der Nachkriegszeit, bestätigt uns jedoch die Lage des Kleinen Saals im Gebäude: Am 25. September 1953 beschloss man, den Böblinger Vereinen die Turnhalle zu überlassen, deren Beschlagnahmung durch die US-Besatzung drei Tage zuvor aufgehoben worden war: Die Halle und der kleine Saal im Untergeschoss können von Montag bis Freitag benützt werden.
 
Ob es je dazu kam, dass eine Böblinger Kindergartengruppe längerfristig in der städtischen Turnhalle unterkam, ist fraglich. Auch die angestrebte Ausweichrettungsstelle in der Turnhalle schien nicht über Planungen hinausgekommen zu sein. Die Realität der Raumnutzung sah anders aus: Am 29. Juni 1944 schrieb der für die städtischen Finanzen verantwortliche Stadtpfleger Hermann Piscalar im Auftrag von Bürgermeister Nissler wegen der Küche in der Turnhalle an den damaligen Landrat. Jener war zugleich Leiter der Sofortmaßnahmen der Oberbauleitung und damit auch zuständig für den Einsatz von Zwangsarbeitenden. In Hermann Piscalars Schreiben steht unter anderem Folgendes: 

In dem Untergeschoss der Turnhalle ist für die Küche der Ostarbeiter ein Kartoffellager eingerichtet. Die Untergeschossräume sind als Ausweichrettungsstelle vorgesehen und müssen für diesen Zweck nun schnellstens eingerichtet werden. Das Kartoffellager kann daher nicht belassen werden. Als Ersatz könnten meines Erachtens die Untergeschossräume der Volksbank in Anspruch genommen werden, die unschwer für diesen Zweck herzurichten sind. Ich bitte, das Erforderliche zu veranlassen und in der Turnhalle weitere Kartoffeln nicht mehr einlagern zu lassen, sobald der jetzige Vorrat aufgebraucht ist. Wenn im Herbst ein grösseres Lager notwendig ist, könnte u.U. einer der städt. Eiskeller an der Schönaicherstrasse in Betracht kommen.

Eine Ansicht der früheren Volksband an der Tübinger Straße. Undatierte Aufnahme aus der Nachkriegszeit (Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2646).

Es ist daher davon auszugehen, dass anstatt einer Kindergartengruppe und einer Rettungsstelle der wohl nicht weiter ausgebaute Kleine Saal im Untergeschoss Böblinger Firmen für die Unterbringung ihrer Zwangsarbeitenden bereitgestellt wurde. Dazu gehörte die Firma Leichtflugzeugbau Klemm, die in der städtischen Turnhalle ab 1943 jene ihrer zwangsbeschäftigten Belegschaft unterbrachten, die in den weiteren Ostarbeiterlagern des Betriebs nicht mehr untergebracht werden konnten.

Was die Nachkriegszeit über Zwangsarbeit berichtet

Wie so oft schweigen die Quellen über die konkreten Lebensbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auch im Falle ihres Quartiers in der städtischen Turnhalle während der NS-Diktatur. Einzelne Rückschlüsse darauf lassen sich indirekt aus den Quellen der Nachkriegszeit ziehen.
 
Auch die Turnhalle war wie viele andere Bauten vom Kriegsgeschehen nicht verschont geblieben. 1953 hieß es:

Die Turnhalle hat durch Bombenangriff Schäden erlitten, die bis jetzt noch nicht alle behoben worden sind, da das Gebäude von der Besatzungsmacht beschlagnahmt war. Vor allem sind noch Fliegerschäden am Äusseren des Gebäudes wie Aussenputz zu beheben.

Eine über das Nötigste hinausreichende Instandsetzung war zu Gunsten anderer Bauaufgaben zurückgestellt worden. Die städtische Turnhalle scheint auch über die Jahre der Nutzung als Schlafstätte für Zwangsarbeitende nicht beheizt gewesen zu sein – darauf deuten die Überlegungen zu ihrem Ausbau für die nicht zufriedenstellende Schulspeisung der Nachkriegszeit hin:

Die Beheizung der Turnhalle war seinerzeit so vorgesehen, dass sie an die Zentralheizung der Gartenschule angeschlossen wird. Das Stadtbauamt will noch klären, ob dies bei der z.Zt. bestehenden Schwierigkeiten in der Beschaffung der Heizkörper möglich ist.

Vom Zwangsarbeitslager zum Lager für Displaced Persons (DPs)

Mit der Kriegsniederlage war die NS-Herrschaft durch die Alliierten beendet worden. Funktional blieben jedoch bauliche Strukturen bestehen, die als Unterkünfte für zahlreiche zur Zwangsarbeit verschleppte Menschen gedient hatten. Mit der „Stunde Null“ wurden die vormaligen Zwangsarbeitenden zu heimatvertriebenen Displaced Persons (DPs) – die dennoch weiterhin eine Schlafstätte benötigten. Es ist davon auszugehen, dass viele der Böblinger Zwangsarbeitsbaracken in der Nachkriegszeit den gleichen Menschen bis zur weiteren Klärung ihres Schicksals als Quartier dienen mussten.
 
Ein anschauliches Beispiel dafür ist das benachbarte Ostarbeiterlager an der Tübinger Straße in unmittelbarer Nähe zur städtischen Turnhalle. Das aus drei Baracken und einer Gartenanlage bestehende umzäunte Lager befand sich auf dem Gelände zwischen dem Oberen und Unteren See, das wohl der Süddeutschen Zucker AG gehörte. Auch hier war es zunächst die Stadtverwaltung Böblingen, die das Lager betrieb. Ab 1943 ging es an die Möbelfabrik Wilhelm Renz über, wurde jedoch zumindest auch von der Spielzeugfabrik Kibri im Jahr 1944 für über zwei Dutzend (sowjet-)russische Zwangsarbeitende genutzt. Diese Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zählten gewiss zu denjenigen Menschen, auf deren Quartier ein Bericht von 1950 über eine Rote-Kreuz-Baracke in unmittelbarer Nähe zur städtischen Turnhalle zu sprechen kommt:

Das Gelände am Unteren See soll so hergerichtet werden, dass darauf in Verbindung mit dem Turnhallenplatz grössere Veranstaltungen abgehalten werden können. […] Damit der Platz den vorgesehenen Zweck erfüllen kann, ist eine Versetzung der Rote-Kreuz-Baracke notwendig.

Während (Teile des) vormaligen „Ostarbeiterlagers“ als spätere Rote-Kreuz-Baracke damit schon in den frühen 1950er Jahren aus dem Stadtbild verschwand, blieb die städtische Turnhalle noch bis 1968 bestehen. (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2688).