Das lange 19. Jahrhundert

Der Satiriker Friedrich Bernritter

Meist sind es die politischen und die wirtschaftlichen Verhältnisse, die uns die Geschichtsschreibung überliefert hat. Das gesellschaftliche Leben, die Alltagswelt ist schwerer zu erschließen. In Böblingen haben wir dabei von einem Glücksfall zu berichten: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte hier Friedrich Bernritter, der ein „Schreiber und Poet dazu“ war, um es mit dem Titel des jüngst erschienenen Buches von Erich Kläger zu sagen. Der Stellvertreter des Oberamtsschreibers erhob sich über seinen tristen Schreibstubenalltag durch seine Tätigkeit als Schriftsteller.

„Wirtembergische Briefe“ – Bernritters satirisches Hauptwerk

Nach 16 Jahren in Böblingen erschien sein Hauptwerk, die „Wirtembergischen Briefe“ – Satiren, in denen er seiner Zeit und seiner Umgebung den Spiegel vorhielt. Die Verhältnisse sind dabei nicht so  verzerrt, dass man dahinter nicht noch die Zustände erkennen könnte, die er geißeln wollte.
Die Adressaten dieser Briefe gehören allen gesellschaftlichen Schichten an, wenn auch die „kleinen Leute“ eher unterrepräsentiert sind. Auch überschreitet er manchmal den Horizont seines Land- und Amtsstädtchens in Richtung Residenz (Stuttgart); und doch hat er vieles, das er in diesen Briefen aufgegriffen hat, dem Leben entnommen, in dem er hier eingebunden war. Seine Schrift könnte daher mit gutem Recht auch „Böblinger Briefe“ heißen.
Seine Herkunft als Schreiber, die einst eine starke Stellung im öffentlichen Dienst der damaligen Zeit hatten, und seine Tätigkeit beim Oberamt (dem Vorläufer des heutigen Landkreises) haben ihn dabei natürlich auch beschäftigt. Es war die Zeit der „Vetternwirtschaft“, wo ohne „Schmieralien“ und „Vitamin B“ nichts lief. Auch der Ämterschacher war „gang und gebe“.
So empfiehlt ein Oberamtmann (heute Landrat) einem noch jungen Kollegen, dass er beizeiten für die Zukunft seiner Kinder sorgen soll. Dann berichtet er voll Stolz, dass er dies für seine Kinder schon gerichtet habe: „Meine Karolina heiratet den Sohn des Stadtschreibers, dem sein Vater sein Amt abtritt!“

Bernritter war ein kritischer Beobachter seiner Zeit

Er lässt immer wieder erkennen, wo er steht – auf der Seite derer, die diese Verhältnisse überwinden wollen. Dazu gehörte auch ein ausgeprägtes Standesdenken. Als ein Oberforstmeister in ein Landstädtchen(Böblingen?) versetzt wird, beklagt sich seine adlige Frau Gemahlin bei ihrer Mutter, dass sie dort keinen standesgemäßen Umgang habe, nur „bürgerliches Geschmeiße“ vorfinde. Wie die Mutter ihr darauf den Kopf wäscht, ist höchst erfrischend.
Wenn niedere Stände in diesen Briefen vorkommen, dann meist unter besonderen Umständen: Da wendet sich die frühere Magd des Schulmeisters an ihren einstigen Dienstherrn mit der Erinnerung, dass sich ihre schon vermutete Schwangerschaft bestätigt habe und ihre Mutter sie halb tot schlage, um den Vater aus ihr heraus zu prügeln. „Was zwischen uns passiert ist, da Ihr mich diesen Sommer zum Betglockenläuten aufgeweckt habt, und dass ich sonst mit keinem anderen zu tun gehabt habe, ist Euch so gut bekannt, als mir selber.“ Dass diese Magd in ihrem Elend allein gelassen wird, folgt in einer bewegenden Fortsetzung. Immer wieder lässt Bernritter erkennen, dass er sich eine enorme literarische Bildung angeeignet hatte (deutsche und ausländische Autoren werden zitiert) – erstaunlich, bedenkt man die Informationsbedingungen seiner Zeit.
In einem der Briefe renommiert eine Dame (allerdings aus der Residenz) mit dem Bezug mehrerer Zeitungen und der Mitgliedschaft in drei Lesegesellschaften. Das gab es also schon damals. Doch auch in einem Landstädtchen wie Böblingen (mit ca. 2.000 meist landwirtschaftlich beschäftigten Einwohnern) und in Bernritters Kreisen?
In einer späteren Schrift begegnet er einer literarisch echauffierten Frau Stadtschreiberin, „deren literarische Liebhaberei den Herrn Gemahl wohl etwas Ansehnliches kostet“. In ihrem literarischen Salon wimmelt es „von Erzpoeten, Malern und Musikern [...] Ist sie über ihren Versen in Begeisterung geraten, läuft der Herr Stadtschreiber wie ein angeschossener Eber hausaus,hausein.“

Vieles in diesen Briefen gehört einer versunkenen Welt an, von der sie Kunde geben

Zwischendurch aber reibt man sich verwundert die Augen:
Befinden wir uns hier tatsächlich im Jahre 1786? Ist das nicht wie aus unseren Tagen (in wenig gewandelter Form) entnommen? Da schreibt ein eben niedergelassener Apotheker an den Arzt am Ort und schlägt ihm vor: „Wenn Sie nur recht fleißig Arzneien verschreiben, so will ich Sie an meinem Umsatz beteiligen“ – ein „Geschäft“, das sogleich zustande kommt.
Ein buntes Bild, das sich da entfaltet und das uns auch einen Einblick in das Böblingen von vor fast 250 Jahren gibt. Bernritter ist es nach 24 Jahren gelungen, als Rentkammerrat in die Residenz berufen zu werden – in die „Ministerialbürokratie“ würden wir heute sagen. Dort ist er mit dem Status eines Charge d'affaires (diplomatischer Vertreter) von Herzog Friedrich in einer schwierigen Mission nach Wien entsandt worden. Vom langjährigen untergeordneten Status in der Böblinger Oberamtsschreiberei aus war dies ein ungeahnter Höhepunkt seiner Laufbahn.
Kurz darauf ist Friedrich Bernritter 1803 in Stuttgart gestorben.

Eine Urkunde zum Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)

Die historische Vortragsreihe zum Jubiläum „950 Jahre Dagersheim“ blickt auf sehr erfolgreiche und von einem interessierten Publikum gut besuchte Vorträge zurück. Der letzte davon, der sich Dagersheim im Nationalsozialismus widmete, fand am 10. November statt. Ein Neuzugang im Stadtarchiv, eine Urkunde von 1871, schlägt nun eine chronologische Brücke zwischen diesem Thema und dem vorletzten Vortrag zur Auswanderung aus Dagersheim in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Anlass ordnet nun Daniel Pfeifer vom Stadtarchiv die „neue“ Urkunde ein und geht der Frage nach, was man alles aus dieser herauslesen kann.

Ein Neuzugang im Stadtarchiv

Stadtarchive stehen nicht für sich allein. Sie arbeiten nicht nur mit der jeweiligen Stadtverwaltung zusammen, sondern kooperieren auch gewinnbringend mit anderen Archiven sowohl in der Umgebung als auch deutschlandweit. Nur so kann moderne Archivarbeit geleistet werden. Hierdurch profitiert man voneinander bei dem gemeinsamen Ziel, Geschichte greifbar zu machen. Ein Beispiel hierfür ereignete sich im November 2025. Das Stadtarchiv Böblingen wurde von einem Mitarbeiter des Stadtarchivs Filderstadt kontaktiert. Es hatte dort einen neuen Archivzugang gegeben – ein Nachlass eines verstorbenen Bürgers; so weit, so gut. Nun kommt aber Böblingen bzw. Dagersheim ins Spiel: In diesem Nachlass befand sich eine Urkunde, die dem Großvater des Verstorbenen gehört hatte: einem Dagersheimer namens Jakob Horrer.Diese Urkunde wurde dem Stadtarchiv angeboten. Bei einem solchen Austausch von Archivalien zwischen Archiven spricht man in der Archivwissenschaft von Provenienzbereinigung. Bei dem Provenienzprinzip handelt es sich um ein Ordnungsprinzip, bei dem Archivalien nach ihrer Herkunft und ihren Entstehungszusammenhängen geordnet werden. Ganz konkret bedeutet dies, dass alle archivwürdigen Akten, die zum Beispiel im Standesamt gebildet wurden, auch im Archiv – sobald die Unterlagen übergeben wurden – beieinanderbleiben und sich in einem gemeinsamen Bestand finden. In der konkreten Archivarbeit gibt es freilich Ausnahmen hiervon. Dies betrifft etwa Dias oder Fotos, die aufgrund des Materials anders gelagert werden müssen.Klassischerweise wird das Provenienzprinzip auf amtliche Unterlagen angewendet, also alles, was an Akten in der jeweiligen Verwaltung gebildet wird. In ähnlicher Weise betrifft dies auch alle weiteren, „nichtamtlichen“ Unterlagen, zu denen auch Nachlässe aus der Bürgerschaft gehören; so, wie in diesem Fall. Dies folgt der Logik, dass man zuerst im Stadtarchiv Böblingen recherchiert, wenn man etwas zu Böblingen oder Dagersheim im 19. Jahrhundert herausfinden möchte – und eben nicht im Stadtarchiv Filderstadt. Im Rahmen einer solchen Provenienzbereinigung fand schließlich die Urkunde als Einzelstück aus einem Nachlass, der sich weiterhin in Filderstadt befindet, ihren Weg ins Stadtarchiv Böblingen. Selbstverständlich wird eine solche Übergabe entsprechend dokumentiert. Die „neue“ Urkunde wurde bereits mit einer Signatur versehen, damit sie auffindbar und damit nutzbar ist.

Gedenktafel für die Dagersheimer Veteranen des Deutsch-Französischen Krieges, wo sich auch Namen aus dem „Bruderkrieg“ von 1866 finden (StadtA BB E 2/11 Nr. 1916a, Foto: Daniel Pfeifer/Gerhard Berner)

Der Kontext der Urkunde: Der Deutsch-Französische Krieg und die Gründung des Deutschen KaiserreichesNun zur Urkunde und ihrem Hintergrund: Sie wurde am 30. November 1871 ausgestellt. Im selben Jahr, genauer gesagt am 18. Januar, wurde symbolträchtig im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Damit war der für Deutschland „verspätete“ Weg des Nationalstaats abgeschlossen; eine Bewegung, die bereits im Vormärz und schließlich in der Revolution von 1848/49 versucht wurde und – trotz ihrer Schattenseiten – ursprünglich demokratisch geprägt war. Hier war dem damaligen preußischen König, Friedrich Wilhelm IV., die Würde eines Deutschen Kaisers angeboten worden, welche er allerdings in seinem monarchischen Selbstverständnis als Krone „aus Lehm und Letten gebacken“ ablehnte. Eine deutsche Einigung „von unten“ war also gescheitert. Stattdessen initiierte Preußen die Reichsgründung „von oben“ – ein Prozess, der alles andere als friedlich vonstattenging. Zwischen 1864 und 1871 wurden in insgesamt drei Kriegen die Voraussetzungen für die Reichsgründung geschaffen: dem Deutsch-Dänischen, dem „Bruderkrieg“ mit der Beteiligung von 16 Dagersheimern auf der Seite von Österreich und schließlich dem Deutsch-Französischen Krieg, in dem 22 Männer aus Dagersheim kämpften.Am 3. März 1871 wurde in Dagersheim ein Friedensfest mit einer Predigt zu Psalm 80, Vers 16–18 gefeiert, der unter anderem den Satz enthält: „Schütze doch, was deine Rechte gepflanzt hat, den Sohn, den du dir großgezogen hast!“ (Vers 16). Neben Dankesfesten am 6. August im ganzen Oberamt Böblingen für die lebendig Heimgekehrten wurde später eine Gedenktafel für die Veteranen des Deutsch-Französischen Krieges errichtet, vermutlich durch den zwischen 1874 und 1876 gegründeten „Kriegerverein“. Diese befindet sich heute auf dem Dachboden der evangelischen Kirche. Jakob Horrer, um den und dessen Urkunde es im Folgenden gehen soll, steht indes nicht darauf. Er zog nach dem Krieg nach Bonlanden und heiratete schon am 21. September 1871 seine von dort stammende Frau Katharine. Wahrscheinlich ist dies der Grund, wieso er nicht auf der Gedenktafel steht. Allerdings ist er in den „Amtlichen Verlustlisten“ neben dem auf der Gedenktafel genannten Friedrich Hagenlocher (2. Königlich Württembergisches Infanterieregiment) als Verwundeter des 2. Jägerbataillons in den Kampfhandlungen vom 30. November, 2. und 3. Dezember aufgeführt.

Urkunde zur Verleihung einer Kriegsgedenkmünze für Kämpfer („Combattanten“) im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 für Jakob Horrer (StadtA BB E 1/1 Nr. 291)

Der Inhalt der Urkunde und ihre symbolischen DarstellungenDas Schriftstück, um das es hier geht, beurkundet die Verleihung einer Kriegsgedenkmünze für den siegreichen Krieg gegen Frankreich an den Dagersheimer Jakob Horrer. Eine solche Gedenkmünze für Kämpfer wurde an alle verliehen, die an Gefechten im Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen hatten oder nach dem 2. März 1871 die Grenze zu Frankreich überschritten hatten.Schon oben auf der Urkunde steht auf einem Spruchband geschrieben: „Mit Gott für Kaiser, König und Vaterland!“ Über diesem Spruchband befindet sich in einem Lorbeerkranz das Monogramm des neuen Kaisers Wilhelm I. – ein stilisiertes „W“ und „R“ (für „Wilhelm[us] Rex“ – also König Wilhelm), das als Zeichen für die Kaiserwürde außerdem gekrönt ist. An diesem Spruchband befindet sich wiederum ein sog. Landwehrkreuz, das von König Friedrich Wilhelm III. 1813 zusammen mit der berühmten Auszeichnung des Eisernen Kreuzes gestiftet wurde. Der oben zitierte Ausruf war die Devise des Landwehrkreuzes, unter Friedrich Wilhelm noch ohne „Kaiser“. Sowohl hiermit als auch mit dem Eisernen Kreuz sollte eine gezielte Identifikation mit dem Nationalstaat geschaffen werden (Beim aufmerksamen Hinschauen erkennt man auf der Urkunde das aufgestempelte Siegel eines Landwehrbataillons). Das Nationalbewusstsein sollte in den „Befreiungskriegen“ unter anderem durch solche Maßnahmen gezielt gegen Napoleon eingesetzt werden.Mit diesen Kontinuitäten, auch gegen den „Erbfeind“ Frankreich, und der Verleihung der Gedenkmünze an alle „Combattanten“ sollte das neue Kaiserreich unter der Vorrangstellung Preußens legitimiert werden. Die Urkunde (aus Papier und nicht aus Pergament) liegt nicht ausschließlich handschriftlich vor, sondern wurde gedruckt. Sie konnte für die geehrte Person wie eine Art Formular ausgefüllt werden. Dies zeigt, dass solche Ehrungen gezielt in die Breite der Gesellschaft wirken sollten.Bevor die weiteren Symbole analysiert werden sollen, sei hier der konkrete Inhalt der Urkunde zitiert:
„Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs ist die von Allerhöchstdemselben von erbeuteter Kanonen-Bronze gestiftete Kriegs-Denkmünze für Combattanten dem Jäger Jakob Horrer von Dagersheim Böblingen des 2ten Königl[ich] Württembergischen Jägerbataillons in Anerkennung seiner pflichtgetreuen Theilnahme an dem siegreichen Feldzuge 1870–1871 von dem Unterzeichneten übergeben worden.“
Dass für die Herstellung der Gedenkmünzen eingeschmolzene Kanonen herangezogen wurden, war vermutlich nicht nur dem Materialbedarf geschuldet, sondern war ebenso eine Zurschaustellung des legitimitätsstiftenden militärischen Erfolges gegenüber Frankreich.Auch mit weiteren Symbolen arbeitet die Urkunde gezielt: Links und rechts vom Text befindet sich jeweils eine von Lorbeerkränzen umrahmte Siegessäule. Oben auf der linken Säule befindet sich das königlich-preußische Wappen: ein gekrönter Adler mit Zepter und Reichsapfel und dem Monogramm des ersten Königs in Preußen auf der Brust, Friedrich I. („F“ und „R“ für „Fridericus Rex“). Die andere Säule trägt wiederum das Wappen des neu entstandenen Deutschen Kaiserreiches: ein – dieses Mal mit der Kaiserkrone – gekrönter Adler mit Kreuz und Kette vom Schwarzen Adlerorden. Dieser enthält im Herzschild (also in der Mitte) den beschriebenen Preußenadler; allerdings mit dem Unterschied, dass er auf der Brust das Wappen der Hohenzollern enthält (ein von Silber und Schwarz gevierter Schild).Vor diesen Säulen stehen dementsprechend die Allegorien der „Borussia“ (lateinisch für Preußen) und der „Germania“ für das vereinigte Deutschland. Beide Frauenfiguren tragen mit dem Lorbeerkranz zudem Merkmale der „Victoria“, der Siegesgöttin. Vor ihnen sind Schilde aufgestellt, auf denen die Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges vermerkt sind, darunter die Belagerung von Straßburg mit ihrem verhängnisvollen Bombardement sowie die berühmte und entscheidende Schlacht von Sedan. Die beiden Frauenfiguren stehen auf französischen Kanonenrohren, ein Bezug zur Herstellung der Gedenkmünzen. Vor ihren Füßen liegen französische Flaggen – geschmückt mit dem französischen Fahnenadler („Aigle de drapeau“), den Napoleon Bonaparte eingeführt hatte. Auf ihn nahm wiederum Napoleon III., der von Preußen geschlagene Kaiser der Franzosen, ebenso wie mit dem auf den Flaggen erkennbaren „N“ Bezug. Die preußische Siegespropaganda griff dies sicherlich allzu gerne auf, war doch Friedrich Wilhelm III. von Preußen in den Napoleonischen Kriegen geradezu gedemütigt worden.Vor diesen Flaggen befinden sich mittig die Wappen des Elsass (in Gold ein mit drei Alérions [Adler] belegter roter Schrägbalken) und von Lothringen (in Rot ein silberner Schrägbalken mit einem Lilienmäander und drei Kronen beidseitig davon). Mit der Reichsgründung wurden sie zum „Reichsland Elsaß-Lothringen“ zusammengefasst, nachdem die Regionen in der Frühen Neuzeit vor allem nach dem Westfälischen Frieden und unter Ludwig XIV. an Frankreich gefallen waren. Ganz in der Mitte sind in einem Lorbeerkranz schließlich die Jahreszahlen des Deutsch-Französischen Krieges abgebildet: 1870 und 1871. FazitAllein in der Wappenauswahl steckt unglaublich viel Symbolik: Das Kaiserreich war zwar deutsch, aber die Federführung lag eindeutig bei Preußen, das seine historischen Traditionen betonte. Die hier dargestellten Kontinuitäten reichen bis in das 18. Jahrhundert mit dem ersten König in Preußen und vor allem zum Anfang des 19. Jahrhunderts mit den „Befreiungskriegen“ gegen die napoleonische Herrschaft zurück. Die Botschaft war klar: Die „Kleinstaaterei“, die Preußen sehr unliebsam war, wurde durch den Sieg gegen den „Erbfeind“ überwunden und mündete in ein preußisch dominiertes Deutsches Kaiserreich. Dahinter steckte ein gezieltes, von Preußen propagiertes Geschichtsbild; letztlich Geschichtspolitik und -propaganda. Dass solche Bilder in Dagersheim fruchteten, zeigt zum einen ein Gedicht anlässlich des Setzens einer Friedenslinde im Oberamt Böblingen, welches im März 1871 im Böblinger Boten (Nr. 19) abgedruckt wurde. In der elften und letzten Strophe heißt es dort:
„Und von diesen großen TagenMagst du predigen und sagenAuch dem kommenden Geschlecht,Daß der Erbfeind sei bezwungenUnd nach blut‘gem Strauß errungenDeutsches Reich und deutsches Recht!“
Zum anderen zeigt dies auch die Tatsache, dass jene Urkunde über die Verleihung einer Gedenkmünze über 150 Jahre aufbewahrt wurde – selbst wenn Jakob Horrer bei der Verleihung schon in Bonlanden gelebt hat. Im Stadtarchiv Böblingen wird sie der Nachwelt für die Ewigkeit bewahrt – als Mahnung zum Frieden durch die Erforschung unserer Geschichte.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Lucas Schmidt vom Stadtarchiv Filderstadt und Gerhard Berner vom Kirchengemeinderat Dagersheim für die Zusammenarbeit! 

Vor 100 Jahren: Die Aussegnungshalle auf dem alten Friedhof wurde eingeweiht

In der heutigen Ausgabe des "Einblicks in die Stadtgeschichte" geht Stadtarchivar Christoph Florian der Geschichte der am 25. November 1913 offiziell eröffneten Aussegnungshalle auf dem Alten Friedhof nach.

Als im 19. Jahrhundert der aus dem Spätmittelalter stammende Friedhof Böblingens im Bereich der heutigen Schafgasse zu klein geworden war, suchte die Stadt nach einer Alternative. Man entschied sich für eine freie Stelle östlich der Vorstadt im Bereich der heutigen Herrschaftsgartenstraße und des Herdwegs. Im Jahr 1835 wurde dort der Friedhof angelegt und im darauffolgenden Jahr erfolgte die erste Beerdigung.

Doch zu Beginn des 20. Jahrhundert stieß auch der Friedhof am Herdweg an seine Kapazitätsgrenzen und sollte daher um ein östliches Teilstück, den „Neuen Friedhof“, erweitert werden. Im Zusammenhang mit der Erweiterung beschloss der Gemeinderat die Errichtung einer Aussegnungshalle (damals Friedhofskapelle genannt). In einem Zeitungsbericht heißt es später dazu: „Man erkannte in hiesiger Stadt schon seit längerer Zeit, daß es ein Bedürfnis sei, für die Unterbringung von Leichen städtischerseits für einen geeigneten Raum zu sorgen, wie auch für gottesdienstliche Zwecke aus Anlaß der Bestattungen einen solchen zu schaffen.“

Ein Baufond zur Finanzierung

Die Einweihung

Die Einweihung erfolgte am 25. November 1913. Einem Zeitungsbericht nach empfing Stadtbaumeister Eberle um halb vier nachmittags die Festgäste vor dem neuen Bauwerk. In seiner Rede bedankte er sich bei allen, die am Bau mitgewirkt hatten, und übergab Stadtschultheiß Andreas Dingler den Schlüssel zur Aussegnungshalle. Der Stadtschultheiß wiederum bedankte sich bei Eberle, Heimberger und besonders bei den Spendern, die namentlich nicht genannt werden wollten. Weiter sprach er davon, dass das Gebäude „zum Segen für Lebende und Tote gereichen“ sollte. Musikalisch untermalt wurde der Festakt durch Harmoniumklänge, gespielt von Hauptlehrer Kentner, und dem Choral „Jesus meine Zuversicht“. Die in die Halle eingelassenen Festgäste durften, wie es im Zeitungsbericht heißt, ihre Augen „an der wirklich künstlerischen Ausführung ergötzen“.

Wie angedeutet, erhielt das Gebäude allgemeinen Zuspruch. Noch bevor die Aussegnungshalle eingeweiht wurde, gab am 30. April der Böblinger Bote dabei der Hoffnung Ausdruck, dass die „schöne Anlage“ nicht durch die allerorts oft „üblichen unkünstlerischen und in jeder Hinsicht unschönen Grabdenkmale verunstaltet werde“. Auch die Wandbemalung fand Anklang.

Bei der Aussegnungshalle handelt es sich um eine neoklassizistische Anlage. Deren Kern ist „der Hauptbau mit Oberlicht, an den sich die eingeschossigen Nebengebäude anschließen. Die Kapelle erhielt nach Osten eine segmentbogenförmige Apsis.“ Vorbild war die 1907 in Hagen-Wehrinhausen von Peter Behrens erbaute Friedhofkapelle. Die Halle ist Teil eines im Rahmen der Friehofserweiterung angelegten Ensembles, zu dem auch Brunnenhaus, Ummauerung, zwei Eingänge mit Torpfeilern und die Gartenanlage gehören.

Auch außerhalb Böblingens wurde der neue Bau gelobt. In der „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen“ stand in der Ausgabe vom 15. Dezember 1914: „Die ganze Anlage ist großzügig und darf als schöne Leistung der Gemeinde Böblingen angesprochen werden. Um einen hochaufstrebenden Hauptbau gliedern sich in zweckentsprechender Weise die verschiedenen notwendigen Nebenräume, Leichenraum, Sezierraum, Zimmer für Geistliche, Aborte etc. Die Formgebung am Aeußern und im Innern ist eine ruhige und bringt den notwendigen ernsten und würdigen Charakter voll zum Ausdruck.“

Stilistischer Mischmasch

Etwas flapsiger drückte es der spätere Restaurator der Wandgemälde, Alois Mros, aus. Er sprach von einem stilistischen „Mischmasch“, das Äußere strenger, „kubistisch“ angehauchter „Spätklassizismus“ und im Inneren Jugendstil mit einem „Schuß Byzanz“. „Zeitgeistmäßig hinkte Eberle etwas hintendrein“, so Mros.

Die Aussegnungshalle überstand zwar den Zweiten Weltkrieg ohne nachhaltigen Schaden, nicht jedoch eine „Renovierungsmaßnahme“ um 1960. In deren Verlauf wurde die schöne Innenbemalung einfach mit neutralgrauer Dispersionsfarbe überstrichen. Deshalb beschloss der Gemeinderat der Stadt Böblingen 1987 – nicht zuletzt aufgrund des Engagements der damaligen Stadträtin Waltraud Gmelin – das auch allgemein in die Jahre gekommene Gebäude umfassend renovieren zu lassen. Die Wandmalereien wurden freigelegt und restauriert. Nachdem 1992 mit der Erneuerung des Kreuzes auf dem Dach die Renovierung abgeschlossen war, erstrahlt die jetzt unter Denkmalschutz stehende Aussegnungshalle wieder in ihrem alten Glanz.

Seitdem wird die Aussegnungshalle vor allem für Trauerfeiern und Gedenkfeiern genutzt. Der ursprünglich für das Krematorium vorgesehene Gewölbekeller ist seit Mai 2011 Ort des Ausstellungsprojekts „Erinnerungsräume“ des Böblinger Künstlers Marinus van Aalst. Der Künstler hat dort seine „ortsspezifischen Arbeiten zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Böblingen in einer Rauminstallation" zusammengeführt.

Von meinem Böblingen nehme ich nicht mit leichtem Herzen Abschied: Zum 200. Geburtstag von Karl Gerok

Gastautor Dr. Günter Scholz, bis 2005 Leiter des Amtes für Kultur und Museumsleiter in Böblingen, schreibt in dieser Ausgabe des "EinBlicks in die Stadtgeschichte" über eine ganz besonders interessante Persönlichkeit - den württembergischen Theologen und Lyriker Karl Gerok.

Am 30. Januar 2015 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Karl Gerok. An den evangelischen Theologen und Dichter erinnert in Böblingen heute der Karl-Gerok-Weg. Mit unserer Stadt ist Geroks Leben eng verbunden. Von 1844 bis 1849 war er Diakon an der Stadtkirche.

Geboren wurde Karl Gerok in Vaihingen an der Enz. Er entstammte württembergischen Pfarrhäusern. Seine Großväter wirkten als Pfarrer in Ofterdingen und Öschingen bei Tübingen, sein Vater war Dekan in Stuttgart. Nach seinem Privatunterricht besuchte Gerok das renommierte Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart. Gustav Schwab, bekannt durch seine „Schönsten Sagen des klassischen Altertums“, zählte zu seinen Lehrern. Ab 1832 studierte Gerok am traditionsreichen Tübinger Stift Theologie. Samstagabends waren dort „geröstete Erdbirnen und Leberwürste das Stiftsessen,“ erinnerte er sich später. Nach dem Examen wurde er Pfarrvikar in Stuttgart und die Stadt wuchs ihm ans Herz.

Diakon in Böblingen

Im Jahr 1844 wurde er nach Böblingen versetzt: „Unversehens fand ich mich auf das Diakonat Böblingen ernannt. Der erste Eindruck war eine Art von Schreck, denn obwohl ich das 28. Lebensjahr hinter mir hatte, fiel mir die Verantwortung einer selbstständigen geistlichen Amtsführung fast beengend auf Herz und Gewissen.“ Böblingen war damals Oberamtsstadt mit gerade einmal 3.500 Einwohnern, noch von der Landwirtschaft geprägt. Die Industrie hatte erst zaghaft Einzug gehalten.

Der Diakon lebte im heutigen Dekanat am Schloßberg. Der benachbarte, damals noch erhaltene Südflügel des Böblinger Schlosses war ein frühes „Schulzentrum“. Humorvoll beschrieb Karl Gerok die Einschulungen: „Während ich als junger Diakonus in dem Landstädtchen Böblingen wenige Schritte vom Schulhaus wohnte, das in einem stehengebliebenen Flügel des alten Grafenschlosses eingerichtet war, diente es zu einem tragikomischen Schauspiel, wenn im Frühling die kleinen Schulrekruten von den sorgsamen Müttern eingeliefert wurden. Die einen marschierten mutig einher, wie das Füllen zum ersten Mal an der Wagendeichsel mitläuft, stolz auf die neue Fibel und Schiefertafel. Andere trippelten in ahnungsloser Ergebung, wie das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, der verhängnisvollen Pforte entgegen. Noch andere wurden schreiend und sich sperrend gleich jungen Spanferkeln vorwärts getrieben und gezogen.“

In den nüchternen Böblinger Alltag brachte im Hunger- und Unruhejahr 1847 ein Besuch des württembergischen Königs Wilhelm I. etwas Glanz: „In dieser Woche ist Böblingen Heil widerfahren: unser in Ehrfurcht geliebter König ist durch unsere Mauern gekommen.“ Gerok wunderte sich, dass der Monarch keine Krone, sondern nur eine Kappe trug. Auch die Revolution von 1848 erlebte der Diakon hautnah. Sie verlief in Böblingen eher gemäßigt. Doch auf dem Wochenmarkt sei es zu Hamsterkäufen gekommen. Er selbst hielt am 27. September 1848 „zum Fest der Fahnenweihe eine Rede mit möglichster schwarzrotgoldener, konservativ liberaler Begeisterung, die denn auch wirklich Anklang gefunden hat.“

Am Anfang seiner Böblinger Zeit hatte Gerok seine Frau Sofie, geborene Kapf aus Tübingen, geheiratet. 1845 wurde der erste Sohn geboren. Böblingen wurde auch prägend für Geroks theologische Entwicklung. 1847 verfasste er die Abhandlung „Unser theologischer Nachwuchs“. In der programmatischen Schrift war ihm die Praxisorientierung der angehenden Pfarrer ein besonderes Anliegen. Sein Rat an die angehenden Pfarrer: „Du sollst helfend eingreifen ins soziale Leben; für die Armen mitsorgen, die Verwahrlosten mitberaten, die dämonischen Gelüste des Proletariats bändigen helfen. Da wirst du einsehen, dass das Christentum nicht nur Wissen ist, sondern Leben; dass zum Theologen nicht nur Kopf gehört, sondern auch Herz.“

Als Karl Gerok Böblingen im Jahr 1849 verließ, schrieb er: „Von meinem Böblingen nehm ich doch nicht mit so leichtem Herzen Abschied, wie ich geglaubt hätte. Ich lasse immer ein Stück Leben, wohl auch den Rest meiner Jugend hier […] Wieviel Segen hab ich hier erfahren, manche ernste Erfahrung auch hab ich gemacht; manche Seifenblase ist zerplatzt; ein Jüngling kam, ein Mann geht.“

Die Böblinger Jahre waren wegweisend für seine weitere Entwicklung. Er ging zurück nach Stuttgart. Seit 1868 war er Oberhofprediger und scharte als begnadeter Kanzelredner die Zuhörer um sich. Im Jahr 1890 starb er und wurde auf dem Stuttgarter Pragfriedhof beigesetzt.

Naturliebe und Poesie

Karl Gerok wurde Zeuge der rasanten Veränderungen des Industriezeitalters mit Fabriken, Eisenbahnen und der Zersiedelung der Landschaft. Mit Nostalgie erinnerte er sich an die Kutschfahrten, die er als Kind von Stuttgart nach Ofterdingen gemacht hatte: „Die langsame Fahrt über die sieben Berge zunächst bis zur Universitätsstadt Tübingen. Das war noch Poesie des Reisens, statt dass man jetzt wie ein Ballen Gepäck hilflos, freudlos, gefühl- und gedankenlos im Eisenbahnwagen spediert wird.“

Gerok war einer der beliebtesten Dichter seiner Zeit. Seine Gedichtsammlung „Palmblätter“ (1857) mit religiösen Liedern wurde zum Bestseller. Gustav Schwab stellte ihn Uhland und Mörike an die Seite. Heute ist er als Dichter vergessen. Dabei hat er einfühlsame Schilderungen von Natur und Landschaft des Schwabenlands am Vorabend der Industrialisierung hinterlassen. Besonders beeindruckt war er z.B. von der Aussicht, die Schloss Lichtenstein bot: „Da lag sie, die Zauberlandschaft und das weite gesegnete Land mit seinen grünen Angern und lachenden Dörfern und den silbernen Bändern der Bäche, und den Bergen und Fruchtfeldern und der Achalm.“ Ein Idyll war Ofterdingen im Steinlachtal mit dem Pfarrhaus des Großvaters: „Schon der Hof hinter dem Haus hatte seine Merkwürdigkeiten. Da hausten die geschäftigen Hühner und schnatternden Gänse. Da grunzten hinter ihren säuerlich duftenden Koben die Schweine, manch vergnügte sich an dem Schauspiel und dem melodischen Taktschlag des Dreschens.“

Die Amtsblattredaktion bedankt sich herzlich bei Dr. Günter Scholz für diesen „EinBlick in die Stadtgeschichte“.

Preise und Löhne im alten Böblingen

In dieser Ausgabe des "EinBlicks in die Stadtgeschichte" beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit den Preisen und Löhnen längst vergangener Zeiten.

Die Höhe von Preisen und Löhnen und deren Verhältnis zueinander sagen viel über die Lebensverhältnisse vergangener Zeiten aus. Besonders interessant sind dabei die Preise für die Grundnahrungsmittel sowie die Löhne der ärmeren Schichten, die einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten.

Inserate im Böblinger Bote 1871

Der Böblinger Bote ist eine Quelle, die uns einiges über dieses Thema mitteilen kann. Die dort bis in die 1870er-Jahre erwähnten Preise wurden in der damaligen Währung dem Gulden angegeben. Der württembergische Gulden zählte dabei 60 Kreuzer. Im Jahr 1854 z.B. inserierte der Müller der Staffelmühle, Louis Frick, frische Karpfen für neun Kreuzer das Pfund (468 Gramm). Wollte eine Kundin oder Kunde ein Pfund Kalbsfleisch kaufen, mussten sie bzw. er am 30. August einen Kreuzer mehr als am Vortag bezahlen, denn der Fleischpreis auf dem Markt war von acht auf neun Kreuzer gestiegen. Auch für das Grundnahrungsmittel Brot sind Preise bekannt. So kosteten am 1. September ein sechs Pfund (2,8 Kg) schweres „Kernenbrod“ (Dinkelbrot) 21 und ein gleich schweres Schwarzbrot 19 Kreuzer. Dies erscheint als günstig. Doch das Geld dafür musste von den einfachen Leuten erst hart erarbeitet werden. Denn die Löhne für die vielen Tagelöhner oder Gelegenheitsarbeiter waren nicht sehr hoch. So suchte z. B. die Böblinger Stadtverwaltung im gleichen Jahr durch Inserat „Erdarbeiter“ für den Straßenbau. Ihnen wurde 36 bis 40 Kreuzer Tageslohn angeboten. Der Spitzenverdiener unter den Straßenarbeitern konnte sich also von seinem Lohn gerade mal zwei Schwarzbrote leisten.

Frische Chamillen

Die vom Chemischen Laboratorium Bonz & Sohn in Aussicht gestellte Verdienstalternative war auch recht mühsam. Für ein Pfund frische „Chamille[n]“ (Kamillen), die man u. a. zu (Heil-)Tees verarbeitete, wurden je nach Qualität zweieinhalb bis drei Kreuzer angeboten. Waren die Kamillen getrocknet und staubfrei, gab es sogar zehn bis zwölf Kreuzer.

Rund eineinhalb Jahrzehnte später 1871 hatte sich das Verhältnis zwischen Lohn und Preisen nicht wesentlich geändert. Im gerade gegründeten Deutschen Reich hieß die Währung Mark, jedoch galt für eine Übergangsfrist noch der Gulden. Sechs Pfund Dinkelbrot kosteten so jetzt 28 Kreuzer, während für Schwarzbrot schon 26 Kreuzer zu bezahlen waren. Fast verdoppelt hatte sich der Preis für Kalbsfleisch (18 Kreuzer). Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arbeiters (in Deutschland) betrug jedoch nur etwa 490 Mark (286,6 Gulden).
Eine damals im Böblinger Boten veröffentlichte Fundsache illustriert das geringe Lohnniveau. Mittels einer vom Stadtschultheißenamt Sindelfingen geschalteten Anzeige, wurde der Besitzer eines im „Maichinger Gäßle“ in Sindelfingen gefundenen „Portemonnaie[s]“ gesucht. Der stolze Inhalt der Geldbörse betrug einen Gulden und 38 Kreuzer. Angesichts der kümmerlichen Löhne verwundert es nicht, dass viele Frauen - wie aus den seit 1876 angefertigten Registern des Standesamts  hervorgeht -  in einer Fabrik arbeiteten.

Am unteren Ende der Lohnskala

Auch in späteren Zeiten war es in Böblingen mit den Löhnen nicht allzu weit her. Im Jahr 1892 setzte die württembergische Regierung in den einzelnen Oberämtern und Gemeinden die Tageslöhne für Gelegenheitsarbeiter fest. Danach bekam im Oberamt Böblingen ein erwachsener männlicher Arbeiter 1,50 Mark und ein männlicher Jugendlicher 90 Pfennig, eine erwachsene Arbeiterin jedoch erhielt nur 1 Mark (!) und eine jugendliche Arbeiterin 70 Pfennig (!). Böblingen befand sich mit einigen wenigen anderen Ämtern und Gemeinden damit nahezu am untersten Ende der Lohnskala des Königreichs Württemberg, lediglich in Bittelbronn und Mühringen (heute Stadtteile von Horb) wurde weniger verdient. Zum Vergleich: Damals kostete laut einer Haushaltsanleitung für Arbeiterfrauen eine Samstagsmittagmahlzeit für vier Erwachsene 74 Pfennig.

Es sollte lange dauern, bis sich das Lohnniveau verbesserte. Dank der Modernisierung der Landwirtschaft wurden deren Produkte günstiger. Insbesondere in den letzten sechs Jahrzehnten sank so der Anteil der Aufwendungen für Nahrungs- und Genussmittel von 44 Prozent im Jahr 1950 auf 14 Prozent im Jahr 1995.

Böblingen im Spiegel der Oberamtsbeschreibung von 1850

Im vorliegenden Einblick in die Stadtgeschichte stöberte Stadtarchivar Dr. Christoph Florian in dem Band der 1850 erschienenen „Beschreibung des Oberamts Böblingen".

Als Württemberg sich innerhalb kürzester Zeit in der "Napoleonischen Zeit" nahezu verdoppelt hatte und vom Herzogtum zum Königreich (1806) wurde, entwickelte sich ein Interesse an den neu erworbenen Gebieten. Mit aus diesem Grund entstand die von dem „Königlichen Topographischen Bureau“ herausgegebene Publikationsreihe der Oberamtsbeschreibungen. Die Oberämter waren die Vorgänger der heutigen Landkreise. Die Beschreibungen enthalten statistische Angaben über Einwohner, Besitzgröße, Gebäude- und Tierbestand, sie berichten über geographische und geschichtliche Gegebenheiten, Klima, Flora, Fauna und vieles andere mehr. Nachfolger der Oberamtsbeschreibungen wurden dann die Kreisbeschreibungen, die bis vor wenigen Jahren herausgebracht wurden.

Das erste Werk war dem Oberamt Reutlingen (1824) gewidmet. Das allgemeine Interesse umfasste jedoch nicht nur die neu zu Württemberg hinzugekommenen Gebiete (wie Reutlingen), sondern auch solche, die schon sehr lange dazu gehört hatten, wie z. B. das Oberamt Böblingen. Es war im Jahr 1850 an der Reihe. Verfasser war Karl Eduard Paulus (1803-1878), Mitarbeiter des topographischen Büros. Anhand der von ihm verfassten Schilderung Böblingens soll ein Stadtbild, so wie sie sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts präsentierte, skizziert werden.

Ein stattliches Dorf

Vom Gesamteindruck der Kernstadt war Paulus nicht sehr angetan und schrieb: „Die unregelmäßig angelegte innere Stadt ist größtenteils uneben, hat enge, winkelige Straßen und mit Ausnahme der öffentlichen meist alte und unansehnliche Gebäude.“ Und weiter heißt es „Die Vorstädte mit ihren breiten Straßen gleichen mehr einem stattlichen Dorf […]“

Auch an der Stadtkirche gab es einiges rumzumäkeln. Danach waren an der Kirche, die „aus grobkörnigem Keupersandstein im germanischen (gothischen) Style erbaut“ worden war, „stylwidrige Veränderungen“ vorgenommen worden. Sehr wertvoll ist die Beschreibung des Kircheninneren, ist dieses doch 1943 vollständig vernichtet worden. Da wird zum Beispiel ein altes Grabdenkmal der Stadtherren aus dem Geschlecht der Tübinger Pfalzgrafen erwähnt. Es trug folgende lateinische Aufschrift „Anno Do[mi]ni MCCCXXXVI OBIIT HAINRIC[US] COMES PALATINUS DE TUWINGEN“. Auf Deutsch: Im Jahr des Herrn 1336 ist Heinrich, Pfalzgraf von Tübingen, gestorben.

Der verbliebene Rest des Schlosses konnte unseren Verfasser ebenfalls nicht zufrieden stimmen, er schrieb nämlich, dass „von dem ehemaligen stattlichen Schloß nur noch der massiv gebaute südliche Flügel übrig geblieben ist.“ Zudem barg dieser im Inneren keine historischen Gegenstände, wie z. B. die „schön eingelegte, mit Schnitzwerk versehene Himmelbettlade des Herzog Christoph“, die nach dem Erwerb des Schlosses durch die Stadt 1818 – zur Verwunderung des Autors - für 48 Kreuzer an einen Schreinermeister verkauft, besser gesagt: verramscht worden war.

Gelobt hingegen wird das aus acht laufenden und drei Pumpbrunnen gewonnene Trinkwasser. Der Marktbrunnen (Christopherusbrunnen) lieferte dabei das beste Nass. Paulus erwähnt auch eine intakte Teichellage (Holzwasserleitung), die anlässlich der Reinigung des Ablasses des Unteren Sees gefunden wurde. Sie führte Schwefelwasser, das wohl ursprünglich dem Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr betriebenem Bad zugeleitet worden war. Von dem Bad am heutigen Elbenplatz war um 1850 noch ein Gebäude vorhanden.

Kann die Oberamtsbeschreibung der Altstadt nicht viel abgewinnen, so wird die Gesamtansicht Böblingens mit den beiden Seen positiv vermerkt: „der obere und untere See, […] die der Gegend, hauptsächlich aber der ohnehin freundlichen Ansicht der Stadt von der Südseite, einen besonderen Reiz verleihen.“

Torfabbau auf der Hulb

Karl Eduard Paulus ging auch auf ein heute wenig bekanntes Kapitel der Stadtgeschichte ein. Er beschreibt den Torfabbau, der seit 1832 auf dem Gebiet der Hulb betrieben wurde. Der Torf bildete eine acht bis zehn Zoll (2,30 bis 2,85 Meter) dicke Schicht. Es wurden jährlich eine Million oder mehr Wasen (Torfbriketts) gestochen.

Bemerkenswert ist auch das Kapitel zur Bevölkerung des kleinen Amtsstädtchens, die damals (im Jahr 1848) 3.681 Personen umfasste. Davon waren 1775 männlichen und 1906 weiblichen Geschlechts. Die Einwohnerschaft war übrigens fast rein evangelisch, es gab lediglich neun Katholiken und sieben Juden.

Die Oberamtsbeschreibung hebt dabei den guten Gesundheitszustand der Bewohner hervor, dessen Ursache laut Verfasser in der guten Luft lag. Dann macht sich Paulus an die Beschreibung der Böblinger selbst. Demzufolge war der „Menschenschlag […] kräftig und im Allgemeinen wohlgebaut“. Selbst über den Charakter der Stadtbewohner wurde ein Urteil gefällt. Danach waren die „Ortseinwohner durchschnittlich aufgeweckt, fleißig und sehr betriebsam.“ Es folgt ein Lob auf die Lernfähigkeit der Böblinger: „übrigens zeugen für die Bildungsfähigkeit Aller die guten Fortschritte der Kinder in den Schulen.“  Volkskundliches findet ebenfalls Interesse und es wird das Thema Tracht gestreift. Danach herrschte damals schon die städtische Kleidermode vor, lediglich Bauern trugen noch die traditionellen Lederhosen und den dreieckigen Hut.

Zwetschgen und Kirschen

Auch aus der Landwirtschaft gab es Interessantes zu berichten. So waren gerade die Streuobstwiesen groß im Kommen. Es herrschte dabei das Mostobst vor. Doch wurde auch Tafelobst (ohne Zubereitung zum Verzehr geeignet), darunter viel Zwetschgen und seit neuester Zeit (also kurz vor 1850) Kirschen, angebaut. Der Obstertrag auf der Gemarkung Böblingen betrug 1847 beeindruckende 200.000 Simri, das waren 4.431 Tonnen.

Im Abschnitt zum Gewerbe lassen sich schon die ersten Vorboten des späteren Böblinger Wirtschaftswunders erkennen. Paulus nennt hier die Firma Bonz und Sohn, die u. a. „Mineral- und andere Säuren, Alcaloiden, Aetherarten, Mercurial- [Quecksilber] und Metall-Präparate, Chloroform, Kreosot, Extracte, Salze ätherische Oele“ sogar bis nach Amerika lieferte. Bei dem Kreosot handelte es sich übrigens um ein aus fossilen Brennstoffen oder Holz gewonnenes Stoffgemisch, das bei der Holzkonservierung oder in der Medizin (Mund-, Zahn- oder Magenleiden) angewandt wurde. Die Gewerbeliste nennt dann neben heute noch geläufigen Berufen wie Apotheker oder Bierbrauer auch nahezu vergessene Tätigkeiten wie Bortenwirker, Lithographen oder Siegellackfabrikanten.

Sehenswürdigkeiten der Umgebung fanden ebenfalls Eingang in dem Kapitel. So das 1832 von Gottfried Dinkelacker erbaute Wirtschaftsgebäude, welches „wegen seiner hohen Lage und des nahe gelegenen Waldes den Namen Waldburg“ bekam. Es war bekannt für seine „schöne Rundsicht“ und das „treffliche Bier“, welches dort gereicht wurde. Auch die Diezenhalde gehörte damals zur Umgebung und bot eine „sehr malerische Aussicht“ auf die Stadt.

Böblinger Traditionen

In dieser Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte berichtet Stadtarchivar Dr. Christoph Florian über das Böblinger Brauchtum.

Als im 19. Jahrhundert aufgrund der industriellen Entwicklung und deren Auswirkungen das althergebrachte Brauchtum immer mehr zurückging, kamen Bestrebungen auf, das durch den Verlust Bedrohte wenigstens zu dokumentieren. Auch in Württemberg gab es solche Bemühungen. Der Tübinger Germanistikprofessor Karl Bohnenberger (1863-1951) initiierte ein Forschungsvorhaben zur Dokumentation des württembergischen Brauchtums. Daraufhin sammelten im Jahr 1899 Volksschullehrer in ganz Württemberg im Rahmen ihrer beruflichen Fortbildung und anhand eines vorgefertigten Fragebogens die Nachrichten über alte Traditionen und Überlieferungen. In sogenannten Konferenzaufsätzen hielten sie ihre Ergebnisse fest. Über die Sammlung Dagersheimer Brauchtums wurde im letzten Einblick im Dezember 2017 berichtet. In dieser Ausgabe werden jetzt Böblinger Bräuche und Überlieferungen vorgestellt.

Für Böblingen berichtete der Oberlehrer Johann Adam Wandel, der in dieser Stadt schon 25 Jahre als Lehrer gewirkt hatte. Zu Beginn seiner auf den 25. November 1899 datierten Aufzeichnungen wies er darauf hin, dass es in Sachen „volkstümlicher Überlieferungen“ in Böblingen „wenig zu erforschen“ gäbe. Er vermutete den Grund dafür in der Nähe zu Stuttgart. Dennoch konnte er eine ganze Reihe von wertvollen Informationen aus dem alten Böblingen festhalten.

"Citrone" und Taschentuch

Stadtansicht im 19. Jahrhundert

Zunächst berichtet er über Sitte und Brauch im Alltagsleben. So erfahren wir u. a., dass die Böblinger damals zwischen 5.00 und 6.00 Uhr aufstanden und zwischen 9.00 und 10.00 Uhr abends zu Bett gingen. Ebenfalls unter der Rubrik Sitte und Brauch werden als Tauftermin der 1. oder 2. Sonntag nach der Geburt genannt. Geheiratet wurde unter der Woche am Dienstag oder Donnerstag, am beliebtesten war jedoch der Samstag. Dem Mond wurde der Einfluss auf menschliche Krankheiten und ihrem Wechsel zugeschrieben. Es gab deswegen die Redewendung „Er geht mit dem Mond“. Interessant ist die Mitteilung, dass die Leichenträger als Entlohnung für ihre Tätigkeit eine „Citrone“ und ein Taschentuch oder Geld erhielten. Die Trauerzeit umfasste damals ein Jahr.

Die geltenden Wetterregeln waren laut Bericht keine Böblinger Besonderheit. So hieß es zum Beispiel „Weihnachten im Schnee, Ostern im [Klee ]“ oder „Lichtmeß [2. Februar] Sonnenschein, bringt noch mehr Schnee herein“.

Der unglücksbringende Hase

Unter dem Titel „Glaube und Sage“ konnte Wandel ebenfalls einiges berichten. So sollte es in der Flur Mönchsbrunnen Waldgeister geben, die sich in verschiedenen Gestalten zeigten. Der Oberlehrer vermutete, dass diese Sage von einem „boshaften Wilddieb“ (Wilderer) in Umlauf gesetzt worden war, damit er umso ungestörter seinen Untaten nachgehen konnte. Viele Böblingen glaubten damals an die Bedeutung von Träumen. Nach dem Volksglauben brachte eine Schafherde, der man begegnete, Glück, während ein Hase, der einem über den Weg sprang, Unglück brachte. Dann kursierte in Böblingen die Erzählung vom Untergang einer Burg. Sie hatte unweit des heutigen Waldfriedhofs gestanden und das Gelände wurde noch zur Zeit der Abfassung des Berichts als „alte Bürg“ bezeichnet. So heißt es übrigens auch heute (2018) noch. Einer Sage nach sollte es noch einen unterirdischen Gang vom Schloss in den Wald gegeben haben. Schließlich erwähnt Oberlehrer Wandel die Überzeugung der Böblinger, dass ein Komet Vorzeichen für einen Krieg sein konnte.

Der Oberlehrer konnte auch von einem „eigentümliche[n] Fangspiel“ der Böblinger Jugend berichten. Vermutlich wurde es oft in der damals noch auf dem Schloßberg liegenden Volksschule, dem Arbeitsort des Dokumentars, gespielt. Es hieß „Alle meine Schafe, kommt nach Haus!“ Dieses kostbare Beispiel einer eigenständigen Böblinger Spielkultur sei hier in den Worten des Oberlehrers wiedergegeben: „Ein Schüler ist der Herr der Schafe, ein anderer der Wolf. Letzterer muß sich auf die Seite stellen. Der Herr ruft: Alle meine Schafe, kommt nach Haus! Diese erwidern: Wir können nicht! Der Herr fragt: Warum denn nicht? Die Schafe antworten: Der Wolf ist da! Der Herr fragt: Was thut er euch? Antwort: Er frißt uns. Herr: Was frißt er? Antwort: Menschenfleisch! Herr: Was trinkt er? Antwort: Menschenblut! Dann ruft der Herr Alle meine Schafe, kommt nach Haus! Nun eilen alle zu ihrem Herrn. Der Wolf aber sucht, ein Schaf zu erhaschen und, wenn es ihm gelingt, ist das der Wolf fürs nächste Spiel.“

"Komm, Gei Gei Gei!"

Der Marktbrunnen

Am Ende geht der Text von Wandel auf die Mundart ein. Der Stadtnamen wurde „Böblinga“ ausgesprochen. Es sind auch einige „merkwürdige“ Flurnamen notiert, z. B. „beim toten Mann“ (Bereich östlich der stillgelegten Mülldeponie) oder „im Quentsch“ (Bereich Kreiskrankenhaus). Sprachliche Ironie zeigt sich in Bezeichnungen aus dem gewerblichen Bereich, da gab es „Riesenbäcker“ und „Riesenmetzger“. Leider teilt der Dokumentar nicht mit, ob jetzt der Gewerbetrieb oder ihr Inhaber klein waren. Wandel teilt sogar die Ruf- und Locknamen für Haustiere mit. Die Gänse bekamen „Komm Gei, Gei, Gei!“ zu hören, während die Hühner mit „Komm Bi, Bi, Bi!“ gelockt wurden.

Etwas fatalistisch ist die Bedeutung von „S ischt wie ‘s ischt!“. Ein wenig schwerfällig gibt der Oberlehrer den Hintersinn wieder: „Es kann nach den obwaltenden Umständen nicht anders sein.“ Eine weitere überlieferte Redewendung ist für uns heute schwerer verständlich: „Mer hoaßt koan Stier Bläß, er muaß zum wenigsta a Stearnle hau“ (Man heißt keinen Stier Kuh mit einem Flecken [auf der Stirn], außer er hat ein Sternlein bzw. Flecklein [dort]). Das heißt, dass eine Anschuldigung nicht unbegründet sei. Eine weitere Redewendung lautete: „Kleine Häfela laufa bald über“ (Kleine Töpfe laufen bald über). Dies bedeutet, dass kleine Personen leicht reizbar sind. Der Wolf schlich sich offenbar des Öfteren durch das Böblinger Brauchtum, denn es hieß damals: „Wenn ma den Wolf nennt, kommt er gerennt.“ Unser gewissenhafter Dokumentar übersetzte das folgendermaßen: „Es trifft sich, daß die Person, von der man etwas aussagt, gerade zur Thüre herein kommt und man deshalb die Erzählung nicht beenden kann.“

Der lange Weg zur Klinik: Krankenhausdebatten im alten Böblingen

Im vorliegenden Beitrag zum Einblick in die Stadtgeschichte schildert Stadtarchivar Dr. Christoph Florian die Entstehung des Böblinger Krankenhauses im 19. Jahrhundert. Damals gab es in Böblingen eine langanhaltende Debatte darüber, ob das vorhandene Krankenhaus ausreichend sei oder ein Neubau vorzuziehen wäre.

Der folgende Beitrag geht auf die Vorläufer des Krankenhauses ein und zeichnet die Debatte nach. Er basiert zu einem größeren Teil auf den Ausführungen in der von Dr. Ernst Haaf sowie Lilienne Haaf und Cornelia Wenzel im Jahr 2000 über die Geschichte der Böblinger Krankenhäuser herausgegebenen Publikation.

Das alte Bezirkskrankenhaus am Maienplatz als Postkartenmotiv

Bader macht den Anfang

Die frühesten Nachrichten über medizinische Versorgung in Böblingen stammen aus dem Mittelalter. Im Jahr 1437 ist erstmals die Badestube (im Bereich des heutigen Elbenplatzes) schriftlich belegbar, ihr Betreiber, der Bader, bot neben hygienischen Anwendungen wie Bädern auch verschiedene medizinische Anwendungen an. Die Kunden konnten sich gegen ein Entgelt schröpfen (Therapie durch Unterdruck auf der Haut), zu Ader gehen oder sich einen „Zahn außzubrechen“ lassen. Wohl Angehörige der seit 1481 in Böblingen nachweisbaren Schwesternsammlung, einer klosterähnlichen Gemeinschaft mit Sitz im Bereich der heutigen Pfarrgasse, widmeten sich wiederum einer Art mobilen Pflege der Kranken und Gebrechlichen. Nach der Auflösung der Schwesternsammlung ging deren Gebäude („Nonnenhaus“) 1554 an die Stadt Böblingen, die ein Armenhaus daraus machte. Es war eine Mischung aus sozialem Wohnheim und Pflegeheim. Allzu lang wohnten die „Armen“ dort allerdings nicht, denn schon für 1587 ist nachweisbar, dass sie in einem Haus in der Oberen Vorstadt untergebracht worden waren. Es ist wohl kein Zufall, dass das betreffende Haus in der Nähe des alten Friedhofs (Bereich Schafgasse) lag. Da im frühneuzeitlichen Böblingen immer wieder der Ausbruch von Seuchen drohte, wollte man die Kranken und Armen vermutlich lieber außerhalb der Stadtmauern wissen.

Das Armenhaus am Herdweg

Wohl im Zusammenhang mit der Verlegung des Friedhofs von der Schafgasse hinaus an den Herdweg 1835/36 wurde dort als städtische Einrichtung auch ein Armenhaus erbaut. Die in der Oberamtsbeschreibung 1850 erwähnte Einrichtung diente zugleich auch der Unterbringung psychisch Kranker. Die Unterbringungssituation dort war verheerend, es gab acht Räume, wobei zwei vom Armenvater (Leiter der Einrichtung) sowie seiner Familie benutzt wurden, ein Raum war für „Krätz- und andere Kranke sowie ‚Irre‘“ vorgesehen. Ein weiteres Zimmer war das „Totenzimmer“ und wurde auch für Leichensektionen genutzt, in weiteren vier jeweils rund zehn Quadratmeter großen Räumen waren Arme untergebracht. 1846 gestaltete sich die Situation folgendermaßen, dass ein Geisteskranker sowie drei Familien mit 13 Kindern in drei Zimmern und sechs Einzelpersonen in dem verbliebenen Raum untergebracht waren!

Kommunalpolitischer Dauerbrenner

Die aufgrund der Missstände um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommende Diskussion um ein für das ganze Oberamt zuständiges Bezirkskrankenhaus sollte zum kommunalpolitischen Dauerbrenner werden. Die Debatte gestaltete sich auch deshalb so schwierig, weil Krankenhäuser als Einrichtungen für Arme galten, wie ja die Verbindung von Kranken- und Armenhaus zeigt. Wohlhabendere Patienten wurden eher Zuhause behandelt und gepflegt. Die Bereitschaft der Versammlung des Oberamts auf Kosten des Steuerzahlers ein neues Krankenhaus zu bauen, war daher eher gering ausgeprägt. Nach vorangegangenen Erörterungen in der Versammlung des Oberamts (Vorgängerin des Kreistags) wurde 1856 immerhin das Armenhaus baulich erweitert. Zunächst als Verbesserung bei der Unterbringung Geisteskranker gedacht, wurde es in der Folge verstärkt als Krankenhaus genutzt und 1858 taucht dann auch die Bezeichnung Krankenhaus in den Akten auf. Dieses neugeschaffene städtische Krankenhaus zählte 13 Zimmer, wovon zwei für das Personal vorgesehen waren, und bot mindestens 22 Betten Platz. Betreut wurden die Patienten vom Krankenwärter und dessen Familie, die ärztlichen Aufgaben nahm der Oberamtsarzt, damals war es Dr. Wunderlich, wahr. Die Armen bekamen an anderer Stelle eine neue Unterkunft.

Beeindruckende Belegungszahlen

Wie dringend notwendig die Erweiterung gewesen war, zeigen die beachtlichen Belegungszahlen des Berichtsjahrs 1857/58. Es wurden insgesamt 101 Patienten behandelt, davon waren 70 Männer und 31 Frauen. Von ihnen litten u.a. sechs an Syphilis, zwölf an der Krätze, 50 hatten innere Krankheiten und 30 chirurgische Krankheiten (u.a. Knochenbrüche, Schnittverletzungen). Die Erfolgsbilanz war beeindruckend, 94 Kranke konnten geheilt werden, bei fünf verbesserte sich der Zustand und lediglich zwei verstarben.

Verhältnismäßig schnell stellte sich heraus, dass die Kapazität des Krankenhauses nicht ausreichte. Das lag unter anderem auch daran, dass die Bevölkerung im Oberamt und der Stadt Böblingen sich ständig vergrößerte. Jetzt wurde der Bau eines für das ganze Oberamt zuständigen Bezirkskrankenhauses debattiert. Da die Kosten vom Oberamt getragen wurden, gab es durchaus Interesse der Gemeinden zum Standort eines Krankenhauses zu werden. Es kam dabei zu einem Art Wettbewerb zwischen Böblingen und Sindelfingen, denn auch Letzteres wollte Standort eines Bezirkskrankenhauses werden.

Statt für ein Bezirkskrankenhaus entschied 1871 die Versammlung des Oberamts beiden Städten jeweils einen einmaligen Zuschuss für den Bau eines eigenen Krankenhauses in Aussicht zu stellen, was dem Oberamt einen Teil der Bau- sowie die Verwaltungskosten erspart hätte. Daraufhin bekamen wiederum beide Städte wegen der zu erwartenden Kosten Bedenken und es passierte erst einmal nichts. Sindelfingen erhielt dann später sein neues Krankenhaus, als um 1886 auf Privatinitiative hin die „Privatkrankenanstalt Ettle“ eingerichtet wurde. In Böblingen raffte man sich 1876 zu einer neuerlichen baulichen Erweiterung des bestehenden Krankenhauses auf, wobei sich Stadt und Amt die Kosten teilten. Im so neu entstandenen Nebenbau wurden u.a. auch psychisch Kranke untergebracht und er erhielt daher im Volksmund den Namen „Narrenhäusle“. Ansonsten verflossen die Jahre, ohne dass sich eine der beiden Gemeinden, zweifellos aus Furcht vor hohen Bau- und Verwaltungskosten, getraute, ein großes Krankenhausbauprojekt durchzuführen.

Eine knappe Entscheidung

Dann endlich auf massiven Druck des Kreisregierung (Vorgängerin des Regierungspräsidiums) und der Ortskrankenkassen, welche die unzureichende medizinische Versorgung im Oberamt monierten, entschied der Bezirksausschuss im März 1896 mit hauchdünner Mehrheit. Die Stimme Oberamtmanns Gambs gab den Ausschlag zum Bau eines Bezirkskrankenhauses in Böblingen. Wie das knappe Ergebnis zeigt, war der Beschluss alles andere als unumstritten, insbesondere Sindelfinger Kommunalpolitiker hatten zuvor versucht im Oberamt mit der Angst vor „unerschwinglichen Kosten“ Stimmung gegen die geplante „Krankenpflege-Einrichtung“ zu machen.

Am 4. Oktober 1897 wurde das neue, am Maienplatz gelegene, Krankenhaus, für dessen Bau rund 96.000 Mark veranschlagt worden waren, feierlich eröffnet. Man hatte sich u.a. für den Standort entschieden, weil es Erweiterungsmöglichkeiten gab. Zum leitenden Arzt wurde Dr. Andrassy berufen. 1928/29 erhielt das Krankenhaus einen größeren Anbau im Osten. Nach sechs Jahrzehnten wurde aber auch dieser Bau zu klein und ab 1961 gab es die ersten Planungen für einen Krankenhausneubau. Die Bevölkerung im Kreisgebiet war von rund 93.000 Einwohnern vor dem Zweiten Weltkrieg auf knapp 190.000 (1961) angestiegen. Man hatte einem Standort an der Waldburg trotz schlechterer Verkehrsanbindung den Vorzug vor einem Gelände an der B 14 beim Böblinger Freibad gegeben, da er wegen der Höhenlage und der „waldreichen Umgebung ‚klimatisch günstiger‘“ war. Nach viereinhalbjähriger Bauzeit wurde dann am 7. Juli 1967 das neue Kreiskrankenhaus eingeweiht und in Betrieb genommen und leistete lange Jahre hervorragende Dienste.

Böblingen im Jahr 1876 - eine kleine historische Statistik

Heutzutage gibt es einige bestimmte Vorstellungen über die Eheschließung in früheren Zeiten. Danach wurde früher ganz jung geheiratet, wobei der Mann immer älter als die Frau war. Die damaligen Zeitgenossen verließen auch nicht ihre Heimat. Bei der Eheschließung blieb man unter sich und heiratete einen Partner aus dem gleichen Ort und natürlich mit gleicher Konfession.

War das wirklich so? Hier soll ein Blick in das Böblinger Eheregister von 1876 weiterhelfen, das alle in jenem Jahr in Böblingen geschlossenen Ehen verzeichnet. Es gehört zu den älteren Standesamtsunterlagen, die sich im Stadtarchiv befinden.

Bismarck und das Eheregister

Warum gerade dieses Register? Es ist das Erste seiner Art. Davor kümmerten sich die evangelischen und katholischen Ortsgeistlichen um das Personenstandswesen, indem sie Taufen, in späteren Zeiten auch Geburten sowie Hochzeiten und Beerdigungen in besonderen Registern, den Kirchenbüchern, eintrugen. Nach der Auseinandersetzung zwischen der deutschen Reichsregierung unter Otto von Bismarck und der katholischen Kirche (Kulturkampf) wurde das zivile (staatliche) Personenstandswesen eingeführt, um den Einfluss der Kirchen zu mindern.

Das Heirath-Hauptregister vom Jahr 1876

Von 1876 an beurkundete die Gemeindeverwaltung Geburt und Tod, während für die Heirat sogar eine eigene Zeremonie eingeführt wurde, die Zivilehe. Da die seither angelegten zivilen Personenstandsregister einheitlich geführt wurden, lassen sie sich grundsätzlich gut auswerten. Da hier nur das Register eines Jahres betrachtet wird, ist die statistische Aussagekraft natürlich begrenzt. Zudem konnte sich das Eheschließungsverhalten je nach Region unterscheiden. Dennoch ermöglicht das Eheregister einen spannenden Einblick in das soziale Leben im Jahr 1876.


37 Eheschließungen im Jahr 1876

Böblingen war damals ein aufstrebendes Landstädtchen mit rund 4.100 Einwohnern. Das Eheregister zählt 37 in Böblingen geschlossene Ehen auf. Die erste wurde am 20. Januar und die letzte am 19. Dezember geschlossen. Der durchschnittliche Böblinger traute sich damals im Alter von rund 29 Jahren. Bei den Herren betrug das Durchschnittsalter 30 und bei den Damen 28 Jahre. Der statistische Altersunterschied zwischen Mann und Frau machte vier Jahre aus.

Bei 23 Eheschließungen (62%) war der Bräutigam älter. In diesen Fällen betrug der Unterschied im Schnitt fünf Jahre. Die größte einzelne Altersdifferenz machte 19 Jahre aus. Es handelte sich dabei um den Ehebund zwischen dem 54-jährigen Zimmermann Heinrich Friedrich Mehl und der 35-jährigen Regine Lebsanft. Doch war dies eine Ausnahme. Im Allgemeinen war der Altersunterschied wesentlich geringer.

Junge Ehemänner und mobile Bräute

Der Eintrag zu Karoline Friederike Schmid

Bei einem Drittel der Eheverbindungen war die Braut älter. Durchschnittlich lagen die frischgebackenen Eheleute bei diesen Ehen drei Jahre auseinander. Spitzenreiterin war hier die 32-jährige Karoline Friedrike Schmid, die den 23-jährigen Steinhauer (Steinmetz) Christian Gustav Rommel am 24. August in den Hafen der Ehe führte.

Betrachtet man die Heimatorte der Eheleute, ergibt sich folgendes Bild: Von den Ehemännern wurden 25 (68%) in der Stadt Böblingen, einer in einem Amtsort und immerhin elf außerhalb des Oberamts geboren. Rund 90% der Bräutigame hatten bei der Eheschließung ihren Wohnsitz in Böblingen. Bei den Frauen gibt es wieder eine Überraschung. Nur 49% aller Bräute waren gebürtig aus Böblingen, 16% wurden in einem der Böblinger Amtsorte und 35% sogar außerhalb des Oberamts Böblingen geboren. Eine junge Braut war sogar gebürtig aus Sindelfingen.

Überhaupt scheint die Damenwelt mobiler gewesen zu sein. Insgesamt 26 Bräute (70%) hatten ihren Wohnsitz in der Stadt Böblingen. Von den elf außerhalb der Stadt lebenden Bräuten hatte die in Frankfurt am Main wohnende und aus Nufringen gebürtige Anne Marie Zipperer den am weitesten entfernten Wohnort.

Wie hielten es die jungen Eheleute mit der Konfession?

Hier ist das Ergebnis eindeutig. Von 74 Brautleuten waren insgesamt 72 evangelisch und bestätigen die Vermutung, dass Böblingen damals eine evangelische Stadt war. Nur zwei gehörten dem katholischen Bekenntnis an, beide waren Zugezogene. Dies war die aus Obernheim (heute Zollernalbkreis) gebürtige und in Böblingen wohnende Barbara Moser, die mit dem Taglöhner Jakob Eissler aus Willmandingen (heute Landkreis Reutlingen) die Ringe tauschte. Dann gab es noch den aus einem kleinen Weiler bei Flochberg (Ortsteil von Bopfingen) gebürtigen Martin Schill, der katholisch war und die evangelische Böblingerin Karoline Rosine Leyerle ehelichte.

Die Liste der Bräutigame liefert auch wichtige Informationen über die Wirtschafts- und Sozialstruktur der Gemeinde. Unter den männlichen Brautleuten gab es zwar keinen Akademiker, dafür hatten die meisten (29) nachweislich eine Berufsausbildung als Handwerker. Bei den Frauen wurde kein Beruf vermerkt, obwohl einige sicherlich als Dienstpersonal oder Haushälterinnen arbeiteten.

Der "Wonnemonat" Februar

Welcher war der bevorzugte Hochzeitsmonat? Überraschenderweise führt hier der Februar. Insgesamt neun Paare wagten in jenem Monat den Schritt in eine neue Zukunft. Der Wonnemonat Mai mit vier Eheschließungen steht lediglich auf dem dritten Platz, vor ihm rangiert der April mit fünf Vermählungen.

Warum gerade der Februar so beliebt war, hat zumindest teilweise andere Gründe als das Wetter. In einigen Fällen hatte man es vielmehr eilig mit dem Termin. Den bei vier von sieben Ehepaaren, die im Februar geheiratet hatten, stellte sich – wie ein Blick in das Geburtenregister zeigt – in überraschend kurzer Zeit Nachwuchs ein. Am geringsten war der Abstand beim Ehepaar Schray. Am 29. Februar hatten die beiden die Ringe getauscht und schon am 2. April war der Nachwuchs mit dem schönen Namen Emilie Marie Rosa da. Es ist zu vermuteten, dass auch in anderen Fällen die Ehe schon einige Zeit vor ihrer feierlichen Schließung auf dem Rathaus und in der Kirche vollzogen wurde.

Wie die Mitmenschen damals schwangere oder ältere Bräute oder gar solche, die beides zugleich waren, beurteilten, lässt sich nicht anhand des Eheregisters nachvollziehen. Doch es beweist, dass die Lebensentwürfe in früheren Zeiten vielfältiger sein konnten, als man sich heute oft vorstellt.

„Bier im Blut" - Die Böblinger Brauereidynastie Dinkela(c)ker

In diesem "EinBlick in die Stadtgeschichte" befasst sich der frühere Amtsleiter und Autor Erich Kläger mit einem "belebenden" Thema. Es geht um die Geschichte der Brauerfamilie Dinkela(c)ker.

Die Brauerei Dinkelaker im Jahr 1903

Es gab früher, als Böblinger und Sindelfinger noch Bewohner von einem je anderen Stern waren, den Spruch: „Ein rechter Böblinger ist in Sindelfingen geboren". Dies galt auch für den Sohn des Rößleswirts von Sindelfingen, den ersten Dinkelacker in Böblingen, den Hirschwirt Johann Michael Dinkelacker, der von 1723 bis 1800 lebte und es in Böblingen bis zum Mitglied im Gemeinderat brachte (offenbar das Beispiel einer geglückten „Umzüchtung"). Unter seinen sieben Söhnen wurde Carl Gottfried, 1787 geboren, zum Stammvater der Brauereidynastie. Nach Lehrjahren, in denen er sich in Brauereien umschaute, die technisch auf dem neuesten Stand waren, ging er nicht auf den väterlichen „Hirsch" zurück, sondern erwarb am Markt die alte Amtspflege neben dem Rathaus, wo er eine Wirtschaft und Brauerei einrichtete. Dies war 1823 die Gründung der Böblinger Brauerei, die bis heute im Familienbesitz existiert.

Auf dem Weg in eine erfolgreiche Zukunft

Die Brauerei Dinkelaker im 19. Jahrhundert

Den entscheidenden Schritt in eine erfolgreiche Zukunft tat der „Biersieder" - wie man damals sagte - Carl Gottfried Dinkelacker 1829 durch seine Umsiedlung an den heutigen Standort am Postplatz. Wie rasch er wirtschaftlich Fuß fasste, zeigt der Bau der auf der höchsten Höhe östlich der Stadt gelegenen „Waldburg" 1832, einem Gasthaus, das bald ein weithin bekanntes und beliebtes Ausflugsziel wurde. Auch später wird ein zweites „Bein" zur Solidität der wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen haben: Mitte des 19. Jahrhunderts war der Brauer Dinkelacker der größte Landwirt der Stadt, der zeitweise 70 Hektar bewirtschaftete.

Den Stand einer Großbrauerei nach damaligen Maßstäben erreichte Dinkelacker schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts und dies in der unmittelbaren Nachbarschaft der größten Brauerei Württembergs, der Zahn'schen Aktienbrauerei in Böblingen.

Die Tradition wird fortgeführt

Im Jahr 1860 übernahmen die Söhne Carl Christian und Wilhelm gemeinsam das Unternehmen. Ganz harmonisch verlief das wohl nicht, denn der ältere, Carl Christian, ging nach Amerika, kehrte aber bald zurück, nachdem dort der Versuch einer Brauereigründung gescheitert war. Die Verantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb, die er danach übernahm, hielt ihn nicht lange. Er ließ sich sein Erbe „auszahlen", zog nach Stuttgart und „privatisierte", wie man damals sagte, blieb aber seiner Heimatstadt mit besonderer Anhänglichkeit verbunden. In einer bis heute interessanten „Chronik der Stadt Böblingen" hat er Erinnerungen an die alte Zeit festgehalten, die 1901 erschienen sind. Auch eine Stiftung für „ins Heer eintretende junge Böblinger" ist Ausdruck dieser Verbundenheit.

Doch auch die Brauerei konnte er nicht hinter sich lassen, „das Bier im Blut...": Als sein Sohn Carl Anfang Zwanzig war, erwarb er eine kleine Brauerei, in der dieser Carl Dinkelacker 1888 die nach ihm benannte Brauerei „CD", gründete, die bereits Ende des Jahrhunderts zu den großen der Stadt gehörte und 2013 ihr 125-jähriges Jubiläum feiern konnte.

Dass dabei der Zusammenhang mit der Böblinger Brauereidynastie unerwähnt blieb, hat uns dann doch etwas geschmerzt. Dies ist allenfalls aus der Überlegung heraus verständlich, dass die „Stuttgart-Identität" im Vordergrund stehen sollte. Das drückt sich auch darin aus, dass die Helmzier auf dem ersten CD-Wappen später durch das Stuttgarter Rößle ersetzt wurde!

Es gab im Übrigen in den 20er und 30er Jahren auch eine enge räumliche Nachbarschaft und geschäftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Zweigen der Dinkelacker, die sich durch die unterschiedliche Schreibweise des Familiennamens („ck" bzw. „k") zu unterscheiden versuchten, als die Stuttgarter die „Zahnei" übernahmen, die einstige Brauereigaststätte der 1920 eingegangenen Aktienbrauerei, die auf der Ecke Stuttgarter Straße und Sindelfinger Straße stand und in der Bombennacht 1943 zerstört wurde.

Dass in den Familien der Zusammenhang mit der Böblinger Herkunft weiterlebt, habe ich erfahren, als ich 2002 für die Böblinger Stadtgeschichte „Geschichte in Gestalten" das Material für das Porträt der Schönbuchbrauerei zusammentrug und bei einem Besuch bei Wolfgang Dinkelacker, dem heutigen Seniorchef des Stuttgarter Unternehmens und Enkel des Gründers, Fotos von gemeinsamen Vorfahren der Böblinger und Stuttgarter Linie unter den Familien tauschen konnte.

Unternehmergeschick und Brauqualität

Dieser Wolfgang Dinelacker war es auch, der die CD-Brauerei vor einigen Jahren aus dem kurzzeitigen Verbund mit einem belgischen Biergiganten zurückholte und die Zukunft auf den Qualitäten der Traditionsbrauerei als Familienbetrieb neu ausrichtete. Dies ist offensichtlich auch das Geheimnis der Erfolgsgeschichte der Böblinger Schönbuchbrauerei, die durch unternehmerisches Geschick und hohe Brauqualität ihre heute führende Stellung in der Region behaupten konnte.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Erich Kläger für den interessanten und lebendigen Beitrag über Böblingens bekannte Brauerfamilie.

Früher war nicht alles besser: Anmerkungen Dr. Lechlers zur Bevölkerungsstatistik von 1867

In dieser Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian dem traurigen Kapitel der Säuglingssterblichkeit in früheren Zeiten nach.

Als die württembergische Bevölkerungsstatistik des Jahres 1867 erschienen war, fühlte sich der Oberamtsarzt Dr. Martin Christoph Lechler verpflichtet, im Böblinger Boten im März 1868 nicht nur einige Zahlen daraus wiederzugeben, sondern sie auch zu kommentieren. Was waren die Gründe?

Als Oberamtsarzt (1861-1898) war Lechler u. a. für das allgemeine Gesundheitswesen des Oberamts Böblingen (Vorgänger des Landkreises) zuständig. Daher griff er zur Feder, als die statistischen Zahlen Zeugnis über die hohe Kindersterblichkeit (Säuglingssterblichkeit) im Oberamt ablegten. 1867 wurden dort bei 24.512 Einwohnern von 1021 Müttern 1035 Kinder geboren. Von den 993 lebendgeborenen Kindern starben innerhalb des ersten Lebensjahres erschütternde 310 oder 31 Prozent. Was Lechler dabei besonders erbitterte, war die Tatsache, dass die Säuglingssterblichkeit in Württemberg mit fast einem Drittel höher war, als im deutschen und europäischen Durchschnitt, wo sie etwa ein Viertel betrug. Rund zehn Jahre später starben in der Stadt Böblingen, die um diese Zeit (1880) 4.365 Bewohner zählte, von den im Jahr 1879 lebendgeborenen 179 Kindern mindestens 51 (28,5 Prozent) innerhalb eines Jahres.

Eine hohe Sterberate und ihre Ursachen

Das neue Bezirkskrankenhaus - ein Symbol des medizinischen Fortschritts

In seinen Artikeln erläuterte Lechler die Ursachen für die hohe Sterberate und gab praktische Gesundheitstipps. Die Beiträge sind vor dem Hintergrund, einer noch am Anfang stehenden modernen medizinischen Forschung zu sehen. Die Ursachen vieler Krankheiten waren Lechler nicht bekannt. In den Artikeln wurden die tödlichen Krankheiten kaum thematisiert, doch die Ausführungen zeigen, dass es vor allem Erkrankungen der Verdauungssysteme und der Atmungsorgane waren. Auch weisen sie auf eine der Ursachen der in Süddeutschland verhältnismäßig hohen Säuglingssterblichkeit hin, nämlich dass die Mütter dort ihre Säuglinge verhältnismäßig wenig stillten und stattdessen mit Kuhmilch und Brei fütterten. Auch wenn der Forschungsstand verhältnismäßig dürftig war, so waren die konkreten Verbesserungsvorschläge – gemessen an den damaligen Umständen - dennoch hilfreich.

Nach Lechler gab es zwei „Hauptklassen“ von Ursachen für die hohe Kindersterblichkeit und zwar „moralische und physische“. Zu den ersteren Ursachen - man könnte sie auch als langfristige Einstellungen der Eltern bezeichnen - zählte er zum einen die „Affenliebe“, also die Verwöhnung von Kindern, besonders bei den höheren Schichten, noch verbreiteter hingegen war die allgemeine Gleichgültigkeit und Vernachlässigung von Kindern. Erst wenn sie als Arbeitskräfte in der „Haushalthaltung, im Gewerbe oder auf dem Felde“ taugten, wurden sie geschätzt.

Dann waren im Krankheitsfalle die Meinungen weit verbreitet, dass die Kinder „im Himmel besser aufgehoben“ wären als im „irdischen Jammerthal“ und daher kein Arzt gerufen oder ärztliche Anweisungen nicht ausgeführt wurden. Jedoch steckte nach Lechler in vielen Fällen der „Geizteufel“ und die Furcht vor möglichen Unkosten dahinter. Schädlich war auch der Irrglaube, dass jegliche Krankheit bei Kleinkindern auf das Zahnen zurückzuführen wäre. Sogar bei wenigen Wochen alten Kindern sahen die Mütter das „Zahnungsgespennst“ als Krankheitsursache und nahmen dies laut Lechler als Vorwand, nichts gegen die Krankheit zu tun. Und tat man was gegen die Beschwerden beim Zahnen, wurde den Kleinen häufig Wein verabreicht.

Mit „physischen“ Ursachen bezeichnete Lechler die unmittelbaren Verhaltensweisen, die den Ausbruch von Krankheiten beförderten. So wurden die gegen äußere Einflüsse äußerst empfindlichen Säuglinge der Kälte ausgesetzt, indem sie z. B. schon einen Tag nach der Geburt bei Wind und Wetter in die Kirche zur Taufe gebracht wurden. Oft wurden Kleinkinder an kühlen Tagen nur leicht bekleidet mit nach draußen genommen und zogen sich dann eine Hals- oder Lungenentzündung zu. Er zitierte in diesem Zusammenhang den Volksspruch: „Kinder und alte Leute haben wenig innere Wärme“.

Ein trübes Kapitel war auch die Ernährung. Oft bekamen die bemitleidenswerten Kleinen schon in den ersten Lebenstagen Mehlbrei, der häufig mit Butter, Schmalz und Eiern gekocht worden war. Der Brei wurde zudem noch für zwei oder mehr Tage auf Vorrat zubereitet. Dieses zweifelhafte Nahrungsmittel wurde dann den Säuglingen in großen Mengen verabreicht. Schrien sie dann wegen der dabei fast unvermeidlichen Bauchschmerzen und Blähungen, wurde dies als Hunger gedeutet und man gab ihnen noch mehr Brei. Stattdessen propagierte Lechler das Stillen (wenn es möglich war) und bezeichnete Muttermilch als „das beste und durch nichts zu ersetzen.“ Als Alternative empfahl er z. B. mit Anis- oder Fencheltee gemischte Kuhmilch.

Der „Schlotzer“

Ein weiteres Problem waren „Schlotzer“, die Vorläufer des heutigen Schnullers. Es handelte sich dabei, um mit Lebensmitteln gefüllte Tücher, die man den Kindern zur Beruhigung gab. Während jedoch Lechler feinen Zwieback oder aus feinen Mehl und ein wenig gezuckerten Anistee gebackenes Brot empfahl, wurden oft „saure Wecken“ oder schwarzes „Brod“, in das die Mutter oder das Kindermädchen hineingebissen hatten, sowie Kandiszucker genommen. Positiv vermerkte der Oberamtsarzt, dass (zur Ruhigstellung der Kinder) nur selten „Klepperlesthee“ (Mohntee) verwendet wurde. In diesem Zusammenhang muss Lechler noch dahingehend ergänzt werden, dass viele Mütter aus ärmeren Schichten gezwungenermaßen ihre Säuglinge ruhigstellten, da sie im Haushalt oder in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Sie hätten sich wohl viel lieber ihren Kindern gewidmet.

„Aepfelschaalen oder Zucker“

Bei den ärmeren Schichten mussten die Kinder das Zimmer oft mit mehreren Personen und sogar noch Hühnern teilen. Das Räuchern mit „Aepfelschaalen oder Zucker“ verdeckte allenfalls den Gestank. Lechler regte an, die Räumlichkeiten regelmäßig zu lüften und die Kinder täglich wenigstens zweimal zu waschen und sie hin und wieder zu baden. Im Zusammenhang mit der Körperhygiene bei Säuglingen ging Lechler auf die soziale Problematik ein, in dem er einräumte, dass den ärmeren Schichten oft die Möglichkeiten und die Zeit dafür fehlten.

Zusammenfassend empfahl Lechler die Kinder erst im Alter von etwa einem Jahr langsam und vorsichtig an die Kälte zu gewöhnen. Beim Essen und Trinkein sowie in ihrer ganzen Behandlung sollte „eine große Ordnung“ bewahrt werden.

Die Artikelserie endet mit der Hoffnung, dass „vom Schwabenland und Schwabenvolk der schmachvolle Vorwurf: ‚in ganz Europa lasse es die meisten kleinen Kinder durch grobe Vernachläßigung sterben,‘ genommen werde.“ Dank der modernen Medizin, Fortschritten in der Säuglings- und Kleinkinderpflege sowie der verbesserten Ernährung und sozialen Bedingungen kam es dann auch so. Eine kleine Böblingerin oder ein kleiner Böblinger, die heute das Licht der Welt erblicken, haben sehr gute Chancen alt zu werden. Die Sterblichkeit bei Kindern bis zu einem Jahr lag in Baden-Württemberg im Jahr 2014 nämlich bei 0,3 Prozent und wird hoffentlich noch weiter sinken.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Martina Elegban für fachliche Hinweise und Kritik zum Thema.

Der Böblinger Bahnhof und die Gäubahn

Tafeln für die Gäubahn im Entwurf

In der aktuellen Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit der Entstehung einer Einrichtung, die jeder Böblinger kennt und von vielen genutzt wird, nämlich dem Bahnhof.

Seit beinahe 140 Jahren verbindet die Bahn Böblingen mit dem nationalen und internationalen Eisenbahnnetz. Doch wie kamen die Verbindung und der Bahnhof zustande? Was waren die Beweggründe dafür? Die folgenden Ausführungen basieren auf den Beiträgen von Dr. Günter Scholz und Frau Cornelia Wenzel in der Broschüre zum 125-jährigen Jubiläum der Gäubahn (2004).

Im Jahr 1825 war die erste öffentliche Dampfeisenbahn in England zwischen Darlington und Stockton eröffnet worden. Sie diente vor allem dem Transport von Kohle aber auch dem von Personen. Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes nahm ab diesem Zeitpunkt eine rasante Geschwindigkeit an. Ein Jahrzehnt später im Jahr 1835 wurde zwischen Nürnberg und Fürth die erste deutsche Eisenbahnstrecke in Betrieb genommen. Das deutsche Eisenbahnnetz wuchs dann von 6.000 Kilometern im Jahr 1850 auf 60.000 im Jahr 1910 an.

Württemberg im Geschwindigkeitsrausch

Auch das Königreich Württemberg wurde von Geschwindigkeitsrausch erfasst und am 22. Oktober 1845 nahm man die von Karl Etzel (1812-1865) erbaute erste württembergische Bahnstrecke zwischen Untertürkheim und Cannstatt in Betrieb. Dann ging es Schlag auf Schlag und innerhalb von fünf Jahrzehnten wuchs das württembergische Eisenbahnnetz auf 1.700 Kilometer an.
 
Bis die Eisenbahn nach Böblingen kam, sollte es allerdings noch etwas dauern. Vorkämpfer für einen Böblinger Eisenbahnanschluss war der Abgeordnete des Bezirks Böblingen im württembergischen Landtag Otto Elben (1823-1899). Unermüdlich setzte er sich für eine von Stuttgart ausgehende Schwarzwaldeisenbahn ein. Er favorisierte dabei die Linienführung über Böblingen vor der über Leonberg. Für Elben galt Böblingen als ein Verkehrsknotenpunkt, da die dortige Post(kutschen)station die am meisten frequentierte im ganzen Land war. Von Böblingen aus sollte die Bahnstrecke sich dann nach Tübingen, Freudenstadt und Pforzheim verzweigen.
 
Doch Elben hatte Konkurrenten mit anderen Konzepten. So setzte, der auch für die Eisenbahn zuständige, Außenminister Karl von Varnbüler (1809-1889) eine andere Variante der Schwarzwaldbahn (Stuttgart-Leonberg-Calw-Nagold) durch, die 1868-1872 realisiert wurde. Das warf das Projekt eines Böblinger Eisenbahnanschlusses, dessen Überlegungen bis in das Jahr 1857 zurückreichten, kurzfristig zurück. Unverdrossen warb Otto Elben jedoch weiter für seine Pläne und hatte letztendlich Erfolg. Am 22. März 1873 beschloss der Landtag den Bau einer Strecke Stuttgart-Eutingen-Freudenstadt, welche die schon bestehende Strecke Eutingen-Tuttlingen mit der Residenzstadt Stuttgart verbinden sollte. Unter der Leitung des Ingenieurs Georg von Morlok (1815-1896) begannen im Herbst 1873 die Arbeiten an der bautechnisch anspruchsvollen Strecke. Dank des Fleißes der beteiligten Arbeitern, von denen viele aus Italien kamen, wurde im Winter 1877/78 schon Herrenberg erreicht. Im August 1879 konnte dann eine Probefahrt auf der fertiggestellten Strecke unternommen werden.

Im Hintergrund Bahnhofsgebäude (etwa um 1912)

Wohin mit dem Bahnhof?

Nicht nur der Eisenbahnstrecke war umstritten gewesen, auch der Standort des Böblinger Bahnhofs war Gegenstand von Diskussionen. Denn Böblingens Nachbar Sindelfingen wünschte sich den Bahnhof in seiner Nähe. Und selbst die Böblinger waren sich untereinander uneins. Eine Gruppierung, es waren die Anwohner und Industrieunternehmer des Postplatzes, bevorzugte, unterstützt von Sindelfingen, einen Standort zwischen Goldberg und Galgenberg. Die "Unterstädtler" und die Betreiber der am Unteren See gelegenen Zuckerfabrik wünschten sich hingegen einen in ihrer Nähe gelegenen Bahnhof, unweit der Straße nach Dagersheim. Am Ende setzten sich Letztere durch, wobei der Standort zugleich einen Kompromiss mit Sindelfingen darstellte, da der Bahnhof sich nahe der Sindelfinger Gemarkung befand. Als weiteres Trostpflaster erhielt der Bahnhof die Bezeichnung "Böblingen (Sindelfingen)", bis dann 1914 Sindelfingen einen eigenen Bahnhof bekam.
 
Zur Einweihung des Bahnhofs wurde am 31. August und 1. September 1879 ein großes Fest veranstaltet. Der Staatsanzeiger von Württemberg berichtete darüber wie am 31. August ein Sonderzug, bestehend aus zwölf Waggons und besetzt mit Prominenz, an ihrer Spitze Ministerpräsident Hermann Mittnacht, um acht Uhr morgens vom Stuttgarter Bahnhof in Richtung Freudenstadt aufbrach. An den einzelnen Stationen wurde der Zug von jubelnden Menschenmassen begrüßt. In Böblingen hielt der Stadtschultheiß Fink eine Rede „worin [er] dem Gefühl der Freude über das erreichte Ziel Ausdruck“ gab. Die Gäste wurden „mit vortrefflichem Bier und Champagnerwein“ bewirtet, welche "von weißgekleideten Festdamen kredenzt“ wurden. Am folgenden Tag wurde dann der reguläre Verkehr aufgenommen.

Benutzerrekorde

Der Grundriss des Bahnhofs

Der Bahnhof erfüllte alle in ihn gesetzten Erwartungen. Umso mehr als es seit 1881 eine direkte Schnellzugverbindung mit Zürich gab. Um 1900 war er Umschlagplatz für jährlich 300.000 Reisende. Das bedeutet, dass rund 800 Reisende täglich dort einen Zug bestiegen oder verließen. Einen Rekord gab es anlässlich der  Zeppelinlandung am 3. November 1929 als eine riesige Zuschauermenge, der Böblinger Bote schrieb von 100.000 Personen, wohl zu einem Großteil mit dem Zug an- und abreiste. Bei der zweiten Landung eines Zeppelins am 24. August darauffolgenden Jahres fuhren von Stuttgart, Herrenberg und Renningen nachweislich 19 Sonderzüge mit rund 27.200 Personen nach Böblingen. 2015 wurde der Bahnhof von 31.600 Reisenden und Besuchern täglich genutzt.
 
In kleinerem Ausmaß als es Otto Elben vorgesehen hatte, wurde Böblingen dann auch zu einem Eisenbahnknotenpunkt. Gebildet wurde er durch die Nebenbahnen: Seit 1910 nach Weil im Schönbuch (1911 Verlängerung bis Dettenhausen), seit 1914 nach Sindelfingen (1915 Verlängerung bis Renningen) und der Strecke Schönaicher First-Schönaich (1922).
 
Im bisher kaum besiedelten Gebiet zwischen Altstadt und Bahnhof siedelten sich nach 1879  Industrieunternehmen an und ein neues Stadtviertel, die Unterstadt, entstand. Es seien hier als Beispiele die Trikotfabriken Maier und Cie (Hautana) sowie Lenz und Cie, die chemische Fabrik Bonz und Sohn, die Schuhfabriken Wanner und Hoch und die Spielwarenfabrik Kindler und Briel genannt. Dank des Bahnhofs wurde Böblinger zu einer Unternehmerstadt. Der Bahnhof war dann auch ein entscheidender Grund, dass Böblingen zuerst Standort eines Militärflugplatzes (1915-1919) und dann eines Landesflughafens (1925-1939) wurde.
 
Zum wohlverdienten Dank ernannte die Stadt Böblingen Otto Elben, der durch seine jahrelange Initiative zur Grundlage von all diesem mit beigetragen hatte, zum Ehrenbürger. Zusätzlich benannte sie einen Platz nach ihm.

Ein Spaziergang mit Georg Wacker durch das alte Böblingen – der Böblinger Fremdenführer aus dem Jahr 1913 (Teil 1)

Im aktuellen "EinBlick in die Stadtgeschichte" stöbert Stadtarchivar Dr. Christoph Florian im 1913 erschienen „Fremdenführer durch Böblingen und Umgebung“. Es wird dabei jener Teil des Fremdenführers vorgestellt, der sich mit der Stadt im engeren Sinne befasst.

Mit dem Industriezeitalter begann auch das Zeitalter des modernen Tourismus. Breite Bevölkerungsschichten hatten jetzt mehr Geld zur Verfügung, dank der Eisenbahn konnten jetzt viele Ziele innerhalb kürzester Zeit erreicht werden. Die Urlaubsorte profitierten von den Touristen und Ausflügler, gaben sie doch dort Geld aus. Daher waren viele Orte bestrebt, den Tourismus u. a. durch Werbung zu fördern. Eine Möglichkeit war die Vorstellung des Ortes, seiner Infrastruktur, seiner Geschichte und der Sehenswürdigkeiten durch eine Broschüre. So machte es der Verschönerungs- u. Fremdenverkehrsverein Böblingen und legte 1913 eine handliche Werbeschrift mit ansprechendem Äußeren und interessanten Inhalt auf. Den Text verfertigte der Schulrektor Georg Wacker, die zum Teil farbigen Bildvorlagen lieferte das Fotostudio Warth & Lämmle.

Die Eingangspforte zum Schönbuch

Am Anfang der Broschüre begründet der Verfasser, warum Böblingen sich zu einem Touristenziel entwickelt hatte: „Je mehr Stuttgart anwächst und einen engen Industriegürtel um sich herumzieht, desto mehr gewinnen die Waldstrecken, die ausserhalb dieses Gürtels liegen, an Bedeutung für das Leben des Großstädters. Das nächste, wichtigste und größte der Waldgebiete ist der Schönbuch und dessen wichtigste Eingangspforte ist die Stadt Böblingen.“ Das Zielpublikum waren weniger die Ferntouristen als die Tagestouristen aus der unmittelbaren Region, die dem engen und im Sommer manchmal ungemütlich heißen Stuttgarter Talkessel in die grünen und kühlen Wälder der Region entfliehen wollten.

Gleich zu Beginn informiert der Text über die Anfahrt. Vom Stuttgarter Hauptbahnhof, der damals noch ein Stück weiter in Richtung Innenstadt bei der heutigen Bolzstraße lag, dauerte die Strecke nach Böblingen 50 Minuten mit der Bahn. Mit der S-Bahn schafft man es heute – wenn sie keine Verspätung hat – in der halben Zeit. Die gleiche Zeit (25 Minuten) brauchte damals auch ein Automobil, das über die Landstraße von Stuttgart nach Böblingen fuhr.

Wie ein fiktiver Spaziergänger nähert sich Wacker dem Gegenstand seiner Beschreibung. Der virtuelle Spaziergang beginnt am Böblinger Bahnhof. Die Bahnhofstraße entlang geht es dann in Richtung Altstadt: „Vom Hauptbahnhof wendet man sich durch die Bahnhof-Straße nach Süden der Stadt zu […]“. Er weist auf dort vorhandenen Zeugen von Böblingens wirtschaftlichem Aufschwung hin und nennt einige der „grösseren gewerblichen Etablissements“ wie die Trikotfabrik Maier & Co. (Hautana) oder die Schuhfabrik Wanner.

Der Gipfel des Schloßbergs

Dann hat der virtuelle Ausflügler den Elbenplatz erreicht. Er beschreibt jetzt die topographische Lage, die sich dadurch auszeichnet, dass sich der „älteste Teil der Stadt […] um einen Hügel“ gruppiert und die neueren „Vorstädte nach allen Richtungen sich hinausziehen“. Daher „sind auch die Hauptstraßen der Stadt wie im Kreise gebogen und laufen in sich zusammen." Er erwähnt das auf dem gleichnamigen Platz gelegene Denkmal des Abgeordneten Otto Elben. Dann schreitet er die Markstraße ab, welche den „Ring der Altstadt der Länge nach“ durchschneidet. Dann geht es am „stattliche[n]“ Rathaus und dem Brunnen-Denkmal, das mit dem heiligen Christophorus „geziert ist“, vorbei. Damals gab es dort keinen Brunnentrog, sondern lediglich eine winzige Grünfläche mit der Christophorusfigur. Dann erreicht man den „Gipfel des Hügels“ (bzw. des Schlossbergs). Dort stehen die Stadtkirche sowie zwei Schulgebäude, von denen eines ein Flügel des herzoglichen Schlosses gewesen war. Weiter geht es dann an den "stattlichen Gebäude[n]“ des Oberamts, Amtsgerichts und Dekanatsamts in Richtung Postplatz. Der Postplatz, das „neue Zentrum“ der Stadt, ist für den durstigen und hungrigen Besucher interessant, ist er doch von zwei Großbrauereien (Zahn, Dinkelaker) und dem Gasthof Zur „Post“ umgeben.

Anschließend geht der fiktive Spaziergänger noch ein kleines Stück die Waldburgstraße weiter, es werden der Böblinger Festplatz („Maienplatz“), das Bezirkskrankenhaus, die Pension Waldburg und das Sanatorium erwähnt. Dabei bezeichnet Wacker die Gegend unterhalb der Waldburg als sehr begehrt und schreibt, dass sie „schon jetzt mit einer stattlichen Zahl von Einzelhäusern und Villen geziert“ ist. Dann wendet sich die Blickrichtung in Richtung Süden und der Verfasser erwähnt den dort gelegenen Gasthof Bären, das Schlachthaus und das Elektrizitätswerk (heute Kita Wasserwerk). Es folgt ein Exkurs über die Geschichte der Stadt und schließlich kommt der virtuelle Ausflügler wieder beim Bahnhof an.

In der Folge befasst sich Wacker mit der Infrastruktur der rund 6.000 Einwohner zählenden Oberamtsstadt. Da gibt es ein siebenklassiges Realprogymnasium, das war ein neusprachlich-naturwissenschaftlich ausgerichtetes Gymnasium ohne Abschlussklasse. Dann zählt er weiter auf: Eine Gewerbe- und Frauenarbeitsschule (Berufsschule) sowie eine evangelische und eine katholische Volksschule jeweils mit freiwilligem Unterricht im Französischen für Mädchen [!]. Die schöne Oberamtsstadt verfügte auch über ein reges Vereinsleben. Es gibt ein „Museum“ (Leseverein) mit „reichhaltiger Bibliothek in schöner Literatur“, mehrere Gesang-, Militär-, Turn- u. Radfahrervereine, ein Eislauf- und Schützenverein mit Schießstätte und eine Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins.

Wacker geht natürlich auch auf die Einrichtungen ein, welche die Touristen und Besucher unmittelbar interessierte. Er nennt eine Reihe von Übernachtungsmöglichkeiten wie das Kurhaus „Waldburg“, die „altrenommierten“ Gasthöfe Zur „Post“, den erwähnten „Bären“, „Zimmermann“ und „Schönbuch“. Unser Autor gibt dazu einen Hinweis auf private Unterkünfte, über die man sich auf dem Rathaus informieren konnte. Auch das gesundheitliche Angebot bleibt in diesem Zusammenhang schließlich nicht unerwähnt; es gab das Bezirkskrankenhaus, Ärzte und eine größere Apotheke.

Die Beschreibung der Umgegend wird in einer folgenden Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte behandelt werden.

Wanderungen mit Georg Wacker durch Böblingens Umgebung – der Böblinger Fremdenführer aus dem Jahr 1913 (Teil 2)

Im letzten „EinBlick in die Stadtgeschichte“ hat Stadtarchivar Dr. Christoph Florian den Teil des 1913 erschienen „Fremdenführer durch Böblingen und Umgebung“ vorgestellt, welcher die Stadt im engeren Sinne beschrieb. Jetzt folgen Ausflugtipps für die Umgebung.

Tannenwald an der Berstlach

Zunächst beginnt Georg Wacker mit einem Loblied auf diese Umgegend. Für ihn gehört sie zu „den anmutigsten Gegenden des ganzen Landes“. Weiter schreibt er: „Der Abfall der Hügel-Landschaft des Schönbuchs zur tieferen Gäuebene erzeugt bei dem Wechsel von härteren und weicheren Gesteinsschichten des Keupers eine große Mannigfaltigkeit in den landschaftlichen Gebilden und Formen.“ Er schließt seine allgemeinen Betrachtungen folgendermaßen: „Eine solche Gegend fordert zum Genuß der Natur und zu Ausflügen geradezu auf.“

Wir wollen uns der Aufforderung Wackers anschließen und zu einem Ausflug in das Jahr 1913 in die Umgebung Böblingens aufbrechen. Das erste Ziel des Ausflugs ist der Galgenberg, dessen Höhenrücken von einem Tannenwäldchen bedeckt ist. Der Hügel bietet dem Ausflügler einen hübschen Ausblick auf den nördlichen Teil der Stadt und die Gäuebene. Deshalb war um 1913 der Galgenberg auch beliebt als Bauplatz für Einfamilienhäuser und Villen. Unser Autor vergisst jedoch nicht auf die grausame Vergangenheit der Stätte hinzuweisen, wurden doch hier Verbrecher hingerichtet und Hexen sowie Wiedertäufer verbrannt.

Auf zur Waldburg!

Böblingen mit dem Höhenrücken der „Waldburg“ von der Martinsruhe aus gesehen

Das nächste Ziel ist die bewaldete Hochfläche der Waldburg auf 526 Metern Meereshöhe. Man genießt dort einen „wundervollen“ Ausblick auf die davor liegende Ebene und die waldigen Schönbuchhöhen. Wegen des „Autoverkehrs“ [!] empfiehlt er nicht den mühelosen Weg über die neue Stuttgarter Straße, sondern den steileren Aufstieg über das Käppele. Vom Garten des Kurhauses Waldburg aus verlaufen vom Verschönerungsverein gepflegte Spazierwege. Wer vom Wandern müde ist, kann sich auf einer der Ruhebänke ausruhen oder den 1905 dort angelegten Schillerhain mit dem Gedenkstein für den berühmten Dichter betrachten.

Werbung für die „Waldburg“

Unser Verfasser vergisst auch nicht auf die Heuwegflosche hinzuweisen. Diese größere Waldwiese liegt zwischen der Stuttgarter und Musberger Straße. Sie ist ein Treffpunkt der sporttreibenden Jugend. Besonders zum Fußballspielen kommt man dort zusammen. Dann folgen die Niederungen der Berstlach. Hier dominiert „düstere[r]“ Nadelwald. Auf der alten Stuttgarter Straße wendet man sich an der Berstlachbrücke nach links und betritt ein Tannenwaldgebiet, das mit seinen Farnen und dem Sauerklee an eine Schwarzwaldschlucht erinnert. Von da an kann man entweder auf der neuen Stuttgarter Straße zum Restaurant „Mönchsbrunnen“ gehen, um dort zu speisen, oder gleich ganz nach Hause gehen.

Zum Böblinger Stadtwald weiß Georg Wacker einiges mitzuteilen. So weist er auf die Hinterlinger Seen an der neuen Stuttgarter Straße hin. Und erwähnt auch die große Eiche, die Kaisereiche und die Hubertuseiche sowie den Böblinger Mönchsbrunnen. Er schreibt auch über ein „Plan“ genanntes Gewölbe, das Jagdzwecken diente. Es war von Herzog Karl Alexander 1737 angelegt worden. Heute wird der „Plan“ als Pirschgänge bezeichnet, die jetzt innerhalb des Sperrbezirks der Panzerkaserne liegen.

Ein Felsenkranz

Maurener Schloss

Eine andere Route führt von der Waldburg aus zum Schönaicher First mit dessen neu (1911) errichteter Aussichtsplattform. Dem Wanderer bietet sich von dort aus ein „herrliches Bild vom Schönbuch und den anstoßenden Fildern […] im Hintergrund steht der Felsenkranz der Schwäbischen Alb.“ Für Fußlahme hat Wacker einen Tipp. Sie können die neu gebaute Schönbuchbahn (seit 1911) benutzen und damit bis ein Kilometer an den Aussichtspunkt herankommen. Die Bahnfahrt bietet ein „wundervolles Panorama“. Er beschreibt den Haltepunkt Schönaich[er First] (heute Zimmerschlag) als ein „idyllisches Plätzchen“, das sich – wie der ganze Waldrand bis zum Geflügelhof Jägerhaus und zur Waldburg – zur Anlage von Häusern und Villen eignen würde.

Weiter geht es dann vom Schönaicher First „in luftiger Höhe und im Schatten des Waldes auf das Hörnle“. Dieses ermöglicht dem Wanderer „eine überraschende Aussicht auf das liebliche Maurener Tal.“ Den Endpunkt der Tour, das Schloss Mauren – damals noch im intakten Zustand – lässt er nicht unterwähnt.

Entzückende Aussichten

Aussicht vom Schönaicher First (Aussichtsplattform)

Auch eine andere Lokalität sieht heute anders aus wie zu Zeiten Georg Wackers. Die Martinsruhe und die Diezenhalde gewährten dem Spaziergänger eine „entzückende Aussicht“ auf die Stadt Böblingen. Damals war dieses Gebiet unbebaut. Auch das Waldgebiet Brand mit seinen zahlreichen Hünengräbern bleibt nicht unerwähnt. Es handelt sich dabei um die bei dem heutigen Waldfriedhof gelegenen eisenzeitlichen Grabhügel. Auch die „Alte Burg“ findet Erwähnung. Er bezeichnet sie als bronze- und eisenzeitliche bzw. keltenzeitliche Fliehburg.

Am Ende des Bändleins gibt es noch Hinweise auf Tagestouren durch den Schönbuch mit Hilfe der Schönbuchbahn. Mit dem Zug erreicht man Dettenhausen und von dort aus geht es dann weiter nach Tübingen oder Kirchentellinsfurt. Oder man wandert von dem ebenfalls an der Bahn gelegenen Weil im Schönbuch nach Bebenhausen und Hohenentringen. Wenn man die Strecke durch das Goldersbachtal nach Hohenentringen mitnimmt, dann hat man den Schönbuch „in seinen lieblichsten Partien“ durchwandert. Am Ende heißt es, sich zu verabschieden, „schöne Eindrücke vom Gesehenen mit nach Haus nehmend“.

Die Redaktion wünscht den Leserinnen und Lesern eine schöne und erholsame Urlaubszeit.

Einblick[e] in den Böblinger Boten von 1854

In dieser Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte wirft Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mehr als nur einen Blick in einen alten Jahrgang des Böblinger Boten.

Die alten Dokumente im Magazin des Stadtarchivs ermöglichen auf verschiedene Art und Weise Einblicke in die Vergangenheit. Eine besonders reizvolle Möglichkeit in der Vergangenheit zu stöbern, bieten Zeitungen. Sie enthalten eine spannende Mischung verschiedenster Nachrichten.

Die wichtigste Zeitungsquelle zur Böblinger Geschichte ist der Böblinger Bote. Seit knapp 200 Jahren berichtet dieses Blatt über Böblingen. Die erste Ausgabe war am 6. Dezember 1825 unter dem Titel „Wöchentliche Bekanntmachungen“ erschienen und vom Buchdrucker Julius Gottlieb Friedrich Landbeck herausgegeben worden. 1871 kam die Zeitung dann in den Besitz der Unternehmerfamilie Schlecht.

Das Stadtarchiv besitzt die meisten Ausgaben des Böblinger Boten entweder in Papier oder in Form von Mikrofilmen. Verhältnismäßig selten sind Papierexemplare aus dem 19. Jahrhundert, wie beispielsweise die zu einem Band gebundenen Ausgaben des Jahres 1854. Dem Zeitungsleser der Gegenwart fällt bei der Betrachtung des schmucklosen Bands sofort auf, dass das verwendete Format mit rund 27 x 18 Zentimetern, verglichen mit dem heutigen Zeitungsformat, recht klein ausfällt. Der vorliegende Jahrgangsband muss auch eine bewegte Geschichte hinter sich gehabt haben, denn im Eigentümervermerk steht: „Property of Neuffer Rudolph 1916.“ Ein Vorbesitzer des Bandes hat also zweifellos in einem englischsprachigen Land gelebt.

Blättert man den Zeitungsband durch, dann fällt ein weiterer Unterschied zur heutigen Kreiszeitung auf. Der Böblinger Bote erschien damals nur zweimal in der Woche und zwar mittwochs und sonntags. Auch war der Umfang sehr bescheiden, eine Ausgabe umfasste nämlich lediglich vier Seiten.

Verkehrsleitung im 19. Jahrhundert

Inhaltlich setzte sich eine Ausgabe aus drei Teilen zusammen. Zunächst kamen die amtlichen Bekanntmachungen. Der Bote trug nämlich als Zusatzbezeichnung den Titel „Amts-, Intelligenz- und Unterhaltungsblatt“. In der Ausgabe vom 19. März findet sich eine Verlautbarung des königlichen Oberamts (Vorgänger Landratsamt), die unter dem Namen von dessen Leiter Oberamtmann [Emil] Walther herausgegeben worden war. Darin wurde hingewiesen, dass Bewerbungen um Aufnahme in das Armenbad zu Wildbad bis zum 1. April einzureichen seien. Bei dem Armenbad handelte es sich um eine Art Kur für Sozialschwache. Auch über Straßensperrungen wurde im amtlichen Teil informiert, so in der Ausgabe vom 29. Oktober. Dort wurde mitgeteilt, dass die Straße von Aidlingen nach Böblingen über Darmsheim und Dagersheim, der sogenannte Mühlweg, wegen dringender Instandsetzungsarbeiten bis etwa Mitte November gesperrt werden sollte. Fuhrwerke von Aidlingen aus sollten in dieser Zeit die Verbindung über Ehningen oder jene über Dätzingen und Döffingen benutzen.

Auch gesundheitliche Themen fanden in der Rubrik Amtliche Bekanntmachungen Eingang. So warnte während der Erntezeit am 2. August das Oberamt die Erntekräfte vor dem Genuss unreifer Kartoffeln. Auch auf die Gefahren von, an heißen Tagen getrunkenem, Quellwasser für den Magen wies man hin. Um den „lähmende[n] Einfluß des Wassers auf den Magen“ zu mindern wurde anregt, das Wasser mit etwas Branntwein zu vermischen! Ohne Bedenken hingegen kann eine weitere Empfehlung aufgegriffen werden: „daß die Arbeiter bei brennender Sommerhitze den Kopf immer bedeckt erhalten.“

Im amtlichen aber auch in den anderen Teilen der Zeitung finden sich immer wieder Berichte zur Auswanderung nach Amerika sowie über das Land selbst. In den 1850er-Jahren erreichte die Auswanderung in die Vereinigten Staaten aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland ihren Höhepunkt. Daher gab es ein großes Interesse der Leserschaft zu diesen Themen. Typisch dafür ist die Anzeige von Gustav Hübler aus Stuttgart, der seine Dienste als Hauptagent (Vermittler) anbot. Er verkündete, dass Auswanderer nach Amerika über die Häfen Le Havre, Bremen, Antwerpen und Liverpool mit „Post- und Dreimasterschiffen I. Classe die billigste[n], bequemsten und sichersten Ueberfahrts-Gelegenheiten“ hätten.

Auf der Suche nach der "Cylinder-Uhr"

Grafiken im Böblinger Boten
Kleine Grafiken halfen dem Leser bei der Orientierung

Einen interessanten Einblick in das Leben einer kleinen noch sehr bäuerlich geprägten Amts- und Landstadt ermöglicht der Werbeteil der Zeitung. Da wurden am 19. März beispielsweise „Gutkochende Golderbsen das Simri [22,15 Liter] zu zwei Gulden und 50 Kreuzer" angepriesen. Auch für das Angebot von einigen Wagen „guten Dung“ wurde inseriert (8. November). Immer wieder finden sich Anzeigen, in denen nach Lehrlingen gesucht wurden. Der Flaschner Böhmler suchte beispielsweise „einen guterzogenen jungen Burschen“ (10. Mai). Auch Fundsachen waren immer wieder ein Thema. Der Glasermeister Körner aus Sindelfingen hatte seine silberne „Cylinder-Uhr“ auf der Straße zwischen Vaihingen und Sindelfingen verloren und versprach in der Anzeige vom 5. März dem Finder „gute Belohnung“. Albrecht Knoll aus Böblingen wiederum war eine Bulldogge („Bulldogger Race“) zugelaufen und jetzt suchte er mittels eines am 12. März abgedruckten Inserats den Besitzer des Tieres. Der Hund hatte offenbar einen guten Riecher gehabt, denn Knoll war Metzgermeister und verfügte sicher über genug Fleischabfälle, um das Tier zu füttern.

Im letzten Teil der jeweiligen Ausgabe gab es dann allgemeine Nachrichten oder Informationen. So brachte der Böblinger Bote am 10. September eine Meldung, wonach „S[eine] M[ajestät] der König und der Prinz Friedrich“ wohlbehalten von Friedrichshafen zurückgekehrt seien. In der gleichen Ausgabe findet sich ein kleiner Artikel über die Vermehrungsrate eines Feldmauspaares, das in einem Sommer theoretisch 23.070 Nachkommen bekommen konnte. Diese Nachricht hatte einen sehr ernsten Hintergrund, denn das Land hatte in den Jahren zuvor Hungersnöte erlebt und alles, was die Ernte gefährden konnte, wurde aufmerksam registriert.

War die Zeitung auch klein vom Format und Umfang, so bot sie doch ihren Lesern einen Service an, den es heute so nicht mehr gibt. Am Ende des Bandes findet sich nämlich ein Index.

„Weinachts-Bäckerei“ mit Konditor Friedrich Krafft

Nachdem die vorhergehenden Ausgaben des EinBlicks in die Stadtgeschichte vor allem den Krieg zum Thema hatten, wird es in diesem Einblick besinnlich und wohlschmeckend. Denn in dieser Ausgabe berichtet Stadtarchivar Dr. Christoph Florian über die Konditorei Friedrich Krafft und ihre Erzeugnisse zur Weihnachtszeit.

Gegründet wurde die Konditorei durch den am 3. September 1849 in Böblingen geborenen Friedrich Krafft. Seine Eltern waren Johann Georg Krafft und Catherine Rosine Christine, geborene Frick. Geheiratet hatte er Emma, geborene Rock. Friedrich schlug nicht wie sein Vater die Lehrerlaufbahn ein, sondern ging seinen eigenen beruflichen Weg und wurde Konditor. Nach verschiedenen beruflichen Stationen, er arbeitete unter anderem 1874 in Ludwigsburg, sah er eine Chance, sich in Böblingen zu etablieren. Denn im Jahr 1875 wollte sich dort ein Karl Stiefel von seinem „Spezereigeschäft“ (Delikatessen- bzw. Lebensmittelgeschäft) in der Marktstraße 2 (heute Nr. 45) trennen. Friedrich Krafft nutzte die Chance, kaufte das angebotene Geschäft und richtete dort eine Konditorei ein.

„Citronat“ und „Orangeat“

Da Weihnachten schon damals ein wichtiges Geschäft für die Konditoren war, schaltete der frischgebackene Geschäftsinhaber am Sonntag, 2. Dezember 1876, im Böblinger Boten eine Anzeige mit folgendem Text: „Böblingen. Zum Backen empfehle ich bei herannahender Weihnachtszeit: feinst gestoßenen Zucker, schönen weißen gemahlenen Zucker, Sprengerlensmehl, Honig, ferner in frischer schöner Waare: Citronat, Orangeat, Zibeben, Mandeln, Feigen & Citronen, Zwetschgen, Birnenschnitz, Hutzeln & Nüsse sowie sämmtliche hiezu erforderlichen Gewürze.“

Damit er schöne Zuckerwaren herstellen kann, benötigt ein Konditor nicht nur Zutaten, sondern auch Rezepte. Darum hatte Konditor Krafft eine ganze Sammlung von Rezepten. Erfreulicherweise wurde diese Sammlung – wohlbehütet durch seine Nachkommen – überliefert. Der älteste Band trägt den Titel: „Recepte-Buch pour Fr. Krafft“. Im Inneren sind Ort und Datum vermerkt: „Stuttgart, den 18. Juni 1889“. In deutscher Kurrentschrift (Schreibschrift) geschrieben und beginnend mit der „Punsch-Torte“ auf Seite 1 geht dann die Reise durch das Reich der „süßen Verführungen“.

Im vorliegenden Band beginnt ab Seite 79 ein Kapitel mit der Überschrift: „Weinachts-Bäckerei“. Dort finden sich Rezepte für „Feine Basler Lekerli“ (Lebkuchen), „Pommeranzenbrödchen“, „Springerlin“, „Eigelb Confect“ und vieles mehr.

Die in der Sammlung von Krafft stehenden Backrezepte sind auch heute noch vielen bekannt und werden auch heute in unzähligen Variationen angewandt. Angaben über Backdauer und Temperatur gibt es nicht, denn ein Profi wie Krafft brauchte so etwas nicht. Auch konnte ein mit Feuer betriebener Herd, wie ihn Friedrich Krafft verwendete, nicht so einfach wie ein heutiger elektrischer Backofen reguliert werden.

„Zimmtstern“

Doch lassen sich die Rezepte durchaus nachbacken. Die fehlenden Informationen, wie zum Beispiel Backzeiten oder Temperaturen, kann man sich problemlos aus anderen Backbüchern oder dem Internet besorgen. Ein einfaches Rezept von Friedrich Krafft wurde für den Artikel auch getestet. Dieses Rezept, es ist für „Zimmtstern[e]“, findet sich auf Seite 86. Es lautet kurz und bündig: „3/4 Pfund Zucker mit 5 Eiweiß, rühren, 1 Loth Zimmt, 3/4 Pfund gestoßene Mandel auf Wachsblech oben glaciert (Glacur Eiweiß u. Zimmt).“

Mit Pfund ist hier wohl das deutsche Zollpfund gemeint, ein metrisches Maß, das 500 Gramm wog. Es war damals schon überholt. Das gleiche gilt für das Loth, das 16,6 Gramm wog. Beide Maße waren 1857 in Württemberg eingeführt worden. Unter Wachsblech ist hier ein Backblech, das wohl mit Bienenwachs gewachst war, zu verstehen. Man benötigt also jeweils 375 Gramm Zucker und gestoßene Mandeln sowie 16,6 Gramm (etwa ein Esslöffel) Zimt. Beim Backen hat sich dann gezeigt, dass besser nur drei Eiweiß genommen werden. Statt gestoßener wurden gemahlene Mandeln verwendet.

Eiweiß, Zucker, Zimt und Mandelkern

Zuerst wird das Eiweiß, dann der Zucker gerührt bis eine recht steife Masse entsteht und schließlich der Zimt dazugegeben. Ein Teil der Masse wird für die Glasur beiseitegestellt. Danach werden die gemahlenen Mandeln untergerührt. Der so entstandene Teig muss dann gut gekühlt werden. Für das Ausrollen wird der Untergrund mit gemahlenen Mandeln bestreut. Nachdem die Sterne ausgestochen sind, trägt man die Glasur auf. Das Backen erfolgt bei 150 Grad mit Ober- und Unterhitze, Backdauer ca. 20 Minuten. Das Ergebnis schmeckt sehr lecker.

Jahrzehnte sollte Friedrich Krafft die Böblingerinnen und Böblinger mit seinen Zuckerwaren verwöhnen. Am 4. Januar 1906 ist er als „Privatier“, also als Ruheständler, in Böblingen gestorben. Sein Sohn, ebenfalls mit dem Rufnamen Friedrich, übernahm das Geschäft und führte es fort.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Wilfried Kapp für die Bereitstellung der Dokumente sowie die Auskünfte über die Familie Krafft und bei Martina Elegban für die Durchführung des Backexperiments.