Böblinger Straßennamen im Wandel der Zeit
Ein Dokumentationsprojekt des Stadtarchivs
Projektvorstellung: Eine stadtgeschichtliche Aufarbeitung der Böblinger Straßennamen
Kompakt erklärt
Welche heutigen Straßen trugen zwischen 1933 und 1945 den Namen Adolf-Hitler-Straße? Wie kam es dazu, dass die Blumenstraße von 1930 heute drei unterschiedliche Straßen umfasst? Mit solchen Fragen befasst sich das neue Forschungsprojekt des Stadtarchivs Böblingen, welches im April 2026 gestartet ist. Nach dem kürzlich veröffentlichten Projekt „Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945)“, das auf der Website „Stadtgeschichte.boeblingen“ als frei zugängliches Themenmodul bereitsteht, richtet sich der Blick nun auf einen weiteren zentralen Aspekt der Stadtgeschichte: die Entwicklung der Straßennamen im Lauf der Zeit. Welche historischen Straßennamen gab es in Böblingen, wann sind sie aus unserem Stadtbild verschwunden? Welche (Um-)Benennungen wurden vorgenommen? Welche Zusammenhänge zeigen sich in der Wahl einzelner Straßennamen und dem jeweiligen Zeitgeist, der Böblingen damals prägte?
Erinnerungen gesucht – Straßennamen im Böblinger Volksmund
Das Projekt versteht sich zugleich als Angebot an die Stadtgesellschaft. Am Montag, 20. Juli 2026, lädt das Stadtarchiv um 18.30 Uhr zu einer Veranstaltung mit Kurzvortrag und Gespräch in den Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses ein (keine Anmeldung nötig). Interessierte erhalten dort Einblick in die laufende Forschung – und können eigene Erinnerungen einbringen: etwa daran, wie einzelne Straßen im Böblinger Sprachgebrauch einst genannt wurden.
Böblingen in den 1920er und 1930er Jahren - Ein Stadtporträt anhand seiner Adressbücher
Gut zu wissen! Ein FAQ zu Böblinger Straßennamen
- work in progress -
Ein näherer Blick (auf Straßennamen):
Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung – sie sind auch Träger von Geschichte. Geografische Bezeichnungen sind schon seit dem 12. Jahrhundert überliefert. Als verständliche Ortsangabe dienten schon früh Begriffe wie „Kirchhof“ oder „Rathausplatz“. Auch die Bezeichnungen "Sindelfinger Straße" oder "Herrenberger Straße" signalisieren uns noch heute recht offensichtlich den Zweck ihres Namens: nämlich, hin zu welcher benachbarten Stadt die betreffende Straße die Reisenden in ihrer Verlängerung führte.
Die Historikerin Franziska Conrad sieht in Straßennamen aber auch die Möglichkeit, Geschichte(n) einer Stadt und Teile ihres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Erbes zu archivieren und nach innen und außen zu kommunizieren. Das heißt, dass Straßennamen Themen spiegeln, die seinerzeit für wichtig erachtet wurden und den herrschenden Zeitgeist veranschaulichen. Der Erziehungs- und Sozialwissenschaftler Matthias Martens beschreibt sie treffend als „verfestigte kollektive Erinnerung“, in der Bedeutung und Symbolgehalt im Namen zusammenfließen. Die Böblinger Siedlung „Tannenberg“ verdeutlichte zum Beispiel den damaligen Böblingerinnen und Böblingern eindrücklich die lebendige Erinnerung an die siegreiche Schlacht bei Tannenberg im Ersten Weltkrieg – und nicht etwa die geografische Nähe zu den Tannen des Schönbuchs.
Straßennamen – von der räumlichen Beschreibung zur Ehrung
Seit dem frühen 19. Jahrhundert wandelte sich die Praxis der Straßenbenennung grundlegend: Unter dem Eindruck der napoleonischen Zeit traten an die Stelle rein beschreibender Bezeichnungen – der oben genannte „Kirchhof“ als der wortwörtliche Platz vor der Kirche – zunehmend Ehrungen von Persönlichkeiten und Ereignissen. Schlachtenorte wie Leipzig wurden auf Straßenschildern verewigt, eine Entwicklung, die die vielbeschworene Erbfeindschaft zu Frankreich im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Straßennamen wurden zu bewussten politischen Markierungen – ein Phänomen, das der Historiker Rainer Pöppinghege als „politische Zeichensetzung“ charakterisiert. Nach der Revolution 1918 benannte man Straßen dann nach verstorbenen demokratischen Repräsentanten oder nach der Republik an sich. Auch in Böblingen. Hier gab es so zum Beispiel um 1931 eine Weimarstraße, die nach 1933 einer Adolf-Hitler-Straße Platz machen musste.
Historische Stadtpläne mit ihrer Vielzahl an eingetragenen Straßennamen eröffnen so ein dichtes Geflecht von Bezügen: Sie verbinden geografische Orientierung mit Erinnerung an Personen, Ereignisse und frühere Deutungen. Zugleich werden Brüche sichtbar – durch städtebaulichen Wandel, massive politische Umbrüche wie durch die NS-Zeit oder schleichende gesellschaftliche Veränderungen. Auch der Zusammenschluss mit Dagersheim 1971 brachte diesbezüglich Herausforderungen, etwa im Umgang mit doppelt vorhandenen Straßennamen.
Das Böblinger Straßennamenprojekt
Das Böblinger Straßennamenprojekt verfolgt diese Entwicklungen anhand historischer Quellen und ordnet sie in ihre jeweiligen Zusammenhänge ein. Projektverantwortlich ist Samuel Schöll, der sein Studium der Geschichtswissenschaft an der Universität Tübingen im März 2026 mit dem Master of Arts abgeschlossen hat. Grundlage seiner Arbeit sind insbesondere Adressbücher, Gemeinderatsprotokolle sowie historische Karten und Stadtpläne, anhand derer Lage, Wandel und Datierung der historischen Straßen rekonstruiert werden.
Ziel des Projekts ist es, die heutigen Straßennamen Böblingens – einschließlich Dagersheims – systematisch in ihrer Entstehung und Entwicklung nachzuzeichnen und ihre historische Bedeutung zu erschließen. Wie spiegeln sich in den Straßennamen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Prägungen ihrer Zeit? Zugleich werden verschwundene Namen dokumentiert: Seit wann existieren sie nicht mehr, warum wurden sie geändert, und welche historischen Kontexte lassen sich rekonstruieren?
Namen mit Symbolkraft – Pflanze oder Mensch?
Manchmal sind Straßennamen schnell erklärt: der Marktplatz als Platz am Markt spricht Bände. Doch manchmal stößt die intuitive Deutung auf Herausforderungen: Bezieht sich die "Blumenstraße" ganz banal auf die Pflanzengruppe oder doch womöglich auf die schlesische Opernsängerin Bianka Blume (*1843-1896), den Gewerkschaftler August Blume (*1893-1970) oder eine andere Persönlichkeit mit dem gleichen Nachnamen – und wenn ja, welche Menschen werden im Böblinger Stadtbild damit bedacht und geehrt? Hier gilt es genauer hinzuschauen.
Die Bewertung von Straßennamen und ihre Wirkmacht in der Erinnerungskultur
Wenn eine Straße benannt wird – etwa die Hans Watzlik-Straße – dann wirken auf die Entscheidungsträger*innen die politischen und gesellschaftlichen Einstellungen, Wertmaßstäbe und Verhältnisse genau dieses Moments ein. Doch die Urteile und Bewertungen, anhand derer eine Straße benannt wird, unterliegen selbst dem Wandel und werden ihrerseits zu Zeitzeugnissen. Personen, die in früheren Zeiten einer Ehrung mit einem Straßennamen würdig erschienen, sind heute aufgrund ihrer Einstellungen und Handlungen zum Beispiel in der Zeit des Kolonialismus oder des Nationalsozialismus in die Diskussion geraten – und damit die auf sie verweisenden Straßennamen.
Viele deutsche Städte beschäftigen sich daher seit einiger Zeit mit der Frage: Wie soll eine Stadtgesellschaft mit Straßenbenennungen umgehen, deren Namensgeber*innen in ihrem Verhalten nicht mehr heutigen Wertvorstellungen entsprechen und den gesellschaftlichen, ethischen oder politischen Maßstäben, die für uns heute selbstverständlich sind, nicht mehr genügen?

Gibt es Straßennamen in Böblingen, die diskussionswürdig sind? Je nach Auswahl der Maßstäbe, die an Personen angelegt werden, fällt eine solche Liste der Straßennamen gewiss kürzer oder länger aus. Sachorientierten Diskurse und Debatten, die auf gut recherchierten Fakten beruhen, bereichern unsere Erinnerungskultur.
Das Stadtarchiv möchte diese sorgfältig erarbeiteten Grundlagen für alle stadtgeschichtlich interessierten Menschen anbieten. Als Beitrag zu einer lebendigen Debatte um Erinnerungskultur oder Denkanstöße für Umbenennungsdiskussionen sollen alle Böblinger Straßennamen der Gegenwart mit kurzen Infotexten auf der Homepage Stadtgeschichte öffentlich und transparent zum Nachlesen vorgestellt werden.
Die Machtübernahme in Straßennamen
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch den politisch motivierten Umbenennungen während der NS-Zeit. In vielen deutschen Städten wurden zentrale Verkehrsachsen nach 1933 demonstrativ in Adolf-Hitler-Straße umbenannt – häufig bisherige Hauptstraßen oder repräsentative Plätze. Diese Praxis war Teil einer gezielten symbolpolitischen Inszenierung: Durch die allgegenwärtige Präsenz des Namens im Alltag sollte Loyalität gegenüber dem Regime öffentlich sichtbar gemacht und ideologisch verankert werden. Die Umbenennungen – auch von Straßen, wie weiteren NS-Funktionären gewidmet waren – erfolgten meist rasch nach der Machtübernahme und wurden nach 1945 ebenso konsequent rückgängig gemacht. Auch in Böblingen wird aufgearbeitet, welche Straßen diese Namen trugen, wo sie sich im damaligen Stadtgefüge befanden und wie die Rückbenennungen konkret vollzogen wurden.
Untersucht wird zunächst der Zeitraum ab 1920, da mit den ersten offiziellen Böblinger Adressbüchern eine neue und ergiebige Quellengattung vorliegt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist für Oktober 2026 vorgesehen.
Das Stadtarchiv braucht DICH – Stadtgeschichte mitgestalten!
Gesucht werden historische Dokumente aus Privathaushalten, insbesondere aus der Zeit bis 1945, die Straßennamen in Böblingen und Dagersheim belegen oder Geschichten über einzelne Straßen erzählen. Das könnte ein altes Schild sein, ein Foto des Hauses damals oder die Bauakte der Großeltern, ein Stadtplan oder eine Anekdote, oder oder oder… wir freuen uns über jeden Vorschlag an stadtarchiv@boeblingen.de

