Zeitgeschichte seit 1945

VIPs in Böblingen. Stars und Sternchen im Hotel Mönig

Eine historische Postkarte zeigt das „Industrie-Hotel Mönig“ zur Frühzeit in den 1960ern, erst mit drei Etagen und ohne diecharakteristischen Balkone und den Außenzugang zum Weinkeller.

Stars und Sternchen gaben sich in Böblingen anno dazumal die Klinke in die Hand. Das Ehepaar Mönig kannte sie alle, gastierte die nationale wie internationale Prominenz doch meist im gleichnamigen Hotel an der Friedrich-List-Straße. Das Stadtarchiv übernahm zum Jahresende die Gästebücher des Hotels, die seit den 1960er Jahren von einem halben Jahrhundert Saus und Braus in Böblingen berichten.
 
Die Gästebücher
Im vergangenen Jahr schlossen sich die Hoteltüren, doch die Erinnerung an die Hotel-Legende lebt weiter in fünf prall gefüllten Gästebüchern. Groß und schwer, in Leder gebunden und mit sichtlich abgegriffenen, goldbedruckten Lettern auf den Einbänden liegen sie da. In ihnen sammeln sich hunderte von Einträgen. Zwar ist so manche Seiten etwas zerfleddert, dennoch sind sie allesamt mühevoll mit Fotos und Zeitungsausschnitten gespickt. Sie zeugen von Glanz und Gloria, von Jubel, Trubel, Heiterkeit, von Eskapaden und der großen Sause im Böblinger Nachtleben. Zwischen 1965 und 2000 trug sich ein, wer Rang und Namen hatte. Mit schwungvoller Hand firmierten sowohl Derrick-Darsteller Horst Tappert und Schauspielerin Uschi Glas als auch Theater- und Filmschauspieler Charles Regnier, der Magier Masafumi Sakoh und der Künstler Dieter Hallervorden. Küsschen gabs von Hildegard Knef, Lob von Musicalstar Shmuel Rodensky.
 
Das Hotel Mönig in Böblingen
Anfang der 1960er Jahre gründeten die Eheleute Mönig das zunächst zweistöckige Hotel. Damals war es noch ein Stockwerk niedriger. Zum Stammhaus gehörte ein Weinkeller. Der Ausbau folgte 1975 mit dem Aufschwung, den der Hotelbetrieb erlebte. Liest man die Gästebucheinträge seit 1965 Blatt für Blatt, kann man den Aufschwung regelrecht miterleben. In den Anfangsjahren des Hotels waren es zunächst vor allem Privatpersonen und Gruppen, die zu Veranstaltungen in der Umgebung anreisten, etwa zu den Deutschen Polizeimeisterschaften in Sindelfingen, Mitglieder des Verbands deutscher Sektkellereien e.V oder Gäste des Badischen Landesschweinezuchtverbandes. Dann kam die Zeit des großen Sports: In Böblingen gastierten in den späten 1960er Jahren Boxer wie Kid Spider oder Radfahrer wie Rolf Wolfshohl, Tischtennisspieler, Rad-Kunstfahrer zu ihren Wettkämpfen und Meisterschaften. Damals mischten sich auch bereits bekannte Gesichter aus der Film- und Fernsehwelt unter die Hotelgäste. Das waren etwa die damalige Miss Germany Sonja Ziemann., die Bamberger Symphoniker, der Musiker Erst Mosch oder die US-Sängerinnen The Willis Sisters. Das Hotel erarbeitete sich in den 1970ern einen Namen, der über Böblingen hinaus als gute Adresse für Musikerinnen und Musiker galt, für Popstars und diejenigen, die es werden wollten, für Schauspielerinnen und Kabarettisten, für Spitzensportlerinnen und andere kulturschaffende Talente. Das Hotel Mönig und sowohl die Sporthalle als auch die Kongresshalle waren gut eingespielte Kombinationen.
 
Die legendären Feiern
In der Weinstube mit ihren charakteristischen Fenstern, Gaststubentischen und im Schummerlicht der Hängelampen traf man auf Marika Rökk, Gunter Philipp oder Harald Leipnitz. Stolz lichtete sich Eugen Mönig mit Schauspieler Götz George, dem markanten Darsteller des Tatort-Kommissaren Schimanski ab, der sich zum x-ten Male in Hotel einquartiert hatte. Eine regelrechte Galerie an gerahmten Fotos der vergangenen Feiern im Hotel versetzte den neu angekommenen Gast in ein Ambiente zwischen nostalgischer Heimeligkeit und familiärer Feierstimmung. Ebenso stolz erzählt Hotelier Mönig noch heute davon, dass man seinerzeit auch deswegen zur geliebten Unterkunft für Stars und Sternchen wurde, da man sich ihren Bedürfnissen und Wünschen anzupassen verstand. Noch spät in der Nacht erhielt die Prominenz ein ordentliches Abendessen, wenn sie erschöpft und müde oder noch ganz im Rausch des Konzertes ihren Weg zurück ins Hotel fand.
 
Klatsch und Tratsch oder ein Stück Zeitgeschichte?
 
In den Gästebüchern findet man sowohl Klatsch und Trasch à la: Stürzte der Schauspieler und Entertainer der Show „Musik ist Trumpf“, Harald Junhnke, 1981 wirklich in Böblingen erneut ab? Die Einträge in den Gästebüchern, die nun im Stadtarchiv für alle Interessierten offenstehen, bedienen vor allem auch das Forschungsinteresse von so mancher Kultureinrichtung. So befasst sich aktuell eine Grazer Doktorarbeit mit der Geschichte der ORF BigBand aus Wien. Was hat diese mit der Böblinger Zeitgeschichte zu tun? Als Tourneeorchester von Peter Alexander trat das Jazz-Orchester in den 1970er Jahren auch mehrfach in der Böblinger Sporthalle auf und prägte damit als eine Band von vielen das kulturelle Leben für Tausende von Böblingerinnen und Böblingern, die die Konzerte besuchten. Wann war das ORF-Orchester tatsächlich in Böblingen? Die ebenso im Stadtarchiv überlieferten Konzertplakate und Sporthallen-Akten berichten von geplanten Auftritten – die Einträge im Gästebuch des Hotels Mönig zeugen am 15. Februar 1975 einen schwungvollen Abend.

Die Gästebücher

Die 700-Jahr-Feier 1953 – groß, größer, Großausstellung!

Der letzte Einblick in die Stadtgeschichte zu den Böblinger Polizeiberichten schloss mit dem Ausrücken der damaligen Ortspolizei. Die Alarmanlage der Stadtkasse hatte am späten Abend des 28. August 1953 lautstark Alarm geschlagen. Grund waren Böllerschüsse. Sie stellten sich als fulminanter, aber harmloser Abschluss des ersten Tages der „700-Jahr-Feier“ der Stadt heraus. Dieser Einblick in die Stadtgeschichte widmet sich jener rauschenden Festwoche, die sich nun zum 70. Mal jährt. Eine Vielzahl an Archivgut liegt im Stadtarchiv hierzu vor, das aktuell weiter erschlossen wird.

Ein Event der Superlative
 
Die sogenannte „Gross-Ausstellung“ 1953 war ein Event der Superlative: Man warb mit „520 Ausstellungs-Ständen, 60.000 qm Ausstellungs-Gelände, 11 Ausstellungshallen, 12.000 qm Leichtbau-Hallen und 8.000 qm Landwirtschafts-Ausstellung“. Eine imposante „Ehrenpforte“ an der Tübinger Straße eröffnete dem flanierenden Gast das große Festareal am Unteren See, das sich bis zur Herrenberger Straße erstreckte. 
 
Das Festprogramm vom 28. August bis 7. September war dicht. Nach einer Totengedenkstunde auf dem Friedhof – der Zweite Weltkrieg war weiterhin omnipräsent – eröffnete Bürgermeister Wolfgang Brumme die Festwoche feierlich im bedeutendsten Veranstaltungsort Böblingens der Zeit, dem Schönbuchsaal. In den kommenden zehn Tagen brummte die Stadt. Publikum und Presse waren begeistert vom Programm: Segelschleppflüge mit Abwurf von Flugblättern hoch über den Dächern, eine Kunstausstellung im Feierraum, ein Kammermusikabend, Festgottesdienste, ein Freiballonaufstieg, das Großfeuerwerk ‚1001 Nacht‘ am Unteren See, ein Kappellenwettstreit, gleich mehrere „große volkstümliche Modenschauen“, ein Heimatabend, diverse Sportveranstaltungen, zahlreiche Programmpunkte im Festzelt für 3.000 Menschen ein Vergnügungsparkt und vieles mehr. Das „Wunderland des Kindes“ beglückte Groß und Klein, denn als Fachschau mechanischer Spielwaren war Böblingen damit am Puls der Zeit.
Tagungen der Industrie- und Handelskammer und der Kreishandwerksmeister brachten eine weitere Dimension ins Tagesprogramm der Großausstellung. Zwei besonderen Highlights – der historische Festumzug und die Schlossberg-Freilichtspiele – setzten dem Programm schließlich die Krönung auf.
 
Der „große historische Festumzug“ und die Schlossberg-Freilichtspiele
 
Am Sonntag, den 30. August staunte ganz Böblingen über einen großen historischen Festumzug, der sich von der Stadtgrabenstraße über den Postplatz, durch die Breite Gasse zum Festgelände bewegte. In 27 „Bildern“ zogen reich geschmückte Wägen und aufwändig kostümierte Darsteller am Publikum vorbei: Sie präsentierten zunächst die Böblinger Geschichte in markanten Zeitabschnitten, daran anschließend folgten Wägen von Kreisgemeinden, Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie, mittels derer man die neue Böblinger (Nachkriegs-)Zeit zur Schau führte.
 
Mit der Uraufführung am Samstag, den 28. August, stellte das Festspiel „Um Freiheit, Recht und Ehr“ die Bauernschlacht bei Böblingen/Sindelfingen 1525 ins Zentrum. Friedrich E. Vogt, Studienrat am Goldberg-Gymnasium, hatte das Schauspiel für über 100 Mitwirkende eigens für die Feierlichkeiten auf Grundlage eines Manuskripts von Karl Bauer verfasst.
 
Auch die Gemeinschaftsleistung beeindruckte in vielfältiger Weise. Die umgebenden Ortschaften beteiligten sich am Festzug, im Chor und im Schauspiel waren zahlreiche Laien engagiert dabei. Auch die Bürgerschaft erhielt Tannenreisig, um ihre Häuser für den Umzug würdig zu schmücken.
 
Die Presse überschlug sich im Lob: Die Stuttgarter Zeitung verkündete am 28. August: „Es ist die größte Ausstellung dieser Art, die in den letzten Jahren in Baden-Württemberg veranstaltet worden ist. Schon jetzt zeichnet sich der Aufbau der Ausstellung ab, der der wirtschaftlichen Struktur der Jubiläumsstadt entsprechend gestaltet worden ist.“ Die Sonderausgabe des Böblinger Boten schrieb: „Böblingen hat wohl noch nie einen solch prachtvollen, historischen Zug erlebt“.
 
„Gross-Ausstellungen“
 
Großausstellungen lagen im Trend der 1950er Jahre. Das eifrige Sondieren der Stadtverwaltung im Vorjahr trug reiche Früchte. Nicht nur das beauftragte, ortsansässige Böblinger Planungsbüro Carl Lempertz übertrafen sich selbst. Auch die einzelnen Organisatoren, Vereine und Kunst- und Kulturschaffenden leisteten hervorragende Arbeit, sodass Böblingen im Nachhinein zur gefragten Adresse für Planungsexpertise und Kontakte wurde: Für die Freudenstädter Großaustellung vermittelte man später stolz den erfolgreich eingesetzten Kranwagen des US-Reparaturwerks, Landematten gingen nach Rothenburg ob der Tauber.  
 
Das Stadtjubiläum 1253 und die Erinnerungskultur
 
Als Festanlass galt die Stadterhebung Böblingens. Doch, wurde Böblingen im Jahr 1253 tatsächlich vom Dorf zur Stadt? Darüber lässt sich trefflich streiten, denn eine Urkunde zur Stadterhebung ist weder archivisch überliefert noch historisch bekannt. Das ist nichts ungewöhnliches, Böblingen teilt dieses Schicksal der Ungewissheit mit weiteren Städte der Region, zum Beispiel der historischen Reichsstadt Reutlingen.
 
Schon in der Publikation „Böblingen. Burg, Dorf, Stadt“, die der damals gewichtige Heimatgeschichtsverein für Schönbuch und Gäu e.V. für die Festwoche zur 700-Jahrfeier zusammen mit der Stadt erarbeiten ließ, ordnete man die fehlende Quellengrundlage kritisch ein: „Im Blick auf unsere Stadt wird man sich mit der Angabe begnügen müssen, daß Böblingen um 1250 Stadtrecht erhielt.“
 
Was machte im Spätmittelalter eine Stadt zur Stadt? Nicht unbedingt das Stadtrecht. Auch Stadtmauern, das Marktrecht, ein Rathaus für eine aktive Bürgerschaft aber auch eine zentrale Bedeutung für die umgebenden Ortschaften sind für die heutige Geschichtswissenschaft einige der Faktoren, die darauf hindeuten können, dass eine mittelalterliche Siedlung als Stadt galt und bei den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen auch als solche wahrgenommen wurde.
 
Der erste sichere Nachweis für die bereits bestehende Stadt Böblingen findet sich erst in einer lateinischen Urkunde vom 23. Juli 1272, die eine Bürgerschaft von Böblingen anführt. Jüngere archäologische Untersuchungen grenzen aber beispielsweise den Baubeginn der heute noch in kleinen Teilen bestehenden historischen Stadtmauer an der Unteren Gasse bereits auf einen groben Zeitraum zwischen 1250 und 1300 ein.
 
Die Forschung der letzten Jahrzehnte deutete die weiteren vorhandenen Schriftquellen etwas zurückhaltender als noch 1953. Im einschlägigen Werk für die Böblinger Stadtgeschichte „Vom Mammutzahn zum Mikrochip“, das die Stadt zum 750. Geburtstag 2003 veröffentlichte, rückte man die Stadtwerdung Böblingens weiter hin zu den 1260er Jahren. Die Wissenschaftler stellten ihre Entwicklung zu einem Herrschaftszentrum in der Region in eine zeitliche Nähe zur Stadtgründung Sindelfingens im Jahr 1263: „Die Existenz der Stadt Böblingen lässt sich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht beweisen, sie zeichnet sich aber durch die bereits eingenommenen Funktionen ab.“ So zeugt ein zwischen 1255 und 1260 agierender Schreiber von Böblingen („scriba de Bebelingin“) von einem wichtigen Verwaltungsbeamten der damals hier herrschenden Pfalzgrafen von Tübingen, der wohl aus Böblingen stammte. Vielleicht lernte er die für sein Amt notwendigen Schreib- und Verwaltungstechniken bei seiner Arbeit in Böblingen, die damit städtische Verwaltungsstrukturen gehabt hatte.
 
1953 traf man also eine politische Entscheidung, indem man mit der Großausstellung ‚700-Jahre Böblingen‘ die Stadtwerdung auf anno 1253 festlegte: Drei Jahre nach einer gelungenen und groß angelegten Leistungsschau von Handwerk, Handel und Industrie der Stadt und des Kreises Böblingen (1950) blickte man weiter in die Vergangenheit zurück und besann sich auf die mittelalterlichen Wurzeln der Stadtgemeinschaft, die man als Ausgangspunkt für einen ausgedehnten Gewerbe- und Handelsstand der Gegenwart fasste.
 
Ob Böblingen 1253 schon als Stadt galt oder erst auf bestem Weg dahin war, kann man auch als nachrangig für die Festlichkeiten von 1953 bewerten. Denn die Erinnerung an ein überwältigendes Stadtfest bleibt bis in die Gegenwart. Die 700-Jahrfeier sorgte in der damaligen Böblinger Gesellschaft in der schwierigen Nachkriegszeit für einen gesellschaftlichen Auftrieb als Stadtgemeinschaft, für heimatlichen Stolz außerhalb einer noch keine zehn Jahre zurückliegenden NS-Ideologie und für Anerkennung in der Region sowohl für die gegenwärtige Wirtschaftskraft als auch für eine gelungene Festplanung. Der erste Bürgermeister der Nachkriegszeit, Wolfgang Brumme, fand starke Worte: „An dem Fest unserer Stadtgeschichte, an der 700-Jahrfeier, wollen wir uns des Werts eines richtig verstandenen Gemeinschafts- und Bürgersinnes erinnern, der auch uns befähigt, die noch vor und liegenden Aufgaben zu Nutz und Gedeihen unserer Stadt und ihren Bürgern zu lösen.“

Das Festplakat von 1953 – heute eine Archivalie im Stadtarchiv Böblingen
Das ‚Kinderfest‘ mit Umzug gestaltete das Finale der Feierlichkeiten am Montag, den 7. September 1953.  
Auch der legendäre Ritter Bobilo und sein Gefolge luden zum Eintauchen in die Vergangenheit ein.

Die Böblinger Stadtpolizei vor 70 Jahren - Unfälle, Unzucht, Unfug.

Polizeiberichte aus dem Jahr 1953

Der heutige Einblick in die Stadtgeschichte befasst sich mit historischen Polizeimeldungen. Als sogenannte „Tätigkeitsberichte der Stadtpolizei Böblingen“ sind sie aus der Nachkriegszeit im Stadtarchiv überliefert. Diese Protokolle werden aktuell archivfachlich erfasst – auch jene aus dem Jahr 1953. Was erzählen uns diese Quellen über Böblingen vor 70 Jahren?

Die Gemeindepolizei Böblingen
 
1953 führte Oberkommissar Bezner das Polizeiamt in Böblingen mit seinen 18 Beamten. Die städtische Polizei war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf Druck der US-Militärregierung entstanden, um die vormaligen Machtstrukturen zu dezentralisierten. Städte mit mehr als 5.000 Einwohnern mussten nun eine eigene kommunale Polizei unterhalten. Im Unterschied zu heute unterstand das städtische Polizeiamt dem örtlichen Bürgermeister, dem damals frisch wiedergewählten Wolfgang Brumme. Erst zum 1. April 1956 erfolgte die Verstaatlichung der Böblinger Stadtpolizei, deren übergeordnete Verantwortung von der Gemeinde auf das Landespolizeikreiskommissariat mit einer neu eingerichteten Landespolizei-Abteilung Böblingen-Stadt überging.
 
Zwischen 1946 und 1948 agierte die Böblinger Stadtpolizei parallel zu einer Sonderpolizei, der sogenannten „Constabulary“, einer (Grenz-)Polizeitruppe der US Army. Stationiert an der Panzerkaserne befasste sie sich vornehmlich mit Vorkommnissen an der Grenze zwischen der amerikanischen und französischen Besatzungszone. Stadtpolizei und US-Polizeitruppe führten aber auch gemeinsame Streifen im Stadtgebiet Böblingens durch, die bereits damals insbesondere Schwarzhandel und Prostitution zur Anzeige brachten. Doch dazu später mehr.
 
Die Tätigkeitsberichte der Polizei
 
Die städtische Polizei erfasste damals wie heute täglich die „besonderen Vorkommnisse“, die sich im Verlauf des Dienstes ereigneten. Die mit Schreibmaschine verfassten, meist ein bis zweiseitigen Protokolle gingen nicht nur zu den Akten, sondern landeten als Durchschläge sowohl auf den Schreibtischen im für sie zuständigen Bürgermeisteramt, als auch im Amt für öffentliche Ordnung und auf der Polizeiwache. Über die Jahre füllten sich die Ordner, die uns heute spannende Einblicke in die Welt der damaligen Ordnungswidrigkeiten und Straftaten bieten. 
 
Die „besonderen Vorkommnisse“
 
So manches ereignete sich in Böblingen vor 70 Jahren an einem gewöhnlichen Tag. Neben „leichten und mittleren Verkehrsunfällen“, die sich so gut wie an jedem Tag in den Berichten finden, Einbruchdiebstählen, fehlender Beleuchtung an Fahrgeräten (auch Handwägen!) und „Schutzhaft wegen Trunkenheit“, scheinen aber auch die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens und die materielle Not im Böblingen der Nachkriegszeit durch:
 
Der led. Hilfsarbeiter Stefan W. und der led. Landwirt Ludwig F., nähere Personalien nicht bekannt, haben Mitte Dezember 1953 zum Nachteil der Besatzungsmacht in der Panzerkaserne Böblingen in Kellerräumen eingebrochen und Bekleidungsstücke im Werte von 200.-DM entwendet.“ 
 
Böblingen war im Jahr 1953 noch immer von Wohnungsmangel wegen der Folgen des Zweiten Weltkriegs gekennzeichnet. Das städtische Bauamt versuchte dem wilden Bau zu begegnen. Im damals am Stadtrand liegenden Stadtteil Steinung schlug der ledige Angestellte Walter S. gleich mehrfach alle Auflagen, Warnungen und Belehrungen in den Wind und errichtete ein Wohnhaus. An anderer Stelle entledigte sich ein Lastwagenfahrer der bei Baumaßnahmen ausgehobenen Erde rücksichtslos am Oberen See.
 
Veronika, Dankeschön“. Konflikte mit den stationierten US-Soldaten
 
Auch zwischenmenschliche Beziehungen zu den weiterhin in Böblingen stationierten Mitgliedern der vormaligen US-Besatzungsmacht tauchen immer wieder in negativem Licht auf. (Naturgemäß überliefern die Polizeiprotokolle natürlich nur Konfliktfälle und werfen kein Licht andere Seiten des Miteinanders.) So ermittelten die Polizisten, dass der Freund der ledigen Haushaltsgehilfin Luise D., ein US-Soldat, für eine „erhebliche Verunreinigung“ des Lerchenwegs in der Siedlung Tannenwald verantwortlich war. Er hatte Papiertüten mit Kinder- und unbrauchbarer Damenwäsche als auch Brotzeitreste weggeworfen. Auch das Hupen eines Lkws, der US-Soldaten aus der Gaststätte Jaiser abholte, sorgte 1953 für Unmut in der Gesellschaft. Der Schreiner Mustafa B. kam bei einer Kontrolle der Fliegerhorstkaserne in den Konflikt mit den Gesetzeshütern, die ihn des Schwarzhandels mit US-Zigaretten bezichtigten. Als weiterer Umschlagplatz für Schwarzhandelsware galt schon während der Phase der Militärregierung in den späten 1940er Jahren der Postplatz, der 1953 gerade im Umbau war.
 
Die ledige Arbeiterin Elisabeth O., „zur Zeit ohne festen Wohnsitz“, wurde, so protokollierten die Polizisten, „wegen Landstreicherei und gewerbsmäßiger Unzucht“ bei der Amtsanwaltschaft Stuttgart zur Anzeige gebracht. Verstoße dieser Art nehmen in den Akten von 1953 einen beachtlichen Teil ein: Die aus Kopenhagen stammende Haushaltsgehilfin Gerda N., die in der US-Siedlung lebte und arbeitete, führten die Beamten wegen der Lues-Erkrankung dem Böblinger Gesundheitsamt und dem Arzt Dr. Fuhrmann zur Behandlung vor. Unter diesem Namen war Syphilis geläufig. Diese und andere Geschlechtskrankheiten (versteckt unter dem Kürzel „GK“) stellte die damalige Stadtpolizei auf Erlass des Innenministeriums bereits seit 1946 als Verdacht in den Raum, wenn sie Frauen wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“ und „Ausweislosigkeit“ aufgriffen. Anzeigen wegen Prostitution erfolgten wöchentlich, teilweise täglich. Nicht nur junge Böblingerinnen, auch ledige Frauen aus der nahen und fernen Umgebung zu den Standorten der US-Kasernen, die sogenannten „Fräuleins“, prostituierten sich in der Nachkriegszeit für Zigaretten, Kaffee oder Strümpfe. Solche Genussmittel und fehlende Alltagsgüter verkauften sie (oft zum Unterhalt ihrer Familien) teuer auf dem Schwarzmarkt oder vermittelten sie an ihre Wohnungsgeber.
 
Schon 1950 hatte die Stadtverwaltung Böblingen einen Hilferuf ans Innenministerium geschickt, dass die Prostitution die öffentliche Sicherheit sowie die „Sitte und Moral“ der Stadt gefährdete. Die Stadtpolizei sei ohnmächtig gegenüber den rund 200 „Veronikas“, die sich pflichtgemäß als „vorübergehender Besuch“ anmeldeten. (Der Name leitete sich durch die öffentlichen Plakate mit Warnungen an die US-Soldaten vor V.D., „Veneral Diseases“, Geschlechtskrankheiten, ab, die der Volksmund zu „Veronika, Dankeschön“ verballhornte.)
 
Spätestens mit dem Ende der Zwangsbewirtschaftung des Wohnraums ebenfalls im Jahr 1953 hatten sich wiederum ganze Familien für „Kuppelei“ zu verantworten, etwa, wenn sie verdächtigt wurden, einzelne Zimmer zu erhöhten Preisen an Mädchen zu vermieten und „dabei duldeten, daß US-Soldaten mit den betr. Mädchen im Zimmer nächtigten.“ In den Böblinger Polizeiberichten nehmen die Anzeigen für wilde Prostitution zum Ende der 50er Jahre deutlich ab, was sowohl auf den bundesweiten ökonomischen Aufschwung im Zuge des ‚Wirtschaftswunders‘ als auch auf strukturelle Änderungen innerhalb der US-Army zurückzuführen ist.
 
Moral und Gesellschaft
 
Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen in der damaligen Bevölkerung scheinen auch in anders gelagerten Delikten in den Polizeiberichten durch. Die Furcht vor Schlägen sorgte beispielsweise dafür, dass der Professorensohn Klaus P. aus seinem elterlichen Haus entwicht. Ein anderes, weit weniger präsentes gesellschaftliches Problem zeigte sich in den Polizeianzeigen durch Böblinger Apotheker. Rauschgiftsüchtige und heimgekehrte Kriegsversehrte versuchten anhand von gefälschten Rezepten an Betäubungsmittel zu gelangen, etwa das in den frühen 50-er Jahren aufkommende Polamydon.
 
Schmunzeln lassen zwei Anekdoten zu guter Letzt. Mitten in einer winterlichen Nacht griffen die Polizisten den ledigen Sattler Rudolf F. auf, der sich nun für den Tatbestand des „Groben Unfugs“ zu verantworten hatte: Er war „durch das offene Fenster der Gastwirtschaft Klaffenstein eingestiegen, um noch ein Glas Bier zu bekommen.“ Die Alarmanlage der Böblinger Stadtkasse rief die Polizisten wiederum in der Sommernacht des 28. Augusts 1953 auf den Plan, die, wie die Beamten nüchtern feststellten, wegen Böllerschüssen auf dem Schlossberg Alarm geschlagen hatte. Was war passiert? Eine Aufführung am Schloss hatte lautstark den Auftakt zu den mehrtägigen Festlichkeiten zur 700-Jahrfeier der Stadt gegeben, die sich dieses Jahr ebenfalls zum 70. Mal jähren. Dieser besonderen Veranstaltung im Sommer 1953 nimmt sich ein nächster Einblick in die Stadtgeschichte Böblingens an.
 

Fotos aus: Walcher, Wolfgang: Vom Landespolizei-Kommissariat zur Polizeidirektion Böblingen. Zeitgeschichtliche Dokumentation über die Aufgaben und Organisationsstrukturen der Landespolizei in Württemberg. Die Jahre 1945-1975 (Veröffentlichung des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V. Bd. 21) Böblingen 1998.
Auf dem Parkplatz beim Zollamt: Die Dienstkraftfahrzeuge des Landespolizei-Kommissariats Böblingen 1950
Notdürftige Absicherung einer Unfallstelle. Aufnahme durch die Motorrad-Streife des Landespolizei-Kommissariats Böblingen 1948
Eine außergewöhnliche Unfallaufnahme vom 13. Februar 1951: Ein überladener LKW bricht durch die Fahrbahn der Bergstraße in Dagersheim

60 Jahre Große Kreisstadt Böblingen

Stadtwappen Böblingen

Am Freitag, den 16. Januar 1962 fand man sich um 19 Uhr im Städtischen Feierraum ein. Anlass war die Erhebung Böblingens zur Großen Kreisstadt. Stadtarchivarin Tabea Scheible blickt auf die Feierlichkeit, die sich nun jüngst zum 60. Mal jährte.
 
Der Festakt, der mit Ansprache von Ministerpräsident Kiesinger unter vielen Zuschauer:innen begangen wurde, mündete in einem Abendessen im Hotel „Haus der Heimat“. Oberbürgermeister Brumme verglich die Bedeutung mit jenem Tag im 13. Jahrhundert, als die Pfalzgrafen zu Tübingen dem Sitz ihrer Seitenlinie das Stadtrecht verliehen hatten.
 
Über die Jahrhunderte entwickelte sich Böblingen von der spätmittelalterlichen Amtsstadt bzw. Oberamtsstadt (1759), die als herrschaftlicher Verwaltungsmittelpunkt der Herzöge von Württemberg im gleichnamigen Amtsbezirk Böblingen fungierte, zur industrialisierten Kreisstadt im 20. Jahrhundert. Das natürlich keineswegs gradlinig und keineswegs ohne Reibungen.
 
Was bedeutete nun die Erhebung 1962 zur Großen Kreisstadt für Böblingen? Die Große Kreisstadt Böblingen blieb wie je her kreisangehörig zum Landkreis Böblingen, bekam aber Zuständigkeiten der Unteren Verwaltungsbehörde. Das heißt, dass die Stadt von nun an wesentliche Aufgaben selbst übernahm, die auf der hierarchischen Verwaltungsebene des Landratsamtes liegen. Wolfgang Brumme führte außerdem von nun an die Amtsbezeichnung Oberbürgermeister.
 
Der eigentliche Verwaltungsakt war bereits einige Wochen zuvor umgesetzt worden. Nach Bekanntmachung des Innenministeriums des Landes Baden-Württemberg wurde Böblingen am 1. Februar 1962 zur Großen Kreisstadt erklärt, wie ebenso Biberach an der Riss, Nürtingen, Waiblingen und das benachbarte Sindelfingen. Der Böblinger Gemeinderat hatte dem Antrag des Verwaltungsausschusses bereits im Mai 1961 einstimmig zugestimmt. Man war gewillt, die Belastungen zu stemmen, die aus dem neuen Rang resultierten. Und auch das Kriterium, mindestens 20.000 Einwohner:innen zu zählen, erfüllte man. Im April 1961 hatten bereits 25.132 Menschen ihren amtlichen Wohnort in Böblingen.
 
Die Erhebung der Stadt zur Großen Kreisstadt sah der frisch gebackene Oberbürgermeister Brumme als Auszeichnung für die geleisteten Entwicklungen auf dem Weg zu einer modernen Stadt. In der Tat wird die Dynamik und die wirtschaftliche Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit deutlich, wenn sie vor dem Hintergrund der Böblinger Verhältnisse eine gute Dekade zuvor betrachtet wird: Im Zweiten Weltkrieg waren etwa vierzig Prozent der Stadt zerstört worden, noch 1950 zählte man erst 12.601 Einwohner:innen. Die Erschließung neuer Baugebiete und der Wiederaufbau von Wohnraum in der Stadt gehörte damals zu den dringlichsten Aufgaben.
 
Ein zeitgenössischer Gedichtauszug in schwäbischer Mundart hielt den Stolz der Bürgerschaft über den neuen Status für die Nachwelt fest:
 
„Schwemmbad, Strassa, Häusla –
Älles hot er [OB Brumme] baut –
Schuala, Gschäft, Fabrikla –
Des hot scho naghaut!!
 
Voller Stolz jetzt zeigt sich
de ganz Bürgerschaft:
„Große Kreisstadt semmer!
Wia hen mir des gschafft!!!“

Böblingen 1945–1948 – Bürgermeister einer Übergangszeit

Wolfgang Brumme war Oberbürgermeister in Böblingen von 1948 bis 1986 und unmittelbarer Vorgänger von Alexander Vogelgsang, der 2010 in den Ruhestand wechselte. Ihr langes und erfolgreiches Wirken war so prägend, dass dabei häufig ihre zwischen 1945 und 1948 wirkenden Amtsvorgänger übersehen werden.

„Es ist wert, sie in Erinnerung bringen, führten sie die Stadt doch durch eine schwierige Übergangszeit“ so Dr. Christoph Florian, Böblingens Stadtarchivar. Mit seiner Infrastruktur lag Böblingen in Trümmern, das tagtägliche Leben der Bewohner musste aufrechterhalten werden, obdachlose Personen – darunter viele Flüchtlinge – benötigten Wohnraum, die Anordnungen der Besatzungsmächte mussten ausgeführt und auch der Aufbau demokratischer Strukturen gemeistert werden.

Daher verdient auch der unmittelbare Beginn der Nachkriegszeit in Böblingen Aufmerksamkeit.

Wiederaufbau in Böblingen
– der Marktplatz Anfang der 1950er Jahre

Nach der Einnahme Böblingens am 22. April 1945 bestätigte die französische Militärregierung den geschäftsführenden Bürgermeister Nißler in seinen Funktionen. Friedrich Nißler, am 13. Juli 1895 in Sindelfingen geboren, hatte nach 1918 am Böblinger Amtsgericht gearbeitet, war einige Jahre Bezirksnotar im hohenlohischen Forchtenberg und seit 1936 in der gleichen Funktion in Böblingen. Seit Juni 1940 stellvertretender Bürgermeister nahm er die Amtsgeschäfte für den in die Wehrmacht eingezogenen Bürgermeister Röhm war. Sein Gestaltungsraum war denkbar gering und er konnte lediglich die Anweisungen der französischen Militärregierung entgegennehmen und ausführen.Nach kurzer Zeit nämlich am 1. Juni 1945 wurde Nißler abgesetzt. Die Gründe sind nicht ersichtlich, möglicherweise war er als ehemaliges Mitglied der NSDAP und hochrangiger kommunaler Amtsträger für die französische Besatzung nicht mehr tragbar. Wenig später am 7. Juli 1945 kam dann Böblingen mit dem gesamten Landkreis an die amerikanische Besatzungszone. Nachfolger Nißlers wurde der am 26. September 1884 in Oberkochen geborene Georg Hengstberger. Dieser war seit etwa 1912 in Böblingen als Anwalt tätig und nach 1945 am Aufbau der liberalen Demokratischen Volkspartei mitbeteiligt.

Hengstberger wechselte nach seinem Amts antritt Teile des Rathauspersonals aus.

Zugleich musste er sich mit der immer drückender werdenden Wohnungsnot auseinandersetzen. Ende November 1945 trafen die ersten Flüchtlinge – Bessarabiendeutsche – ein. Es sollten immer mehr werden. Hengstberger hatte sich nur als Übergangslösung zur Verfügung gestellt und betrachtete sich lediglich als Amtsverweser. Im Oktober 1946 wurde er dann Landrat des Kreises Böblingen. Daher hatte schon zuvor die große Suche der Rathausfraktionen nach geeignete Kandidaten begonnen. Die SPD und die KPD wurden fündig und nominierten den Gemeinderat und Arbeitsamtleiter Gottlob Baisch als Bürgermeisterkandidaten. Der am 13. März 1878 in Böblingen geborene Baisch hatte von 1919 bis 1933 die SPD im Böblinger Gemeinderat vertreten. Die DVP hingegen stellte den Kaufmann Richard Müller auf. Am 12. September 1946 konnte sich dann Müller im Gemeinderat mit zehn zu acht Stimmen gegen Baisch durchsetzen. Richard Müller, geboren am 8. März 1880 in Stuttgart, hatte leitende Funktionen im Hotelgewerbe, in der Industrie und bei der Lufthansa bekleidet und führte seit dem 11. Oktober 1945 die Amtsgeschäfte des Stadtpflegers (Stadtkämmerers). Auch Müller war lediglich geschäftsführender Bürgermeister mit dem Titel „Bürgermeister-Amtsverweser“.

Im Frühjahr 1948 stand dann die Direktwahl des Bürgermeisters an.

Im Wahlkampf 1948 wurde mitunter
mit harten Bandagen gekämpft.

Es kandidierten der mittlerweile 67-jährige Müller, Baisch mit 69 Jahren – und erstmals der im Innenministerium tätige 27-jährige Regierungsinspektor Wolfgang Brumme. Der gebürtige Tübinger Brumme kandidierte als Parteiloser. In der ersten Runde am 15. Februar erreichte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit. Bei 6.707 Wahlberechtigten betrug die Beteiligung 63 Prozent. Es führte der Amtsinhaber mit 1.910 Stimmen, gefolgt von Wolfgang Brumme mit 1.336 Stimmen, an dritter Stelle Gottlob Baisch mit 902 Stimmen. In der Stichwahl überholte dann Brumme den Amtsinhaber mit 2.751 zu 2.048 Stimmen. Am 24. März wurde Wolfgang Brumme regulär in das Amt des Bürgermeisters eingesetzt. Damit war die Epoche der geschäftsführenden Bürgermeister in Böblingen beendet. Friedrich Nißler, blieb auch nach seiner Absetzung Bezirksnotar, und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1959 inne. Auch Gottlob Baisch übte sein Mandat als Gemeinderat weiter bis zu seinem Tod 1952 aus. Der unterlegene Amtsinhaber Müller schließlich starb 1963. Wolfgang Brumme sollte nach 38 ereignisreichen Jahren als Stadtoberhaupt 1986 in den Ruhestand gehen. Am 20. Oktober 1999 starb er dann im Alter von 79 Jahren.

„Polnische Kindergräber“ auf dem Alten Friedhof

Am Ende des alten Abteils des Alten Friedhofs, nahe einem Brunnen steht zum Teil durch einen Baum beschattet eine einsame Gruppe von 32 Grabsteinen. Einige Steine sind verwittert und kaum lesbar, andere wiederum wurden durch neue Grabsteine ersetzt. Auf einigen Gräbern sind kleine Engelsfiguren angebracht. Ein Blick auf die in Stein gemeißelten Lebensdaten zeigt, dass es sich hier ausschließlich um Kindergräber handelt. Manche Kinder starben unmittelbar bei der Geburt, andere wurden wenige Jahre alt.
Es handelt sich hier um die Gräber polnischer Kinder sowie eines kleinen deutschen Jungen. Die Grabstätten sind etwa zwischen 1945 und 1950 entstanden. Der nachdenkliche Betrachter fragt sich natürlich, welche Schicksale dahinter stehen. Warum sind die Kinder gestorben, wo kommen sie her, wer sind ihre Eltern, wo haben sie gewohnt und warum befinden sich die Kindergräber ganz einsam in dieser Ecke?

Hinweise dazu finden sich in den standesamtlichen Sterbebüchern, welche im Stadtarchiv liegen.

Dort sind die Lebensdaten einiger Kinder schriftlich festgehalten. Sie starben an damals für Kinder nicht ungewöhnlichen Ursachen, wie z.B. Keuchhusten oder angeborenen Erkrankungen. Die Gemeinsamkeit der meisten Kinder besteht darin, dass die Kinder und ihre Eltern im so genannten Polenlager lebten. Was hat es mit dem Lager auf sich? Dieses Lager wurde nach seiner Einrichtung 1945 zunächst von der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRA) betreut, welche sich nach dem Zweiten Weltkrieg um Flüchtlinge kümmerte. Damals gab es in Deutschland zahllose Menschen, vor allem aus Osteuropa und anderen Teilen, welche zur Zwangsarbeit verschleppt worden und Insassen von Konzentrationslagern gewesen waren oder aus sonstigen Gründen fern ihrer Heimat waren. Es handelte sich um die so genannten Displaced Persons (DP). 1947 übernahm dann die Nachfolgeeinrichtung die International Refugee Organization (IRO) die Lager. Aufgaben der UNRA und dann der IRO waren die Betreuung der Lager und vor allem die Zurückführung der DPs in deren Heimat und später die Organisation der Auswanderung nach Übersee oder Integration in Deutschland.

Das DP-Lager in Böblingen befand sich auf dem Flugfeld. Es handelte sich dabei genau genommen um zwei Lager, eines für russische und eines für polnische DPs. Im Juli 1945 umfasste das russische Lager 2.800 Bewohner, während es im polnischen Lager 82 Personen waren. Die Bewohner wurden mit Nahrungsmitteln versorgt. Ebenso bekamen sie medizinische Betreuung, so gab es im Lager eine Krankenstelle mit Ärzten und Schwestern. Zusätzlich wurden Lagerbewohner im Böblinger Kreiskrankenhaus oder im Sindelfinger Krankenhaus behandelt. Im Böblinger Krankenhaus sind dann nachweislich einige der Kinder des polnischen Lagers gestorben. Die hygienischen Verhältnisse im Lager waren sicherlich nicht gut. Ein Teil der DPs lebte außerhalb des Lagers.
Das DP-Lager auf dem Flugfeld bestand bis zum Jahr 1950, gemäß einer Anordnung der Militärregierung musste es dann bis zum 15. Oktober 1950 geräumt werden. Die noch verbliebenen 580 Personen mussten in denjenigen Orten untergebracht werden, in denen sie – bzw. die erwachsenen Lagerbewohner – arbeiteten.

Ursprünglich waren die heute bestehenden Kinder gräber von anderen Kindergräbern umgeben, denen dieser Bereich des Friedhofs vorbehalten war.

Nach und nach wurden die anderen Kindergräber aufgelassen, so dass am Ende nur noch die vereinzelte Gruppe von Gräbern übrig blieb. Die Gräber polnischer Kinder wurden dann als „öffentliche Gräber“ aufgrund der Schutzbestimmungen des „Gesetzes über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ (kurz Gräbergesetz) von 1965 vor der Auflassung geschützt und blieben daher bis heute bestehen. In den Jahren 1998 und 1999 wurden aufgrund einer Anregung aus der Böblinger Bürgerschaft heraus die mittlerweile verwitterten Grabsteine restauriert oder wenn nicht mehr vorhanden, durch neue ersetzt.
So sind die Kindergräber auf dem Alten Friedhof uns auch heute noch letztendlich eine anrührende Erinnerung an die Grausamkeiten und Verbrechen im Zweiten Weltkrieg sowie deren mittelbare und unmittelbare Folgen.

Der Rauhe Kapf

Eine Siedlung feiert ihr fünfzigjähriges Jubiläum

In diesem "EinBlick in die Stadtgeschichte" beschäftigt sich Stadtarchiv Dr. Christoph Florian mit Böblingens kleinstem Stadtteil, der architektonisch bedeutenden und mittlerweile zu einem Kulturdenkmal erhobenen Siedlung Rauher Kapf. Gründe für die Besiedelung vor 50 Jahren waren die Wohnungsnot, Baulandmangel und das IBM Forschungslabor.

Die Siedlung Rauher Kapf ist auf einer „grünen Wiese“, besser gesagt in einem „grünen Wald“ entstanden. Das Gebiet war bis zum Bau des Stadtteils vor nunmehr 50 Jahren wohl immer unbesiedelt gewesen. Es sind keine archäologischen Siedlungsfunde bekannt. Erst für die Zeit um 1830 ist der Gebiets- oder Flurname "Rauher Kapf" schriftlich nachweisbar. Frühere Belege konnten bisher nicht ermittelt werden. Um trotzdem etwas aus der Vergangenheit zu erfahren, muss man sich mit der Etymologie des Namens beschäftigen, also der Bedeutungsgeschichte der Geländebezeichnung "Rauher Kapf" nachgehen.

Ein Aussichtsberg

Der Name klingt nicht alltäglich, ja sogar ein wenig fremd, seine Bedeutung ist aber einleuchtend. Er kommt nämlich vom mittelhochdeutschen „kapfen, das heißt schauen, besonders verwundert schauen oder gaffen. Auch was den Namensbestandteil „Rauher“ betrifft, lohnt sich ein Blick in die Fachliteratur: Dort heißt es „rauh [...], für unebenen und steinigen, unfruchtbaren und dichtbewachsenen Untergrund […]“. Der Namen "Rauher Kapf" bezeichnet also einen Aussichtsberg mit einem ungünstigen oder unfruchtbaren Boden.

Der Namen muss zu einer Zeit entstanden sein, als der Berg gerodet war und vielleicht als Schafweide diente. Durch das Fehlen der Bäume hatte man eine fantastische Sicht. Der Blick auf die württembergische Forstkarte von Andreas Kieser aus dem Ende des 17. Jahrhunderts zeigt, wie der Rauhe Kapf damals genutzt wurde. Es war – wohl wieder – ein Waldgebiet.

Ein verträumtes Waldstück

Man bekommt den Eindruck eines verträumten Waldstücks, das in beschaulicher Ruhe auf die Erfüllung seines Schicksals in der Mitte des 20. Jahrhunderts harrte. Der Umstand, dass der Böblinger und auch der Schönaicher Verschönerungsverein 1911 an der Gemarkungsgrenze auf dem Rauhen Kapf eine Aussichtsplattform anlegte, verstärkt diesen Eindruck.

Doch diese Vorstellung einer idyllischen Ruhe täuscht etwas, denn unmittelbar nördlich des Rauhen Kapfes verlief seit 1922 eine Nebenstrecke der Schönbuchbahn. Ursprünglich sollte dieses Bahn bis Waldenbuch führen, schließlich blieb vom Projekt nur noch eine kleine Stichbahn übrig. Die Verbindung erstreckte sich vom Bahnhof Schönaicher First (jetzt Zimmerschlag) bis Schönaich und war ganze drei Kilometer und 30 Meter lang.

Die Geschichte dieser Nebenstrecke war allerdings nur von kurzer Dauer. Nicht zuletzt die große Konkurrenz durch den Busverkehr führte dazu, dass schon 1954 der Personenverkehr eingestellt wurde. Der Güterverkehr folgte dann 1959. Der Gleise wurden größtenteils herausgerissen.

Die Geschichte dieser Nebenstrecke war allerdings nur von kurzer Dauer. Nicht zuletzt die große Konkurrenz durch den Busverkehr führte dazu, dass schon 1954 der Personenverkehr eingestellt wurde. Der Güterverkehr folgte dann 1959. Der Gleise wurden größtenteils herausgerissen.

Für die nun folgende Entstehung der unmittelbar benachbarten Siedlung Rauher Kapf gab es zwei Gründe. Zum einen gab es einen großen Wohnungsmangel. Zwischen 1945 und 1965 war nämlich die Bevölkerungszahl Böblingens explosionsartig gestiegen. Hatte die Stadt am 1. Januar 1951 noch 12.730 Bewohner so waren dies am 1. September 1961 insgesamt 25.960.

Zugleich hatte die Gemeinde kein Bauland mehr. In dem Gemeinderatsbeschluss am 14. Februar 1962 zum Bau der Siedlung Rauher Kapf führte Oberbürgermeister Wolfgang Brumme aus, dass es „einem Großteil der Bevölkerung […] heute nicht mehr möglich“ sei „einen Bauplatz zu einem annehmbaren Preis zu erwerben.“ Aufgrund des Baulandmangels war die Stadt – so Brumme – gezwungen auf den Wald zurückzugreifen. Gemildert werden sollte dieser Eingriff durch die aufgelockerte und weiträumige Bebauung. Dies sollte den Charakter des Waldgebiets erhalten.

Das IBM-Forschungslabor

Neben diesem offiziell diskutierten Grund gab es einen weiteren, der bei den Erwägungen eine Rolle spielte. Die Mitarbeiter der IBM im neuen Forschungslabor benötigten in der Nähe gelegene Wohnungen. Dies dürfte für die Platzwahl der Siedlung maßgeblich gewesen sein.

Der in weiten Teilen realisierte Bebauungsplan sah 328 Wohnungen vor, 63 davon in Einfamilienhäusern. Man ging dabei von 3,6 Personen pro Wohneinheiten aus, was dann insgesamt 1.180 bis 1.200 Menschen in der zukünftigen Siedlung ergab.

Um ein Haar wäre der Rauhe Kapf allerdings nicht der Rauhe Kapf geworden. Denn auf einer Sitzung des Technischen Ausschusses des Gemeinderats im Juli 1962 hielt Stadtkämmerer Raich es für erforderlich, der Waldsiedlung am Rauhen Kapf einen Namen zu geben. Er schlug „Waldsiedlung – Albblick“ vor. Der Ausschuss fasste jedoch keinen Beschluss. Offenbar fand dieser Vorschlag keine Gegenliebe und so blieb es beim alten Namen.

Auch bei den Straßenbezeichnungen gab es Diskussionen. Das Planungsamt hatte vorgeschlagen, die Straßen im „Rauhen Kapf“ nach Waldpflanzen, Waldtieren, Pilzen oder deutschen Mittelgebirgen zu benennen. Der zuständige Gemeinderatsausschuss entschied sich dann für Letzteres.

Währenddessen wurde auf dem Rauhen Kapf kräftig Hand angelegt. 1962 begannen die Erschließungsarbeiten. Im folgenden Jahr wurde dann mit den Bauarbeiten begonnen.
Der bekannte Architekt Hans Scharoun bekam den Auftrag, das aus Hochhäusern bestehende Mittelstück der Siedlung zu entwerfen. Scharoun baute zusammen mit dem Stuttgarter Architekten Philipp Plötz diesen Teil der Siedlung, der aus sechs Wohnhäusern mit Eigentumswohnungen, Ladenzentrum und Tiefgarage bestand. Die zuständige Baufirma hieß Universum-Treubau-GmbH.
Die Grundsteinlegung dieses Ensembles fand übrigens am 18. April 1964 statt. Das wird als Gründungsdatum des Rauhen Kapfs betrachtet. Als die Bauten Scharouns fertig waren, gab es im Sommer 1965 ein großes Richtfest mit Ochse und Schwein am Spieß.

Die Trabantenstadt

Konzipiert wurde der Rauhe Kapf als Trabantenstadt. Trabentenstädte sind Vororte einer größeren Stadt, die nicht eigenständig sind, sondern hauptsächlich aus Wohngebieten für Pendler bestehen und wenige Arbeitsplätze beheimaten.
Deshalb erhielt der Rauhe Kapf nur eine schwach entwickelte Infrastruktur, die natürlich auch ein Ergebnis der geringen Siedlungsgröße war. Bis 1990 gab es einen kleinen Supermarkt und auch einen Friseur. 1966 war der Kindergarten fertig gestellt. Eine Volksschule war auch geplant, konnte aber nicht verwirklicht werden.
Am Ende dieses Artikels soll der Biograph Peter Blundell Jones zitiert werden, der über Scharouns Arbeit auf dem Rauhen Kapf schrieb. „[Der] Rauhe Kapf ist die zugleich subtilste und am schwersten zu fotografierende Wohnanlage Scharouns. Ein Meisterwerk der Untertreibung, in vieler Hinsicht recht frei, aber dennoch erstaunlich vornehm.“

Sömmerda und Böblingen – Geschichte einer außergewöhnlichen Partnerschaft

Das 30-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Sömmerda und Böblingen bietet Anlass zum Rückblick. Die Partnerschaft mit der thüringischen Stadt, damals noch in der Deutschen Demokratischen Republik, war eine der ersten dieser Art.

Wie war das vor 30 Jahren?

Vertragsunterzeichnung 1988, Bürgermeister Manfred Hölzer aus Sömmerda und Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang aus Böblingen

„Beide Städte werden im Rahmen ihrer kommunalen Möglichkeiten und Zuständigkeiten alles tun, um das Streben der Menschen nach Sicherheit, Abrüstung und Entspannung, Freundschaft und konstruktive Zusammenarbeit zu unterstützen, um damit die Politik der friedlichen Zusammenarbeit zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung zu vertiefen.“ (Aus der Präambel der Vereinbarung des Jahres 1988). Diese Worte sind inzwischen drei Jahrzehnte alt und sind unter grundlegend anderen Umständen zu Stande gekommen als sie heute bestehen – und dennoch haben sie nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Vor 30 Jahren war Deutschland geteilt in zwei sehr unterschiedliche Staaten und mit Sömmerda und Böblingen machte sich auf jeder Seite der trennenden Grenze eine Stadt auf den hoffnungsvollen Weg. Schon als kurze Zeit später die Grenze fiel und Deutschland für viele unerwartet schnell wieder vereinigt werden konnte, änderte sich dieser Weg, der gegenseitige Umgang grundlegend. Sömmerda und Böblingen sind diesen Weg seither zusammen und in Freundschaft gegangen und es haben viele Menschen die jeweils andere Partnerstadt besucht und die Stadt sowie ihre Menschen kennengelernt.

Auch heute noch sehnen sich die Menschen in Sömmerda, in Böblingen und überall auf der Welt nach diesen in der Präambel festgehaltenen Werten. Waren Städtepartnerschaften in früheren Zeiten für viele Menschen eine willkommene Gelegenheit, zu einem vertretbaren Preis und einigermaßen behütet in fremde Länder zu reisen und dort fremde Kulturen kennenzulernen, hat dieser Aspekt der Städtepartnerschaften in der heutigen globalen Gesellschaft an Bedeutung verloren. Nichtsdestotrotz ist es heute weiterhin wichtig, dass sich Menschen aus verschiedenen Kulturen persönlich begegnen und anders als bei einer Urlaubsreise am Alltag der jeweils anderen teilhaben oder gar gemeinsam ein Projekt auf die Beine stellen. Nur durch diese „privaten Einsichten“ entsteht Verständnis und Toleranz für das Denken und Handeln der anderen. Auch die globalisierte Welt, in der Menschen unter anderem durch moderne Medien vermeintlich näher zusammengerückt sind, bewahrt uns nicht vor nationalistischen und populistischen Tendenzen. Deshalb ist Völkerverständigung weiterhin ein wichtiges Ziel – und Städtepartnerschaften auch heute noch ein wichtiges Instrument dazu, ausgehend von der persönlichsten Ebene von Mensch zu Mensch.

Was ist seither passiert?

Die Partnerschaft zwischen Sömmerda und Böblingen war unter den ersten, die zwischen zwei deutschen Städten noch im geteilten Deutschland eingegangen wurde. Entsprechend aufwändig war die erste Kontaktaufnahme. Die protokollarischen Vorgaben für die ersten Besuche sowie die Verhandlungen zur Formulierung der Partnerschaftsvereinbarung erwiesen sich als sehr strikt und stark reglementiert. In Böblingen verfolgte man trotzdem mit Nachdruck das Zu-Stande-Kommen der Partnerschaft mit einer Stadt in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik und mit Sömmerda schien man einen passenden Partner gefunden zu haben. Gemeinsamkeiten waren in der Größe und der landschaftlichen Umgebung erkennbar, aber auch in der Ausrichtung der Industrie – gab es doch in Sömmerda ein „Robotron“-Werk. Gemeinderat, Stadtverwaltung und auch die Bürgerschaft aus Böblingen hofften, im Zusammenhang mit der Verbesserung der Beziehungen zwischen Ost und West, durch persönliche Kontakte das gesamtdeutsche Zusammengehörigkeitsgefühl insgesamt zu stärken. Der damalige Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang war überzeugt, dass die erste Böblinger Verhandlungs-Delegation „zwar nur linientreue Mitglieder der SED und der Partei finden würde, dass aber auch hinter den Linientreuen immer ein Mensch steckt. Somit war man sich auch sicher, dass man so peu a peu auch andere noch treffen würde, andere Bürgerinnen und Bürger" – und das ist dann auch eingetreten.

In den ersten Jahren verlief die Partnerschaft rege, doch auch ein wenig rigide und unter strenger Aufsicht nach dem im Voraus vereinbarten Jahresplan. Gegenseitige Besuche umfassten meistens Mitglieder von Kommunalpolitik und Stadtverwaltung, auf privater Ebene gab es noch wenig Spielraum. Viele Böblinger Bürger waren neugierig auf die Menschen in der Partnerstadt, die ersten Gruppierungen, die sich auf die Reise nach Thüringen machten, waren ein Ensemble der Musik- und Kunstschule Böblingen sowie eine Schülerdelegation des Max-Planck-Gymnasiums, beide reisten noch im Jahr der Partnerschaftsgründung 1988 in die DDR. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung entwickelte sich die Städtepartnerschaft zwischen Sömmerda und Böblingen dann natürlich weitaus temporeicher und vielfältiger. Besonders in den ersten Jahren nutzten viele Sömmerdaer die neue Reisefreiheit und besuchten die schwäbische Partnerstadt. Böblingen konnte in dieser Phase seiner thüringischen Partnerstadt mehrfach behilflich sein, sei es über finanzielle Unterstützung bei der Sanierung des Schüler-Freizeit-Zentrums oder durch Entsendung fachkundiger Menschen aus der Böblinger Verwaltung, die unter anderem beim Aufbau der Kommunalverwaltung, der Stadtwerke, der Wohnbaugesellschaft in der Partnerstadt mit anpackten. Drei junge Frauen aus Sömmerda absolvierten eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung Böblingen.

Inzwischen sind nun auch die Jahrhundert-Ereignisse Mauerfall und Wiedervereinigung beinahe drei Jahrzehnte her und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die beiden Partnerstädte heute auf Augenhöhe begegnen. Sömmerda ist zu einer aufstrebenden Stadt geworden, die die Schließung des ehemaligen großen und strukturbestimmenden Betriebes Büromaschinenwerk Sömmerda gut verdaut hat und die – anders als andere Städte in den neuen Bundesländern – nicht mehr „schrumpft“, sondern Einwohner hinzugewinnt und neue Firmen ansiedeln kann. Auch mit der Errichtung des Wohn-Viertels Grüne Mitte und weiteren zur Verfügung stehenden Baugebieten konnten attraktive Anreize zum Bleiben oder zum neu Ansiedeln geschaffen werden. Der Wirtschaftsstandort Sömmerda weist heute eine diversifizierte Struktur auf. Unternehmen der Computertechnik und Softwareentwicklung, Kommunikationstechnik, Elektrotechnik / Elektronik stehen neben denen der Metallbe- und verarbeitung sowie Betrieben der Holz- und Kunststoffindustrie als strukturbestimmende Unternehmen für den Wirtschaftsstandort. Konzentrierte sich die Entwicklung zunächst im Industriepark Sömmerda, kamen inzwischen vier weitere Gewerbegebiete hinzu. Regelmäßige Treffen zur Feier des Einheits-Tages bringen alle zwei Jahre Bürgermeister, Gemeinderäte und Mitglieder der Verwaltung zusammen, sodass die Partnerschaft in beiden Städten in der Kommunalpolitik gut verortet ist und so auf einem stabilen Boden stehen kann. Auf diesem Boden können lebendig gelebte Beziehungen z. B. zwischen Vereinen oder auch Schulen gedeihen – so waren im Laufe der Jahre viele Menschen und Gruppen zu Gast in der jeweils anderen Partnerstadt. Zuletzt haben die Böblinger Feuerwehr und die Kantorei Sömmerda besucht. Künftige Besuche durch weitere Gruppen sind bereits in Planung und der Gegenbesuch der offiziellen Böblinger Delegation zum 30-jährigen Jubiläum wird im Juni 2019 anlässlich des Thüringen-Tages stattfinden. Damit sind auch für eine gedeihliche Zukunft dieser Städtepartnerschaft die Weichen bestens gestellt.

Böblinger und Amerikaner - eine Freundschaft wächst!



Freundschaftswoche im Jahr 1966

Die amerikanische Garnison in der Panzerkaserne ist ein besonderes Kennzeichen Böblingens. Es handelt sich um das 1. Batallion der „10th Special Forces Group (Airborne)“, die zu dem als „Green Berets“ bekannten Sondereinsatzkommando gehören. Die amerikanischen Soldaten und ihre Angehörigen sind schon lange zu einem prägenden Bestandteil Böblingens geworden.
Die Entwicklung zu einem US-amerikanischen Standort wurde – unbeabsichtigt – lange vor dem Zweiten Weltkrieg angebahnt, nämlich 1915 mit der Entscheidung, während des Ersten Weltkriegs einen Militärflughafen auf dem heutigen Flugfeld einzurichten. Zwar wurde er 1919 wieder rückgebaut, doch bildete er den Ansatzpunkt für den 1925 eingerichteten Landesflughafen und schließlich für den Militärflughafen (1937/38). Dazu kam die 1938 bezogene Panzerkaserne.

Böblingen wird der amerkanischen Besatzungszone zugeordnet

Im Zuge der Abgrenzung der Besatzungszonen wurde das französische besetzte Böblingen mit dem Landkreis Böblingen der amerikanischen Zone zugeordnet, weil durch ihn die Autobahn Stuttgart-Ulm verlief. Am 7. Juli 1945 fand dieser Wechsel statt. Der Landkreis Böblingen wurde einer amerikanischen Militärregierung (Military Government) unterstellt, deren Weisungen die Stadtverwaltung mit Bürgermeister Hengstberger an der Spitze zu befolgen hatte. Leiter der im früheren Finanzamt in der Sindelfinger Straße untergebrachten Militärregierung war Captain William Becker. Die amerikanischen Streitkräfte, die sich auf eine längere Besatzungszeit einrichteten und geeignete Standorte brauchten, übernahmen die vorhandenen Anlagen. Wobei die 1991/92 aufgegebene amerikanische Basis am Flughafen als Reparaturwerk der US-Streitkräfte diente.

Die ersten Jahre des Zusammenlebens waren schwer

Böblingen stand wie ganz Deutschland nach der Niederlage des nationalsozialistischen Terrorherrschaft unter einem Besatzungsregime der verbündeten Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen. Die Alliierten pochten auf die Wiedergutmachung der Schäden, die Deutschland angerichtet hatte. Ebenfalls waren sie entschlossen, eine militärische Gefahr sowie vorhandene nationalsozialistische Einflüsse in Deutschland zu unterbinden, was letztlich die Demokratisierung des besetzten Landes erforderte. Zwischen Stadtverwaltung und Besatzung gab es vor allem in zwei Bereiche immer wieder Differenzen. Zum einen musste die Stadt die Besatzungskosten tragen. So wurden, als größere Teile Böblingens noch in Trümmer lagen, Wohnungen für die Unterbringung amerikanischer Soldaten beschlagnahmt. Dies verstärkte die ohnehin große Wohnungsnot massiv.

Zu verbreiteter Kritik in der deutschen Bevölkerung führte die Art und Weiser der in der amerikanischen Zone flächendeckend und konsequent durchgeführte Entnazifizierungspolitik. Alle erwachsenen Deutschen mussten sich für ihr Verhalten während der NS-Zeit verantworten. Zugleich aber wurden in der amerikanischen Zone konsequent demokratische Strukturen aufgebaut. Eine der wichtigsten Maßnahmen war das berühmte „Gesetz Nr. 30 über die Anwendung der Deutschen Gemeindeordnung“ vom 20. Dezember 1945. Die Regelungen der Gemeindeordnung, welche nicht gegen demokratische Grundsätze verstießen, blieben weiter gültig und wurden zum Grundstein eines demokratischen Kommunalwesens in Südwestdeutschland und damit auch für den Aufstieg Böblingens in der Nachkriegszeit.

1954 - Ende der Militärregierung

Mit dem Ausbruch des Kalten Krieg zwischen Ost und West seit etwa 1948 verstärkten sich die Tendenzen, welche das Verhältnis zwischen Besatzern und Deutschen auch in Böblingen entspannten. Mit der Aufhebung des Besatzungsstatuts am 5. Mai 1954 kam das Ende der Militärregierung, Westdeutschland bekam eingeschränkte Souveränität. Zudem bekam ab den 1950er Jahren die Böblinger Stadtverwaltung durch Baumaßnahmen das schwierige Wohnungsproblem in Griff. Für amerikanische Soldaten und deren Angehörige wurden Wohnungen erstellt. Die Durchführung der Entnazifizierung, die ab 1946 in deutscher

Verantwortung lag, verlor durch das schwindende Interesse der amerikanischen Militäradministration in Deutschland seit dem Ausbruch des Kalten Krieges an Intensität. Immer stärker warben die amerikanischen Streitkräfte um die Sympathie der Deutschen. Eine wichtige Rolle kam dabei den Freundschaftswochen zu. Zuerst als deutsch-amerikanische und später, mit Beteiligung der Franzosen als internationale Freundschaftswochen wurden sie zum Rahmen für die Präsentation der amerikanischen, französischen und deutschen Streitkräfte. Die Verbündeten veranstalteten Feste und Tage der offenen Tür in den Kasernen.

Zahlreiche auch private Kontakte stärkten die Beziehungen zwischen Böblingern und Amerikanern

Grußwort von John H. Glenn

Die US-Army wurde nicht nur nur zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, sondern verlieh der Stadt auch ein besonderes internationales Flair. Zu einem der prominentesten Gastautoren des Böblinger Boten wurde der Astronaut John H. Glenn, der als erster Amerikaner die Erde mit einem Raumschiff umrundete.

Er schrieb anlässlich der Freundschaftswoche 1966 in einem Grußwort in der Kreiszeitung: „Die Bürger der Garnisonstadt Böblingen werden sich dessen bewußt sein, daß die gute Gemeinschaft der drei Nationen in ihren Mauern ein wertvolles Steinchen im großen Mosaik der verbündeten und befreundeten Völker ist.“ Seine Worte betrafen dabei insbesondere auch das amerikanisch-deutsche Miteinander. Aus Feinden waren trotz mancher - auch zukünftiger - Reibungen und Konflikte endlich Partner und Freunde geworden.

Das "Alte" Rathaus feiert seinen 60. Geburtstag

Auf dieser Seite geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian der Baugeschichte des Rathauses am Marktplatz nach, dessen Einweihung am 7. Juni vor genau 60 Jahren gefeiert wurde.

Blick von der Stadtkriche aus, vorne die Ruine des Alten Rathauses

Böblingen hatte in seiner Geschichte schon mehrere Rathäuser. Das erste mittelalterliche Rathaus stand an der Stelle des heutigen. Schon im 16. Jahrhundert wurde es als "Altes Rathaus" bezeichnet, es gab nämlich damals schon den Nachfolgebau am oberen Marktplatz bei der Kirche. Wie der Kupferstich von Merian 1643 zeigt, war letzteres Gebäude von einem Türmchen bekrönt.

Das im 19. Jahrhundert baufällig gewordene Neue Rathaus wurde abgerissen und durch einen unmittelbar daneben liegenden und 1831/1832 errichteten Nachfolgebau ersetzt, der sich gegenüber und nach unten versetzt zum heutigen Fleischermuseum befand. Durch den Luftangriff vom 7. auf den 8. Oktober 1943 wurde dieses Gebäude zerstört.

Nach Kriegsende war schnell die Entschlossenheit da, ein neues Rathaus zu bauen

Arbeiten am Südflügel

Es sollte nicht zuletzt die Altstadt beleben. Am 2. August 1950 beschloss der Gemeinderat nach einem vorausgegangenen Wettbewerb die Architekten Erich Fritz, dessen Entwurf einen Preis bekommen hatte, und Walter Schips mit dem Bau eines neuen Rathauses zu beauftragen. Das neue Rathaus wurde dabei größer geplant als der augenblickliche Bedarf der städtischen Verwaltung es erforderte. Es sollte zu einer Verwaltungszentrale werden, die weitere Dienststellen wie Bezirksnotariat, Katasteramt, Volksbücherei u. a. aufnehmen konnte.

Im Februar 1951 machte man sich ans Werk und konnte schon am 24. August 1951 das Richtfest feiern. Dabei kam es am Rande zu einer kleinen Störung der Feierlichkeit, denn bei der Ruine des alten Rathauses hing eine schwarze Fahne und zwei Demonstranten trugen ein Plakat mit der Aufschrift: „Wo bleiben wir, die Fliegergeschädigten.“ Die Polizei entfernte umgehend die Fahne und beseitigte das Schild.

Das Bauprojekt war unter den Bürgern umstritten

Dies zeigt der oben genannte Zwischenfall. Neben der Kostenfrage gab es in der Bürgerschaft und auch im Gemeinderat Streit wegen der Gestaltung. Im Zentrum der Debatte stand dabei der Rathausturm. Es wurde die mangelnde Harmonie zwischen Hauptbau und Turm kritisiert. Dann gab es Befürchtungen, dass der neue Rathausturm dem Turm der Stadtkirche Konkurrenz machen würde. Überhaupt wurde im Gemeinderat über Sinn und Zweck von Turm, Turmuhr und Glockenspiel debattiert. Zur Beruhigung trug nicht zuletzt der berühmte Architekt Paul Bonatz bei. Denn nach der Besichtigung des fertigen Turms erklärte er, dass dieser sich „gut in das Stadtbild eingliedern“ werde. Der Hauptbau selbst stand übrigens nicht in der Kritik.

Was die Kosten betraf, so setzten Rathausverwaltung und Gemeinderat hier ein Zeichen und verzichteten auf eine besondere Ausgestaltung des Amtszimmers des Bürgermeisters und des Beratungszimmers. Auch bei der Beschaffung von Baumaterialien achtete man auf Sparsamkeit, so war für die vier Eckpfeiler und drei Portale des Rathausneubaus Dettenhausener Sandstein vorgesehen. Die Sandsteine sollten der Schlossruine und der Ruine des Fruchtkastens entnommen werden. Der heutige Rathausbesucher ist also vermutlich der Vergangenheit Böblingens näher als er ahnt.

1952 war das Werk vollendet

Der Dachstock des neuen
Rathausgebäudes

Der neue Bau umfasste 15.600 Kubikmeter Raum, davon 10.000 das Hauptgebäude. Unter den zahlreichen Räumen gab es auch drei Arrestzellen, die sich neben der heutigen Rathauskantine befinden und schon lange nicht mehr benutzt werden. Die Baukosten betrugen am Ende rund 1,4 Millionen DM. Finanziert wurde die Summe überwiegend durch Zahlungen aus dem kommunalen Notstock, einem Sondervermögen des Landes Baden-Württemberg zur Förderung öffentlicher Bauvorhaben.

Das neue Rathaus wurde mit Wertschätzung aufgenommen und allgemein als Ausdruck „des Aufbauwillens“ Böblingens betrachtet. Gelobt wurden die Architekten auch dafür, dass sie bei der Gestaltung des Baus wirkungsvoll den „landstädtischen Charakter Böblingens“ zur Geltung gebracht hätten.

Am 7. Juni 1952 um 14.30 Uhr wurde das neue Rathaus bei Regenwetter eingeweiht

Ein Chor und die Hymne aus der Zauberflöte von Mozart eröffneten die Festlichkeiten. Prominentester Gast war der baden-württembergische Innenminister Fritz Ulrich, der die Glückwünsche der Landesregierung überbrachte. Bürgermeister Wolfgang Brumme hatte zuvor in seiner Rede unterstrichen, was das neue Rathaus sein sollte: „Eine Stätte der Freiheit und der Demokratie, des Rechts und der Selbstverwaltung...“.

Die Stadt zeigte sich spendabel und gab 244 Gutscheine für Essen, 320 für Rauchwaren und 2.449 für Getränke aus. Das Fest klang dann abends mit einem gemütlichen Beisammensein der Böblinger im Schönbuchsaal aus, während mit Anbruch der Dunkelheit Schweinwerfer das neue Gebäude und die Stadtkirche erstrahlen ließen.

Frühlingsblumen und Göttergold

- Die Landesgartenschau in Böblingen 1996

In dieser Ausgabe des „EinBlicks in die Stadtgeschichte“ beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit der Landesgartenschau 1996. Vor 20 Jahren war Böblingen Ort einer spektakulären Veranstaltung. Es richtete die 14. baden-württembergische Landesgartenschau aus. Von der Eröffnung am 26. April 1996 bis zum großen Abschlussfest am 6. Oktober 1996 wurden eine mannigfaltige Blumen- und Pflanzenpracht sowie eine unübersehbare Anzahl von Veranstaltungen den Besuchern geboten.

Als „Motor der städtebaulichen Entwicklung“ sollte die Landesgartenschau nach Böblingen geholt werden. Schon 1978 hatte sich die Stadt zusammen mit Sindelfingen für eine Landesgartenschau beworben, jedoch vergeblich. Als Böblingen im Sommer 1989 dann den Zuschlag bekam, hatte Böblingen sein angestrebtes Ziel erreicht.

Das Gelände der Schau erstreckte sich von den Murkenbachauen über das Baumoval und die beiden Böblinger Seen bis zum Elbenplatz. Auch die Bahnhofstraße präsentierte sich ansehnlich als Stadteingang.

Vom Bahnhof zum Bauhof

Unter dem neuen Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang machte man sich Ende der 1980er Jahren in der Stadt Gedanken, wie die Murkenbachaue und die Seen in ein gesamtstädtisches Planungskonzept eingebunden werden konnten. Deshalb veranstaltete die Stadt Böblingen einen städtebaulichen Ideenwettbewerb unter dem Titel „Vom Bahnhof zum Bauhof“. Ein Wettbewerbsziel war die Anlage eines Parks, Stadtgarten genannt, in diesem Areal. Das Planungsgebiet umfasste 210.000 Quadratmeter.

Bei den darauf folgenden Arbeiten zum Stadtgarten wurden 54.000 Quadratmeter versiegelter Boden in Grünzonen umgewandelt, die beiden Seen durch eine Wasserrampe mit 16 offenen Wasserstufen miteinander verbunden, die 152 m lange Wandelhalle als „räumliches Ende“ des Oberen Sees und das Baumoval als Festplatz, Sport- und Liegewiese geschaffen. Das Ergebnis war gelungen. Der Stadtgarten wurde dann auch wegen seiner einmaligen Architektur 1995 mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet.

Für die Planung und Durchführung der Gartenschau war als eine städtische Tochtergesellschaft die „Landesgartenschau Böblingen 1996 GmbH“ gegründet worden. Geplant wurde die Schau von „Wolfrum & Janson“ (Architektur und Stadtplanung) und „Schmelzer und Bezzenberger“ (Planungsgruppe Landschaftsarchitektur + Ökologie). Als Verantwortlicher für die unmittelbare Durchführung war Gartenschaudirektor Chasid Winograd Herz und Motor der Landesgartenschau. Das Motto lautete „Wunder Garten Phantasie“ und zum Wahrzeichen erkor man die rote Mohnblüte. Bis das Unternehmen realisiert werden konnte, mussten etliche Grundsatzdiskussionen geführt und finanzielle Hindernisse überwunden werden. Am 26. April 1996 war es dann so weit, in Anwesenheit von Ministerpräsident Erwin Teufel als Schirmherr wurde die Landesgartenschau in Böblingen offiziell eröffnet. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger brachten sich aktiv ein oder sicherten sich eine Dauerkarte für ein großartiges Gartenschaujahr.

Bizzare Wüstenbewohner

Blumen- und Pflanzenschauen waren das Kernstück der Gartenschau. Zur Eröffnung begrüßten 140.000 Frühlingsblumen die Gäste. Eine Ausstellungshalle beim Baumoval ermöglichte es, unabhängig von der Witterung immer wieder neue Blumen- und Pflanzenthemen zu präsentieren. Die Palette reichte vom „Feuerwerk der Blüten“ über „Fernöstliche Impressionen“ und „Bizzare[n] Wüstenbewohner[n]“ bis hin zum „“Herbstliche[n] Farbenspiel“ als Abschluss.

Im Außenbereich zeigten Themengärten unterschiedlichste Variationen. Die Farbgärten am Baumoval änderten im Verlauf der Zeit immer wieder ihr Aussehen und ihre Zusammensetzung. Das „Schwäbische Dorf“ spiegelte den regionalen Akzent wieder. So präsentierte dort der Naturschutzbund den Gartenliebhabern im Naturgarten z. B. eine „Trockenmauer für Insekten und sonnenhungrige Echsen“. Im Staudengarten wurden traditionelle Pflanzen des Bauerngartens wie Schwertlilien oder der königsblaue Rittersporn gezeigt. Ein Themengarten „Wald und Holz“ befasste sich auf über tausend Quadratmetern mit Feld, Wald und Wiese. Am Unteren See repräsentierten Rosengärten die Böblinger Partnerstädte Glenrothes, Pontoise und Alba.

Als erste ihrer Art setzte die Böblinger Landesgartenschau einen starken Akzent auf Veranstaltungen. Sage und schreibe 3.000 Veranstaltungen wurden durchgeführt, darunter viele von Böblinger Vereinen und Organisationen gestaltete. Es ist hier nahezu unmöglich einen bloßen Überblick über die zahlreichen Angebote zu geben. Allein die SDR-Showbühne war Ort zahlreicher Darbietungen von einer „Italienischen Nacht“ am 24. Mai, über das Umwelttheater „Umwelt aktiv“ am 10. und 11. Juli bis hin zu „Elastonautes schwereloses Ballett am Trapez“ am 31. August 1996. Für Kinder wiederum gab es Veranstaltungen mit Zaubertricks, Gipsguß, Hüpfburg, Seifenblasen- und Jonglierstation und vieles mehr.

Schätze aus dem Land der Inka

Ein Highlight und Besuchermagnet war die Ausstellung „Oro del Perú - Schätze aus dem Land der Inka“, welche wertvolle Objekte der Inkakultur und ihrer Vorgängerinnen zeigte. In der Aprilausgabe von BBAktuell hieß es dazu: „Und über allem liegt 164 Gartenschautage lang ein Abglanz des Göttergoldes aus Peru.“

Mit über eine Million Besucher verabschiedete sich die Landesgartenschau am 6. Oktober 1996 von Böblingen mit einem großen Abschlussfest. Die Schau hinterließ den Böblingern neben schönen Erinnerungen ein schönes Erbe, nämlich einen attraktiv gestalteten Stadtgarten als „Naherholungsgebiet mitten im Zentrum“. Zu den attraktiven Hinterlassenschaften gehört auch die Albabrücke, die einen Straßendamm mit dazugehörigem unterirdischen Kanal ersetzte und so ihre Passanten optisch näher an das Wasser brachte. Dazu zählen auch die Alte TÜV-Halle und das Bootshaus in ihrer heutigen Funktion als Veranstaltungsort des Böblinger "Sommer am Sees". In diesem lebt der Veranstaltungsreigen der Gartenschau jedes Jahr aufs Neue ein wenig auf.

Das glanzvolle Stadtjubiläum von 2003

2003 feierte Böblingen seinen 750. Geburtstag. Auch zehn Jahre danach ist das Stadtjubiläum bei den Böblinger/-innen unvergessen. Als Gastautor hält Dr. Günter Scholz Rückschau. Der damalige Leiter des Amtes für Kultur war für die Jubiläumsplanung zuständig. Er sieht sich als „Vater des Zeitparks“ - das Highlight im Jahr 2003 war seine Idee. Hildegard Plattner, Leiterin des Theaters der Musik- und Kunstschule, hat sie fantasievoll umgesetzt.

"Bereits 1953 hatte unsere Stadt ihren 700. Geburtstag festlich begangen. Damals waren die Wunden des Zweiten Weltkriegs in der schwer heimgesuchten Stadt gerade erst verheilt. Die zerstörte Altstadt war wieder aufgebaut. Wirtschaftlicher Aufschwung hatte begonnen. Hoffnungsvoll blickten die Menschen in die Zukunft. Zugleich schauten sie mit Stolz zurück auf die vielhundertjährige Vergangenheit der Stadt, welche die Stürme der Geschichte überdauert hatte. Ein mehrfach in Latein urkundlich erwähnter „Scriba de Bebelingin“ wurde als Stadtschreiber interpretiert und die Stadtgründung auf das Jahr 1253 datiert. Allerdings ist eine historisch gesicherte Grundlage der Stadtentstehung in Form einer Gründungsurkunde für Böblingen nicht überliefert. Ein liebevoll gestalteter Festzug, der die Böblinger Geschichte seit den Zeiten des legendären „Ritter Bobilo“ lebendig werden ließ, brachte 1953 die ganze Stadt auf die Beine. An die Böblinger Bauernkriegsschlacht vom 12. Mai 1525 erinnerte das Freilichtspiel „Um Freiheit, Recht und Ehr“ von Friedrich E. Vogt.

Statt Festzug: Der Zeitpark

Um die schöne, 1953 begründeten Tradition des Stadtjubiläums fortzuführen, hielt die Stadt 2003 am Gründungsjahr 1253 fest. Die neuere Forschung geht davon aus, dass Böblingen im Jahrzehnt nach 1250 Stadt wurde. Zwischen der 700-Jahr-Feier von 1953 und dem 750. Stadtgeburtstag von 2003 lag ein halbes Jahrhundert, in dem Böblingen eine atemberaubende Entwicklung von der Kleinstadt zur modernen Mittelstadt erlebt hat. Die Einwohnerzahl hatte sich auf ca. 46.000 vervierfacht. Um die alte Mitte herum war ein neues Böblingen mit zahlreichen Stadtteilen entstanden. Nicht zuletzt wegen der neuen Medien waren die Menschen 2003 verwöhnter und anspruchsvoller geworden, was Feste, Feiern und Events betraf.

Von Anfang an war ich überzeugt: Ein Festzug, wie Land auf, Land ab üblich, das konnte es für Böblingen nicht sein. Ein Festzug, in Monaten mühevoll vorbereitet, rauscht in kaum einer Stunde an den Zuschauern vorbei. Da kam mir der Gedanke: Nicht ein Festzug soll sich bewegen, sondern die Geburtstagsgäste, vorbei an festen Geschichts- und Erlebnisstationen, mit Gelegenheit zum Verweilen, zu Kommunikation und aktivem Mitmachen. Die Idee des Zeitparks war geboren. Bei einem historischen Parcours sollten alle wichtigen Epochen der Stadtgeschichte präsent und erlebbar sein, von der Vorzeit bis in die Gegenwart.

Die Idee wurde von Hildegard Plattner in genialer Weise realisiert. Auf dem Gelände vom Oberen See bis zur damals noch bestehenden Sporthalle begaben sich die Besucher auf Zeitreise.

Schwungvoll von der Vergangenheit in die Zukunft

Den Anfang machten die Steinzeitjäger, mit Werkzeugen aus Stein und Knochen, mit Pfeil und Bogen sowie Feuerstein anschaulich in Szene gesetzt. Durch ein Stadttor betrat man die im Detail nachgebaute Stadt des Mittelalters. Hautnah wurden die Besucher in das bunte und zugleich schwere Leben der Vergangenheit einbezogen, mit Geburt, Pest, Lepra und Tod, aber auch mit Feuersbrunst und Krieg. Von der Alltagswelt der kleinen Leute abgehoben waren Pracht und Glanz der nachgespielten Böblinger Fürstenhochzeit der Gräfin Mechthild auf Schloss Böblingen von einst.

Über eine Zeitrutsche gelangte man in die Neuzeit, die beschauliche gute alte Zeit mit „Omas Laube“ und dem Böblinger Ausflugslokal „Waldburg“, aber auch in die bewegte Aufbruchsepoche der Industrialisierung. Schwungvoll ging es in den 50er Jahren zu, mit den Schlagern der Zeit, Oldtimer-Tankstelle und Milchbar. Einen Sprung in die Zukunft gab es in der Sporthalle. Die Böblinger Firmen präsentierten „Visionäre Welten“, besonders im High-Tech-Bereich. Schulklassen hatten ihre im Projektunterricht gestalteten „Erfinderstationen“ aufgebaut.

In knapper Vorlaufzeit konnte Hildegard Plattner mit ihrem Charme über 4.000 ehrenamtlich Mitwirkende gewinnen, Böblinger/-innen, Kinder, Jugendliche und Senioren, Vereine und Verbände, Schulen und Kirchen. Zahllos waren die Helfer im Hintergrund, z.B. beim Kulissenbau und Kostüme Nähen. Der Besucheransturm war gewaltig. Über 50.000 Gäste strömten in den Zeitpark. Sie kamen aus Böblingen, Sindelfingen, den Kreisgemeinden, aus ganz Süddeutschland und noch von weiter her.

Die Bauernoper

Das zweite Highlight war die Open Air-Aufführung der „Bauernoper“ von Yaak Karsunke auf dem Gelände des Zeitparks. Das unter die Haut gehende Stück unter der Regie von Hildegard Plattner faszinierte über 10.000 Besucher. Mit dem deutschen Bauernkrieg griff es ein zentrales Thema der Böblinger Geschichte auf, das im Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Zehntscheuer eingehend dokumentiert ist. Unter Mitwirkung vor allem auch von Böblinger/-innen wurde ein gelebtes Stück Geschichte präsentiert, voll prallem Leben und mit viel Musik, wie „1525, dran dran dran“ und dem ergreifenden „Herr, erbarme dich“.

Der Funke der Begeisterung sprang auf die ganze Stadt über. In dichter Folge gab es Geschichts- und Kunstausstellungen, Aktionen wie „ Sitz-Art“, eine fulminante Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ sowie ein Projekt in den Luftschutzstollen des Zweiten Weltkriegs. Feierlich eingeholt und eingeweiht wurde die neue Glocke „Dominica“ für die Stadtkirche. Vorgestellt wurde die neue Böblinger Stadtgeschichte „Vom Mammutzahn zum Mikrochip“, herausgegeben von Sönke Lorenz und Günter Scholz.

Das Echo auf das Stadtjubiläum war überwältigend. Zeitpark und Bauernoper lösten Begeisterungsstürme aus. „Mit den Schaufenstern in die Vergangenheit ist den Böblingern ein Glücksgriff gelungen“, kommentierte die Presse. Der Zeitpark habe weit mehr als Schau und Show geboten: „Diese Veranstaltung hat in der Stadt ein Wir-Gefühl geweckt, das es so zum letzten Mal bei der Landesgartenschau 1996 gab.“ Ein Jahrzehnt nach dem einzigartigen Stadtjubiläum von 2003 wäre es schön, dieses Wir-Gefühl zu beleben und zu stärken, z.B. mit einem gemeinsamen Fest der Böblinger/-innen als Abschluss der umfassenden Stadterneuerung in unserer Unterstadt." (Dr. Günter Scholz)

Die Währungsreform von 1948 in Böblingen und Dagersheim

Im vorliegenden Einblick in die Stadtgeschichte erinnert Stadtarchiv Dr. Christoph Florian an die Durchführung der Währungsreform in Böblingen und Dagersheim vor fast genau 70 Jahren.

In der Nachkriegszeit war die offizielle Währung, die Reichsmark (RM), fast wertlos. Die Preise waren zwar nicht so hoch wie einst bei der großen Inflation zu Beginn der 1920er-Jahre, doch die Menschen im kriegszerstörten Deutschland bekamen für ihr Geld nichts bzw. wenig. Für fast alle Waren benötigte man Bezugsscheine, so bekam man z. B. Lebensmittel nur gegen Vorlage von Lebensmittelmarken. Es entstand ein riesiger Schwarzmarkt auf Tauschbasis, die begehrten Zigaretten wurden dabei zu einer Art Währung. Wegen des mangelnden Vertrauens in die offizielle Währung wurden Waren zurückgehalten. Das dringend benötigte Wirtschaftswachstum blieb so aus.

Neues Geld für eine funktionierende Wirtschaft

DM-Münzgeld

Aus diesem Grund regten die Besatzungsmächte USA und Großbritannien die Einführung einer neuen Währung in Deutschland als Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft an. Vorbereitet wurde die Währungsreform zunächst durch die vom Wirtschaftsrat der Bizone (amerikanische und britische Besatzungszone) 1947 gegründete „Sonderstelle Geld und Kredit“ unter der Leitung von Ludwig Erhard, dem späteren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler der Wirtschaftswunderzeit. Die Anfangs abseits stehende französische Zone schloss sich später dem Projekt an. Als administrative Grundlage wurden in den einzelnen Ländern Landeszentralbanken und als deren Zentralbank wiederum die „Bank Deutscher Länder“ geschaffen. Aufgrund der Konfrontation im beginnenden Kalten Krieg entschied die Sowjetunion, dass ihre Besatzungszone (SBZ) nicht an der Währungsreform teilnehmen sollte.

Aus Gründen der Sicherheit, und um Spekulationen zu verhindern, geschahen die Vorbereitungen zu dem für Sommer 1948 vorgesehenen Währungsumtausch unter größter Geheimhaltung. Von Februar bis April 1948 wurden die in den USA gedruckten Geldscheine im Gesamtwert von 5,7 Milliarden Deutsche Mark (DM), so der Name der neuen Währung, nach Deutschland verschifft und in den einzelnen Zonen verteilt. Trotz der Geheimhaltung erwartete ganz Westdeutschland die Währungsreform und mutmaßte über den Zeitpunkt.

Ein brisantes Schreiben

Akte zur Währungsreform mit Aufschrift (Dagersheimer Bestände)

In diesem Stadium kamen die Gemeinden Böblingen und Dagersheim ins Spiel. Am 17. Juni 1948 erhielten, wie alle Bürgermeister des Kreises, der Böblinger Bürgermeister Wolfgang Brumme und Dagersheims Gemeindeoberhaupt Erich Maier vom Landratsamt einen Brief mit brisantem Inhalt. In dem vertraulichen Schreiben wurde mitgeteilt, dass die neue Währung bereits im Kreis eingetroffen sei. Am Freitag, den 18. Juni sollte das neue Währungsgesetz, also der Währungsumtausch, im Rundfunk bekannt gegeben werden. Am 19. Juni war die Bekanntgabe der Ausführungsbestimmungen, die Auskunft über den Ablauf gaben, durch den Rundfunk geplant. Dann wurde den Kommunen ein straffer Zeitplan diktiert. Die Ausgabe des Bargeldes („Kopf-Betrags“) sollte am Sonntag, den 20. Juni erfolgen. Für die Nacht vom Samstag auf den Sonntag war ein Bereitschaftsdienst einzurichten, der sämtliche Mitarbeiter der Zahl- und Hilfszahlstellen sofort bei Eintreffen des „Transportes“ herbeirufen konnte. Die Auszahlung erfolgte dann von „8.00 bis 20.00 Uhr“. Durch „Orts-Schelle“ und „Plakat-Anschlag“ war bekanntzumachen, dass nur der Haushaltsvorstand das Bargeld abholen durfte.

Kurz vor der Umtauschaktion, am Samstag, den 19. Juni, traf ein weiteres Rundschreiben bei den Bürgermeisterämtern des Landkreises Böblingen ein. Darin wurde die Höhe des Kopfbetrages mitgeteilt; er betrug 40 DM. Dafür waren vom Empfänger der neuen Währung 60 RM bei der Ausgabestelle einzuzahlen. Die Empfänger, die weniger als 60 jedoch mindestens 40 RM einzahlten, bekamen gleichfalls 40 DM. Wer weniger als 40 RM einzahlte, erhielt für jede eingezahlte RM jeweils eine DM.

Die Bürgermeister reagierten umgehend. Schon am 17. Juni benannte Bürgermeister Brumme die Bürger, die ehrenamtlich – aber nicht freiwillig - an dem Umtausch mitzuwirken hatten. Bei Ablehnung ohne wichtigen Grund wurde eine Buße bis zu 1.000 RM und die Aberkennung des Bürgerrechts für sechs Jahre angedroht.

In Dagersheim fand der Umtausch dann im Rathaus und im Kolonialwarengeschäft Maier an der Hauptstraße statt. Für den Schutz waren für jede Ausgabestelle jeweils zwei Teams unter Wachtmeister Rudi Stäbler zuständig. Für den Umtausch hatte Dagersheim insgesamt 76.000 DM in Scheinen erhalten, darunter 3.000 Scheine à 0,50 DM. Laut Abrechnung wurden 71.080 DM ausgegeben und 106.620 RM eingenommen. Die Ausgabe verlief reibungslos. Das Geld auf den Bankkonten wurde dann zum 21. Juni automatisch im Verhältnis 10 RM zu 1 DM auf die neue Währung umgestellt. An diesem Tag verlor auch das alte Geld seinen Wert. Lediglich das Kleingeld bis 1 RM blieb zu einem Zehntel seines bisherigen Wertes weiterhin gültig. Sachwerte und Wertpapiere waren von dem Umtausch nicht betroffen. Wer z. B. viele Aktien besaß und deswegen wohlhabend war, blieb es weiterhin.

Schnell weg mit der Reichsmark

Die Umstellung verursachte in Böblingen auch aus einem weiteren Grund sicherlich Kopfzerbrechen. Denn die Währungsreform bereitete der Stadt finanzielle Einbußen. Die städtischen Guthaben in Höhe von drei Millionen RM wurden nämlich nicht auf 300.000 DM, sondern auf rund 150.000 DM umgerechnet. Andererseits hatte Bürgermeister Brumme geistesgegenwärtig gehandelt und vor dem Stichtag alle möglichen zukünftigen Rechnungen und auch Schulden in der alten Währung bezahlt, um es auf diese Weise loszuwerden. So ging u. a. eine Vorschusszahlung für „Wasserleitungs- und Installationsbedarf“ in Höhe von 100.000 RM an die Firma Reisser. Gewissermaßen eine Flucht in Sachwerte stellt der Erwerb von 800 Anteilen an der Kreisbaugenossenschaft in Höhe von 240.000 RM dar. Der größte Einzelbetrag jedoch wurde für die Schuldentilgung bei der Ammertal-Schönbuchwassergruppe aufgebracht (362.608 RM). Insgesamt gab Brumme rund 707.700 RM für Vorschusszahlungen und Schuldentilgung aus, wodurch Böblingen schuldenfrei wurde. Diese Ausgaben müssen, da noch in RM abrechnet, vor dem 21. Juni stattgefunden haben, die Zustimmung der zuständigen Bauabteilung (Bauausschuss) des Gemeinderats datiert jedoch vom 28. Juni. Brumme hatte also ohne Gemeinderatsbeschluss diese Geschäfte getätigt. Die umstandslose nachträgliche Billigung, deutet jedoch darauf hin, dass er mit Wissen und Zustimmung der maßgeblichen Kräfte im Gemeinderat gehandelt hatte.

Trotz der Kapitalverluste war die Währungsreform das Startsignal zu einer Erfolgsgeschichte für Böblingen. Der Währungsumtausch wurde – wie erhofft – zur Basis des Wirtschaftswunders in Deutschland.

Die Vorgeschichte unserer deutsch-deutschen Städtepartnerschaft

Böblingens Alt-Oberbürgermeister und Zeitzeuge Alexander Vogelgsang berichtet über die Anfänge der Städtpartnerschaft Böblingens mit Sömmerda anlässlich des 25-jährigen Jubiläums.

Sömmerda im März 1988: Die Vereinbarung zum Abschluss einer
Städtepartnerschaft wird unterzeichnet.

Als Folge des Zweiten Weltkriegs war Europa in einen kommunistischen „Ostblock“ und in den „Freien Westen“ geteilt. Längs durch Deutschland verlief eine Grenze, die immer perfekter und bedrohlicher die Menschen in der damaligen DDR von uns in der Bundesrepublik trennte. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre vermittelte die zunehmende, vor allem atomare Aufrüstung uns allen eine tief sitzende Sorge um den Frieden, bei vielen sogar ein Gefühl von Angst. Die Bemühungen um Rüstungsbegrenzung zwischen den jeweiligen Schutzmächten USA und Sowjetunion waren von tiefem Misstrauen geprägt und erfolglos, bis der neue sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, der 1985 ins Amt kam, und Präsident Ronald Reagan nach zähen Verhandlungen im Dezember 1987 das Abkommen über die Vernichtung der Mittelstreckenwaffen unterzeichneten. Weitere Abrüstungsschritte wurden ins Auge gefasst. Das Klima wandelte sich.

Die aufgehellte politische Großwetterlage erleichterte es dem Staatschef der damaligen DDR, Erich Honecker, 1987 seinen Gegenbesuch (zu Bundeskanzler Helmut Schmidts Besuch in der DDR 1981) zu absolvieren. Als er mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn die Ehrenformation des Wachbataillons abschritt, wurde für alle sichtbar: Die DDR war faktisch anerkannt, war scheinbar politisch auf Augenhöhe mit der Bundesrepublik. Dies war das DDR-Ziel gewesen. Jetzt konnte Honecker auch bei den menschlichen Erleichterungen etwas großzügiger sein. Dazu halfen wohl auch große DM-Kredite an die DDR. Über eine Million DDR-Bürger unterhalb des Rentenalters durften 1987 Westdeutschland besuchen. Die Sondergenehmigungen für Städtepartnerschaften mehrten sich. Drei waren es 1986, 1987 schon sechzehn. Aber an die 500 westdeutsche Städte standen vor der Tür. Im Jahr 1987 haben wir, gefordert von vielen Bürgerinnen und Bürgern und befürwortet von allen Fraktionen, einen Vorstoß gemacht für die Partnerschaft mit einer Stadt in der DDR. Wir wollten Gräben überwinden helfen und Gemeinsamkeit fördern, so gut es ging.

Sie war wie wir historisch durch den Bauernkrieg 1525, ein rasches Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem durch die Computerindustrie gekennzeichnet. Im Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen hatte man uns geraten, die Anfrage sowohl bei der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn (praktisch die Botschaft) als auch über prominente Mittelsmänner beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker vorzubringen. Um Vermittlung haben wir gebeten: Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt (sein Gespräch mit Honecker kam im Herbst 1987 dann aber nicht zustande), Ministerpräsident Lothar Späth und den IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler. Die DDR-Vertretung in Bonn schickte prompt eine Absage. Aber drei Wochen später kam Günter Behnisch, der erste Sekretär eben dieser DDR-Vertretung ins Böblinger Rathaus und überbrachte ein zustimmendes Schreiben des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Die Mittelsmänner hatten gewirkt.

Mit Bürgermeister Manfred Hölzer tauschten wir noch vor Weihnachten vorbereitende Briefe aus. Später habe ich ihn als vorsichtig-pragmatischen und durchaus knitzen Kollegen schätzen gelernt. Anfang Februar 1988 besuchte uns eine erste Sömmersche Delegation, um uns zu beschnuppern. Sie waren damals noch neun Stunden unterwegs gewesen.

Ende März reiste ich mit einigen Gemeinderäten, Waltraud Gmelin (CDU), Hermann Rothfuß (Freie Wähler), Richard Schüle (SPD) und Claudius Ziehr (Grüne) nach Sömmerda.

Gleich am Ankunftstag und durch eine lange Nacht hindurch erarbeiteten und erkämpften wir einen einvernehmlichen Partnerschaftsvertrag. Natürlich war da manches verkrampft und gestelzt, aber es war ein tragbarer Kompromiss. Die 34. deutsch-deutsche Städtepartnerschaft wurde dann im Mai 1988 in Böblingen und im Juni in Sömmerda durch unseren Gemeinderat und die Sömmersche Stadtverordnetenversammlung besiegelt.

Keine zwei Jahre später war Deutschland mit Zustimmung aller vier ehemaligen Siegermächte wieder vereint. Es gab einen neuen Partnerschaftsvertrag und einen neuen, freien Schwung in unserer Beziehung zu Sömmerda. Ich wünsche alles Gute weiterhin!

Alexander Vogelgsang

Wiederaufbau und Erhebung zur Großen Kreisstadt

Böblingens zweite Stadtgründung

Urkunde der Landesregierung

Im folgenden Beitrag geht Stadtarchivar Dr. Florian auf die Hintergründe der Erhebung Böblingens zur Kreisstadt ein - ein Ereignis, das sich am 1. Februar 2012 zum 50. Mal jährt. Die damalige Sichtweise steht dabei im Vordergrund. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für Böblingen, abgesehen von den rechtlichen Folgen? Dazu ein Zitat von Wolfgang Brumme aus seiner ersten wichtigen Rede als Oberbürgermeister: „Die Auszeichnung Böblingens […] betrachten wir als Anerkennung für diese Leistung seiner Bürgerschaft, Wirtschaft und Verwaltung“. Was meinte er damit?

Um das Zitat zu verstehen, muss man in die Zeit des Kriegsendes 1945 zurückblenden. Böblingen lag damals, wie so viele Städte am Boden. Rund 40% der Stadt waren zerstört. Es fehlte an Lebensmitteln, Wohnraum und Heizstoff.

Die Not wurde durch die Aufnahme von Flüchtlingen noch verstärkt

Blick auf die zerstörte südliche Altstadt

Böblingen, das am Kriegsende knapp 10.000 Einwohner hatte, musste allein bis 1948 etwa 2.400 Flüchtlinge aufnehmen. Das Bevölkerungswachstum war enorm. Zwölf Jahre nach Kriegsende wurde im Oktober 1957 die Zahl von 20.000 Einwohnern überschritten. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt hatte sich die Bevölkerungszahl also mehr als verdoppelt. Zum 1. Januar 1962 schließlich zählte Böblingen 26.301 Einwohner.

Am dringlichsten war die Schaffung von neuem Wohnraum. Das Problem wurde von der Stadtverwaltung mit Unterstützung des Landes und anderer öffentlicher Stellen von zwei Seiten angegangen. Die Errichtung neuer Wohnsiedlungen wurde in die Wege geleitet. 1949/1950 wurde die Siedlung „Krumme Landen“ angelegt. Weitere Siedlungen folgten.

Der zweite Ansatzpunkt war die Altstadt

Arbeiten an der Zwingermauer in der Poststraße

Sie wurde mit großzügigem Grundriss wieder aufgebaut. Das 1948 systematisch begonnene Werk fand mit der Vollendung des neuen Markplatzes 1958 seinen Abschluss. Die Wiedererrichtung der Stadtkirche (1949 bis 1950) und der Neubau des Rathauses (1951 bis 1952) waren die zentralen Bauvorhaben. Die Bilanz war beeindruckend. Bis 1962 gelangt es unter schwierigsten Bedingungen rund 7.500 Wohnungen zu errichten. Eine Leistung, die ohne die Mitarbeit der ganzen Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre.

Zugleich wurde der Mangel an Lebensmitteln, Heizstoffen und sonstigen lebensnotwendigen Dingen durch die Auswirkungen des allgemeinen Wirtschaftsaufschwungs in Folge der Währungsreform 1948 allmählich beseitigt. Die Stadtverwaltung trug durch eine erfolgreiche Gewerbeansiedlungspolitik dazu bei (IBM 1949).

Auch der Mangel an Schulräumen wurde angegangen. Die Schülerzahl war nämlich ebenfalls stark angewachsen. Waren es 1945 rund 1.200 Schüler, so wuchs die Zahl bis 1958 auf 2.500. Die einzige 1945 schon vorhandene Schule, die Volksschule in der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße), wurde daher 1949 erweitert und neue Schulen errichtet - als erste die Ludwig-Uhland-Schule auf dem Galgenberg (1954).

Über die Stadtgrenzen hinaus

OB Wolfgang Brumme bei
seiner Rede auf dem Festakt

Doch bei allem Bemühen um den Aufbau hatte die Böblinger Kommunalpolitik auch eine Perspektive, die über die Stadtgrenzen hinaus ging. 1956 wurde nämlich die Partnerschaft mit der französischen Stadt Pontoise geschlossen. Durch Verbindungen auf kommunaler Ebene sollten alte Gegensätze und Vorurteile abgebaut und zur Verständigung zwischen den Menschen über die Grenzen hinweg beitragen werden.

Angesichts dieser Dynamik versteht man jetzt die Worte Wolfgang Brummes. Die Verleihung des Titels einer Großen Kreisstadt war der Ausdruck der letztendlich durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs enorm beschleunigten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Böblingens. Eine Dynamik, die 1962 noch längst nicht ihr Ende finden sollte.

Für den Oberbürgermeister war es sogar noch mehr, er verglich das Ereignis in seiner Bedeutung mit der Stadterhebung Böblingens durch die Pfalzgrafen von Tübingen rund 700 Jahre zuvor. Nach dem Aufbau zu einer Stadt war das mittelalterliche Böblingen damals auch im rechtlichen Sinn zu einer solchen erhoben worden. Aus diesem Blickwinkel war die Stadt Böblingen durch Wiederaufbau seit 1945 und Erhebung zur Großen Kreisstadt 1962 ein zweites Mal gegründet worden.