Sachgeschichten über die Zeit

1,75 Meter Geschichte – Das Böblinger Urkundenbuch im Stadtarchiv

Im aktuellen Beitrag zum "EinBlick in die Stadtgeschichte" befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit einer bemerkenswerten Quellensammlung zur Geschichte der Stadt Böblingen und ihrem Umland (Stand: 2016).

Das "Böblinger Urkundenbuch" aufgereiht (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Im Magazin des Stadtarchivs stehen 52 Bände eines „Böblinger Urkundenbuch“ (BUB) genannten Werks. Nebeneinander aufgestellt ergeben die Bände eine Länge von 1,75 Metern. Da die Blätter jeweils nur einseitig maschinenschriftlich beschrieben und pro Eintrag meist nur wenige Zeilen umfassen, schrumpft der Umfang doch beträchtlich. Bei dem Werk handelt es sich nicht um ein Urkundenbuch im üblichen Sinne, das nur Einträge über historisch wichtige Rechtsdokumente (Urkunden) enthält, sondern es finden sich in ihm geschichtliche Zeugnisse unterschiedlichster Art. In 12.269 Nummern wurden geschichtliche Nachrichten und Überlieferungen der Stadt Böblingen, des ehemaligen gleichnamigen Oberamts sowie von Orten darüber hinaus erfasst. Bei den Einträgen handelt es sich überwiegend um Zusammenfassungen (Regesten). Nicht berücksichtigt wurde Sindelfingen, das ein eigenes Urkundenbuch bekam.

Das BUB ist vor allem das Werk des Theologen und Historikers Dr. Albrecht Schaefer (1886-1972), der von 1919 bis 1930 in Böblingen Stadtpfarrer war, und danach als freier Historiker arbeitete und sich um die Stadtgeschichte äußerst verdient gemacht hat. Der zweite Bearbeiter war der Bibliothekar Dr. Ludwig Lang (1890-1956?). Grundlage des Urkundenbuchs wurde die von Schaefer zusammengestellte historische Materialsammlung, bestehend aus Abschriften, Zusammenfassungen und Notizen, welcher dieser in jahrelanger Arbeit aufgebaut hatte. Diese wurden ergänzt durch, seit 1946 von Lang für ein geplantes Heimatbuch gesammelte, historische Materialien.

Eine aufgeschlagene Seite im "Böblinger Urkundenbuch" (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Ab 1949 begannen Schaefer und Lang die geordneten Vorlagen maschinenschriftlich abschreiben zu lassen. Der erste Band erschien dann schon 1949, der letzte 1963. Orientiert man sich an den Titelangaben, dann bearbeitete Lang die Bände 1 bis 10, während Band 11 bis 17 von beiden verantwortet wurden, ab Band 18 war dann Schaefer alleiniger Bearbeiter. Erschwert wurden die Arbeiten durch den in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft nicht leichten Zugang zu Archiven und Bibliotheken. Auch war in der wirtschaftlichen Notzeit die Finanzierung schwierig. Bei dem Werk handelt es sich weniger um ein Urkundenbuch im streng wissenschaftlichen Sinn, als um eine heimatgeschichtliche und -kundliche Materialsammlung. Sie enthält eine Fülle spannender und überraschender Nachrichten über die Vergangenheit Böblingens und seiner Umgegend.

Ein Serpentin-Beilchen

Einträge zur Vorgeschichte machen den Anfang. So geht eine der ersten Nummern auf den „Homo Heidelbergensis“ ein. Im ersten Eintrag zur Stadt Böblingen wird dann ein Fund auf dem Schloßberg erwähnt: „Neolithisches Serpentin-Beilchen 6 cm. Hinter dem Oberamt‘. Boeblingen.“ Serpentinit ist eine Gesteinsart. Eine andere Nummer informiert über die Aufdeckung zweier Grabhügel im Böblinger Stadtwald Brand (bei Neuem Friedhof) im Jahr 1822. Im Band 3 findet sich ein Hinweis auf eine sehr frühe Nennung Böblingens, als um 1100 ein Gebehardus de Bebelingen und seine Ehefrau Adelheid zwei Güter in Kornwestheim an das Kloster Hirsau verschenkten.

Überhaupt gibt es in diesem Werk bisher wenig bekannte Fakten über das alte Böblingen zu entdecken. So wird eine Quelle aus dem Jahr 1664 wiedergeben: „Ein Theil der Seidenwürmer mit einem Mädchen zu ihrer Wartung, wie geschehen, nach Böblingen in das Schloß transportiert, und das Laub von den Maulbeerbäumen in Herrenberg, dahin geführt werde.“Aus dem 18. Jahrhundert findet sich eine weitere interessante Tatsache, denn damals gab es in Böblingen im größeren Umfang Weinanbau; die Fläche umfasste etwa 60-70 Morgen (19-22 Hektar). In den Jahren 1738 und 1765 wurde der größte Teil gerodet. Jedoch noch 1786 wurde Wein angebaut, denn in jenem Jahr kostete ein Eimer Wein (294 Liter) acht Gulden.

Dass es bei den Böblinger Pfarrern zuweilen sehr „menschlich“ zugehen konnte, zeigt das Beispiel des Dekans (Vorsteher eines Kirchenbezirks) von Böblingen, der 1660 am Pfingstsamstagabend als Zuhörer betrunken die Predigt seines Kollegen besuchte und dabei eingeschlafen ist. Er musste „mit lautem Gerumpel“ geweckt werden. Auch sonst war er ein schwieriger Fall und galt als "dissoluter [leichtsinniger] Haushälter, mit 5 Mägden".

Der Herzog kommt zu Besuch

Die "Oberamtei" im 19. Jahrhundert (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 4/10 Nr. 1).

Es findet sich auch die Zusammenfassung eines im Tagebuch des herzoglichen Generaladjutanten Franz Maximilian Friedrich Freiherrn von Buwinghausen-Wallmerode geschilderten Besuch Herzog Karl Eugens von Württemberg (Regierungszeit 1737-1793). Generaladjudant bezeichnete hier einen Offizier, der als persönlicher Mitarbeiter des Herzogs fungierte. Der Besuch fand am 11. Dezember 1767 im Anschluss an einer Jagd statt. Der Tagebuchverfasser sollte in der Stadtschreiberei (heute Bereich Marktgässle 1), die meisten Kavaliere im Schloss und der Herzog in der Oberamtei (heute Gebäude der Böblinger Baugesellschaft) logieren. Aus den Reihen der herzoglichen Husaren (Reitersoldaten) wurden am Oberen (Plattenbühl) und am Unteren Tor (heutiger Elbenplatz) jeweils ein Vizekoporal (Unteroffizier) und drei einfache Soldaten als Wachen aufgestellt. Um sechs Uhr abends kam dann der Herzog in Böblingen an. Auf der Anhöhe hinter dem Schloss wurde Salut geschossen, in der Stadt alle Glocken geläutet und bei der Oberamtei war der Magistrat (Stadtregierung), die Geistlichkeit und alle Bürger versammelt. Der dem Oberamt vorstehende Verwaltungsbeamte (Oberamtmann) Jonathan Friedrich Ulmer und der Spezial (Dekan) Philipp Heinrich Lang empfingen den Herzog mit einer Rede. Am Abend spielte die Gesellschaft „Quinze“ (französisches Würfelspiel), was der Generaladjudant als „ordinär“ bezeichnete.

Auch über Dagersheim gibt es Bemerkenswertes, so wurden 1912 in der Flur „Unter dem Böblinger Weg“ römische Baureste entdeckt. Dann schenkte um 1100 ein Adliger Namens Luitprant de Husa (von Hausen) aus seinem Besitz in Dagersheim dem Kloster Hirsau drei Güter. In der Nummer 11341 berichtet das Urkundenbuch für den 20. Juli 1839 kurz und knapp: „Dagersheim verhagelt“. Auch Dagersheim hatte seine Probleme mit seinem Pfarrer, denn 1557 überlegte man im Kirchenrat (oberste Kirchenbehörde), ob man den Geistlichen Johann Walter aus Peiting nicht versetzen sollte, weil er sich bei den Untertanen unbeliebt gemacht hatte.

Die letzte Nummer 12269 des Urkundenbuchs schließlich informiert dann über heimatkundliche Buchneuerscheinungen des Jahres 1960.

Das Böblinger Stadtwappen

Das Stadtwappen im Jahr 2014 (Bild: Stadt Böblingen).

Wie andere Städte und Gemeinden hat auch Böblingen ein eigenes Wappen. In der Sprache der Heraldik (Wappenkunde) wird das Wappen folgendermaßen beschrieben: Eine rote Fahne an drei Tragringen auf Gold. Nach den heraldischen Regeln kann Gold als Gelb wiedergegeben werden. Wie bei heutigen amtlichen Wappen üblich, besteht das Stadtwappen nur aus einem Hauptbestandteil, dem Schild. Die Zeichnung, welche der Schild wiederum beinhaltet, wird in der Heraldik als Wappenbild bezeichnet. (Verfasser: Christoph Florian, Stand: 2014, leichte Anpassungen 2026)

Pfalzgrafen von Tübingen

Der älteste Siegelabdruck mit dem Böblinger Stadtwappen von 1340. Es ist das erste Selbstzeugnis der Stadtgemeinde und ihrer Bürger. (Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 602  U 12142, abgebildet in: Christian Keitel: Böblingen im Spätmittelalter, in: Vom Mammutzahn zum Mikrochip, Böblingen 2003, S. 114)

Das Böblinger Wappen ist einfach, einprägsam, schön und sehr alt. Es lässt sich auf das Wappen des schwäbischen Hochadelsgeschlechts der Pfalzgrafen von Tübingen zurückführen, die im Mittelalter auch Stadtgründer und -herrn von Böblingen waren. Weil das in verschiedene Linien geteilte Pfalzgrafengeschlecht eine ganze Reihe von Städten gründete und beherrschte, lässt sich in vielen heutigen Stadtwappen deren Wappenmotiv nachweisen. Das Fahnenwappen findet sich daher in den Stadtwappen von Tübingen und Herrenberg. Und da ein Zweig der Tübinger - die Grafen von Montfort - auch am Bodensee herrschte, kommt dieses Motiv u. a. auch in dem Stadtwappen von Langenargen, ja sogar im Wappen des österreichischen Bundeslands Vorarlberg vor.

Eines der ältesten Wappen Deutschlands

So verbreitet das pfalzgräfliche Wappen ist, so unsicher ist seine Entstehung und Bedeutung. Es zählt zu den ältesten Deutschlands und ist schon für das Ende des 12. Jahrhunderts nachweisbar. Vermutlich sollte das Wappenbild eine Investiturfahne darstellen. Dabei wurde möglicherweise Bezug genommen auf die Verleihung der Pfalzgrafenwürde durch den König an das Geschlecht der Tübinger. Diese Übergabe geschah allem Anschein nach durch die symbolische Übergabe einer Fahne, die in der Geschichtswissenschaft als Investiturfahne bezeichnet wird.

Graf Wilhelm und der Farbenwechsel

Die Farbe der auf dem Wappen abgebildeten Fahne war ursprünglich offenbar Gold und die des Schildes Rot. Grafen Wilhelm von Tübingen-Gießen (+ 1252), der Begründer der Böblinger Linie, wechselte dann die Farben, so dass die rote Fahne auf goldenem Feld zum Vorbild für das Böblinger Stadtwappen wurde.

Wappen sind als Hoheitszeichen oft auf Steinen, auf Malereien und vor allem als Siegelabdruck überliefert. Mit Wachssiegeln und später Lacksiegeln wurde die Echtheit von Dokumenten beurkundet. Im Lauf der Zeit kam man dann immer mehr davon ab und siegelte stattdessen mit einem Stempel aus Metall später aus Gummi. So wie es auch heute noch üblich ist.

Der erste Nachweis für ein Wappen der Stadt Böblingen ist ein aus dem Jahr 1340 stammender Wachssiegelabdruck. Die rote Farbe der Fahne ist durch eine 1535 entstandene Darstellung überliefert. Als 1344 die Grafen von Württemberg Böblingen den Tübinger Pfalzgrafen abkauften, wurde das alte Wappen beibehalten.

Abbildung des Böblinger Wappen in der Stadtansicht von Matthäus Merian (1643). 

„Graziöse Formen“ und ein „Rahmenwerk“

Das frühe Böblinger Stadtwappen hatte einen sogenannten spitzen gotischen Dreieckschild. In der Zeit der Spätgotik wurde die Unterseite des Schildes abgerundet. Das so gestaltete städtische Siegel wurde von 1460 bis 1596 verwendet. Das nachfolgende städtische Siegel hatte einen von der Renaissance beeinflussten Schild mit „graziösen Formen“, und war mit einem "Rahmenwerk von Ranken umgeben."

Stadtsiegel aus dem Jahr 1819 (Bild: Stadtarchiv Böblingen).

Der Schild löste sich in seiner Form dann immer mehr auf, wie die Abbildung des Böblinger Wappens bei dem Stich von Merian zeigt (1643). Danach gab es eine uneinheitliche Entwicklung. So hatte das zeittypisch vom Rokoko beeinflusste Siegel 1751 eine einfache und klare Schildform, die an das frühgotische Siegel erinnert. Hingegen erinnert der Schild eines 1819 benutzten Siegels mehr an das bei Merian abgebildete Wappen. Langfristig setzte sich jedoch die Entwicklung in Richtung Einfachheit und Klarheit durch, wie ein Stempelbild von 1947 zeigt.

Stadtwappen im Jahr 1947 (BIld: Stadtarchiv Böblingen).

Im Zug der 700-Jahr-Feier der Stadterhebung beschloss der Böblinger Gemeinderat am 12. August 1953 die heute gültige Neufassung des Stadtwappens, welches das Stadtwappen noch stärker an das mittelalterliche Vorbild ausrichtete. Es gab dabei verschiedene kleinere Veränderungen: Der halbrunde Schild wurde wieder durch sein spitzes (gotisches) ersetzt, die Verzierung (Damaszierung) auf der Fahne beseitigt und auch die drei Fahnenlätzen (Fahnenenden) bekamen eine neue Form. Da die Farbe unverändert blieb und auch keine neue Wappenfigur hinzukam, musste das Wappen nicht durch das Innenministerium neu verliehen werden.

So spiegelt das Böblinger Stadtwappen in seiner Entwicklung geschichtliche Veränderungen wieder. Weil das Fahnenmotiv seit dem Mittelalter durchgehend als Wappenbild verwendet wurde, stellt das Stadtwappen in seiner beeindruckenden Kontinuität zugleich eines der wenigen bruchlosen Verbindungen des heutigen Böblingen zu seiner Vergangenheit dar.

Schlange und Stern – Das Dagersheimer Wappen

Die Geschichte des Ortswappens von Dagersheim steht im Zentrum des aktuellen von Dr. Christoph Florian verfassten Beitrags zum Einblick in die Stadtgeschichte. (Stand: 2016, leichte Veränderungen 2026)

Das Wappen in der Fassung von 2016 (Bild: Stadt Böblingen).

„In Silber drei bis zur Schildmitte gestürzte rote Spitzen, die mittlere belegt mit einem sechstrahligen goldenen Stern, darunter eine sich schlängelnde golden gekrönte rote Schlange.“ So wird im Wappenbuch des Landkreises Böblingen, auf dessen Ausführungen der vorliegende Artikel zu einem wesentlichen Teil beruht, das Dagersheimer Ortswappen in der Fachsprache der Heraldik (Wappenkunde) beschrieben. Doch wann ist dieses bemerkenswerte Wappen entstanden und woher kommen die einzelnen Wappenfiguren?

Das „gemain Insigel“

Was das Alter betrifft, so ist das Wappen in der Gestalt eines Siegelabdrucks erstmals 1499 nachweisbar. Denn in dem genannten Jahr verkaufte ein Henslin Schmid aus Dagersheim die Einnahmen von mehreren Äckern für 40 Pfund Heller (9600 Heller) an einen Junker Hans Wirtemberger. Der Schultheiß und die Richter (Gemeinderäte und Dorfrichter) von Dagersheim beglaubigten die Urkunde, indem sie das „gemain Insigel“ (Gemeindesiegel) an das Dokument „tun hencken“. Das geschah am „Dornstag nach Sant Othmars deß hailigen Abts Tage“, also am 21. November 1499. Der damals entstandene Wachssiegelabdruck ist samt der Urkunde erhalten und liegt im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart.

Zur Entstehung des Wappenmotivs gibt es eine schöne Sage. Danach soll ein Herzog Richard von Schwaben einstmals, als er bei Tagesanbruch  - der durch das Erscheinen des Morgensterns angekündigt wird – die Schwippe erreicht hatte, diese Stelle als „Tag her schain“ (Tag erschein) bezeichnet haben. Daraus entstand dann der Ortsname Dagersheim (1499: „Taghershain“). Im Fluss lebten jedoch Schlangen, Kröten, Eidechsen und andere kriechende Tiere. Daraufhin flehte Richard den heiligen Fridolin († 538) um Hilfe an, der die Gebete erhörte und das unerwünschte Getier vertrieb. So kam es, dass auf dem Dagersheimer Wappen eine Schlange und ein Morgenstern abgebildet sind. Soweit die Sage, welche auf fantasievolle Weise die Herkunft des Ortswappens zu erklären versucht.

Fridolin und die Schlange(n)

Die Ursprünge der Schlange liegen jedoch nach den Forschungen des früheren Herrenberger Stadtarchivars Dr. Roman Janssen vermutlich in der Verehrung des heiligen Fridolin, Patrons (Schutzheiligen) der Ortskirche, im damals noch katholischen Dagersheim. Der im 15. Jahrhundert in Dagersheim populär gewordene Fridolin wurde wiederum mit der Legende des heiligen Pirmin († 753) in Verbindung gebracht, nach der Letzterer Kröten, Schlangen und anderes Gewürm (Synonym für das Böse) von der Bodenseeinsel Reichenau vertrieben haben soll. Die Wundergeschichte des Pirmin war also von der Reichenau an das Schwippeufer verlegt und mit der Person Fridolins verknüpft worden. Noch heute ist übrigens eine Abbildung dieses Heiligen samt Schlange auf einem Schlussstein des 1491 vollendeten Chors der Dagersheimer Kirche zu sehen.

Der Stern auf dem Ortswappen wiederum wird sich wohl auf das Wappen der Herrn von Dagersheim beziehen. Dieses Geschlecht stammte vermutlich ursprünglich aus dem Ort und benannte sich nach ihm. Es führte im Wappen neben einem untergehenden Mond einen sechsstrahligen Morgenstern.

Ein Hufeisen kommt dazu

Das Dagersheimer Wappen, hier als Brunnenzier (Bild: Stadtarchiv Böblingen). 

Das Ortswappen änderte sich immer wieder und enthielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts neben Stern und Schlange auch ein Hufeisen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte dann das Wappen lediglich ein Hufeisen unter einen fünfstrahligen Stern. Später kehrte man zur Schlange zurück. Der seit 1890 gebrauchte Gemeindestempel zeigte so neben dem vertrauten Motiv als Schildhalter einen Engel und unterhalb des Schildes ein Hufeisen. 1923 empfahl dann die württembergische Archivdirektion „das Wappen mit gestürzten roten Spitzen und blauer Schlange in silbernem Feld.“  Durch ein Missverständnis wurde jedoch im Jahr 1927 von der Gemeinde angenommenen Wappen die Schlange „linkshin liegend“ abgebildet und die Jahreszahl 1499 in das Schild aufgenommen. Mit „links“ wird hier die vom Betrachter aus rechte Seite des Wappens bezeichnet. Denn in der Heraldik erfolgt die Beschreibung vom Wappen bzw. vom Standpunkt des Schildträgers und nicht von dem des Betrachters aus. Diese Regel stammt noch aus einer Zeit, als das Wappen auf dem Schild (aufgemalt) im Kampf oder auf dem Turnier getragen wurde.

Das Jahr 1955 brachte dann eine neuerliche Veränderung des Wappens. Die baden-württembergische Landesregierung verlieh der Gemeinde Dagersheim nämlich am 20. Juni 1955 das Recht, das im ersten Abschnitt dieses Beitrags beschriebene Wappen sowie eine Flagge in den Farben „Rot-Weiß“ zu führen. Seitdem züngelt die rot gewordene Dagersheimer Schlange (heraldisch korrekt) nach rechts und der Morgenstern kam auch wieder auf das Wappen zurück.

Auch nach der Eingemeindung Dagersheims nach Böblingen 1971 wird das Wappenmotiv verwendet. So prangt es auf dem Dagersheimer Mitteilungsblatt und anlässlich von Gemeinderatswahlen sowie Bürgerversammlungen wird auch die Ortsfahne aufgezogen.

Böblingens Schutzheilige – die Patrozinien der Böblinger Kirchen

Die Böblinger Stadtkirche heißt auch Dionysiuskirche. Da stellt sich einem die Frage, warum die Kirche so heißt, wer eigentlich dieser Dionysius war und ob es noch weitere Kirchen mit Patrozinien gab. (Verfasser/Stand: in Klärung)

Die Gründe für die Namensgebung haben ihren Ursprung im Mittelalter. Damals benötigte eine Kirche oder Kapelle den Schutz eines Heiligen. Ein Heiliger ist nach der alten, landläufigen, christlichen Vorstellung eine gläubige Person, die Wunder gewirkt hat und dies auch noch nach ihrem Tod tun kann. Das Schutzverhältnis zwischen Heiligen und Kirche wird als Patrozinium bezeichnet. Eine Kirche, eine Kapelle oder vielleicht auch nur ein einzelner Altar wurden durch eine Weihehandlung Eigentum eines Heiligen und dessen Herrschaft unterstellt. Der Heilige wiederum, so die Glaubensvorstellung, gewährte im Gegenzug dem Gotteshaus Schutz. So geschah es auch mit der Vorgängerin der heutigen Stadtkirche, deren Wurzeln in die Zeit um das Jahr 1000 oder vielleicht sogar noch früher zurückreichen. Sie wurde dem heiligen Bischof Dionysius unterstellt. Leider ist – wie so oft im Mittelalter – nicht bekannt, wann dies geschah. War sie von Anfang an Dionysius geweiht oder wurde das Patrozinium später einmal gewechselt? Wir wissen es nicht. Erstmals sicher nachweisbar wird das Dionysius Patrozinium auf jeden Fall erst durch ein Siegelbildnis aus dem Jahr 1432.

Wer war eigentlich dieser Dionysius?

Der heilige Dionysisus auf dem Schlussstein des Chors der Stadtkirche (Foto: I. Helber, Balingen)

Der Legende nach wurde Dionysius um das Jahr 250 von Papst Fabianus zusammen mit sechs Bischöfen nach Gallien, das heutige Frankreich, gesandt, um dort für das Christentum zu missionieren. Um das Jahr 285 wurde er dann – mittlerweile Bischof von Paris – auf Befehl des römischen Statthalters zusammen mit seinen Gefährten Eleutherius und Rusticus hingerichtet. Einer späteren Legende nach wurde er enthauptet und trug seinen Kopf von der Hinrichtungsstätte bis zu einem selbstgewählten Begräbnisort. Der Berg, auf dem die Hinrichtung geschehen sein soll, wurde später Märtyrerberg, auf lateinisch „Mons martyrum“, genannt. Später wurde daraus Montmartre, der Ort wo das weltberühmte Amüsierviertel entstehen sollte. Über dem Grab des Dionysius entstand zunächst eine Kirche und dann das berühmte Kloster SaintDenis. Die Klosterkirche wurde später zur Krönungskirche der französischen Könige und ist heute gut erreichbar mit der Metro in einem Pariser Vorort gelegen. Der Heilige Dionysius schützte nicht nur die Böblinger Stadtkirche, sondern zahlreiche weitere Kirchen in Europa und gilt zudem als Nationalheiliger Frankreichs. Wegen seiner in der Legende berichteten Fähigkeit ohne Kopf zu laufen, galt er auch als Schutzpatron gegen Kopfschmerzen.

Seit dem 15. Jahrhundert gab es in Böblingen ein zweites Gotteshaus

Es handelt sich um die Kapelle, die möglicherweise für den zweiten im Bereich der heutigen Schafgasse angelegten Friedhof gestiftet wurde. Sie hatte einen ganz besonders guten Schutz durch Maria, der Mutter von Jesus. Mit der Einführung der Reformation in Württemberg und der damit verbundenen Abschaffung des Heiligenkults seit 1534 verloren die Patrozinien ihre Bedeutung für die Kirche. Jedoch wurde der Name auch noch zur Bezeichnung von Kirchenvermögen lange weiter benutzt und auch heute noch wird die Stadtkirche auf der Homepage der evangelischen Stadtkirchengemeinde als „St. Dionysius“ bezeichnet.

Doch es sollten wieder Schutzheilige nach Böblingen kommen

Die Kirche Sankt Klemens

Doch es sollten wieder Schutzheilige nach Böblingen kommen Als im 19. Jahrhundert die Zahl der katholischen Bewohner in Böblingen wieder zunahm, wurde für sie 1898 bis 1900 eine Kirche gebaut und dem heiligen Bonifatius geweiht. Der 754 oder 755 im heutigen niederländischen Westfriesland bei seiner Missionstätigkeit getötete Kirchenpatron war ein Angelsachse, also Engländer, der eigentlich Wynfreth hieß. Dennoch wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der allgemeinen nationalen Begeisterung die Erinnerung an ihn von der katholischen Kirche in Deutschland besonders gefördert. Er wurde so auch im allgemeinen Bewusstsein zum „Apostel der Deutschen“. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde dann 1959 die neu errichtete Kirche in der Oststadt dem heiligen Klemens geweiht. Es handelt sich dabei um den 1820 verstorbenen und 1909 heilig gesprochenen, aus dem heutigen Tschechien stammenden Klemens Maria Hofbauer – mit bürgerlichem Namen Johannes Dvorcak, der auch Stadtpatron von Wien ist. Die Wahl dieses Patroziniums dürfte die Reverenz an die vielen katholischen Neubürger Böblingens gewesen sein, welche aus dem Raum der ehemaligen österreichischungarischen Donaumonarchie kamen. Die ehemalige Marienkapelle dient heute nur noch als Ort für Aufführungen. Durch die 1963 geweihte Kirche St. Marie Verkündigung an der Berliner Straße, welche mit ihrem Namen an die alte Marienkapelle anknüpft, kommt auch das alte Marienpatrozinium in Böblingen wieder zu Ehren.

Weihnachten in Böblingen – 1860, 1910 und 1960

Weihnachten gilt als eine besondere Zeit, als eine Zeit der Besinnlichkeit und des Nachdenkens. Zugleich ist es aber auch eine Zeit des Konsums und des Stresses. War das früher auch so? In der ersten Ausgabe von „EinBlick in die Stadtgeschichte“ im Amtsblatt werfen wir einen Blick in alte Ausgaben des Böblinger Boten. Was stand in den Jahren 1860, 1910 und 1960 jeweils in der letzten Zeitungsausgabe vor Weihnachten? Welchen Stellenwert hatte Weihnachten damals in der Zeitung? (Verfasser/Stand: in Klärung)

Im Jahr 1860 war Württemberg noch ein selbstständiges Staatswesen und Deutschland in viele Kleinstaaten zersplittert. Die allgemeine politische Stimmung nach der gescheiterten Revolution von 1848 war eher pragmatischvorsichtig. Eine neue Entwicklung – die Industrialisierung – hatte auch das beschauliche Landstädtchen Böblingen erfasst. Recht nüchtern fängt die Ausgabe des Böblinger Boten vom 23. Dezember 1860 an. Ein schwarzgrauer auf der Staatstraße bei Böblingen gefundener Überrock suchte seinen Besitzer. Die politischen Nachrichten ergeben ein zwiespältiges Bild. Im Königreich Württemberg war es ruhig. Ganz anders im Nahen Osten. Dort gab es im Gebiet des heutigen Libanon schwere Ausschreitungen gegen die christlichen Maroniten. Laut Bericht waren rund 120.000 Christen vertrieben worden und es gab 19.000 Todesopfer. Der im Bericht zitierte preußische Konsul in Beirut forderte die Hilfe Europas für die Opfer. Etwas wohliger ums Herz wird es dann wohl Freunden geistiger Getränke geworden sein. Der Böblinger Likörhersteller G. Zais empfahl im Anzeigenteil für das bevorstehende Weihnachten Arac de Patavia, Rhum de Jamaica, AracPunschEssenz, sechsjährigen Kirchengeist und andere alkoholische Getränke. Pünktlich zum Fest der Kinder brachte die Witwe eines L. Müller aus Sindelfingen dem Leser ihr Sortiment an „Kinderspielwaaren in geneigte Erinnerung“. Ein Gedicht mit dem Titel „Das verwaiste Mutterherz am Weihnachtsabend“ am Ende der Ausgabe versetzte schließlich den Leser in die damals angemessene Weihnachtsbesinnung.

1910 – Böblingen im Zeitalter des Wilhelminismus

Fünfzig Jahre waren vergangen. Württemberg war mittlerweile Teil eines vereinigten Deutschlands. Auch in Böblingen war jetzt das Zeitalter des Wilhelminismus heraufgezogen. In der Ausgabe vom 24. Dezember 1910 bekommt der Leser davon allerdings wenig mit. Aus der württembergischen oder der deutschen Politik gibt es keine Nachrichten. Stattdessen konnten sich die Leser am Fortsetzungsroman von G. von Stokmanns mit dem Titel „Die blaue Brille“ erfreuen. Der Wetterbericht ließ nebliges und kaltes, aber trockenes Wetter erwarten. Der Radfahrerverein Böblingen lud für den 26. Dezember zu seiner Weihnachtsfeier ins Hotel Post. Dort fanden Gabenverlosung, theatralische Aufführungen, Konzertvorträge sowie eine Tanzveranstaltung statt. Der Gewerbeverein Böblingen hingegen teilte für den 27. Dezember die Vorführung eines „Autogenschweißapparates“ mit. Im Anzeigenteil schließlich suchte eine nicht genannte Person per Annonce vier Liter Milch. Angebote waren an die Redaktion des Kreisboten unter der Nr. 100 zu senden.

1960 – Böblingen im Wandel

Böblinger Bote im Jahr 1960

Böblingen im Wandel Abermals waren 50 Jahre ins Land gezogen. Mittlerweile war Deutschland wieder einmal geteilt. Es gab keine Monarchie mehr, die Demokratie nahm inzwischen ihren zweiten, diesmal erfolgreichen Anlauf. Für die Böblinger hatte sich so ziemlich alles geändert. Der Wiederaufbau des kriegszerstörten Böblingen und die Stadterweiterung schufen ein ganz neues Antlitz der Stadt. Selbst die Zusammensetzung der Menschen war eine andere, Flüchtlinge und Umsiedler beeinflussten nun das soziale Leben mit und packten gemeinsam mit den Alteingesessenen beim Wiederaufbau mit an. Weihnachten beherrscht in der Ausgabe vom 24. Dezember 1960 nun auch die Titelseite. In den politischen Nachrichten wirft der Kalte Krieg seine Schatten. Die Sowjetunion forderte die Einberufung einer Konferenz wegen des von Kämpfen zwischen prowestlichen und prokommunistischen Kräften zerrissenen Laos. Auch zur Weihnachtszeit ist die jüngste Vergangenheit präsent. Der SSSanitäter Gottfried Muzikant wurde wegen vielfachem Mord und Mordversuch in den Konzentrationslagern Mauthausen und Melk zu 21 mal lebenslänglichem Zuchthaus und Ehrverlust auf Lebenszeit sowie zu weiteren 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im wirtschaftlichen Teil konnte Bundeswirtschaftsminister Erhard in seinem Jahresrückblick zufrieden die Erhöhung der Kaufkraft aufgrund steigender Löhne und die sich daraus ergebende steigende Nachfrage am Markt feststellen. Jedoch sorgte sich der Minister wegen des Arbeitskräftemangels. Der Einzelhandel war mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden und sprach von einer „Luxuswelle“. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hingegen warnte vor üppigen Menüs, welche oft beim Arzt endeten. Solche Probleme hatten die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und Mitteldeutschland stammenden Bewohner des Böblinger Durchgangslagers und des Sindelfinger Übergangswohnheims nicht. Sie waren froh, dass jetzt das tägliche Brot gesichert war.