Konrad W. Sprai

13.12.1924 - 12.10.2012

Der Beginn einer Recherche
Was führte einen Berliner Schüler ins schwäbische Böblingen? Die Jahre des Aufenthalts von Konrad W. Sprai in Böblingen sowie sein weiteres Schicksal ließen sich nur aus Fragmenten rekonstruieren. Einzelne Informationen konnten anhand archivischer Quellen und eines Zeitungsartikels ermittelt werden. Glücklicherweise war seine Witwe Sibylle Einholz im November 2025 zu einem persönlichen Gespräch bereit. Ohne dieses hätte sich die Vielfalt von Konrad W. Sprais Leben nur in Ansätzen darstellen lassen. Ihr sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Die Videoinstallation Tree of Testimony im Holocaust Museum Los Angeles zeigt aufgenommenen Interviews mit Überlebenden. Fotografie: Alanna Paez (Periodic Adventures), URL: https://periodicadventures.com/a-locals-guide-to-los-angeles-museums/#9_Los_Angeles_Museum_of_the_Holocaust_-_FREE (letzter Zugriff am 01.03.2026).

Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen(Oral History)
Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, die mit persönlichen Erinnerungen von Personen arbeitet, welche anhand von Interviews aufgezeichnet, gesichert und ausgewertet werden. Anders als schriftlich verfasste Lebenserinnerungen, Memoiren oder andere Selbstzeugnisse entstehen Oral-History-Quellen in einer konkreten Gesprächssituation zwischen erzählender und befragender Person. Auf diese Weise lassen sich Erfahrungen und Wahrnehmungen erfassen, die in schriftlichen Quellen häufig kaum sichtbar werden. Besonders wichtig sind Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen daher für Alltagsgeschichte, Erfahrungsberichte und für die Frage, wie Menschen historische Ereignisse erlebt und später erinnert haben.Diese Gespräche sind nicht als unmittelbare Abbildung der Vergangenheit zu verstehen. Aufgrund neuronaler Vorgänge sind Erinnerungen immer selektiv, weil das Gehirn Vergangenes nicht vollständig speichert, sondern Informationen bereits bei der Aufnahme filtert. Beim späteren Abruf werden Erinnerungen immer wieder neu zusammengesetzt, mit nachträglichem Wissen vermischt und durch persönliche Erfahrungen sowie gesellschaftliche Erinnerungskulturen geprägt. Auch häufiges und wiederholtes Erzählen kann ursprüngliche Erlebnisse verändern. Solche Gespräche müssen deshalb quellenkritisch behandelt werden. Das bedeutet: Sie erfordern eine gute Vorbereitung, offene und möglichst nicht lenkende Fragen, eine sorgfältige Dokumentation sowie eine Einordnung in den historischen Kontext. Aussagen aus Interviews sollten nicht isoliert verwendet, sondern mit anderen Quellen verglichen werden. Ebenso wichtig sind Transparenz, Einverständnis und ein sensibler Umgang mit belastenden Themen. Der besondere Wert der Oral History liegt daher gerade in der reflektierten Auswertung der Perspektivität von erinnernden Erzählungen.Für die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts und insbesondere für die Shoah und ihre Nachgeschichte, sind Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von zentraler Bedeutung. Aufgezeichnete Interviews mit Überlebenden überliefern individuelle Sichtweisen auf Verfolgung, Ausgrenzung, Flucht, Verlust und Neubeginn und machen diese Erfahrungen aus der Sicht der Betroffenen zugänglich. In vielen anderen Quellen werden diese kaum sichtbar und treten hinter der Perspektive von Behörden und Täterinnen bzw. Tätern zurück. Die Oral History ermöglicht somit eine aktive Auseinandersetzung mit der Shoah und der Nachkriegsgeschichte.Das Konzept der Zweitzeuginnen und Zweitzeugen knüpft daran an, gehört aber nicht zur Oral History im engeren Sinn. Sie bringen keine eigenen Erstzeugnisse hervor, sondern hören die Berichte von Überlebenden, setzen sich mit ihnen auseinander und tragen sie weiter. Dass es Zweitzeuginnen und Zweitzeugen braucht, hängt vor allem damit zusammen, dass immer weniger Überlebende selbst öffentlich sprechen können, ihre Perspektiven für historische Bildung und Erinnerungskultur aber unverzichtbar bleiben. Zweitzeuginnen und Zweitzeugen sollen diese Stimmen daher nicht ersetzen, sondern geben sie verantwortungsvoll weiter und halten sie für folgende Generationen präsent.

Am Beginn der Recherchen stand jedoch ein Eintrag auf der interaktiven Gedenk- und Forschungsplattform Mapping the Lives. Da sich die Plattform bei der Kartierung von Wohn- und Lebensorten verfolgter Personen zwischen 1933–1945 hauptsächlich auf Informationen aus den Erfassungsbögen und Ergänzungskarten der Volkszählung vom 17. Mai 1939 bezieht, müssen die dortigen Angaben entsprechend eingeordnet werden. Erscheint ein Eintrag über eine Person in diesen Unterlagen und somit auch auf der Plattform, lässt sich daraus lediglich ableiten, dass sie nach den nationalsozialistischen Gesetzen als „jüdisch“ erfasst wurde. Diese Registrierungen auf Grundlage der Ergänzungskarten basierten ausschließlich auf rassistischen und antisemitischen Abstammungslogiken. Sie machen die dahinterstehende Ideologie sichtbar und lassen keine Aussage darüber zu, ob sich eine Person selbst als jüdisch verstand, den jüdischen Glauben praktizierte oder einen Bezug zur jüdischen Gemeinschaft hatte. Ein behutsamer Umgang mit Informationen dieser Art ist daher unerlässlich, insbesondere, um die zugrunde liegenden nationalsozialistischen Kategorien nicht unreflektiert zu reproduzieren. Gleichwohl wäre das Schicksal von Konrad W. Sprai ohne diesen Hinweis wohl unentdeckt geblieben, da es der erste Anhaltspunkt auf seine Verbindung zu Böblingen war.

Eintrag zu Konrad W. Sprai auf der Plattform Mapping the Lives. URL: https://mappingthelives.org/bio/83da6900-24e6-4847-bb7e-c8a5927e3405?language
=de
(letzter Zugriff am 05.02.2026).
Beispiel einer Ergänzungskarte im Rahmen der Volks-, Berufs- und Betriebszählung am 17. Mai 1939, in: Zimmermann, Nicolai M., Die Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung der Volkszählung vom 17. Mai 1939, Seite 4-5

„Die Ergänzungskarten der Volks-, Berufs- und Betriebszählung am 17. Mai 1939“Im Rahmen der großen Volks-, Berufs- und Betriebszählung im Deutschen Reich vom 17. Mai 1939 musste von jedem Haushalt die Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung ausgefüllt werden. Darin wurde explizit nach der jüdischen Abstammung aller vier Großeltern eines jeden Haushaltsmitglieds gefragt. Wurde diese bejaht, wurden die Karten – nach der regulären Auswertung durch das Statistische Reichsamt – anschließend dem Reichssippenamt übergeben, das für Familienforschung und Abstammungsnachweise im Deutschen Reich zuständig war. Diese Behörde hatte ihren Sitz in der Oranienburger Straße 28–30 in Berlin, einem nach dem 9. November 1938 beschlagnahmten Gebäude der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Dort bewahrte das Reichssippenamt den Großteil der Ergänzungskarten der Volkszählung von 1939 auf. Die Erfassung von Personen mit einem oder mehreren jüdischen Großeltern folgte der nationalsozialistischen Ideologie und definierte eine jüdische Abstammung ausschließlich im Sinne der Nürnberger Rassengesetze. Die Angaben auf den Ergänzungskarten hatten somit keinerlei Aussagekraft über die Identität der betreffenden Personen, sondern basierten ausschließlich auf rassistischen und antisemitischen Kategorien. Sie machten eine anschließende Klassifizierung als Jude bzw. Jüdin oder auch „Mischlinge ersten oder zweiten Grades“ möglich. Diese Zuschreibungen müssen ausdrücklich als NS-spezifische Ausdrücke gekennzeichnet, sollten ausschließlich als Quellenbegriffe genutzt und entsprechend in Anführungszeichen verwendet werden. Leider sind sie bis heute im allgemeinen Sprachgebrauch zu finden und werden zum Teil noch immer vorbehaltlos verwendet.Die Ergänzungskarten sind eine wertvolle Quelle für die Familienforschung, für Angehörige, Wissenschaft und Gedenkkultur. In den Unterlagen (heute im Bundesarchiv in Berlin) finden sich zusätzliche Angaben über Einkünfte, Schulabschlüsse, Aufenthaltsorte, die genaue Adresse sowie die konkrete Wohnsituation. Dadurch lässt sich ein recht genaues Bild der in Deutschland lebenden jüdischen Personen vor dem Beginn der großen Deportationen im Rahmen der Shoah – also der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden – rekonstruieren. Neben den betreffenden Personen wurden auch alle weiteren (nichtjüdischen) Haushaltsmitglieder erfasst. Da jedoch keine Angaben über die Beziehungen der Personen eines Haushaltes gemacht wurden, sind Rückschlüsse auf familiäre Zusammenhänge nicht immer eindeutig und benötigen die Berücksichtigung zusätzlicher Quellen.Die Verwendung von Informationen aus NS-Quellen im Allgemeinen und den hier verwendeten Ergänzungskarten der Volkszählung im Besonderen, bedarf umso mehr einer quellenkritischen Betrachtung und Einordnung. Bei einer unkritischen Übernahme deren Inhalte besteht die Gefahr, sowohl die Kategorien der Nürnberger Rassengesetze als auch die dazugehörigen nationalsozialistischen Begriffe zu reproduzieren. Die Aufgabe bei der Auswertung der Ergänzungskarten muss also darin bestehen, die Logik der Verfolgung sichtbar zu machen und dabei offenzulegen, dass es sich bei diesen Einordnungen ausschließlich um Konstruktionen der Täterinnen und Täter handelt. Sie dokumentieren keine objektiven Tatsachen, geschweige denn wird die Perspektive der Opfer mit einbezogen. Es handelt sich vielmehr um die ursächlichen Instrumente der Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung von Menschen.

Kindheit in Berlin und Lausanne
Was wissen wir über das Leben von Konrad W. Sprai? Er wurde am 13. Dezember 1924 in Berlin geboren. Seiner Heimatstadt fühlte er sich sehr verbunden und obwohl sein Lebensweg ihn über mehrere Kontinente und durch verschiedene Länder führte, sollte er in späteren Jahren wieder nach Berlin zurückkehren. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen aus dem Jahr 2007 geht er nur recht knapp auf seine Kindheit ein. „Meine Eltern waren gläubige, liberale Juden. Trotz der Scheidung im Jahr 1929 verlebte ich eine sehr glückliche und unbeschwerte Kindheit.“ Sein Vater Eugen Sprai wurde in Zabrze (1915-1945 „Hindenburg“) in Schlesien/Polen in eine große jüdische Familie mit neun Geschwistern geboren, von denen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht wenige ihren Weg nach Berlin und Umgebung fanden. Konrad W. Sprai besuchte die Volksschule in der Markgrafenstraße in Berlin, wechselte jedoch nach der Trennung der Eltern in ein Internat nach Lausanne.

Lausanne – Place du Flon et les Alpes (um 1948). Fotografie: jdglor (Geneanet), Lizenz: Creative Commons BY-NA-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/), URL: https://de.geneanet.org/postkarten/view/4853548#0 (letzter Zugriff am 12.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.

Wahrscheinlich führten familieninterne Gründe zu der Unterbringung in der Schweiz. Im Gespräch mit Sibylle Einholz wurde deutlich, dass die Kosten für das Internat durch die Erbschaft einer Tante väterlicherseits übernommen wurden. Zugleich deutet einiges darauf hin, dass Konrad W. Sprai nach der erneuten Heirat seiner Mutter Rosie Förster in ein familiäres Spannungsverhältnis geriet. Ob das Kind aus einer früheren Verbindung in der neuen Ehe schlicht als Belastung empfunden wurde oder ob der Stiefvater konkrete Vorbehalte hegte, möglicherweise auch wegen Konrad W. Sprais jüdischer Herkunft, lässt sich nicht abschließend klären. Seine Kindheit verbrachte Konrad W. Sprai bis 1936 oder 1937 im Schweizer Internat. Auf seiner Registrierungskarte als Displaced Person vermerkte Konrad W. Sprai nach dem Zweiten Weltkrieg Lausanne sogar als letzten dauerhaften Aufenthaltsort.

D.P. Registration Record von Konrad W. Sprai (13. Mai 1946). Die Karte galt als standardisierter Nachweis der Registrierung für Displaced Persons in den westlich-alliierten Besatzungszonen. Sie dokumentierte zentrale Angaben und diente der administrativen Organisation von Rückführung und Emigration in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Signatur: 03010101 23 497 (Registrierungen und Akten von Displaced Persons, Kindern und Vermissten), DocID: 69251476/IST Digital Archive, Arolsen Archives, URL: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/69251476 (letzter Zugriff am 14.01.2026).

Hier fand auch seine Bar Mizwa Feier statt, zu der beide Eltern zu Besuch kamen. Im Judentum markiert dieser Tag den Übergang von der Kindheit in die Erwachsenenwelt, bei den Mädchen nennt sich diese Zeremonie Bat Mizwa. Mit dem Erreichen der religiösen Mündigkeit im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes übernehmen Jungen und Mädchen alle religiösen Rechte und Pflichten, die sie zu einem vollwertigen Mitglied der jüdischen Gemeinschaft machen. Anders als Friedrich Römer oder Lucie Hain-Illfelder (siehe hierzu die weiteren biografischen Dossiers), hatte Konrad W. Sprai also eine persönliche Verbindung zum Judentum bzw. zur jüdischen Gemeinschaft.

Jugend in Böblingen und die Spruchkammerakte des Onkels
Warum und zu welchem Zeitpunkt er das Internat verließ und in das von den Nationalsozialisten regierte Deutsche Reich zurückkehrte, ließ sich bisher nicht rekonstruieren. Auch ist nicht bekannt, ob er zunächst einen Umweg nach Berlin machte oder direkt nach Böblingen ging. Dort lebte die Schwester seiner Mutter, seine Tante Margarete Scheu, geborene Förster, mit ihrem Mann Rudolf Scheu und den beiden gemeinsamen Töchtern Friederike und Liselotte. Wahrscheinlich kam Konrad W. Sprai zu Beginn des Jahres 1936 oder 1937 in die Stadt – die Angaben in den Akten dazu variieren. Am Stichtag der Volkszählung vom 17. Mai 1939 sind jedoch alle Mitglieder der Familie Scheu und Konrad W. Sprai unter der gleichen Adresse registriert: in der damaligen Hermann-Göring-Straße 2 (heute Friedrich-List-Straße).

Auszug aus einem Böblinger Stadtplan von 1944. Bild: Stadtarchiv Böblingen.

Der Onkel Rudolf Scheu war von Beruf Ingenieur und arbeitete seit 1934 im Werk von Daimler-Benz in Sindelfingen. Da er bereits 1933 in die NSDAP eintrat und außerdem Mitglied in verschiedenen nationalsozialistischen Unterorganisationen, wie der DAF (Deutsche Arbeitsfront), der NSV (Nationalsozialistische Wohlfahrt) oder dem Reichskolonialbund war, wurde gegen ihn nach 1945 ein sogenanntes Spruchkammerverfahren eröffnet.

Deckblatt der Spruchkammer-Akte von Rudolf Scheu. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095 (Spruchkammerakte Rudolf Jakob Scheu).

Spruchkammerverfahren (Entnazifizierung)
Nach 1945 führten die Alliierten in allen vier deutschen Besatzungszonen Maßnahmen zur Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft durch. In den westdeutschen Ländern bildete das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus die rechtliche Grundlage für die Untersuchung individueller Verstrickung von Einzelpersonen in das nationalsozialistische Herrschaftssystem. Im württembergischen Raum war das Ministerium für politische Befreiung Württemberg-Badens als oberste Landesbehörde (unter der Kontrolle der US-Militärregierung) für die Organisation und Durchführung der Entnazifizierung zuständig. Als zentrale Verwaltungsstelle leitete es die regionalen Spruchkammern, eigens eingerichtete und befristete, gerichtliche Sonderinstanzen.Die Spruchkammern bewerteten die individuelle Beteiligung einzelner Personen am nationalsozialistischen System in politisch-moralischer, jedoch nicht in strafrechtlicher Hinsicht. Auf Grundlage umfangreicher Meldebögen, Dokumenten zu früheren Tätigkeiten und Mitgliedschaften in NS-Organisationen sowie Aussagen von Zeuginnen und Zeugen ordnete das Spruchkammergremium die betroffenen Personen einer von fünf Kategorien zu: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläuferinnen bzw. Mitläufer oder Entlastete, was einem Freispruch gleichkam. Mit dieser Einstufung waren sogenannte Sühneleistungen wie Geldzahlungen oder Vermögensabgaben, Berufsverbote oder -einschränkungen, der Verlust politischer Rechte sowie in schweren Fällen auch Haftmaßnahmen verbunden.Die Spruchkammern erfüllten damit neben ihrer administrativen Funktion auch eine symbolische Aufgabe: Sie sollten die politische Verantwortung sichtbar machen und einen Beitrag zur politischen Befreiung der Gesellschaft vom Nationalsozialismus sowie zur gesellschaftlichen Neuordnung nach 1945 leisten.

In der Akte wird an zwei Stellen auf den Aufenthalt von Konrad W. Sprai bei der Familie Scheu in Böblingen eingegangen: einmal durch Rudolf Scheu selbst sowie in einer eidesstattlichen Versicherung von Konrad W. Sprai. Die Unterlagen und Akten aus den Spruchkammerverfahren verfolgten meist den konkreten Zweck, die angeklagte Person zu entlasten. Sie wurden mit einer bestimmten Intention abgefasst und sind keine neutralen Quellen, sondern müssen unter diesem Gesichtspunkt gelesen, verarbeitet und interpretiert werden. Das ist im Fall von Rudolf Scheu nicht anders. Dennoch erfahren wir hier einiges über die Gegebenheiten, unter denen Konrad W. Sprai nach Böblingen kam. Sein Onkel schreibt am 13. Dezember 1946 dazu:

„Meinen Neffen, den damaligen Schüler Konrad Sprai jüdischer Abstammung, behielt ich von Februar 1936 bis Mai 1940, gegen den damals sturmlaufenden Kreisleiter Krohmer in Pfege [sic!]. Dieserhalb und der anderen Vergehen wegen versuchte Krohmer in seiner Kanzlei an mir eine körperliche Züchtigung vorzunehmen, wogegen ich mich jedoch erwehrte.“Schreiben Rudolf Scheus an die Spruchkammer Böblingen vom 13. Dezember 1946. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095, Blatt 15.

Noch deutlicher wird Konrad W. Sprai, wenn er die Umstände seines Aufenthaltes bei der Familie Scheu in Böblingen schildert:

„Herr Rudolf Scheu ist der Ehegatte einer Schwester meiner Mutter, also mein Onkel. Ich wohnte bei ihm von 1936 (Frühjahr) bis 1940 (Frühjahr). Während dieser Zeit galt ich als Mischling ersten Grades, da es meiner Mutter gelang, mir seinerzeit eine fingierte Unterlage, die mich als Mischling ersten Grades legitimierte, mit Hilfe eines Ordners aus dem jüdischen Katasteramt Berlin, Oranienburger Straße 29, zu beschaffen. Ich selbst bin durch meine jüdische Rasse-Zugehörigkeit ständig verfolgt worden und war von der Gestapo verhaftet gewesen. Ich wurde als Geltungsjude und Sternenträger erklärt und lebte, nachdem ich aus der Gestapo-Schutzhaft Berlin, Grosse Hamburger Straße 26, am 29.12.1944 befreit worden bin, illegal.“Eidesstattliche Erklärung von Konrad W. Sprai vom 30. Oktober 1946. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095, Blatt 18.

Was Konrad W. Sprai hier beschreibt, ist seine Einstufung als sogenannter „Mischling ersten Grades“. Diese Kategorisierung basiert auf den Nürnberger Rassengesetzen und bildet eine der ideologischen Grundlagen für die Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Ein jüdisches Katasteramt in diesem Sinne ist nicht bekannt, allerdings befanden sich in der Oranienburger Straße 28-30 die Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde Berlins (Synagoge und Verwaltungsgebäude). Während des Novemberpogroms am 09./10. November 1938 wurden die dort befindlichen Gemeindeakten und -bestände von der damaligen Reichsstelle für Sippenforschung (Reichssippenamt) beschlagnahmt und unter anderem für Abstammungsprüfungen missbraucht.

Die Neue Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße 30. Das Gebäude neben der Synagoge mit der Hausnummer 28 war vor 1938 ein Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde Berlin, heute befindet sich dort die Stiftung Neue Synagoge Berlin mit dem Centrum Judaicum. Fotografie: Ansgar Koreng, Lizenz: Creative Commons BY 3.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Neue_Synagoge,_Berlin-Mitte,_
160328,_ako.jpg
(letzter Zugriff am 14.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.

Möglicherweise wäre Konrad W. Sprai ohne die angesprochene „fingierte Unterlage“ als Jude eingestuft worden. So stand er zwar unter wachsendem Druck, hatte jedoch bis etwa 1940 einen anderen Rechtsstatus. Allerdings erwähnt er auch, dass er schlussendlich doch zu einem sogenannten „Geltungsjuden“ erklärt wurde, deren Entrechtung sich nicht von der gegenüber Jüdinnen und Juden unterschied. Dadurch war er auch zum Tragen des Gelben Sterns verpflichtet. Frau Einholz meinte dazu, dass er diesen jedoch nie bei den Behörden abgeholt und getragen hätte.

Abschied aus Böblingen
Die Gründe, die ihn dazu veranlassten, Böblingen 1940 wieder zu verlassen und nach Berlin zurückzukehren, sind nicht eindeutig belegt. In der eidesstattlichen Erklärung macht er dazu folgende Angaben:

„Ich kenne die politischen Einstellungen meines Onkels, Herrn Rudolf Scheu, genau und weiß, dass er mich in den Jahren 1936-1940 natürlicherweise niemals gefördert und aufgenommen haben würde, wenn er nicht ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen wäre. […] Ich bemerke, dass Herrn Rudolf Scheu meinetwegen mehrmals erheblich Schwierigkeiten von Seiten der NS-Ortsgruppen- und Kreisleitung gemacht wurden. In diesem Zusammenhang weiss ich noch, dass Herr Scheu damals mehrmals seinen Austritt forderte, dem trotzdem nicht stattgegeben wurde. Selbst diese letzte Konsequenz wollte Herr Scheu auf sich nehmen, wenn ich ihn nicht von meiner gefährlichen Anwesenheit durch meinen damaligen Verzug nach Berlin befreit hätte.“Eidesstattliche Erklärung von Konrad W. Sprai vom 30. Oktober 1946. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095, Blatt 18.

Eine eindeutige Einschätzung, ob es sich bei Rudolf Scheu tatsächlich um einen Gegner des Nationalsozialismus gehandelt hat, ist aus heutiger Perspektive nicht zweifelsfrei möglich. Inwiefern das Verhältnis zwischen Onkel und Neffe auf familiärer Solidarität und tatsächlicher Zuneigung beruhte, wie weit eine mögliche politische Ablehnung der NS-Diktatur Antrieb für Rudolf Scheu war oder welche Rolle seine Frau Margarete Scheu dabei spielte, sind Fragen, die offen bleiben müssen. Auch wissen wir nicht, ob Konrad W. Sprai 1940 den Entschluss zur Rückkehr nach Berlin selbstständig traf oder der damals 16-Jährige auch von seinem Onkel dazu angehalten wurde, nachdem sich die Situation in Böblingen für die Familie verschärft hatte. Die Einlassungen des jüdischen Neffen hatten in jedem Fall erheblichen Einfluss auf das Spruchkammerverfahren von Rudolf Scheu. Am 22. Januar 1947 wurde er durch die Spruchkammer Böblingen als Mitläufer eingestuft und musste eine einmalige Geldsühne von lediglich 200 Reichsmark leisten – im Hinblick auf seinen sehr guten Verdienst bei Daimler-Benz eine geringe Summe.

Eidesstattliche Erklärung von Konrad W. Sprai vom 30. Oktober 1946. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095, Blatt 18.

Rückkehr und Verhaftung (KZ Stutthof)
Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1940 lebte Konrad W. Sprai überwiegend in Pensionen und besuchte das Fackelmann-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. In diesem Sinne hatte er keinen festen Wohnsitz und konnte bei eventuellen Durchsuchungen oder drohender Gefahr jederzeit die Unterkunft wechseln. Er selbst beschreibt diesen Zustand in einem Zeitungsartikel in der Jüdischen Allgemeinen als Illegalität. „Bis ich dann im Oktober 1944 bei einer Razzia verhaftet worden bin – ironischerweise vom Militär, das eigentlich auf der Suche nach versteckten Deserteuren war.“ Diese Verhaftung beruhte auf der Annahme, dass ein junger, gesunder Mann zu diesem Zeitpunkt bereits hätte eingezogen sein müssen und es sich deshalb bei Konrad W. Sprai um einen Deserteur der Wehrmacht handeln müsse. Seine Witwe Sibylle Einholz beschreibt die Umstände der Verhaftung konkreter: Nach der Festnahme sei er in das Gestapo-Gefängnis in der Großen Hamburger Straße gebracht worden. Als dort mit den Erschießungen der Festgenommenen begonnen wurde, habe sich Konrad W. Sprai aus Angst und in dem Bewusstsein des nahenden Todes schließlich als Jude zu erkennen gegeben.Damit änderte sich sein rechtlicher Status und er konnte den Erschießungen entgehen, wurde anschließend jedoch in das Konzentrationslager Stutthof deportiert. Im Außenlager Ohra (einem heutigen Stadtteil der Stadt Danzig/Gdańsk) mussten die Häftlinge in Folge der alliierten Bombenangriffe zerstörte Schienen der Reichsbahn reparieren. Völlig überraschend für ihn, wurde Konrad W. Sprai noch vor Ende des Krieges aus dem KZ entlassen. Frau Einholz deutet an, dass ihr verstorbener Mann selbst nie herausgefunden habe, ob es aufgrund der Fürsprache einer einflussreichen Person geschehen sei oder es sich um ein Missverständnis gehandelt habe. Auch eine Intervention seiner Mutter könnte damit im Zusammenhang stehen, die eine „sehr durchsetzungsfähige“ Frau gewesen sei. Konrad W. Sprai kehrte nach Berlin zurück und tauchte bis zum Ende des Krieges erneut unter.

Eingang zum Gelände des ehemaligen KZ Stutthof. Fotografie: Diether (Wikimedia Commons), Lizenz: Creative Commons BY-SA 3.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KZ_Stutthof.jpg (letzter Zugriff am 14.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.

Neubeginn nach 1945
Nach 1945 ging Konrad W. Sprai zu seinem Vater nach Amsterdam und wanderte schließlich nach Lima (Peru) aus. Dort bestand ein Zirkel Berliner Jüdinnen und Juden, die sich durch die Flucht nach Südamerika vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung hatten in Sicherheit bringen können. In diesen Kreis wurde Konrad W. Sprai herzlich aufgenommen. Er arbeitete in einem US-amerikanischen Unternehmen, das ihn zum Studium der Psychologie nach New York entsandte. Dort sollte er zum Betriebspsychologen ausgebildet werden, um anschließend in dieser Funktion für das Unternehmen tätig zu sein. Die Kosten der Ausbildung übernahm sein Arbeitgeber. Inzwischen lebte auch sein Vater in New York und betrieb dort einen Kunsthandel. Nach dem Abschluss kehrte Konrad W. Sprai nach Lima zurück. Mit dem Militärputsch in Peru 1968 verschärfte sich einerseits die Ablehnung der USA und damit auch US-amerikanischer Unternehmen im Land, zum anderen wurden ausländische Firmen verstaatlicht und Arbeitnehmende aus anderen Ländern entlassen.

Eingang der Sharon Synagoge in Lima (Unión Israelita Del Perú). Fotografie: Adrian Tenser, URL: https://www.tenserworldtravelphotography.com/Places/Synagogues-1/Perú-Lima-Unión-Israelita-Del-Perú-Synagoga-Sharon-Sharon/i-r2zkGrd/A (letzter Zugriff am 17.02.2026).

Auch Konrad W. Sprai verlor seine Anstellung, da er seinen deutschen Pass behalten und keine andere Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Da es zudem keine Aussicht auf eine neue Arbeit gab, kehrte er nach Europa zurück – zunächst nach Madrid, 1975 dann in seine Heimatstadt Berlin. 2012 ist er dort verstorben. Er hat ein langes Leben geführt, das – so viel lässt sich sagen – sehr erfüllend gewesen zu sein scheint.

Erinnerungen an Böblingen
Die Zeit in Böblingen hat Konrad W. Sprai gegenüber seiner Frau rückblickend als sehr schön beschrieben. Mit der Stadt und der Region verband er gute Erinnerungen. Insbesondere seine Cousine Lieselotte „Lilo“ (die jüngere Tochter von Margarete und Rudolf Scheu) schien ihm sehr nahe gestanden zu haben. Von ihr und Böblingen erzählte er auch in späteren Jahren überaus positiv. 1936 bzw. 1937 war Konrad W. Sprai erst zwölf oder dreizehn Jahre alt, konnte aus unterschiedlichen Gründen nicht auf die Unterstützung seiner Eltern hoffen und war zunehmend durch Ausgrenzung und Verfolgung bedroht. Rückblickend erscheint diese Episode seines Lebens wie eine Art Aufschub gewirkt zu haben und eine Möglichkeit gewesen zu sein, in der er die letzten Jahre seiner Kindheit verbringen konnte, bevor er – auf sich allein gestellt – der vollumfänglichen Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt war.

„Nur ihm [Rudolf Scheu, Anm. d. Verf. ] habe ich es zu verdanken, dass ich nicht mit zu den Ersten gehörte, die die Drangsalierungen des Naziterrors zu spüren bekamen, wenn ich auch später meiner Verhaftung durch die Gestapo nicht mehr entgehen konnte.“Eidesstattliche Erklärung von Konrad W. Sprai vom 30. Oktober 1946. Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095, Blatt 18.

Konrad „Conny“ Sprai mit seiner Cousine Liselotte „Lilo“ Scheu auf einer Fotografie aus dem März 1937. Fotografie: Privatbesitz.

Literatur
Imhof, Werner, Oral History. Chancen, Grenzen, Praxis (bpb – Bundeszentrale für politische Bildung, URL: https://www.bpb.de/lernen/historisch-politische-bildung/geschichte-begreifen/42324/oral-history/ (letzter Zugriff am 01.03.2026).Zimmermann, Nicolai M., Die Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung der Volkszählung vom 17. Mai 1939, URL: https://www.bundesarchiv.de/assets/bundesarchiv/de/Downloads/Vortraege/aufsatz-zimmermann-ergaenzungskarten.pdf (letzter Zugriff am 27.01.2026).
Quellen
Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL) EL 902/4 Bü 12095 (Spruchkammerakte Rudolf Scheu).
Materialien
Die Videoinstallation Tree of Testimony im Holocaust Museum. Fotografie: Alanna Paez (Periodic Adventures), URL: https://periodicadventures.com/a-locals-guide-to-los-angeles-museums/#9_Los_Angeles_Museum_of_the_Holocaust_-_FREE (letzter Zugriff am 01.03.2026).D.P. Registration Record von Konrad W. Sprai (13. Mai 1946). Signatur: 03010101 23 497 (Registrierung und Akten von Displaced Persons, Kindern und Vermissten), DocID: 69251476/IST Digital Archive, Arolsen Archives, URL: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/69251476 (letzter Zugriff am 14.01.2026).Die Neue Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße 30. Fotografie: Ansgar Koreng, Lizenz: Creative Commons BY 3.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Neue_Synagoge,_Berlin-Mitte,_160328,_ako.jpg (letzter Zugriff am 14.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.Die Sharon Synagoge in Lima (Unión Israelita Del Perú). Fotografie: Adrian Tenser, URL: https://www.tenserworldtravelphotography.com/Places/Synagogues-1/Perú-Lima-Unión-Israelita-Del-Perú-Synagoga-Sharon-Sharon/i-r2zkGrd/A (letzter Zugriff am 17.02.2026).Eingang zum Gelände des ehemaligen KZ Stutthof. Fotografie: Diether (Wikimedia Commons), Lizenz: Creative Commons BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de), URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KZ_Stutthof.jpg (letzter Zugriff am 14.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.Eintrag zu Konrad W. Sprai auf der Internetseite Mapping the Lives, URL: https://mappingthelives.org/bio/83da6900-24e6-4847-bb7e-c8a5927e3405?language=de (letzter Zugriff am 05.02.2026).Lausanne – Place du Flon et les Alpes (um 1948). Fotografie: jdglor (Geneanet), Lizenz: Creative Commons BY-NA-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/), URL: https://de.geneanet.org/postkarten/view/4853548#0 (letzter Zugriff am 12.02.2026), Bearbeitung: Zuschnitt und Größenanpassung.Wittich, Elke, Lust und Frust. Praxisnah: Konrad W. Sprai ist ein viel gefragter Psychologe und Sexualberater, in: Jüdische Allgemeine vom 15.03.2007, URL: https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/lust-und-frust/ (letzter Zugriff am 05.02.2026).
Zitationshinweis
Lindner, Marie, Biografisches Dossier: Konrad W. Sprai, in: Stadtarchiv Böblingen (Hrsg.), Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945). Ein Dokumentationsprojekt des Stadtarchivs, Böblingen 2026, URL: […] (letzter Zugriff am […]).