Hermann Thalmessinger
13. Juli 1869 - 12. August 1946
Hermann Thalmessinger in Böblingen
Nur kurze Zeit nannte die Familie Thalmessinger Böblingen ihr Zuhause. Dennoch lohnt sich eine genauere Betrachtung dieser Episode, denn sie ist sowohl mit der Wirtschafts- als auch mit der Baugeschichte der Stadt verbunden. Insbesondere das Schicksal des Brauereidirektors Hermann Thalmessingers wurde durch die Stolperstein-Initiative Stuttgart umfassend aufgearbeitet. In der Johannesstraße 40 im Stuttgarter Westen – seinem letzten Wohnort vor der Deportation in das Lager Theresienstadt – wurde ein Stolperstein für ihn verlegt. Eine Lektüre des Artikels über ihn und sein Leben sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen (siehe Verlinkung unter der Rubrik Materialien am Ende dieses Textes).
Die Familie Thalmessinger aus Ulm
Hermann Thalmessinger wurde am 13. Juli 1869 in Ulm geboren. Sein Vater war der aus dem Ort Pflaumloch bei Nördlingen stammende Kaufmann und Bankier Nathan Thalmessinger. Bereits seit dem Ende des 15. Jahrhunderts ist dort eine jüdische Ansiedlung belegt; im 19. Jahrhundert machte die jüdische Gemeinschaft etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. In Pflaumloch wirkte der Urgroßvater Mordechai (Max) Thalmessinger in den Jahren um 1800 als Rabbiner der jüdischen Gemeinde. In den Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts variiert die Schreibweise des Familiennamens zwischen Thalmössinger, Thalmässinger und Thalmessinger. Gegen 1900 setzte sich zunehmend die letztere Schreibweise durch.
Hermann Thalmessingers Vater Nathan übersiedelte in späteren Jahren nach Ulm, wo ihm am 22. November 1853 das Bürgerrecht der Stadt verliehen wurde. 1877 wurde er in den Ulmer Bürgerausschuss gewählt, zwischen 1890 und 1896 war er zudem Beirat der Ulmer Industrie- und Handelskammer. Aus seiner ersten Ehe mit Karoline, geborene Reichenbach, gingen fünf Kinder hervor. Karoline Thalmessinger starb bereits am 14. Mai 1861 im Alter von nur 25 Jahren, wenige Wochen nach der Geburt des fünften Kindes. Das Familienblatt der Thalmessingers verzeichnet ihr Todesdatum zudem nach der jüdischen Zeitrechnung: als 5. Siwan 5621. Außerdem erhielten alle Kinder neben ihrem Rufnamen zusätzlich einen jüdischen Namen. Im Fall von Hermann Thalmessinger war dies der biblische Name Naphtali. Auf dem Familienblatt erscheint jedoch die jiddische Variante des Namens, in der Schreibweise „Naphtoli“.
Die jüdische Gemeinde zu Ulm im 19. Jahrhundert – zwischen Tradition und Reform
Die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Ulm fiel – wie so viele andere jüdische Gemeinschaften – den Ausweisungen und Vertreibungen am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit zum Opfer. Im Jahr 1499 endete die jüdische Präsenz in der Stadt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts zogen wieder kontinuierlich jüdische Familien nach Ulm, deren Zahl in der Folge rasch anwuchs. Nach nahezu drei Jahrhunderten bildete sich damit erneut eine israelitische Gemeinde in der Stadt.1845 wurde ein Filialgottesdienst eingerichtet und der Vorsänger Simon Einstein aus Laupheim als Amtsverweser (Vorsteher) berufen. Bis 1856 unterstand die Ulmer Gemeinschaft der Laupheimer Gemeinde – die zu den größten auf dem Gebiet Württembergs zählte. Erst 1856 wurde Ulm zu einer selbstständigen Religionsgemeinde erhoben, blieb jedoch in rabbinischer Hinsicht von Laupheim abhängig. Zu den dortigen Rabbinern gehörte auch Abraham Wälder, der von 1852 bis 1876 amtierte und als Vertreter eines moderaten Reformkurses gilt. Er versuchte, die Gemeinden Laupheim und Ulm behutsam in die religiöse und gesellschaftliche Moderne zu führen, ohne die traditionelle Praxis dabei grundsätzlich aufzugeben. Erst 1888 wurde in Ulm ein eigenständiges Rabbinat eingerichtet.Ein eindrückliches Beispiel für die schrittweisen Veränderungen innerhalb der jüdischen Gemeindestrukturen und der religiösen Praxis ist das Familienblatt der Familie Thalmessinger, insbesondere hinsichtlich der Angaben zur Konfirmation der Kinder. Bis 1879 wurden alle Kinder aus der ersten Ehe, die das Kleinkindalter überlebt hatten, als konfirmiert eingetragen. In vielen Fällen steht dieser Begriff in jüdischen Quellen des 19. Jahrhunderts jedoch nicht für die christliche Konfirmation, sondern fungiert als administrative Entsprechung zur jüdischen Bar Mizwa.Im 19. Jahrhundert waren jüdische Gemeinden verpflichtet, amtliche Familienregister zu führen. Die hierfür vorgesehenen Kategorien orientierten sich jedoch stark an christlichen Verwaltungstraditionen. So existierte beispielsweise keine eigene Rubrik für die Bar Mizwa, sodass häufig der nächstliegende Begriff, die Konfirmation, gewählt wurde. Im Zusammenhang mit der jüdischen Emanzipation – also der staatsbürgerlichen Gleichstellung – und einem zunehmenden Akkulturationsprozess in Form der Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft versuchten viele Gemeinden, ihre Dokumentation an die staatliche Amtssprache und gesellschaftlichen Normen anzupassen.

Wären in den Einträgen ausschließlich Jungen im Alter von etwa 13 Jahren vermerkt, ließe sich dies eindeutig als äquivalente Bezeichnung für eine Bar Mizwa interpretieren. Im vorliegenden Fall wurde jedoch auch die Tochter Mathilde konfirmiert, und zwar am 16. Mai 1874 im Alter von 14 Jahren. Damit verweist dieser Eintrag nicht nur auf eine lokale Besonderheit, sondern auch auf überregionale Transformationsprozesse innerhalb des deutschsprachigen Judentums im 19. Jahrhundert. Im Zuge der Reformbewegung wurde eine jüdische Konfirmation eingeführt, die deutlich von der protestantischen Praxis inspiriert war und sowohl Jungen als auch Mädchen einschloss. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine formale Übernahme, sondern um den Ausdruck eines veränderten religiösen Selbstverständnisses, das Bildung, Gemeindebindung und eine stärker bürgerlich geprägte religiöse Sozialisation betonte.Die Ulmer Gemeinde war keine originäre Reformgemeinde. Dennoch lässt sich unter dem Einfluss des Laupheimer Rabbiners Abraham Wälder ein moderater Reformkurs erkennen. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass auch in Ulm reformerische Elemente – wie etwa die jüdische Konfirmation – Eingang in die religiöse Praxis fanden. Dieser Prozess wurde jedoch nicht von allen Gemeindemitgliedern gleichermaßen begrüßt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es immer wieder zu innerjüdischen Auseinandersetzungen über die religiöse Ausrichtung der Gemeinde – ein Umstand, der auch in vielen anderen deutsch-jüdischen Gemeinden zu beobachten war.
In zweiter Ehe war Nathan Thalmessinger mit Jette, geborene Steiner aus Laupheim, verheiratet. Das Ehepaar hatte insgesamt zehn gemeinsame Kinder, darunter Hermann Thalmessinger. Nathan Thalmessinger starb am 26. Juli 1896 in Ulm. Seine Frau Jette Thalmessinger überlebte ihn um wenige Jahre. Sie verstarb ebenfalls in Ulm, und zwar am 30. Oktober 1904. Hermann Thalmessinger wurde als sechstes Kind seiner Eltern am 13. Juli 1869 in Ulm geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Nach seinem Schulabschluss wurde er Ingenieur und Kaufmann. Am 20. Mai 1906 heiratete er Sophie Fröhle. Sie stammte ebenfalls aus Ulm (* 1878), kam aus einer nichtjüdischen Familie und war evangelischer Konfession.

Die Thalmessingers in Böblingen
Vermutlich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zogen Hermann Thalmessinger und seine Frau Sophie nach Böblingen. Bereits 1921 verlegten sie ihren Lebensmittelpunkt weiter nach Stuttgart. In diesen wenigen Jahren in Böblingen wurden jedoch die beiden Söhne Max (* 19. Juli 1907) und Fritz (* 23. September 1909) geboren. Zudem entstand in der Stuttgarter Straße das von den Sindelfinger Architekten Georg Bürkle und Friedrich Keller entworfene und erbaute Wohnhaus. Es liegt nahe, dass der Umzug nach Böblingen mit der beruflichen Tätigkeit Hermann Thalmessingers zusammenhing, denn er war Direktor und Prokurist der Aktienbrauerei Zahn. In dieser Funktion ist er auch im Mitgliedverzeichnis des Vereins Deutscher Ingenieure von 1912 verzeichnet.
Die Aktienbrauerei Zahn
Neben der Großbrauerei Dinkelacker (ab 1885: Dinkelaker), die sich seit 1829 am Böblinger Postplatz befand, trat im Laufe des 19. Jahrhunderts eine weitere Brauerei in den Blickpunkt: die spätere Aktienbrauerei Zahn. Sie wurde ursprünglich von Gottfried Dilg gegründet und befand sich zunächst auf dem Marktplatz. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1874 heiratete dessen Witwe zwei Jahre später den Bierbrauer Philipp Zahn, der das Unternehmen unter seinem Namen weiterführte. Da der ursprüngliche Standort den Anforderungen nicht mehr gerecht werden konnte, wurde die Produktionsstätte an den Postplatz in die unmittelbare Nachbarschaft der Brauerei Dinkelaker verlegt. Im Jahr 1896 wurde die Brauerei Zahn schließlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, sie gehörte damals zu den größten Bierbrauereien in Württemberg. Zur Brauerei gehörte außerdem eine repräsentative Brauereiwirtschaft, die „Zahnei“.
Nachdem sich nach dem Ersten Weltkrieg der Absatz der Zahn’schen Aktienbrauerei verringert hatte und es zu zunehmenden Umsatzverlusten gekommen war, beschloss die Generalversammlung am 06. März 1920 die Auflösung der Aktiengesellschaft. Die Brauerei stellte den Betrieb ein und die Produktionsräume wurden abgerissen. Die ehemalige Brauereigaststätte an der Stuttgarter Straße, Ecke Sindelfinger Straße, wurde vom Stuttgarter Brauereibesitzer Carl Dinkelacker übernommen. Aus der „Zahnei“ wurde die Gaststätte „Dinkelacker Märzen“. Das Gebäude wurde bei den Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs 1943 zerstört. Als Brauereidirektor muss Hermann Thalmessinger mindestens in den letzten 15 Jahren der Existenz der Aktienbrauerei Zahn zu den zentralen Führungskräften gehört haben.
Das Haus Thalmessinger in Böblingen
Während ihrer Böblinger Zeit lebte die Familie Thalmessinger in einem Wohnhaus an der Stuttgarter Straße mit der (damaligen) Hausnummer 31. Das Gebäude wurde von den bekannten Sindelfinger Architekten Georg Bürkle und Friedrich Keller entworfen und errichtet. Die Akten zum Baugesuch des Architekturbüros befinden sich heute im Stadtarchiv Böblingen.
Im April 1910 erteilte das Oberamt Böblingen den beiden Architekten die Baugenehmigung für das Wohnhaus, das im selben Jahr errichtet wurde und ab diesem Zeitpunkt das Zuhause der Thalmessingers gewesen zu sein scheint. Die Bauakten geben keine Hinweise darauf, dass Hermann Thalmessinger als Bauherr auftrat oder der Hausbau in seinem Auftrag erfolgte. Auch das Grundstück gehörte zum Zeitpunkt des Bauantrags im März 1910 dem Architekturbüro Bürkle und Keller. Es ist durchaus plausibel, dass sich der Brauereidirektor ein entsprechendes Wohnhaus in unmittelbarer Nähe zu seinem Arbeitsplatz, dem Gelände der Zahn’schen Brauerei, errichten ließ. Dennoch kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden, ob Hermann Thalmessinger die Architekten Bürkle und Keller mit dem Hausbau beauftragte, ob er überhaupt der Besitzer oder doch nur der erste Bewohner des Hauses war. In der zweiten Ausfertigung des Situationsplans und der Entwurfszeichnungen zum Baugesuch befindet sich auf der Innenseite des Einbands ein Ausschnitt aus der Ankündigung der Versteigerung des Hauses am 19. Juli 1920. Wahrscheinlich wurden das Grundstück und das Haus an den Schafhalter Essig verkauft, dem wohl bereits die dahinterliegenden Äcker gehörten.
Verfolgung, Deportation und Rückkehr
Nach der Insolvenz der Brauerei Zahn und der anschließenden Liquidation der Aktiengesellschaft zog Hermann Thalmessinger im Jahr 1920 mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach Stuttgart. Dort lebte bereits sein jüngerer Bruder – der Rechtsanwalt Dr. Otto Thalmessinger – mit seiner Familie. Über die Lebensverhältnisse der Familie in den folgenden Jahren ist nur wenig bekannt. So wissen wir beispielsweise nicht, was Hermann Thalmessinger beruflich machte oder womit die Familie ihren Lebensunterhalt bestritt. Nach Recherchen von Susanne Bouché von der Stolperstein-Initiative Stuttgart arbeitete der ältere Sohn Max jedoch als Kaufmann im Textilgewerbe, genauer gesagt in der industriellen Lederverarbeitung. Er ging um das Jahr 1928 nach Indien, wo er zunächst für eine deutsche Firma arbeitete, die er dem Eigentümer später sogar abkaufte. Der jüngere Sohn Fritz machte Abitur und studierte anschließend Jura in München, Berlin und Tübingen. Sein erstes Staatsexamen erhielt er im Herbst 1932, sein Referendariat durfte er aber bereits nicht mehr abschließen. Zwar wurde er am 28. Juni 1933 aus dem Vorbereitungsdienst entlassen, doch noch im Jahr 1934 konnte er in Tübingen seinen Doktorgrad erwerben. Kurz danach wanderte er zu seinem Bruder nach Indien aus. In Deutschland blieben die Eltern Hermann und Sophie Thalmessinger zurück.Da Sophie Thalmessinger aus einer nichtjüdischen Familie stammte, lebte Hermann Thalmessinger nach den Kriterien der Nationalsozialisten in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“. Somit hatte er einen anderen rechtlichen Status, der ihn zunächst vor der Deportation hätte bewahren können. Doch Sophie Thalmessinger starb bereits am 03. November 1938 im Alter von sechzig Jahren, weshalb die vermeintlichen „Privilegien“ auch für den Witwer nicht mehr galten. Zunächst durfte er noch in der ehemals gemeinsamen Wohnung in der Johannesstraße 40 wohnen bleiben. Er war nun jedoch zum Tragen des Gelben Sterns verpflichtet und durfte nur noch im sogenannten Judenladen in der Seestraße im Stuttgarter Norden einkaufen. 1943 musste er schließlich zu entfernten Verwandten nach Tübingen ziehen. Im Januar 1944 wurde Hermann Thalmessinger – zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt – nach Theresienstadt deportiert.
Schwer erkrankt, überlebte er das Lager. Nach der Befreiung Theresienstadts kehrte er im Juni 1945 gemeinsam mit anderen Überlebenden aus Stuttgart im Rahmen einer von der Stadt organisierten Rückholaktion zurück. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands wurde er am 28. Juni 1945 in das Bürgerhospital eingeliefert und einen Monat später in die Heilanstalt Winnenthal bei Winnenden verlegt. Nach einem anschließenden, kurzen Aufenthalt im Königsheim bei Hohenheim wurde er schließlich in das Sanatorium Dr. Katz in Degerloch eingeliefert, wo er am 21. August 1946 verstarb. Er wurde auf dem nichtjüdischen Teil des Stuttgarter Pragfriedhofs im Urnengrab seiner Frau Sophie Thalmessinger bestattet. Die Grabstätte existiert heute nicht mehr.
Geteilte Schicksale (Parallelen zur Deportation von Lucie Hain-Illfelder)
Nach den großen Deportationen des Jahres 1942 lebten in Stuttgart und Umgebung nur noch wenige jüdische Personen. Bei den meisten handelte es sich um Menschen, die mit nichtjüdischen Partner:innen verheiratet waren. Im Laufe des Jahres 1943 verschärften sich die Bedingungen und Deportationsrichtlinien jedoch weiter. Nun sollten grundsätzlich alle Personen deportiert werden, die nach den Nürnberger Gesetzen als jüdisch galten. Das betraf auch diejenigen aus den sogenannten „privilegierten Mischehen“, deren Partner:innen verstorben waren oder sich hatten scheiden lassen. In dieser Hinsicht teilten Hermann Thalmessinger und die Böblingerin Lucie Hain-Illfelder ein ähnliches Schicksal: Sophie Thalmessinger war bereits 1938 und Karl Hain 1943 verstorben. Die Zurückgebliebenen wurden schließlich am 11. Januar 1944 mit demselben Transport von Stuttgart nach Theresienstadt deportiert.
Dieser Transport trug die Nummer XIII/5. Die römische Ziffer stand dabei für Stuttgart; die nachgestellte Zahl kennzeichnete ihn als fünften Transport von Stuttgart nach Theresienstadt – der insgesamt neunte Deportationstransport in eines der nationalsozialistischen Lager. Die in Stuttgart wohnenden Personen wurden am 10. Januar 1944 in die Zentrale der Gestapo (Geheime Staatspolizei) im ehemaligen Hotel Silber in der Dorotheenstraße 10 bestellt. Dort wurde ihnen mitgeteilt, dass sie verhaftet seien und nach Theresienstadt deportiert würden. Die wenigen Personen aus dem Stuttgarter Umland – darunter Lucie Hain-Illfelder – wurden von den jeweiligen regionalen Polizeibehörden festgenommen und nach Stuttgart gebracht.
Die Nacht vor der Deportation mussten die Festgenommenen in einem Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Hospitalstraße verbringen. Dort nahm man ihnen die letzten Wertsachen ab und eröffnete ihnen, dass ihr gesamtes Eigentum und Vermögen beschlagnahmt sei. Am Morgen des 11. Januar 1944 wurden sie zum Nordbahnhof gebracht, wo sie in einem Passagierwaggon der Dritten Klasse Platz nehmen mussten. Bewacht wurden sie dabei von Beamten der Gestapo und der Schutzpolizei. Der Waggon wurde an einen fahrplanmäßigen Reisezug angehängt. Die Route führte über Aalen, Ansbach, Nürnberg, Eger, Karlovy Vary und Ústí nad Labem nach Theresienstadt, wo der Transport am 12. Januar 1944 eintraf.Unter den 35 Deportierten im Alter zwischen 19 und 85 Jahren waren neun Männer – einer von ihnen war Hermann Thalmessinger. Ob er und Lucie Hain-Illfelder einander kannten, wissen wir nicht. Auch ist unklar, ob ihnen ihre gemeinsame Verbindung zu Böblingen bewusst war. Sicher ist jedoch, dass sie denselben Weg in die Verfolgung gehen mussten: die Verhaftung und Entrechtung, die Nacht in Ungewissheit in den Räumen der Jüdischen Gemeinde, die Deportation, die Ankunft in Theresienstadt sowie die Gewalt und Entmenschlichung.
Literatur
Hahn, Joachim, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg (Herausgegeben von der Kommission für geschichtliche Landeskunde und dem Innenministerium Baden-Württemberg), Stuttgart 1988, Seite 549–554.Sauer, Paul von, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern (Beitrag zu Ulm), Stuttgart 1966, veröffentlicht in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: https://www.leo-bw.de/en-GB/themenmodul/juedisches-leben-im-suedwesten/orte/wurttemberg/ulm (letzter Zugriff am 06.03.2026).Zelzer, Maria, Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, Stuttgart 1964.
Quellen
Stadtarchiv Böblingen (StadtA BB) A 16/4 Nr. 12.Stadtarchiv Böblingen (StadtA BB) A 16/4 Nr. 27.Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) J 386 Bü 589 (Familienregister der Israelitengemeinde Ulm).
Materialien
Bouché, Susanne, Artikel zu Hermann Thalmessinger auf der Homepage der Stolperstein-Initiative Stuttgart, URL: https://www.stolpersteine-stuttgart.de/biografien/hermann-thalmessinger-johannesstr-40/ (letzter Zugriff am 04.03.2026).Eintrag zu Ulm (Stadtkreis), Texte und Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt im 19. / 20. Jahrhundert (bis nach 1933), in: Alemannia Judaica, URL: https://www.alemannia-judaica.de/ulm_texte.htm (letzter Zugriff am 06.03.2026).Informationen zu Nathan Thalmessinger (Ulm), URL: https://www.alemannia-judaica.de/ulm_personen.htm (letzter Zugriff am 04.03.2026).Informationen zum Transport XIII/5 von Stuttgart (Württemberg/Deutsches Reich) nach Theresienstadt (Getto/Tschechoslowakei) am 11/01/1944, Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte, URL: https://collections.yadvashem.org/de/deportations/5092446 (letzter Zugriff am 08.03.2026).
Zitationshinweis
Lindner, Marie, Biografisches Dossier: Hermann Thalmessinger, in: Stadtarchiv Böblingen (Hrsg.), Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945). Ein Dokumentationsprojekt des Stadtarchivs, Böblingen 2026, URL: […] (letzter Zugriff am […]).


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