Antrieb, Umtrieb, Auftrieb
Eine Stadt und ihr Landesflughafen (1925-1939)
Geschichtssalon am Flugfeldfest 2025 und kleine Ausstellung in den Schaufenstern zur Stadtgeschichte in der Poststraße 18 vom 20. September 2025 bis 15. März 2026
Beim Flugfeldfest des Zweckverbandes Flugfeld Böblingen/Sindelfingen am Sonntag, 14. September 2025, drehte sich alles um das Jubiläum „100 Jahre Landesflughafen Stuttgart-Böblingen“. Dort wo sich heute ein ganzer Stadtteil entwickelt hat, landete am 20. April 1925 zum ersten Mal ein Reiseflugzeug in Böblingen und eine Ära der zivilen Luftfahrt begann, die unsere Stadt nachhaltig prägte. Das ist Grund genug, die stolze Böblinger Fliegereigeschichte zu feiern. Das Böblinger Amt für Kultur stellte mit dem Stadtarchiv und weiteren Partnern im Rahmen des Flugfeldfestes den „Geschichtssalon“ im Terminal EINS mit einem informativen und unterhaltsamen Programm für Jung und Alt auf die Beine.
Zusätzlich zu spannenden Filmvorführungen, Fachvorträgen, einem Diskussionspodium und einem umfangreichen Kinderprogramm stand der „Geschichtssalon“ mit einer historischen Ausstellung im Mittelpunkt:
Die kleine Ausstellung im Geschichtssalon lud unter dem Titel „Antrieb, Umtrieb, Auftrieb. Eine Stadt und ihr Landesflughafen (1925–1939)“ zum Eintauchen in die Geschichte des Landesflughafens ein. Gezeigt wurden besondere Erinnerungsstücke aus dem Stadtarchiv an den ersten schwäbischen „Luftbahnhof“, mit dem sich Böblingen für eine starke Dekade schmückt. Er ist das Sinnbild für den wahrgewordenen Traum vom Fliegen, bis er unter dem Hakenkreuz – erneut – zum Militärstützpunkt wird. Welche Bedeutung hat der zivile Landesflughafen für die Menschen in der Region? Teil der kleinen Ausstellung ist auch die Erinnerung an die „Leichtflugzeugbau Klemm GmbH“, die unter Firmengründer, Tüftler und späterem Ehrenbürger Hanns Klemm zum größten Industriebetrieb Böblingens der Zeit wird. 2026 ist ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum. Nach dem Debut auf dem Flugfeldfest ist die Ausstellung in den neu angelegten „Schaufenstern zur Stadtgeschichte“ in der Poststraße 18 bis Januar 2026 (verlängert auf Ende März 2026) zu sehen sein.
Die gezeigten Archivalien finden Sie in der nachfolgenden Bildergalerie, die großen Ausstellungstafeln befinden sich darunter.
Impressionen aus der Ausstellung
Die historische Postkarte aus dem Jahr 1939 zeigt das gut 10 Jahre zuvor neu gebaute Empfangsgebäude des Landesflughafens aus dem Jahr 1928. Die Architekten Bregler & Barthle haben es im Stil des "Neuen Bauens" entworfen
(Stadtarchiv BB E 2/1 Nr. 310, Frankh-Verlag Stuttgart, Luftbild: H. String jr.).
1931 ermahnt die Luft Hansa ihre Piloten:
"Auf Streckenflügen ist das Abweichen vom Kurs, etwa um landschaftlich schöne Punkte den Fluggästen zu zeigen, oder das Umkurven solcher Punkte verboten […] Der Abwurf von Flugblättern soll grundsätzlich nur durch eigenes Personal erfolgen." (Zitiert nach: Stadtarchiv BB A 36 Nr. 8, Foto: M. Holzner).
(Stadtarchiv BB E 1/11 Nr. 34). Bitte klicken Sie auf das Bild für die gesamte Karte.
Der Luftakrobat Fritz Schindler stürzt 1930 bei der Probe für einen Flugtag ab.
Über eine Leiter will er in der Luft in ein anderes Flugzeug umsteigen. Schindler sowie drei weitere Piloten/Lehrer von der Fliegerschule Böblingen sterben. Sie werden auf dem Alten Friedhof beigesetzt.
Seit den späten 1910er Jahren berichten die Lokalnachrichten wiederkehrend von tragischen Unfällen, die Ilias-gleich begonnen hatten (Stadtarchiv BB E 2/7 Nr. 4021).
1934 richtet die Lufthansa den ersten Luftpostdienst der Welt zwischen Deutschland und Südamerika ein.
Zwischenstopps braucht es: Der Weg führt vom Flughafen in Böblingen übers spanische Sevilla, die Kanaren und das damalige britische Protektorat British Gambia in Afrika. Die Zwischenlandung auf dem Dampfer "Westfalen" mitten im Atlantik ermöglicht den Ozeanüberflug bis nach Natal in Brasilien.
Die Seite zeigt ein Aquarell zum 10-jährigen Firmenjubiläum der Deutschen Lufthansa im Jahr 1936 (Stadtarchiv BB B 23 Nr. 295).
Emil Haug arbeitet bis 1941 am Flughafengelände in Böblingen. Der gelernte Elektriker und gläubige Christ wird 1956 Vorsitzender des Landesverbands Nordwürttemberg der CDU.
Für die Bauleitung des neuen Militärflughafens im Dritten Reich gestaltete er die Einladungen zu Feiern und Festen für die Belegschaft (Stadtarchiv BB, Foto: M. Holzner).
Der gelernte Maschinenschlosser Gustav Künzler aus dem Badischen ist im Dritten Reich zwischen 1936 und 1944 bei der Luftwaffe. Dort ist er zunächst in Karlsruhe und Nellingen tätig, dann - wohl als Mechaniker(meister) - auf dem Flughafen Böblingen, bis er als Soldat eingezogen wird (Stadtarchiv BB B 73 Nr. 5).
Der Flughafen bringt auch die Familie Lanksweirt in Lohn und Brot. Sie haben ein Zuhause in der Böblinger "Lufthansa-Siedlung".
Eugen Lanksweirt ist 1933 in den Werkstätten der Deutschen Luft Hansa AG beschäftigt. Auch sein Bruder Karl und dessen Sohn Helmut arbeiten auf dem Flughafen. Das Foto zeigt Karl Lanksweirt, dritter von links, neben weiteren Arbeitern in der Halle (Stadtarchiv BB B 74).
Vater Hanns Klemm sammelt Erfahrungen beim Luftschiffbau Zeppelin (Abteilung Dornier) in Friedrichshafen und den Hansa- und Brandenburgischen Flugzeugwerken bei Ernst Heinkel. Als Chefkonstrukteur des Flugzeugbaus macht er sich bei der Daimler Motorengesellschaft in Sindelfingen einen Namen. Ab 1926 baut er sein Werk eigenständig auf, erst in Sindelfingen, dann in Böblingen.
Sein Ziel: die serielle Herstellung eines schwachmotorigen, kraftstoffsparenden und kostengünstigen "Volksflugzeugs" in Leichtbauweise (Stadtarchiv BB B 67, Foto: M. Holzner).
Die Leistungen des späteren Böblinger Ehrenbürgers Hanns Klemms werden schon in jungen Jahren mit Jahresschluss-Schulpreisen gewürdigt. Die gerahmten Münzen von seiner Elementarschulzeit bis hin zur Friedrich-Eugen Oberrealschule in Stuttgart sind heute im Stadtarchiv Böblingen verwahrt. Dort kann jede und jeder die als Kulturgut gewürdigten Archivalien im Original ansehen (Stadtarchiv Böblingen).
Die als Modell ausgestellte L 20 fertigt man bereits 1924 bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) in Sindelfingen. Sie geht bei der neu gegründeten Leichtflugzeugbau Klemm in Serienproduktion.
Kaum zu glauben: Ihr Motor hat nur 20 PS! Das beliebte Sport- und Schulflugzeug hebt am 10. Mai 1930 schon zum 15.000sten Flug ab - der Name der Maschine ehrt die Gattin von Firmengründer Hanns Klemm: Marlott (Stadtarchiv BB E 6/1 Nr. 93, Foto: M. Holzner).
Die Klemm L 25 wird in Böblingen seriell gefertigt: 1929 noch im ehemaligen FEA 10_Werk in Böblingen, später im Klemm-Werk in der Calwer Straße.
Entwürfe nach ihrer Blaupause entwickelt seit 1928 die Aeromarine-Klemm Corporation im US-amerikanischen New Jersey. Und auch in England entsteht in den British-Klemm Aircraft Co. Ltd. ab 1933 ein Sportflugzeug (Stadtarchiv BB E 6/1 Nr. 92, Foto: M. Holzner).
Der Böblinger Unternehmer und späterer Ehrenbürger Hanns Klemm (*1885-1961) sieht viel von Europa. Geschäftsbeziehungen für seine innovativen Leichtflugzeuge führen ihn in den 1920er und 1930er Jahren ins Ausland, mehrfach auch in die USA.
Auch privat genießt das Ehepaar Klemm Urlaubsreisen. Als Souvenir bewahren sie zahlreiche Postkarten-Falthefte (Stadtarchiv BB B 67 Nr. 13, Foto: M. Holzner).
Das einprägsame Firmenzeichen begleitet die Menschen in Böblingen: vom Nagelknipser im Reise-Etui bis zur feinen Anstecknadel als Teil der Abendgarderobe.
Auch im Privaten umgibt sich die Familie Klemm mit der Firmenidentität: den heimischen Kaminofen in der Böblinger Waldburgstraße ziert der Klemm-Flieger.
Und auch die Sonnenuhr am Ruhesitz auf dem Bichlerhof (Oberbayern) wirft ihren langen Schatten zurück ins Klemm-Werk (Stadtarchiv BB B 67, Foto: M. Holzner).
Die Klemm Kl 35 gibt es auch mit Kufen für die Landung auf dem Wasser. Pilot Kalkstein fliegt auf ihr Weltrekorde ein.
Im Dienst der militärischen Aufrüstung: Das nationalsozialistische Reichsluftfahrtministerium (RLM) fordert von der Leichtflugzeugbau Klemm GmbH ab Mitte der 1930er Jahre die Herstellung von Schulungsflugzeugen. Unter diesem Druck können andere Firmen wie die Gerhard-Fieseler-Werke in Kassel Lizenzverträge zum Nachbau von Klemm-Flugzeugen abschließen (Stadtarchiv BB E 6/1 Nr. 89, Foto: M. Holzner).
Alexander Soldenhoff tüftelte von 1930 bis 1932 in Böblingen im stillgelegten Contessa-Werk der Zeiss-Ikon AG an einem "Nurflügelflugzeug" - ohne bahnbrechenden Erfolg.
Seine hier im Modell gezeigte D-1923 gehört noch zur Versuchsreihe des Flugzeugtyps A/3. Es ist der Vorgänger der A/4 aus Böblingen, die wegen ihrer nur kurzen Flugsprünge liebevoll "Rollfix" genannt wird (Stadtarchiv BB E 6/1 Nr. 71, Foto: M. Holzner).
Die gezeigten Ausstellungstafeln finden Sie hier (Klick Sie einfach auf das Bild für ein lesbares pdf-Dokument):





































