Archiv-Ausstellung No 1 - Chroniken in Wort und Bild – ein Prolog…

Am Sonntag, den 12. Juni 2022 startete das kleine Kooperationsprojekt zwischen Stadtarchiv und Städtischer Galerie.Auf der Empore der Galerie fand für mehrere Wochen die kleine Archiv-Ausstellung No 1 ihren zeitweiligen Platz. „Chroniken und Bild – ein Prolog“ wirft ein Schlaglicht auf Verborgenes im Archivmagazin. Während Recherchearbeiten, bei der Sichtung von externen Sammlungen oder in den Tiefen des Archivmagazins treten immer wieder Archivalien und Kunstwerke zu Tage, die ihre ganz eigene Bedeutsamkeit für die Stadtgeschichte offenbaren. Sie stoßen vor allem bei der Böblinger Bevölkerung auf großes Interesse. Ganz klar: Sie sollen gezeigt werden!

Die Archiv-Ausstellung № 1 war ein Appetithäppchen des Stadtarchivs zur anschließenden Ausstellung der Städtischen Galerie in Kooperation mit dem Stadtarchiv und dem Amt für Stadtentwicklung und Städtebau: gewissermaßen ein Prolog zum „Böblinger Bilderbogen 1900 bis 1950: „Vergangenheit in Farbe. Mit den Zeitzeugen Reinhold Nägele & Fritz Steisslinger auf Streifzügen durch unsere Stadt – eine Spurensuche in Schlaglichtern“ im Herbst 2022. Die kleine Archiv-Ausstellung fragt danach, was uns die oftmals über Jahrzehnte und Jahrhunderte alten Bild- und Schriftwerke noch heute erzählen. Welche Geheimnisse zur Böblinger Geschichte können Chroniken lüften? Welche verdrängten oder vergessenen Kapitel der Stadtgeschichte werden beleuchtet? Welche Parallelen, welche Unterschiede gibt es zwischen den beiden in der Ausstellung gezeigten Chroniken: ein Bildwerk Nägeles und eine historische, handschriftliche Überlieferung aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert im Stadtarchiv? In der ersten gemeinsamen Ausstellung von Städtischer Galerie und Stadtarchiv suchen wir Deutungsansätze und den Dialog zwischen Kunst- und Stadtgeschichte Einen Einblick zu den Ausstellungsinhalten finden Sie im Folgenden.

Chroniken in Schrift

Chroniken sind Geschichtswerke mit Wurzeln in der Antike. Gemeinsam haben alle Chroniken zwei Merkmale: Erstens ordnen sie Geschehnisse in einer zeitlichen Reihenfolge an. Das altgriechische. chrónos bedeutet Zeit. Zweitens dienen sie dem Zweck, explizit für die Nachwelt überliefert zu werden.

In geschriebener Form entwickelten Chroniken im Laufe des Mittelalters eine erstaunliche Vielfältigkeit. Chronisten und Chronistinnen verfassen Chroniken. Sie beschäftigen sich z.B. mit besonderen Aspekten einer Region (Reichs- und Landeschroniken), einer Ortschaft (Städtechroniken) oder eines bestimmten Themas (wie Klosterchroniken oder sogar ganze Weltchroniken). Chroniken reichen von wenigen Sätzen bis zu mehrbändigen Werken, ihr Erzählgegenstand umfasst sowohl kurze historische Sequenzen als auch Darstellungen von Jahrhunderten. Familienchroniken geben oftmals auch einen (auto-)biographischen bzw. tagebuchartigen Einblick in die Lebens- und Denkwelt ihrer Schreiberinnen und Schreiber.

Ein Fund, der Geschichte schreibt!

Die Böblinger Familienchronik von Johannes Becker und seiner Ehefrau Elisabetha Catharina Scheyhing(er) aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert

Das kleine 8-seitige Heftchen (15 x 9,5cm) stammt aus dem 18. Jahrhundert und war zunächst gut versteckt (womöglich in einem Buch), bis es wiederentdeckt und 2023 von seiner damaligen Besitzerin dem Stadtarchiv übergeben wurde. Ihr Wunsch: ein solch wertvolles Stück sollte gut aufbewahrt werden. Es handelt sich um eine knapp gefasste Familienchronik des Böblinger Bauern Johannes Becker. Er beschrieb zwischen 1757 und 1808 das Werden und Wachsen seiner kleinen Familie, die er mit Elisabetha Catharina Scheyhing gründete.

In Szene gesetzt: die kleine Familienchronik aus Privatbesitz (Bild: Stadtarchiv Böblingen)

Die Chronik gibt nicht nur die Lebens- und Sterbedaten der Familienmitglieder preis. Sie ermöglicht außerdem einen Einblick in die religiösen Denkmuster eines Böblinger Bürgers vor mehr als 200 Jahren. Johannes Becker verband seinen evangelischen Glauben mit astrologischen Tierkreiszeichen in einem Alltag, der von Bauernregeln und Omen geprägt war. Eine Rekonstruktion des Familiennetzwerks macht es wahrscheinlich, dass die Familie damals in der oberen Vorstadt in der Nähe der Marienkirche lebte. Beim Klick aufs Bild der handschriftlichen Chronik können Sie die gesamte Chronik als lesbares .pdf öffnen. Ein in die heutig lesbare Schrift gebrachtes Transkript finden Sie hier. --> Transkript folgt noch

In Szene gesetzt: die kleine Familienchronik aus Privatbesitz (Bild: Stadtarchiv Böblingen)

Chroniken in Bildern

Im Unterschied zu schriftlichen Chroniken wird in der Bildenden Kunst unter „Bild-Chroniken“ künstlerische Darstellungen – ob in grafischer, malerischer, fotografischer Form – verstanden, die historische Gegebenheiten, Abläufe, Ereignisse oder Erzählungen in tragender Aussagekraft ohne zusätzliche erläuternde Schrift wiedergeben. Eine verbildlichte Chronik, die auch synonym zum Begriff der Bildergeschichte verwendet wird, kann eine Vielzahl von unterschiedlichen Möglichkeiten und Mischformen aufweisen. Die künstlerisch-erzählerische Bandbreite spannt sich von Einzelbildern zu ganzen Bildfolgen oder –zyklen, bis zu Bildromanen, Familienporträts und Episoden aus einer Familien- und Stadtgeschichte. Daher werden die Künstler*innen – analog zu Vertreter*innen der Schreibenden Zunft – ebenfalls als Chronist*innen bezeichnet.

Zwei Maler als Chronisten

Zwei herausragende Maler, die dem künstlerischen Prinzip geschichtliche oder gesellschaftliche Ereignisse in Gemälden festzuhalten konsequent folgten, sind Reinhold Nägele (1884-1972) und sein Malerfreund Fritz Steisslinger (1891-1957). Das Beispiel der unbetitelten Miniatur „Blumen und Samen“ von Reinhold Nägele, der 1916 als Soldat bei der Flieger-Ersatzabteilung (FEA) 10 auf dem Areal des heutigen Flugfeldes in Böblingen stationiert war, zeigt einen Ausschnitt eines Wohn- und Geschäftshauses. Dieses lässt sich am Böblinger Plattenbühl lokalisieren und spiegelt zugleich eine Episode aus seiner Familiengeschichte wider. Im visualisierten Gedächtnis der Kunst und in Zusammenschau mit den historischen Fakten lässt sich noch über ein Jahrhundert später das Umfeld einer in Böblingen ansässigen Familien rekonstruieren.

Das Gemälde von Reinhold Nägele zeigt die junge Anne Lauffer, geb. Theurer aus Böblingen, die einen Blumenladen betritt. Ihre Mutter bewirtschaftete das Gasthaus Theurer. (Bild: Reinhold Nägele, Blumen & Samen (Blumenladen mit Mädchen), 1916, Tempera/Karton, 20x26cm, nicht im Werkverzeichnis, Städtische Galerie Böblingen)
Historische Aufnahme aus dem frühen 20. Jahrhundert am Plattenbühl. Die schwarz/weiß-Fotografie zeigt das hier imposant geschmückte Gebäude an der Ecke zur Breiten Gasse mit seinem charakteristischen Treppenaufgang, das Reinhold Nägele in seinem Werk verewigte. (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 1630)
Der von Reinhold Nägele gemalte Ausschnitt des Ladengeschäfts am Plattenbühl ist dem Hauseingang zum Laden von Gärtner Willy Stierle nachempfunden. Rechts daneben befinden sich gut zu erkennen die charakteristischen Fenster zum damaligen Haushaltswarenladen W. Dengler. (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2391)
Das hier gezeigte historische Foto ist eine Aufnahme des Gebäudes am Plattenbühl aus der Zeit des Dritten Reichs. Eine nationalsozialistische Hakenkreuzfahne hängt zum Tag der Arbeit am 1. Mai 1933 vom Obergeschoss auf die Straße hinaus. Die Gärtnerei Stierle, die Reinhold Nägele in seinem Werk mit „Blumen und Samen“ 17 Jahre zuvor umschreibt, befand sich mindestens seit 1920 am Plattenbühl unter der damaligen Nummer 247. (Bild: Stadtarchiv Böblingen E 2/6 Nr. 2385)