Eine Urkunde zum Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)
Die historische Vortragsreihe zum Jubiläum „950 Jahre Dagersheim“ blickt auf sehr erfolgreiche und von einem interessierten Publikum gut besuchte Vorträge zurück. Der letzte davon, der sich Dagersheim im Nationalsozialismus widmete, fand am 10. November statt. Ein Neuzugang im Stadtarchiv, eine Urkunde von 1871, schlägt nun eine chronologische Brücke zwischen diesem Thema und dem vorletzten Vortrag zur Auswanderung aus Dagersheim in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Anlass ordnet nun Daniel Pfeifer vom Stadtarchiv die „neue“ Urkunde ein und geht der Frage nach, was man alles aus dieser herauslesen kann.
Ein Neuzugang im StadtarchivStadtarchive stehen nicht für sich allein. Sie arbeiten nicht nur mit der jeweiligen Stadtverwaltung zusammen, sondern kooperieren auch gewinnbringend mit anderen Archiven sowohl in der Umgebung als auch deutschlandweit. Nur so kann moderne Archivarbeit geleistet werden. Hierdurch profitiert man voneinander bei dem gemeinsamen Ziel, Geschichte greifbar zu machen. Ein Beispiel hierfür ereignete sich im November 2025. Das Stadtarchiv Böblingen wurde von einem Mitarbeiter des Stadtarchivs Filderstadt kontaktiert. Es hatte dort einen neuen Archivzugang gegeben – ein Nachlass eines verstorbenen Bürgers; so weit, so gut. Nun kommt aber Böblingen bzw. Dagersheim ins Spiel: In diesem Nachlass befand sich eine Urkunde, die dem Großvater des Verstorbenen gehört hatte: einem Dagersheimer namens Jakob Horrer.Diese Urkunde wurde dem Stadtarchiv angeboten. Bei einem solchen Austausch von Archivalien zwischen Archiven spricht man in der Archivwissenschaft von Provenienzbereinigung. Bei dem Provenienzprinzip handelt es sich um ein Ordnungsprinzip, bei dem Archivalien nach ihrer Herkunft und ihren Entstehungszusammenhängen geordnet werden. Ganz konkret bedeutet dies, dass alle archivwürdigen Akten, die zum Beispiel im Standesamt gebildet wurden, auch im Archiv – sobald die Unterlagen übergeben wurden – beieinanderbleiben und sich in einem gemeinsamen Bestand finden. In der konkreten Archivarbeit gibt es freilich Ausnahmen hiervon. Dies betrifft etwa Dias oder Fotos, die aufgrund des Materials anders gelagert werden müssen.Klassischerweise wird das Provenienzprinzip auf amtliche Unterlagen angewendet, also alles, was an Akten in der jeweiligen Verwaltung gebildet wird. In ähnlicher Weise betrifft dies auch alle weiteren, „nichtamtlichen“ Unterlagen, zu denen auch Nachlässe aus der Bürgerschaft gehören; so, wie in diesem Fall. Dies folgt der Logik, dass man zuerst im Stadtarchiv Böblingen recherchiert, wenn man etwas zu Böblingen oder Dagersheim im 19. Jahrhundert herausfinden möchte – und eben nicht im Stadtarchiv Filderstadt. Im Rahmen einer solchen Provenienzbereinigung fand schließlich die Urkunde als Einzelstück aus einem Nachlass, der sich weiterhin in Filderstadt befindet, ihren Weg ins Stadtarchiv Böblingen. Selbstverständlich wird eine solche Übergabe entsprechend dokumentiert. Die „neue“ Urkunde wurde bereits mit einer Signatur versehen, damit sie auffindbar und damit nutzbar ist.
Der Kontext der Urkunde: Der Deutsch-Französische Krieg und die Gründung des Deutschen KaiserreichesNun zur Urkunde und ihrem Hintergrund: Sie wurde am 30. November 1871 ausgestellt. Im selben Jahr, genauer gesagt am 18. Januar, wurde symbolträchtig im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Damit war der für Deutschland „verspätete“ Weg des Nationalstaats abgeschlossen; eine Bewegung, die bereits im Vormärz und schließlich in der Revolution von 1848/49 versucht wurde und – trotz ihrer Schattenseiten – ursprünglich demokratisch geprägt war. Hier war dem damaligen preußischen König, Friedrich Wilhelm IV., die Würde eines Deutschen Kaisers angeboten worden, welche er allerdings in seinem monarchischen Selbstverständnis als Krone „aus Lehm und Letten gebacken“ ablehnte. Eine deutsche Einigung „von unten“ war also gescheitert. Stattdessen initiierte Preußen die Reichsgründung „von oben“ – ein Prozess, der alles andere als friedlich vonstattenging. Zwischen 1864 und 1871 wurden in insgesamt drei Kriegen die Voraussetzungen für die Reichsgründung geschaffen: dem Deutsch-Dänischen, dem „Bruderkrieg“ mit der Beteiligung von 16 Dagersheimern auf der Seite von Österreich und schließlich dem Deutsch-Französischen Krieg, in dem 22 Männer aus Dagersheim kämpften.Am 3. März 1871 wurde in Dagersheim ein Friedensfest mit einer Predigt zu Psalm 80, Vers 16–18 gefeiert, der unter anderem den Satz enthält: „Schütze doch, was deine Rechte gepflanzt hat, den Sohn, den du dir großgezogen hast!“ (Vers 16). Neben Dankesfesten am 6. August im ganzen Oberamt Böblingen für die lebendig Heimgekehrten wurde später eine Gedenktafel für die Veteranen des Deutsch-Französischen Krieges errichtet, vermutlich durch den zwischen 1874 und 1876 gegründeten „Kriegerverein“. Diese befindet sich heute auf dem Dachboden der evangelischen Kirche. Jakob Horrer, um den und dessen Urkunde es im Folgenden gehen soll, steht indes nicht darauf. Er zog nach dem Krieg nach Bonlanden und heiratete schon am 21. September 1871 seine von dort stammende Frau Katharine. Wahrscheinlich ist dies der Grund, wieso er nicht auf der Gedenktafel steht. Allerdings ist er in den „Amtlichen Verlustlisten“ neben dem auf der Gedenktafel genannten Friedrich Hagenlocher (2. Königlich Württembergisches Infanterieregiment) als Verwundeter des 2. Jägerbataillons in den Kampfhandlungen vom 30. November, 2. und 3. Dezember aufgeführt.
Der Inhalt der Urkunde und ihre symbolischen DarstellungenDas Schriftstück, um das es hier geht, beurkundet die Verleihung einer Kriegsgedenkmünze für den siegreichen Krieg gegen Frankreich an den Dagersheimer Jakob Horrer. Eine solche Gedenkmünze für Kämpfer wurde an alle verliehen, die an Gefechten im Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen hatten oder nach dem 2. März 1871 die Grenze zu Frankreich überschritten hatten.Schon oben auf der Urkunde steht auf einem Spruchband geschrieben: „Mit Gott für Kaiser, König und Vaterland!“ Über diesem Spruchband befindet sich in einem Lorbeerkranz das Monogramm des neuen Kaisers Wilhelm I. – ein stilisiertes „W“ und „R“ (für „Wilhelm[us] Rex“ – also König Wilhelm), das als Zeichen für die Kaiserwürde außerdem gekrönt ist. An diesem Spruchband befindet sich wiederum ein sog. Landwehrkreuz, das von König Friedrich Wilhelm III. 1813 zusammen mit der berühmten Auszeichnung des Eisernen Kreuzes gestiftet wurde. Der oben zitierte Ausruf war die Devise des Landwehrkreuzes, unter Friedrich Wilhelm noch ohne „Kaiser“. Sowohl hiermit als auch mit dem Eisernen Kreuz sollte eine gezielte Identifikation mit dem Nationalstaat geschaffen werden (Beim aufmerksamen Hinschauen erkennt man auf der Urkunde das aufgestempelte Siegel eines Landwehrbataillons). Das Nationalbewusstsein sollte in den „Befreiungskriegen“ unter anderem durch solche Maßnahmen gezielt gegen Napoleon eingesetzt werden.Mit diesen Kontinuitäten, auch gegen den „Erbfeind“ Frankreich, und der Verleihung der Gedenkmünze an alle „Combattanten“ sollte das neue Kaiserreich unter der Vorrangstellung Preußens legitimiert werden. Die Urkunde (aus Papier und nicht aus Pergament) liegt nicht ausschließlich handschriftlich vor, sondern wurde gedruckt. Sie konnte für die geehrte Person wie eine Art Formular ausgefüllt werden. Dies zeigt, dass solche Ehrungen gezielt in die Breite der Gesellschaft wirken sollten.Bevor die weiteren Symbole analysiert werden sollen, sei hier der konkrete Inhalt der Urkunde zitiert:
„Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs ist die von Allerhöchstdemselben von erbeuteter Kanonen-Bronze gestiftete Kriegs-Denkmünze für Combattanten dem Jäger Jakob Horrer von Dagersheim Böblingen des 2ten Königl[ich] Württembergischen Jägerbataillons in Anerkennung seiner pflichtgetreuen Theilnahme an dem siegreichen Feldzuge 1870–1871 von dem Unterzeichneten übergeben worden.“
Dass für die Herstellung der Gedenkmünzen eingeschmolzene Kanonen herangezogen wurden, war vermutlich nicht nur dem Materialbedarf geschuldet, sondern war ebenso eine Zurschaustellung des legitimitätsstiftenden militärischen Erfolges gegenüber Frankreich.Auch mit weiteren Symbolen arbeitet die Urkunde gezielt: Links und rechts vom Text befindet sich jeweils eine von Lorbeerkränzen umrahmte Siegessäule. Oben auf der linken Säule befindet sich das königlich-preußische Wappen: ein gekrönter Adler mit Zepter und Reichsapfel und dem Monogramm des ersten Königs in Preußen auf der Brust, Friedrich I. („F“ und „R“ für „Fridericus Rex“). Die andere Säule trägt wiederum das Wappen des neu entstandenen Deutschen Kaiserreiches: ein – dieses Mal mit der Kaiserkrone – gekrönter Adler mit Kreuz und Kette vom Schwarzen Adlerorden. Dieser enthält im Herzschild (also in der Mitte) den beschriebenen Preußenadler; allerdings mit dem Unterschied, dass er auf der Brust das Wappen der Hohenzollern enthält (ein von Silber und Schwarz gevierter Schild).Vor diesen Säulen stehen dementsprechend die Allegorien der „Borussia“ (lateinisch für Preußen) und der „Germania“ für das vereinigte Deutschland. Beide Frauenfiguren tragen mit dem Lorbeerkranz zudem Merkmale der „Victoria“, der Siegesgöttin. Vor ihnen sind Schilde aufgestellt, auf denen die Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges vermerkt sind, darunter die Belagerung von Straßburg mit ihrem verhängnisvollen Bombardement sowie die berühmte und entscheidende Schlacht von Sedan. Die beiden Frauenfiguren stehen auf französischen Kanonenrohren, ein Bezug zur Herstellung der Gedenkmünzen. Vor ihren Füßen liegen französische Flaggen – geschmückt mit dem französischen Fahnenadler („Aigle de drapeau“), den Napoleon Bonaparte eingeführt hatte. Auf ihn nahm wiederum Napoleon III., der von Preußen geschlagene Kaiser der Franzosen, ebenso wie mit dem auf den Flaggen erkennbaren „N“ Bezug. Die preußische Siegespropaganda griff dies sicherlich allzu gerne auf, war doch Friedrich Wilhelm III. von Preußen in den Napoleonischen Kriegen geradezu gedemütigt worden.Vor diesen Flaggen befinden sich mittig die Wappen des Elsass (in Gold ein mit drei Alérions [Adler] belegter roter Schrägbalken) und von Lothringen (in Rot ein silberner Schrägbalken mit einem Lilienmäander und drei Kronen beidseitig davon). Mit der Reichsgründung wurden sie zum „Reichsland Elsaß-Lothringen“ zusammengefasst, nachdem die Regionen in der Frühen Neuzeit vor allem nach dem Westfälischen Frieden und unter Ludwig XIV. an Frankreich gefallen waren. Ganz in der Mitte sind in einem Lorbeerkranz schließlich die Jahreszahlen des Deutsch-Französischen Krieges abgebildet: 1870 und 1871. FazitAllein in der Wappenauswahl steckt unglaublich viel Symbolik: Das Kaiserreich war zwar deutsch, aber die Federführung lag eindeutig bei Preußen, das seine historischen Traditionen betonte. Die hier dargestellten Kontinuitäten reichen bis in das 18. Jahrhundert mit dem ersten König in Preußen und vor allem zum Anfang des 19. Jahrhunderts mit den „Befreiungskriegen“ gegen die napoleonische Herrschaft zurück. Die Botschaft war klar: Die „Kleinstaaterei“, die Preußen sehr unliebsam war, wurde durch den Sieg gegen den „Erbfeind“ überwunden und mündete in ein preußisch dominiertes Deutsches Kaiserreich. Dahinter steckte ein gezieltes, von Preußen propagiertes Geschichtsbild; letztlich Geschichtspolitik und -propaganda. Dass solche Bilder in Dagersheim fruchteten, zeigt zum einen ein Gedicht anlässlich des Setzens einer Friedenslinde im Oberamt Böblingen, welches im März 1871 im Böblinger Boten (Nr. 19) abgedruckt wurde. In der elften und letzten Strophe heißt es dort:
„Und von diesen großen TagenMagst du predigen und sagenAuch dem kommenden Geschlecht,Daß der Erbfeind sei bezwungenUnd nach blut‘gem Strauß errungenDeutsches Reich und deutsches Recht!“
Zum anderen zeigt dies auch die Tatsache, dass jene Urkunde über die Verleihung einer Gedenkmünze über 150 Jahre aufbewahrt wurde – selbst wenn Jakob Horrer bei der Verleihung schon in Bonlanden gelebt hat. Im Stadtarchiv Böblingen wird sie der Nachwelt für die Ewigkeit bewahrt – als Mahnung zum Frieden durch die Erforschung unserer Geschichte.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Lucas Schmidt vom Stadtarchiv Filderstadt und Gerhard Berner vom Kirchengemeinderat Dagersheim für die Zusammenarbeit!



