Herzog Karl Alexander von Württemberg und die Böblinger Pirschgänge
In diesem EinBlick in die Stadtgeschichte geht Archivar Daniel Pfeifer aus dem Stadtarchiv Böblingen auf Spurensuche im Böblinger Forst. Er greift das überwältigende Interesse an den bisherigen Führungen, u.a. zum Tag des offenen Denkmals, auf, da die in Stein gebaute fürstliche Jagdanlage heute zum meist nicht zugänglichen Gelände der U.S. Army Garrison Stuttgart gehört: Als dreiteilige Fortsetzungsgeschichte im Amtsblatt, die hier zusammengeführt wird, beleuchtet er dieses außergewöhnliche Zeugnis Böblingens aus der Frühneuzeit.
Ein außergewöhnlicher HerzogZwei Dinge sind es, die Herzog Karl Alexander (reg. 1733–1737) nach Joachim Brüser – dem wichtigsten Forscher zu dieser Persönlichkeit – zu einer Besonderheit in der württembergischen Geschichte machen: Zum einen war er der erste katholische Herzog von Württemberg seit der Einführung der Reformation im Jahre 1534. Das war für ein eigentlich protestantisches Musterterritorium im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eine Besonderheit! Genau genommen sogar ein Anlass zur Sorge bei den bürgerlichen Führungsgruppen Württembergs, der sogenannten „Ehrbarkeit“. Zum anderen ist mit dem Herzog untrennbar die Person des Joseph Süß Oppenheimer verbunden, der nach dem Tod des Württembergers einem Justizmord zum Opfer fiel.Einer dritten Besonderheit Karl Alexanders, die sich im Böblinger Stadtwald verbirgt, soll sich der vorliegende Beitrag widmen: dem sogenannten Pirschgängen. Sie sind vor allem deswegen eine solche Seltenheit, weil vergleichbare Anlagen sonst nur zweimal im heutigen Deutschland erhalten bzw. belegbar sind – und das fernab von Böblingen: zum einen von den Herzögen von Sachsen-Gotha-Altenburg im Rieseneck im heutigen Thüringen, zum anderen am Kickelhahn bei Ilmenau im früheren Gebiet der Herzöge von Sachsen-Weimar, ebenfalls im heutigen Thüringen.
Gut versteckt auf leisen Sohlen anpirschenNun aber zu diesem Ort selbst – oder: Was sind eigentlich die Pirschgänge? Es handelt sich dabei um eine Jagdanlage, die 1737 im Auftrag von Herzog Karl Alexander durch den Böblinger Forstmeister Carl Magnus von Schauroth und den Forstknecht Johann Nikolaus Kraft errichtet wurde. Die Pirschgänge liegen im Osten von Böblingen auf dem heutigen Truppenübungsgelände der U.S. Army Garrison Stuttgart. Auf einer Fläche von über 25 Hektar sind die verschiedenen halb-unterirdischen Gänge mit einer Gesamtlänge von 635 Metern im Wald versteckt. Diese Gänge waren buchstäblich dafür da, sich an das Wild „heranzupirschen“. Sie erstreckten sich in alle Himmelsrichtungen, sodass man unbemerkt ganz nah an das Wild herankommen konnte. Das liegt nicht zuletzt an der Technik damaliger Gewehre, die bei größeren Entfernungen sehr unpräzise waren. Bei den Böblinger Pirschgängen handelt es sich um eine besondere Form der Ansitzjagd. An den Ein- und Ausgängen befanden sich wohl jeweils Schirmhäuser, also Unterstände, von denen aus auf das Wild geschossen wurde. Sie sind nicht mehr erhalten, eine noch heute erhaltene Rechnung aus dem 18. Jahrhundert belegt sie uns aber.Heute sind noch etwa 70 Meter davon vollständig erhalten und insgesamt 130 Meter grundsätzlich als Steinbau aus massiven Quadern erkennbar, vorwiegend im nördlichen Bereich. Die Licht- bzw. Luftöffnungen in den Gängen verführten die ältere Geschichtsschreibung dazu, sie als Schießscharten zu interpretieren. Das wäre jedoch mit dem Winkel nicht möglich gewesen und verfehlt den eigentlichen Zweck der Gänge selbst. Mit einem wachsamen Auge lassen sich noch weitere Spuren der Pirschgänge auf dieser Fläche nachvollziehen, etwa bei der Wuchsform von Wurzeln oder ganz subtilen Vertiefungen. Die meisten Steine von den heute nicht mehr erhaltenen Gängen wurden über die Zeit als Baumaterial verwendet und lassen sich vielleicht in dem ein oder anderen älteren Böblinger Haus noch finden.Der Ort für die Errichtung der Pirschgänge wurde sicherlich nicht zufällig gewählt. Sie befinden sich auf einem als „Plan“ bezeichneten bekannten Brunftplatz sowie Äsplatz (d. h. Futterplatz) für Hirsche. Umrahmt ist dieser Platz von kleinen Tälern und Bächen, Klingen genannt. Er bot somit optimale Voraussetzungen für das Wild – und natürlich für die Jagd.
Wer adlig ist, der zeigt das auch?Wozu der ganze Aufwand des württembergischen Herzogs für eine Jagdanlage aus Stein im Böblinger Wald, die wohl nicht zu den günstigsten Projekten während der Regentschaft Karl Alexanders gezählt haben dürfte? Die Gründe hierfür liegen in der Adelskultur der Vormoderne und vor allem in der des Absolutismus im 18. Jahrhundert. Adlig war man zwar durch die Geburt, man musste die Adligkeit allerdings immer wieder durch entsprechende adelsgemäße Handlungen vor allem in der Öffentlichkeit sichtbar bestätigen. Für einen Adligen des 18. Jahrhunderts wäre es undenkbar gewesen, gewöhnlicher Arbeit wie der Feldarbeit oder einem Handwerk nachzugehen. Wenig spiegelte die adlige Lebensweise deutlicher wider als die Jagd. Durch gemeinsame Jagden konnte man sich vernetzen und nicht selten waren sie mit höfischen Festen verbunden. Schließlich zeichneten sich hierbei auch Machtstellungen und die Nähe bzw. Ferne zum Herrscher symbolisch ab: Personen, die in der Gunst des Herrschers standen, waren in der Regel auch bei Jagden in dessen Nähe – während die Untertanen häufig von dem adligen Treiben belastet waren und Frondienste leisten mussten. Auch die sogenannte „hohe Jagd“ auf Rehe, Hirsche oder Wildschweine war ein Privileg des Landesherrn, das er ggfs. delegieren konnte. Die „niedere Jagd“ etwa von Füchsen, Hasen und kleineren Vögeln lag nicht allein in der Hand des Fürsten und konnte ebenfalls von den Ständen oder dem Niederadel ausgeübt werden. Der vornehmliche Zweck der fürstlichen Jagd bestand indes nicht in der Beschaffung von Nahrung – es wurde bei großen fürstlichen Jagden ohnehin mehr erlegt als benötigt wurde –, sondern diente insbesondere der Repräsentation. Für einen demokratisch sozialisierten heutigen Menschen sind solche Vorstellungen undenkbar: Schnell würden Begriffe wie Verschwendung oder Unrecht fallen sowie Fragen nach dem Tierwohl aufgeworfen werden. In der ständischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wurde die Müßigkeit des Adels vorausgesetzt – ebenso wie jene absolutistischen Spektakel zur Herrschaftslegitimation.
Ein Herzog, der eigentlich keiner werden sollteIn diese höfische und ständisch geprägte Welt mit allerlei Rollenerwartungen war die Persönlichkeit des Herzogs Karl Alexander von Württemberg eingebettet. Dabei war er ursprünglich gar nicht zur Herrschaft vorgesehen, sondern stammte vielmehr aus der Nebenlinie Württemberg-Winnental. Wie es für einen Sohn ohne Aussicht auf ein großes Erbe durchaus üblich war, suchte er nach einem Auskommen im kaiserlichen Heer. Hier erwarb er sich im Zeitalter der Erbfolgekriege und der sogenannten „Türkenkriege“ vor allem in den Schlachten von Cassano – wo er verwundet wurde –, Peterwardein, Temeswar und Belgrad große Verdienste. Der berühmte Prinz Eugen von Savoyen förderte ihn und übernahm die Rolle eines väterlichen Freundes. Flankierend hierzu wurde er zum Gouverneur der Festung Landau ernannt und nach den Kriegen schließlich 1720 zum Statthalter in Belgrad. Während dieser Dienste im kaiserlichen Heer konvertierte Karl Alexander 1712 schließlich zum Katholizismus. Die Konversion wurde in Württemberg – anders als am Wiener Hof – nicht gerade wohlwollend aufgefasst. Ein Katholik im evangelischen Württemberg!
Das Misstrauen schwindet nichtEs war erst der frühe Tod sowohl des einzigen Sohnes als auch des Enkels seines Vorgängers Eberhard Ludwig, der ihn zum Erben des Herzogtums Württemberg machte. Der Sorge des Landes ob eines katholischen Erbprinzen konnte man mit sogenannten Religionsreversalien, die von Karl Alexander unterschrieben wurden, entgegenwirken. Durch solche Verträge sollte der Protestantismus in Württemberg gesichert werden. Das Misstrauen ihm gegenüber konnte er indes nie gänzlich aus der Welt schaffen. So wurde er von der württembergischen „Ehrbarkeit“, der bürgerlichen Führungselite, entweder als Opfer einer Verschwörung der Jesuiten oder seines jüdischen Hoffaktors und Rates Joseph Süß Oppenheimer inszeniert. Dass Karl Alexander eine gänzlich andere Erziehung und Prägung als seine Vorgänger hatte, merkte man dessen Regierungsstil an – besonders deutlich an seinem militärischen Führungsstil am Hofe. Damit verbunden waren jedoch auch umfangreiche Reformvorhaben, nicht zuletzt zur Sanierung der desolaten Finanzlage des Herzogtums. Anders als es mancherorts dargestellt wird, war er eben kein Vertreter eines verschwenderischen Herrschertyps im Absolutismus, im Gegenteil: Er unterbrach den Bau des Schlosses Ludwigsburg und bezog das Alte Schloss in Stuttgart. Und auch die Pirschgänge konnte Karl Alexander nicht lange erleben. Im März 1737, also im Jahr ihrer Fertigstellung, starb er an einem Schlaganfall – bezeichnenderweise wohl durch eine alte Kriegswunde.
Die Frage nach dem „Warum“ – einige Überlegungen Es stellt sich abschließend die Frage, woher der frühneuzeitliche Herzog Karl Alexander von Württemberg seine Inspiration für den Bau der Pirschgänge im Böblinger Forst hatte. Zwei ähnliche Anlagen befanden sich wohl ansonsten nur in großer Entfernung im heutigen Thüringen. Inspirationen waren vielleicht Karl Alexanders Erfahrungen in den „Türkenkriegen“ und vor allem bei seiner Statthalterschaft in Belgrad, durch die er sich vielfach – auch später in Württemberg – mit Befestigungsanlagen beschäftigt hatte. Belegt ist jedenfalls, dass er ein begeisterter Jäger war. Hiervon zeugt darüber hinaus sein Interesse an Fasanerien, vor allem der 1736 in Dagersheim errichtete Fasanengarten. Eine Anlage wie die Pirschgänge verband daher zwei große Interessen von ihm: das Militärische sowie die Jagd selbst. Der Herzog von Württemberg war nicht der erste, der auf die Idee kam, Jagdanlagen errichten zu lassen. Die Anlage auf dem thüringischen Rieseneck wurde zum Beispiel vor derjenigen in Böblingen angelegt. Nähere Kontakte zu den Häusern Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Weimar, also den Erbauern der beiden dortigen Anlagen, sind nicht bekannt. Zudem waren die beiden Adelshäuser protestantisch und für Karl Alexander – selbst Katholik – waren eher enge Kontakte zu katholischen Adelshäusern prägend.
Exotisch soll es seinDas Errichten solcher Pirschgänge war wohl vom Anfang bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein – wenn auch etwas exotischer – Trend an den Höfen des Adels. Dies zeigt eine Anfrage von Friedrich Karl von Schönborn, Bischof von Würzburg und sehr enger Vertrauter Karl Alexanders. Er erbat 1736, also noch vor der Fertigstellung der Pirschgänge, Dienstleute aus Württemberg, die sich mit der Errichtung eines „Hirschplans“ auskennen. Dabei handelt es sich wohl um ein angedachtes Jagdgebiet. Auch wenn keine Einflüsse auf Karl Alexander direkt nachweisbar sind, so zeigt sich doch, dass man sich über eine solche Anlage grundsätzlich wohlwollend und angeregt austauschte. Bei diesen Überlegungen soll es diese kleine Darstellung bewenden lassen. Es zeigte sich jedoch, dass anhand dieses außergewöhnlichen Denkmals, das sich heute auf dem Truppenübungsplatz der US-Amerikaner im Böblinger Stadtwald befindet, eine spannende Epoche in der württembergischen Historie und nicht zuletzt die Geschichte der Jagd im 18. Jahrhundert ganz konkret (an)fassbar wird.






