Herzog Karl Alexander von Württemberg und die Böblinger Pirschgänge

In diesem EinBlick in die Stadtgeschichte geht Archivar Daniel Pfeifer aus dem Stadtarchiv Böblingen auf Spurensuche im Böblinger Forst. Er greift das überwältigende Interesse an den bisherigen Führungen, u.a. zum Tag des offenen Denkmals, auf, da die in Stein gebaute fürstliche Jagdanlage heute zum meist nicht zugänglichen Gelände der U.S. Army Garrison Stuttgart gehört: Als dreiteilige Fortsetzungsgeschichte im Amtsblatt, die hier zusammengeführt wird, beleuchtet er dieses außergewöhnliche Zeugnis Böblingens aus der Frühneuzeit.

Wer adlig ist, der zeigt das auch?Wozu der ganze Aufwand des württembergischen Herzogs für eine Jagdanlage aus Stein im Böblinger Wald, die wohl nicht zu den günstigsten Projekten während der Regentschaft Karl Alexanders gezählt haben dürfte? Die Gründe hierfür liegen in der Adelskultur der Vormoderne und vor allem in der des Absolutismus im 18. Jahrhundert. Adlig war man zwar durch die Geburt, man musste die Adligkeit allerdings immer wieder durch entsprechende adelsgemäße Handlungen vor allem in der Öffentlichkeit sichtbar bestätigen. Für einen Adligen des 18. Jahrhunderts wäre es undenkbar gewesen, gewöhnlicher Arbeit wie der Feldarbeit oder einem Handwerk nachzugehen. Wenig spiegelte die adlige Lebensweise deutlicher wider als die Jagd. Durch gemeinsame Jagden konnte man sich vernetzen und nicht selten waren sie mit höfischen Festen verbunden. Schließlich zeichneten sich hierbei auch Machtstellungen und die Nähe bzw. Ferne zum Herrscher symbolisch ab: Personen, die in der Gunst des Herrschers standen, waren in der Regel auch bei Jagden in dessen Nähe – während die Untertanen häufig von dem adligen Treiben belastet waren und Frondienste leisten mussten. Auch die sogenannte „hohe Jagd“ auf Rehe, Hirsche oder Wildschweine war ein Privileg des Landesherrn, das er ggfs. delegieren konnte. Die „niedere Jagd“ etwa von Füchsen, Hasen und kleineren Vögeln lag nicht allein in der Hand des Fürsten und konnte ebenfalls von den Ständen oder dem Niederadel ausgeübt werden. Der vornehmliche Zweck der fürstlichen Jagd bestand indes nicht in der Beschaffung von Nahrung – es wurde bei großen fürstlichen Jagden ohnehin mehr erlegt als benötigt wurde –, sondern diente insbesondere der Repräsentation. Für einen demokratisch sozialisierten heutigen Menschen sind solche Vorstellungen undenkbar: Schnell würden Begriffe wie Verschwendung oder Unrecht fallen sowie Fragen nach dem Tierwohl aufgeworfen werden. In der ständischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wurde die Müßigkeit des Adels vorausgesetzt – ebenso wie jene absolutistischen Spektakel zur Herrschaftslegitimation.

Das Misstrauen schwindet nichtEs war erst der frühe Tod sowohl des einzigen Sohnes als auch des Enkels seines Vorgängers Eberhard Ludwig, der ihn zum Erben des Herzogtums Württemberg machte. Der Sorge des Landes ob eines katholischen Erbprinzen konnte man mit sogenannten Religionsreversalien, die von Karl Alexander unterschrieben wurden, entgegenwirken. Durch solche Verträge sollte der Protestantismus in Württemberg gesichert werden. Das Misstrauen ihm gegenüber konnte er indes nie gänzlich aus der Welt schaffen. So wurde er von der württembergischen „Ehrbarkeit“, der bürgerlichen Führungselite, entweder als Opfer einer Verschwörung der Jesuiten oder seines jüdischen Hoffaktors und Rates Joseph Süß Oppenheimer inszeniert. Dass Karl Alexander eine gänzlich andere Erziehung und Prägung als seine Vorgänger hatte, merkte man dessen Regierungsstil an – besonders deutlich an seinem militärischen Führungsstil am Hofe. Damit verbunden waren jedoch auch umfangreiche Reformvorhaben, nicht zuletzt zur Sanierung der desolaten Finanzlage des Herzogtums. Anders als es mancherorts dargestellt wird, war er eben kein Vertreter eines verschwenderischen Herrschertyps im Absolutismus, im Gegenteil: Er unterbrach den Bau des Schlosses Ludwigsburg und bezog das Alte Schloss in Stuttgart. Und auch die Pirschgänge konnte Karl Alexander nicht lange erleben. Im März 1737, also im Jahr ihrer Fertigstellung, starb er an einem Schlaganfall – bezeichnenderweise wohl durch eine alte Kriegswunde.