Im Gedenken an die Opfer - Als Mahnung an die Zukunft
2023 jährt sich zum 80. Mal die Bombardierung Böblingens durch alliierte Luftstreitkräfte. Die Stadtgesellschaft Böblingens hat in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 großen menschlichen und materiellen Schaden zu beklagen. Weite Teile der Altstadt und mit ihr die Stadtkirche sowie das Böblinger Schloss liegen danach in Trümmern. Neben vielen Toten und noch mehr Verletzten verlieren zahlreiche Menschen ihr schützendes Dach über dem Kopf. Der von den Nationalsozialisten entfachte Zweite Weltkrieg hat somit auch für Böblingen gravierende Folgen.
Die Ausstellung zeigt archivierte Aufnahmen Böblingens vor und nach der Zerstörung.
Die Ausstellungstafeln im Foyer des Neuen Rathauses in Böblingen im Jahr 2023 (Bild: Stadt Böblingen).
Die Folgen des nationalsozialistischen Angriffskriegs
Perspektive über den Marktplatz Richtung Stadtkirche auf dem Schlossberg. Rechts am Bildrand ist das historische Rathaus zu sehen, das beim Luftangriff 1943 ebenfalls zerstört wird. Unter dem Dach befindet sich damals ein Teil des Stadtarchivs. Mittig steht der Marktbrunnen mit seiner Christophorus-Figur (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Das nationalsozialistische Deutschland beginnt 1939 den Zweiten Weltkrieg. In der Folge des Kriegsgeschehens kommt es zu Luftangriffen der Alliierten auch auf zivile Ziele in Deutschland. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 wird Böblingen von einem verheerenden Luftangriff britischer, australischer und kanadischer Bomber getroffen.
Eine Luftaufnahme aus der Mitte der 1920er Jahre mit Blick auf die Böblinger Altstadt von Süden her. Ganz links ist die Zehntscheuer oberhalb des Elbenplatzes zu sehen, mittig das historische Rathaus mit seinem Glockenturm. Links davon ist die Stadtkirche zu erkennen sowie der prächtige Seitenflügel des noch bestehenden Böblinger Schlosses. Dahinter befindet sich die katholische St. Bonifatius-Kirche. Rechts verläuft die breite Wegführung des Plattenbühls gen Postplatz, im Vordergrund sind die beiden Seen. Nach oben hinaus führt die heutige Sindelfinger Straße (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Zerstörung im Stadtbild ...
Perspektive über den Marktplatz auf die zerstörte Stadtkirche. Rechts liegen die Ruinen der später hier im nördlichen Teil des Marktplatzes nicht mehr wiederaufgebauten Gebäude, an denen sich der heute größere Marktplatz mit unterbauter Tiefgarage befindet (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Die Überlieferung zu den Kampfhandlungen sieht die Böblinger Altstadt nicht als das eigentliche Ziel des Luftangriffs in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943: Der Plan der britischen Luftwaffe habe ursprünglich vorgesehen Stuttgart anzugreifen. Die voran geschickten Flugzeuge (sogenannte "pathfinder") sollten in Stuttgart unter anderem durch Leuchtbomben die anvisierten Ziele markieren. Aufgrund des Nebels ging demzufolge jedoch die erste Markierung um 23:59 Uhr über den Böblinger Raum und erst die zweite über Stuttgart nieder. Der Hauptstrom der Lancaster-Kriegsflugzeuge warf daher wenige Minuten später seine todbringende Bombenfracht nicht nur über Stuttgart, sondern auch über Böblingen und den angrenzenden Raum ab - wo sich auch kriegswichtige Industrie am Militärflughafen befand sowie die Hindenburg- und Ludendorff-Panzerkasernen am Schönbuchrand.
Blick vom Aufgang der Stadtkirche über den in Schutt und Asche liegenden Marktplatz. Mittig liegen die Ruinen des 1830 erbauten und 1943 zerstörten alten Rathauses gegenüber dem Marktbrunnen. (Stadtarchiv Böblingen, Fotograf: Edmund Müller).
Eine Luftaufnahme vom März 1945. Das nationalsozialistische Regime ist noch an der Macht, sowohl in Berlin als auch in Böblingen. Bombentrichter und zerstörte Gebäude sind das aus der Luft gut zu erkennenden Ergebnis von weit über 20 Bombenangriffen zwischen 1943 und 1945. (Die fotografische Ansicht ist nicht nach Norden ausgerichtet: Unten im Bild befindet sich das Flughafengelände und die Bahnlinie, oberhalb die Hufeisenförmig angelegte, und großflächig zerstörte mittelalterliche Altstadt (BIld: Stadtarchiv Böblingen).
... und in zahlreichen Schicksalen der Menschen
Die Aufnahme zeigt die Böblinger Stadtsilhouette, damals auch „Partie über den See“ genannt. Im Wasser spiegeln sich von links nach rechts das historische Rathaus mit seinem Glockenturm, die markante Stadtkirche und der prächtige Seitenflügel des noch bestehenden Böblinger Schlosses. Mittig vor der Kirche befindet sich eines der ältesten, heute noch bestehenden Häuser Böblingens an der Poststraße (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Der Luftangriff in der Nacht vom 7. Oktober dauert etwa eine Stunde. Seine Folgen waren fürchterlich: Rund 60 Menschen sterben, rund 250 sind verletzt und etwa 1.700 Menschen werden obdachlos.
Vor allem die Altstadt südlich des Marktplatzes ist fast vollständig zerstört. 216 Wohnhäuser gelten als total zerstört, 103 als schwer beschädigt. Prägende Gebäude wie der damals noch existierende Südflügel des Schlosses, die Stadtkirche und das alte Rathaus liegen in Schutt und Asche.
Die Böblinger Stadtansicht über die Seen nach der Zerstörung 1943. Mittig die ausgebrannte Stadtkirche, links daneben die Ruine des Schlossflügels. Die weitgehende Zerstörung der Bebauung zwischen Poststraße, Pfarrgasse und Marktplatz offenbart vom Seeuferaus die dahinterliegende Häuserreihe mit dem historischen Vogtshaus und Oberamtei (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Die Stadt Böblingen ist im Herbst 1943, als sich das nationalsozialistische Deutschland bereits seit vier Jahren im Angriffskrieg mit den westlichen wie östlichen Nachbarländern befand, wenig vorbereitet auf den alliierten Luftangriff. Erst der Luftangriff selbst löst den Aufbau eines ganzen Systems von Luftschutzstollen in Böblingen aus. Unter den insgesamt neun Anlagen sind die größten der Luftschutzstollen unter dem Galgenberg mit 2.500 Plätzen (maximal 5.000) und der heute noch zugängliche unter dem Schlossberg mit 1.500 Plätzen (maximal 3.000). Sie erfüllen damals ihren Zweck und retten im weiteren Kriegsgeschehen zahlreiche Menschenleben.
Die Einfahrt in die Böblinger Marktstraße ist nach dem Bombenniedergang kaum wiederzuerkennen. Vor 1943 verdecken noch zahlreiche Fachwerkhäuschen mit ihren spitzen Giebeln den Blick auf die Stadtkirche auf dem Schlossberg... (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
... Nach dem Zweiten Weltkrieg passieren die Menschen die Trümmerhaufen entlang der Marktstraße, die zur Ruine der Stadtkirche führt (BIld: Stadtarchiv Böblingen).
Die Kriegszerstörung ist nicht auf die mittelalterliche Altstadt Böblingens beschränkt. Weite Teile der Stadt sind durch Bomben beschädigt, auch der Alte Friedhof, der sich damals noch am Stadtrand befand, übersteht den Zweiten Weltkrieg nicht ohne Schäden (Bild: Stadtarchiv Böblingen).
Der Luftangriff im Oktober 1943 sollte für Böblingen nicht der Letzte seiner Art sein. Insgesamt zählt die Stadt bis zum Kriegsende im Mai 1945 29 Luftangriffe der Alliierten mit insgesamt 136 Toten. Unter ihnen sind 20 Kinder und viele ausländische Arbeitskräfte (Zwangsarbeitende). Sie sterben in ihren Wohnungen, Unterkünften, auf dem Weg zur Arbeitsstelle oder in den Schutzraum - oder, weil sie keinen Schutzraum haben.
Der schwerste erneute Angriff geschieht schließlich am 19. Juli 1944. Der Tagesangriff auf den nördlichen und westlichen Teil der Stadt fordert 36 Menschenleben, 24 Menschen werden verwundet und nur 23 Verschüttete können gerettet werden.
Was bleibt?
Ein Blick auf den Chorraum der Stadtkirche, deren ältester, frühgotischer Turm bereits im Spätmittelalter, zwischen 1270 und 1275 gebaut worden war. Gut zu erkennen sind die hölzernen Emporen an den Seiten des Kirchenschiffs (BIld: Stadtarchiv Böblingen).
Der Bombenkrieg zerstört auch die Stadtkirche. Im Inneren liegt auch der Altar in Schutt und Asche, die vormals prächtigen Kirchenfenster sind gesprungen (Bild: Stadtarchiv).
Der Wiederaufbau der Stadtkirche erfolgt bereits 1948/1949, die (Wieder-)Einweihung feiert die Stadtgesellschaft 1950. Hier zu sehen ist der Blick von Südosten auf den Schlossberg, ein Bäumchen auf dem Dach der Kirche zeugt vom kürzlichen Richtfest. Der Kirchenschiff und der Kirchturm sind noch im Gerüst (BIld: Stadtarchiv Böblingen).
Der Wiederaufbau der Stadtkirche erfolgt bereits 1948/1949, die (Wieder-)Einweihung feiert die Stadtgesellschaft 1950. Hier zu sehen ist der Blick von Südosten auf den Schlossberg, ein Bäumchen auf dem Dach der Kirche zeugt vom kürzlichen Richtfest. Der Kirchenschiff und der Kirchturm sind noch im Gerüst (BIld: Stadtarchiv Böblingen).